Zahlen und Daten

Wie die CDU im Endspurt noch gewinnen konnte

Von Timo Steppat
27.03.2017
, 07:06
Wieso das Ergebnis für die SPD keine Klatsche war, wie sehr AfD-Anhänger mit der eigenen Partei hadern – und wie die CDU von der Angst vor Rot-Rot bei älteren Wählern profitieren konnte. Die Wahlanalyse.

Der Sieg von Annegret Kramp-Karrenbauer kam auf den letzten Metern. Nachdem die SPD vor ein paar Monaten im Saarland noch deutlich abgeschlagen schien, lag sie in einer Umfrage von Infratest vom 15. März nahezu gleichauf mit der CDU. Knapp zwei Wochen vor der Wahl trennte beide Parteien nur ein Prozentpunkt. Bei den Sozialdemokraten beflügelte das Träume, bei der CDU wuchs die Panik.

In den Tagen darauf gewann die CDU mit Spitzenkandidatin Kramp-Karrenbauer in den Umfragen von Forschungsgruppe Wahlen und Insa leicht hinzu. Drei Tage vor der Wahl trennten SPD und CDU immerhin fünf Prozentpunkte. Laut vorläufigem Endergebnis landet die CDU nun bei 40,7 Prozent der Wählerstimmen, die SPD bei 29,6. Elf Prozentpunkte liegen zwischen den Parteien.



In den zwei Wochen vor der Wahl ist viel passiert. Das zeigte sich auch darin, dass die Demoskopen wenige Tage vor der Wahl eine Zunahme der unentschlossenen Wähler feststellten. Manche, die sich vorher fest auf eine Partei festgelegt hatten, wollten also vielleicht doch anders stimmen.

Die Diskussionen über ein rot-rotes Bündnis nahmen in dieser Zeit Fahrt auf, es schien neben der großen Koalition eine realistische Option für die SPD zu sein. Die Christlichen Demokraten nutzten das für sich: Nur wer für sie stimme, könne Rot-Rot verhindern – und erreichen, dass Kramp-Karrenbauer Ministerpräsidentin bleibt. Der CDU-Wahlkampf war von Anfang an komplett auf sie ausgerichtet.


Und Kramp-Karrenbauer ist beliebt. Das zeigen verschiedene Zahlen. 98 Prozent der CDU-Wähler finden, dass sie gute Arbeit geleistet hat, 75 Prozent der SPD-Wähler und immerhin noch 65 Prozent der AfD-Anhänger. Für knapp die Hälfte der Menschen, die für die CDU gestimmt haben, war die Ministerpräsidentin ein wichtiger Grund. Drei Viertel der Saarländer sind laut Infratest mit ihrer Arbeit zufrieden, 52 Prozent hätten sie direkt gewählt.


Gleichzeitig verzeichnet die Koalition aus CDU und SPD eine hohe Zustimmung, 58 Prozent wünschen sich eine Fortsetzung. Ein Bündnis aus SPD und Linkspartei befürworten dagegen nur 33 Prozent (Infratest), 55 Prozent lehnten das Bündnis ab (Forschungsgruppe) und ähnlich viele sprachen sich grundsätzlich gegen eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei aus. Auch wenn Kramp-Karrenbauer also keine ernsthafte Machtoption abseits der eher zweckmäßigen großen Koalition hatte, konnte sie das „Weiter so“ doch für sich nutzen. Ein entscheidender Wert dürfte sein, dass die CDU stärker als alle anderen Parteien unter den Kurzentschlossenen punkten konnte (35 Prozent/Infratest).



Am Sonntagabend wollten Politiker verschiedener Parteien im Wahlergebnis kein Signal für Berlin erkennen. Das Saarland habe nur über das Saarland abgestimmt. In den Werten der CDU spiegelt sich das zum Teil wider: Der Erfolg der Partei hat vor allem mit der Ministerpräsidentin zu tun. 26 Prozent der Wähler glauben, dass Angela Merkel der CDU eher schadet, 63 Prozent denken, Angela Merkel hätte ihre besten Zeiten hinter sich. 84 Prozent der CDU-Wähler wünschen sich ein schärferes Auftreten Merkels gegenüber dem türkischen Präsidenten Erdogan. Genau an diesem Punkt hat sich Kramp-Karrenbauer emanzipiert: Ein paar Tage vor der Wahl sprach sie ohne einen konkreten Anlass ein Auftrittsverbot für türkische Politiker im Saarland aus. Möglicherweise hat ihr die symbolische Geste genutzt.

Dämpfer für SPD
CDU siegt überraschend klar im Saarland
© Reuters, afp

Keine Klatsche für die SPD

Ob es für die SPD nun Sieg oder Niederlage war, ist eine Frage der Perspektive. Die Partei hat im Vergleich zur Wahl 2012 einen Prozentpunkt verloren, verglichen mit den Umfragen vor zweieinhalb Monaten verzeichnet sie aber ein deutliches Plus von fast sechs Prozentpunkten. Auch die Zustimmungswerte der SPD sind solide. Die außerhalb des Saarlands wenig bekannte Spitzenkandidatin Anke Rehlinger kommt bei der Frage nach der Direktwahl auf immerhin 38 Prozent im Vergleich zur Amtsinhaberin Kramp-Karrenbauer (52 Prozent/Forschungsgruppe). Rehlingers Wert ist in den zurückliegenden zwei Jahren kontinuierlich gestiegen und hat sich fast verdreifacht.

Die SPD verzeichnet auch im Themenfeld Bildung und Schule, dem die Saarländer die größte Bedeutung beimessen, hohe Kompetenzwerte. 68 Prozent der SPD-Anhänger sind auch zufrieden mit Rehlingers politischer Arbeit und knapp ein Drittel hat die Partei wegen ihr gewählt. Was die Kompetenzwerte in wichtigen Themenfeldern wie Wirtschaft und Arbeit betrifft, sind beide Parteien nah beieinander. Entscheidender dürften zwei Bereiche sein, in denen Kramp-Karrenbauer deutlich vor Rehlinger liegt: Die Ministerpräsidentin erreicht fast doppelt so hohe Werte bei Kompetenz und Führungsstärke. Spricht man von einem Duell der beiden Frauen, schneidet Rehlinger insgesamt nicht viel schlechter ab. Es gab im Saarland keine Wechselstimmung; eine Mehrheit wollte, dass Kramp-Karrenbauer Landesmutter bleibt. Die SPD hat auch, aber nur in beschränktem Maße, vom Schulz-Effekt profitiert. Ein Drittel der Wähler hätte nicht für die Partei gestimmt, wenn Schulz nicht wäre, zu diesem Ergebnis kommt Infratest Dimap.

Frauen wählen Kramp-Karrenbauer

Frauen wählten eher die CDU mit ihrer Spitzenkandidatin Kramp-Karrenbauer (44 Prozent), bei Männern landete die Partei nur bei 39 Prozent. Bei Männern fallen die Ergebnisse der Linkspartei (14 Prozent zu 12 Prozent unter Frauen) und der AfD (8 Prozent zu 4 Prozent) deutlich höher aus.


Die Alten waren Grundlage für den CDU-Sieg

Unter den Wählern über 60 Jahre stimmte jeder zweite für die Christlichen Demokraten. In dieser Gruppe fällt der Anteil der AfD-Wähler besonders niedrig aus (3 Prozent, Forschungsgruppe). Die rechtspopulistische Partei kommt unter den 30 bis 44-Jährigen, jenen also, die mitten im Leben stehen, auf 9 Prozent. Bei den Arbeitern erzielte die AfD die höchsten Werte (9 Prozent). Unter Arbeitslosen konnte vor allem die Linkspartei punkten (32 Prozent).



Regionale Unterschiede zeigen sich im kleinen Saarland nur in geringem Maße. In Saarbrücken erzielte vor allem die Linkspartei ein deutlich besseres Ergebnis; Spitzenkandidat Lafontaine war hier Bürgermeister und hat das Bundesland von hier aus regiert. Im Norden dagegen, in Städten wie St. Wendel, konnte die CDU ihr Ergebnis noch deutlich aufbessern.

Wo bleibt die AfD?

Die AfD hat mit sechs Prozent nur relativ knapp den Sprung in den Landtag geschafft. Stimmen gewann sie – in überschaubarem Umfang – von fast allen Parteien: 4000 von der CDU, 3000 von der SPD und 4000 von der Linkspartei. 8000 ehemalige Nichtwähler stimmen für die AfD.

Wie sehr auch die AfD-Wähler mit ihrer Partei gerungen haben, zeigt sich in den verschiedenen Aussagen über die Partei. Die AfD-Wähler sind überzeugt, dass der Zuzug begrenzt werden sollte (100 Prozent), dass zu wenig gegen das Unsicherheitsgefühl der Menschen getan wird (100 Prozent) und dass der Einfluss des Islam begrenzt werden muss (97 Prozent, Infratest). Dagegen finden 53 Prozent der eigenen Anhänger, dass die AfD sich nicht deutlich genug von rechtsextremen Positionen distanziert und zu zerstritten ist, um Politik mitzugestalten zu können. Man könnte fast meinen, dass manche die AfD gewählt hätten, obwohl sie im Saarland für einen ungewöhnlichen Kurs steht. Der Bundesvorstand hatte versucht, die Führung des Landesverbandes auszutauschen; ihm wurde eine Nähe zur NPD nachgewiesen.

Im Wahlkampf konnte die AfD nicht mit Themen verfangen. Die Zufriedenheit mit der Ministerpräsidentin ist groß, die Bundespolitik verläuft in relativ ruhigen Bahnen und die Flüchtlingskrise scheint nicht mehr akut zu sein. Unter den drängenden Problemen im öffentlichen Bewusstsein sind Flüchtlinge und innere Sicherheit, die für die AfD als entscheidend gelten, weit nach hinten gerutscht. Überdies halten 40 Prozent der Befragten die CDU für kompetent in diesem Themenfeld. Saarlands CDU-Innenminister Klaus de Bouillon hat zum einen früh Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin geäußert, zum anderen steht er für eine schnelle und effiziente Unterbringung der Menschen. Ein großer Anteil derer, die AfD gewählt haben, taten das nicht aus Überzeugung, sondern aus Enttäuschung (71 Prozent, Forschungsgruppe).

Wählerwanderung im Saarland

So viele Wähler haben unterm Strich die Partei gewechselt (Stand: 26. März 2017 - 21:00 Uhr)
2012
2017
Quelle: infratest dimap

Wer profitierte von wem?

Die Grünen verlieren an CDU, SPD und Linkspartei. Die SPD verliert immerhin 8000 Stimmen an die CDU. Ein entscheidender Grund für Kramp-Karrenbauers deutlichen Sieg dürfte sein, dass ihre Partei in hohem Maße (30.000) Nichtwähler mobilisieren konnte. Ein entscheidender Grund für die CDU-Wähler dürfte gewesen sein, Rot-Rot verhindern zu wollen. Diese Erkenntnis dürfte auch für die christdemokratischen Wahlkämpfer im Westen und Norden interessant sein: Eine drohende linke Regierungsbeteiligung treibt das konservative Milieu an die Urnen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Steppat, Timo
Timo Steppat
Redakteur in der Politik.
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