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Anschlag auf Londoner Moschee

Ein Land in Trauer

Von Jochen Buchsteiner, London
 - 20:47
Im Gebet: Muslime nach dem Anschlag in der Nähe der Finsbury-Moschee in Londonzur Bildergalerie

Am Morgen nach dem Anschlag hielten die Londoner eine Schweigeminute ab, aber sie galt nicht den Menschen, die in der Nacht vor der Finsbury-Moschee getötet oder verletzt wurden, sondern den Opfern des Hochhausfeuers in Kensington vom vergangenen Mittwoch. London kommt nicht mehr hinterher. Gerade erst hatte Königin Elisabeth II. von einer „Abfolge schrecklicher Tragödien“ gesprochen und bemerkt, dass derzeit „einer sehr düsteren nationalen Stimmung nicht zu entkommen sei“. Das war am Wochenende. Am Montagmorgen wachten die Briten auf und waren Zeugen der nächsten Schreckensmeldung.

Diesmal traf es Muslime, die nach Mitternacht die Moschee in Finsbury Park verlassen und in einer der raren lauen Sommernächte, die die Hauptstadt zu bieten hat, zusammengesessen hatten. Zwanzig Minuten nach Mitternacht nahm ein weißer Lieferwagen Kurs auf die Gläubigen und fuhr mitten in die Menge. Zehn Menschen wurden von ihm erfasst. Ein Mann kam zu Tode, acht zum Teil schwer Verletzte werden in Krankenhäusern behandelt. Einigen Gläubigen gelang es, den Fahrer zu überwältigen. Sie hielten ihn am Boden fest, und es war offenbar dem Eingreifen des Imams zu verdanken, dass sie ihre Wut zügelten und auf das Eintreffen der Polizei warteten.

London
Transporter rast in Menschenmenge
© dpa, afp

Noch ist nicht viel bekannt über den Täter. Premierministerin Theresa May beschrieb ihn nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts als „einen weißen Mann von 48 Jahren“. Später wurde sein Alter auf 47 korrigiert. Laut „Guardian“ soll der Mann Darren Osborne heißen und in Cardiff wohnen. Wie aus Sicherheitskreisen verlautete, gilt er nicht als Mitglied der rechtsradikalen Szene, handelte alleine und soll unter psychischen Problemen gelitten haben. Augenzeugen berichteten am Montag, er habe sich in der Nacht derselben Pseudo-Märtyrer-Sprache bedient wie so viele islamistische Terroristen vor ihm. „Tötet mich, tötet mich“, soll er die Männer angefleht haben, die ihn am Boden fixierten. Und einer der Zeugen will den Satz gehört haben: „Ich will alle Muslime töten – meinen Teil habe ich getan.“

Mays Rede nach dem Anschlag war fast ein Déjà-vu

Der Mann hatte zweifellos Vorbilder. Es ist erst zwei Wochen her, dass drei Islamisten in eine Menschenmenge auf der London Bridge gefahren sind und danach auf Gäste in Bars und Restaurants eingestochen haben; elf Menschen starben, darunter die drei Angreifer. Im März hatte ein anderer Islamist ein Fahrzeug in Passanten auf der Westminster-Brücke gesteuert, bevor er einen Polizisten erstach; damals wurden sechs Todesopfer gezählt, unter ihnen der Attentäter. Dazwischen lag der Bombenanschlag auf die Manchester-Arena, bei dem ein Selbstmordattentäter 22 Menschen mit sich in den Tod riss.

Als Theresa May zur Mittagszeit aus ihrem Amtssitz kam und an das kleine Rednerpult auf der Downing Street trat, war dies fast ein Déjà-vu. Wieder verurteilte sie einen „Terroranschlag“ und sprach von einem „kranken Versuch, unsere Gesellschaft zu spalten“, der keinen Erfolg haben werde. Man habe es mit einem Anschlag zu tun, der auf alle Bürger ziele, sagte sie. Einmal mehr zählte sie die Werte auf, die London und das Königreich ausmachten, und erklärte sie für unbesiegbar. Vor zwei Wochen hatte sie noch beklagt, dass es in Britannien „viel zu viel Toleranz gegenüber dem Extremismus gebe“, und in diesem Zusammenhang „safe places“, sichere Orte, erwähnt, darunter die Parallelgesellschaften im Land. Wie passte diese Analyse zu einem Anschlag auf Muslime? May interpretierte sich selbst: Als sie von zu viel Toleranz gegenüber dem Extremismus gesprochen habe, habe sie „jeden Extremismus“ gemeint – „einschließlich Islamophobie“.

Die Moschee im Stadtteil Finsbury Park gehört zu den bekanntesten in London. In den Jahren nach ihrer Eröffnung – Kronprinz Charles persönlich gab sie 1994 frei – entwickelte sich die Moschee zu einem Treffpunkt radikaler Muslime. Zahlreiche Dschihadisten gingen ein und aus – laut amerikanischer Gerichtsdokumente wurden mindestens 35 Guantánamo-Insassen in der Finsbury-Park-Moschee radikalisiert. Die britische Zeitung „The Guardian“ berichtete 2002 sogar von Waffenübungen in dem Gebäude. Zum Gesicht des Gotteshauses wurde der Imam Abu Hamza al Masri, der sein Amt vor allem als Hassprediger versah. Nach einer Razzia schloss die Polizei das Gotteshaus im Jahr 2003. Abu Hamza wurde verurteilt und später der amerikanischen Justiz überstellt, wo ihn ein Gericht wegen Unterstützung des Terrorismus zu lebenslanger Haft verurteilte.

Muslimische Gemeinde zeigte sich wütend und beunruhigt

Unter einer neuen Führung wurde die Moschee 2005 wiedereröffnet. Extremisten suchten sich nun andere Häfen in London, auch weil die Moschee in Finsbury Park von den britischen Sicherheitsbehörden infiltriert wurde. In den vergangenen Jahren tauchte das Gebetshaus seltener in den Schlagzeilen auf. Zusammen mit dem nahegelegenen „Muslim Welfare House“ gehört es zu den großen islamischen Zentren in der Hauptstadt und wird während des Ramadans, der sich gerade dem Ende zuneigt, besonders stark besucht. Bevor der Lieferwagen in die Menge raste, hatten sich die Gläubigen gerade zum Fastenbrechen auf einem Platz zwischen den beiden Gebäuden versammelt und sich dort um einen offenbar gebrechlichen Mann gekümmert, der kurz zuvor kollabiert war.

Extremismus
May nennt Anschlag auf Moschee-Besucher „widerlich“
© EPA, reuters

Die muslimische Gemeinde in Finsbury Park zeigte sich am Montag wütend und beunruhigt. „Wir leben hier in Angst“, sagte ein Mann. „Ich kann nicht mehr in die Moschee gehen, ohne ängstlich über die Schulter zu blicken.“ Der „Britische Muslimrat“ warf den Behörden, aber auch der Gesellschaft vor, zu wenig gegen grassierende Islamophobie zu tun. „Über den Anstieg von Hassverbrechen gegen Muslime wird zu wenig berichtet – er wird nicht verstanden und nicht angegangen“, klagte Miqdaad Versi vom Muslimrat. Vor allem nach den Terroranschlägen der jüngsten Zeit sei Islamophobie salonfähig geworden, klagte Versi und zitierte Zeitungskommentare, die einen Zusammenhang zwischen den Terroranschlägen und der islamischen Religion herstellen. „Wir Muslime lassen uns nicht als Bürger zweiter Klasse behandeln“, sagte Versi.

Zumindest die Vorkommnisse der Nacht wurden nicht als Ereignis zweiter Klasse behandelt. Innerhalb von acht Minuten sprach die Polizei von einem „Terroranschlag“. Wie bei den Anschlägen vorher wurde der Tatort weiträumig abgesperrt und den Forensikern das Feld überlassen. Die großen Fernsehanstalten hatten ihre Reporter in Mannschaftsstärke ausrücken lassen und berichteten bis in den späten Montag hinein ohne Unterbrechung vom Tatort. Manche Politiker suchten die Moschee noch vor dem Morgengrauen auf, allen voran Jeremy Corbyn, der Labour-Chef, der hier, im Norden Londons, seinen Wahlkreis hat.

Mays Appell zum Zusammenhalt stieß nicht überall auf offene Ohren

Er zeigte sich „erschüttert“ und „bestürzt“. Ähnliche Worte fand Sadiq Khan, Londons Bürgermeister. Sajid Jarvis, seit kurzem als „Communities Secretary“ für das Zusammenleben der Glaubensgemeinschaften zuständig, verschaffte sich derweil einen ersten Eindruck für das Kabinett. Er kündigte eine erhöhte Polizeipräsenz vor den Moscheen der Hauptstadt an, und nannte es als vordringliches Ziel der Regierung, die muslimische Gemeinschaft zu beruhigen. Am frühen Nachmittag fand sich auch die Premierministerin ein.

Ihr Appell, sich auch durch diesen Anschlag als Gesellschaft „nicht auseinanderbrechen“ zu lassen, stieß dabei nicht bei allen auf offene Ohren. „Das musste früher oder später passieren“, sagte Massoud Shadjareh, Vorsitzender der „Islamischen Menschenrechtskommission“ in London. Er warf Politikern in Westminster und der britischen Öffentlichkeit vor, Muslime „dämonisiert“ und so eine „Umgebung des Hasses“ geschaffen zu haben. „Wann immer etwas auf der Welt passiert ist, wurde mit dem Finger auf uns Muslime gezeigt“, sagte er.

Dann sprach Shadjareh nicht nur von „Hass-Predigern“, die das Klima im Königreich vergifteten – er nannte sie beim Namen: Douglas Murray, ein bekannter konservativer Publizist, war darunter und Maajid Nawaz, Liberaldemokrat und Direktor der „Quilliam Foundation“, einer angesehenen Stiftung, die sich gegen den islamischen Extremismus engagiert. „Das muss aufhören“, sagte Shadjareh und fügte hinzu: „Genug ist genug.“

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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