TV-Kritik: Anne Will

Das haben wir alles dem Martin zu verdanken!

Von Michael Hanfeld
27.03.2017
, 04:11
Am Abend des Wahlsiegs der CDU im Saarland finden die Vertreter der Parteien bei Anne Will schnell zu sich: Fast jeder hat gewonnen, die Fehler liegen bei den anderen, für die Bundestagswahl ist nichts entschieden. Ist das der „Schulz-Effekt“?

Was wäre wenn? Was wäre, wenn die SPD im Saarland so stark geworden wäre, wie die Umfragen es glauben machten, und es für Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün gereicht hätte? Dann nähme der „Schulz-Zug“ endgültig Fahrt Richtung Kanzleramt auf, und es wäre nur noch die Rede von dem Stichwort, das einem schon zu den Ohren herauskommt: vom „Schulz-Faktor“, vom „Schulz-Effekt“. Zu dem Polit-Rausch findet der Kabarettist Dieter Nuhr in seinem aktuellen Programm die richtigen Worte: null Inhalt, hundert Prozent Zustimmung.

Doch was ist, da die CDU bei der Wahl im Saarland fünf Prozent hinzugewonnen und die SPD Stimmen verloren hat; die Grünen und die FDP unter fünf Prozent fallen, die AfD stagniert und es für Rot-Rot nicht reicht? „Es ist nur eine Landtagswahl“, sagt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer von der SPD in der Talkshow von Anne Will. Stimmt ja auch. Nur sollte man den psychologischen Effekt dieser Landtagswahl nicht unterschätzen: Die Union sieht, dass sie noch gewinnen kann. Die SPD muss erkennen, dass sie die Bundestagswahl noch nicht in der Tasche hat. Die anderen Parteien machen die Erfahrung, dass sie sehen dürfen, wo sie bleiben, wenn die beiden Volksparteien sich daran erinnern, wie man Wähler mobilisiert.

Dämpfer für SPD
CDU siegt überraschend klar im Saarland
© Reuters, afp

Ruft doch mal „Martin“!

Dass rhythmisches Klatschen nicht reicht, und ein Mister-Hundert-Prozent, der die Genossen auffordert, „Martin“ zu rufen und sich als halber Saarländer ausgibt, die Wähler unterschätzt, ist die erfreuliche Erkenntnis dieses Wahlabends. Der „Spiegel“-Journalist Markus Feldenkirchen liegt sicherlich richtig, wenn er meint, beim Stichwort „Schulz-Effekt“ handele es sich um eine „infantile Politik-Betrachtung und -bewertung“. Nur sollte man auch fragen, wer diese populistische Hohlform von Politik transportiert und stützt. Ohne Medienhype und Journalisten-Gestaune ginge das nämlich nicht. Und dass die Saarland-Wahl mit Blick auf den Bund so bedeutend beziehungsweise unbedeutend ist wie die „letzte Landratswahl in der Lausitz“, wie Feldenkirchen bei Anne Will meint, ist eine gewagte These. Den Effekt des Ein-Schulz-macht-noch-keinen-Sommer sollte man sich doch merken. Wobei die Vereinfachung kein Ende nimmt, hören wir doch bei ARD und ZDF fortwährend vom „AKK-Effekt“. Gemeint ist das Ansehen, das die amtierende und künftige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer genießt. Statt Schulz nun AKK.

Auf den Amtsträgerinnen-Bonus können sich bei Anne Will alle einigen, bieten ansonsten aber ein Bild, das wie ein Deja-vu oder wie aus der Zeit gefallen wirkt: Die AfD ist nicht da, die FDP nicht mehr vorhanden, CDU, SPD, Grüne und Linkspartei grenzen sich voneinander ab und können in der einen oder anderen Konstellation dann doch miteinander.

Rot-Rot ist ein „Schreckgespenst“

Sahra Wagenknecht entwirft das Bild eines durch und durch ungerechten Deutschland, mit dem Martin Schulz gerade baden gegangen ist, und meint trotzdem, die SPD könne ihr Heil in gar nichts anderem finden als in einer Koalition mit der Linken. Sie zeigt sich, wie nicht anders zu erwarten, als Putin-Freundin, hält die Nato für „ein Relikt aus dem Kalten Krieg“ und demonstriert - ewig weiter redend (wie auf der andere Seite Volker Kauder) -, die Misere des linken politischen Lagers: Mit dieser Partei ist auf Bundesebene kein Staat zu machen, sie steht für einen gefährlichen Wandel und mobilisiert konservative Wähler, die von Angela Merkel eigentlich genug haben, dann doch der CDU ihre Stimme zu geben. Rot-Rot, das sagt nicht nur der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn bei der Präsentation der Wahldaten, ist ein „Schreckgespenst“.

Katrin Göring-Eckardt ist an diesem Abend ob des miserablen Ergebnisses der Grünen zunächst etwas kleinlaut, hält dann aber, wie alle anderen, eine Wahlkampfrede für die Bundestagswahl: Martin Schulz lasse die Existenzfrage der Ökologie außer acht, meint sie. Sie redet gegen „Aufrüstung“, für eine offene und gerechte Gesellschaft, in der Hautfarbe keine Rolle spielt; für eine Familienpolitik, die in Syrien beginnt (gemeint ist ein weiterer Flüchtlingszuzug) und – Lieblingsstichwort der Grünen – sie tritt für eine Politik mit „Haltung“ ein, die Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage eben nicht bewiesen habe.

„Es stimmt nicht, dass Martin Schulz für nichts steht“

Haltung nahm bis dato auch Malu Dreyer für sich in Anspruch, muss sich nun aber zunächst einmal dagegen verwahren, dass Martin Schulz „für nichts steht“, schließlich habe er sein Programm doch gerade konkretisiert. Es folgen die Ausführungen zu einer „gerechten“ Politik inklusive Begrenzung der Spitzengehälter von Managern, kostenloser Bildung für alle, besseren Renten, besseren Arbeitsverträgen und so weiter und so fort.



Wenn Volker Kauder, der Chef der Unionsfraktion im Bundestag, das Wort ergreift – er tut es ebenso ausdauernd wie Sahra Wagenknecht -, hat man endgültig den Eindruck, es habe zwar gerade eine Landtagswahl gegeben, die eben noch alle als Vorzeichen für das große Beben im Bund nehmen wollten, doch sei jetzt schon wieder alles beim Alten und die Union obenauf. Die große Koalition hat gute Arbeit gemacht und wird das bis zum letzten Tag vor dem Wahlkampf weiter tun. Die SPD berausche sich an sich selbst, doch sei es unanständig, das Land schlecht zu reden und am Ende - „werden wir dem Land eine gute Regierung stellen.“ Die nächste große Koalition lässt grüßen, mochte man da denken, so wie Malu Dreyer und Volker Kauder nebeneinander sitzen – wie ein altes Paar, das irgendwie miteinander auskommt.

Erstaunlich ist, was an einem solchen Abend alles nicht zur Sprache kommt. Sicherheits- und Innenpolitik zum Beispiel. Gerade erst wird publik, dass das Landeskriminalamt von Nordrhein-Westfalen das Innenministerium frühzeitig dringend vor dem potentiellen Terroristen Anis Amri warnte und zur Abschiebung des Mannes riet, der den Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin verübte. Im Russland regt sich die Opposition gegen Wladimir Putin so kraftvoll wie seit langem nicht. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht fleißig weiter mit seinen Nazi-Vergleichen und hat zwischenzeitlich unverhohlen gedroht, in Europa werde niemand seines Lebens mehr sicher sein. Für Europa gehen in Deutschland jetzt zwar in einigen Städten ein paar Demonstranten auf die Straße, doch um welches Europa es dabei geht und was das mit der EU zu tun hat, die weiter vor sich hin zerbröselt, weiß man nicht.

„Annegret, Annegret“ rufen sie

In der Talkshow von Anne Will jedoch geht es vornehmlich oder fast nur um ein ach so ungerechtes oder doch gerechtes Deutschland, das sich – zumindest was die parteipolitischen Repräsentanten angeht – immer noch genug ist und im kleinen Karo Machtoptionen sondiert. Das ist schon etwas gespenstisch. Ist das vielleicht der wahre „Schulz-Effekt“?

Spannend jedenfalls ist, wie wenig die Umfragen vor der Wahl in entscheidenden Punkten mit dem Ergebnis zu tun haben. Aus einem vermeintlichen Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD wird ein Stimmenunterschied von mehr als zehn Prozent, aus einer angeblich klaren Führung für Rot-Rot fast die absolute Mehrheit für Schwarz. Für Vorab-Bescheidwisser brechen harte Zeiten an, und die Instant-Erklärer, die im Nachhinein erklären können, dass es so und nicht anders kommen konnte, haben ausgesorgt.

So hat der „Schulz-Effekt“, wie wir gerade merken, doch sein Gutes. Wir leben in einem vielleicht nicht ganz so ungerechten Land, wie der SPD-Kandidat meint, aber in einem, das wirkt wie ein Loriot-Sketch: Die einen sollen „Martin, Martin“ rufen, die anderen rufen ohne Aufforderung „Annegret, Annegret“. Und am Ende regiert die große Koalition.

Quelle: FAZ.NET
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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