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Johnson vs. Corbyn

Der Brexit reißt keinen vom Hocker

Von Oliver Kühn, London
Aktualisiert am 07.12.2019
 - 11:28
Umfragen zufolge ging Boris Johnson (r.) bei dem TV-Duell gegen Jeremy Corbyn als Sieger hervorzur Bildergalerie
Lebhaft ist anders: Beim letzten TV-Duell zwischen Boris Johnson und Jeremy Corbyn drohen manche Zuschauer einzuschlafen – und die Lager bleiben gespalten. Beobachtungen aus einem Londoner Kino.

Die Sofas sind bequem – zu bequem. Denn während Jeremy Corbyn und Boris Johnson einander vorne auf der großen Leinwand beharken, drohen die Zuschauer im Saal vor lauter Gemütlichkeit fast einzuschlafen. Rund 20 Personen sind an diesem Freitagabend in das Sands Filmstudio im Londoner Stadtteil Rotherhithe gekommen, um vor der Parlamentswahl in Großbritannien das letzte TV-Duell zwischen Boris Johnson und Jeremy Corbyn zu verfolgen – und unter Gleichgesinnten zu sein. Viele im Saal stehen hinter Labour; der Gastgeber und Betreiber des Filmstudios ist zugleich Vorsitzender der lokalen Labour Party.

Doch von einer lebhaften Debatte ist nicht viel zu spüren – nicht auf der Leinwand und erst recht nicht im Saal. Zwischenrufe gibt es keine, nur ab und an ein zustimmendes Murmeln. Die heftigste Reaktion kommt noch, als die Moderatoren Johnson und Corbyn zu ihrer Einstellung zu Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit befragen. Der Premierminister versucht Vorwürfe, er unterstütze Kandidaten, die sich in der Vergangenheit rassistisch geäußert haben, mit dem Hinweis abzubügeln, solche Parteimitglieder würden sofort aus der Partei geschmissen, zumindest aber genau unter die Lupe genommen. Dann geht er zum Gegenangriff über: Es sei ein Fehler von Corbyn, sich nicht vor die Juden zu stellen, denn gerade bei Labour gebe es Antisemitismus. In diesem Augenblick bricht es im Dunkeln des Kinosaals gepresst aus einem der Zuschauer heraus: „Abstoßender Heuchler!“

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Wenige Tage vor der Wahl
Johnson schlägt Corbyn bei letztem TV-Duell

Doch das war es dann auch schon an Gefühlsausbrüchen. Schon vor Ende der Diskussion fangen die ersten an zu gähnen und unterhalten sich mit ihren Partner leise darüber, wann das Duell endlich vorbei sei. Die meisten Zuschauer verlassen das Kino nach dem Ende der Debatte denn auch zügig. Ian Davis bleibt jedoch noch in seinem Sofa versunken sitzen. „Corbyn war gar nicht schlecht“, sagt der 62 Jahre alte Londoner. Sein Urteil: Johnson setze mehr auf seine Fähigkeit, die Menschen zu unterhalten, während Corbyn wesentlich ruhiger, vernünftiger und präsidentieller wirke. Einen eindeutigen Gewinner kann Davis jedoch nicht ausmachen.

Mit dieser Einschätzung liegt Davis auf einer Welle mit den restlichen Briten: In einer YouGov-Umfrage kurz nach der Debatte fanden 52 Prozent der Befragten Johnson stärker, 48 Prozent votierten für Corbyn. Das Institut selbst wies aber darauf hin, dass das Ergebnis innerhalb der Fehlertoleranz liege, also eher von einem Unentschieden auszugehen sei. Das gleiche Ergebnis gab es schon bei der letzten Debatte vor rund zwei Wochen.

Zufälligerweise entsprechen diese Zahlen aber jenen, die Jeremy Corbyn auch in der Debatte immer wieder nutzt. Er wolle lieber der Premierminister aller Briten sein als lediglich 48 oder 52 Prozent zu repräsentieren, sagt er. Damit greift er das Ergebnis des Brexit-Referendums von 2016 auf, das das Königreich in „Brexiteers“ und „Remainer“ gespalten hat. Corbyn versucht im Wahlkampf immer wieder, andere Themen in den Vordergrund zu stellen. In seinem Eingangsstatement vor dem TV-Duell kommt das Wort „Brexit“ nicht vor. Vielmehr referiert Corbyn, er wolle die allgemeine Lage der Briten verbessern, in das Gesundheitssystem investieren, Bildung fördern und die Steuern für die Reichen erhöhen. Fast alle Probleme, die das Königreich derzeit hat, führt Corbyn – wie schon am Abend zuvor bei einer Wahlveranstaltung in Birmingham – auf die Austeritätspolitik zurück, die konservative Regierungen seit 2010 umgesetzt haben.

Für Boris Johnson liegt die Wurzel des Übels jedoch an anderer Stelle. Er schiebt sämtliche Schwierigkeiten auf den noch nicht vollzogenen Brexit. Die Politik, die Regierung und das Parlament seien deswegen blockiert, sagt der Premierminister. Wenn er eine Mehrheit habe, werde er sein Brexit-Abkommen bis Weihnachten verabschieden lassen, damit das Land wie geplant am 31. Januar nächsten Jahres aus der EU ausscheiden könne. Johnsons Mantra, „Wir müssen den Brexit durchziehen“, ist denn auch die Phrase, die den Zuschauern im Sands Kino während der Übertragung am meisten auf die Nerven geht. In der eine Stunde dauernden Debatte scheint der Premierminister damit jede Antwort zu eröffnen und abzuschließen.

Auch Ian Davis ist genervt von Johnson. „Als Bürgermeister von London mochte ich ihn noch. Da war er noch nicht der stammelnde Idiot“, sagt der Berater und Astrologe. Doch auch mit Jeremy Corbyn ist er nicht ganz zufrieden, obwohl er eigentlich ein Labour-Unterstützer ist. Die Affäre um den Antisemitismus in der Partei und bei Corbyn persönlich findet Davis problematisch. Außerdem fehle es dem Labour-Vorsitzenden an Charisma. Viele unentschlossene Wähler habe dieser mit seinem Auftritt am Freitagabend jedenfalls nicht gewonnen, glaubt Davis. Bei der Wahl am kommenden Donnerstag geht er denn auch von einer knappen Mehrheit für Johnson aus.

Um genau das zu verhindern, waren am Freitagnachmittag mehr als 500 Menschen unter dem Motto „Vote for a final say“ im Theater „The Mermaid“ in London zusammengekommen. Aktivisten und Prominente warben dafür, dass die Wähler am Donnerstag taktisch wählen sollten, um eine konservative Mehrheit zu verhindern. Dabei bildeten sich die merkwürdigsten Allianzen. Der frühere Labour-Premierminister Tony Blair sprach genauso zu den Anwesenden wie der ehemalige konservative Minister Michael Heseltine und der frühere konservative Premierminister John Major. Sie alle wandten sich gegen die Brexit-Pläne der Johnson-Regierung, die ein „Desaster“ für das Land seien.

Ian Davis hat an der Veranstaltung im „The Mermaid“ zwar nicht teilgenommen, findet es jedoch äußerst „interessant, dass sich jetzt die ganzen Tory-Granden zu Wort melden“. Er sei gespannt, ob das noch irgendetwas bringe und helfen könne, Johnsons Amtszeit zu beenden, sagt er. Zum Abschied fällt ihm dann aber doch noch etwas Positives zu dem umstrittenen Premier aus aus 10 Downing Street ein: „Dank ihm kann ich kostenlos den öffentlichen Nahverkehr in London nutzen. Etwas Gutes hat er also doch getan“, sagt Davis, bevor er humpelnd die Stufen zu seinem Metro-Bahnsteig hinuntersteigt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kühn, Oliver
Oliver Kühn
Redakteur in der Politik.
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