Wahl in Nordrhein-Westfalen

Rot-grüne Revival Band

Von Majid Sattar, Berlin
20.04.2010
, 07:46
Die Fab Five: Gabriel, Hannelore Kraft, Sylvia Löhrmann, Özdemir und Claudia Roth in Berlin
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Wer hätte das gedacht? Die Führungen von SPD und Grünen machen in Berlin gemeinsam Wahlkampf für Düsseldorf. Von Projekten ist keine Rede mehr, dafür aber von Erst- und Zweitoptionen.
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Keine andere Kombo der Musikgeschichte hat so viele Revival Bands hervorgebracht wie die Beatles. Sie scheiterten meist nicht an der werkgetreuen Wiedergabe ihrer Melodien, sondern an der Spiegelung der kreativen Gruppendynamik und des spannungsreichen Miteinanders des flippigen Revoluzzers John Lennon und der zarten, zuweilen zickigen Diva Paul McCartney. Am Montag suchte eine Revival Band der besonderen Art zu beweisen, dass es auch anders geht: weniger Orientierung am lyrischen Original, dafür mindestens so viele improvisierte Soli der Alpha Tiere.

Als Sigmar Gabriel und Cem Özdemir gemeinsam mit Claudia Roth und den Landespolitikern Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann österlich gebräunt die Bühne der Bundespressekonferenz betraten, wehte der Geist von 1998 durch den Saal: Lange hatte man nicht vor so einem großen Publikum gespielt. Und die vielen Kameras! Drei Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wollten die versammelten „Fab Five“ es der versammelten Hauptstadtpresse auf geradezu dialektische Weise zeigen: Wir sind wieder da – und trotzdem ganz anders.

Der Abtritt der letzten Live-Rock‘n Roller Gerhard Schröder und Joschka Fischer liegt nunmehr fünf Jahre zurück. Und die Pop-Version von „Revolution“ wollte nicht so recht grooven. Vielleicht lag es daran, dass die Revolution abgesagt wurde: „Dies ist keine Neuauflage des rot-grünen Generationenprojektes“, sagte Gabriel zum Auftakt. Frau Roth intonierte: „Dies ist kein Retro-Doppelpack.“ Und Frau Kraft, die mit Frau Roth – tempi passati – übrigens auf Sie ist, gestand in Moll: „Wir sind selbstkritischer geworden; wir wissen um die Fehler der Vergangenheit.“ Die SPD-Spitzenkandidatin ließ freilich offen, ob sie sich auf Rot-Grün im Bund oder im Land oder auf beides bezog.

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Nein, die Welt wollen sie nicht mehr verändern, wenn es für Rot-Grün reicht – und dass es reichen könnte, das wollten alle noch einmal einander versichern, wenngleich nicht alle so charmante Worte dafür fanden wie die Grünen-Spitzenkandidatin Löhrmann: „Die Umfragen sind wirklich beeindruckend.“ Die Revival Band will diesmal alles eine Nummer kleiner, weniger Pathos, mehr Pragmatik. Rot-Grün will nur noch die „wahnwitzige Steuerpolitik von Schwarz Gelb“ verhindern (Gabriel), den „atomaren Wahnsinn“ stoppen (Roth) – und apropros Laufzeitverlängerung: „den Einstieg in den Ausstieg von Schwarz-Gelb“ (Kraft). Einzig der Grünen-Vorsitzende Özdemir bemühte sich um ein wenig Vision: „Wir brauchen einen Green New Deal.“

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Die „Rolle des Inders Rüttgers“

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Die große Bühne der Bundespolitik hat das Quintett nicht nur gesucht, um die Landespolitiker zu unterstützen, sondern auch um deutlich zu machen, dass es um mehr geht: um die Bundesratsmehrheit nämlich. Und so drosch man gemeinschaftliche vornehmlich auf die CDU und Jürgen Rüttgers ein, während die FDP fast gar nicht stattfand, weil man diese „zweite fundamentalistische Partei neben der Linkspartei“ (Özdemir) nicht durch Beachtung aufwerten wollte. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident also habe den Koalitionsvertrag in Berlin mitausgehandelt, nun mache er in der Sozialpolitik die „Rolle Rüttgers“ (Kraft), gebe in der Klimapolitik „den Inder“ (Gabriel) und sei genauso wie der Bundesumweltminister Röttgen „nach außen grün und untendrunter rabenschwarz“ (Roth).

Soviel also zu Schwarz-Grün? Naja, so wollte Frau Löhrmann sich wiederum nicht verstanden wissen. Rot-Grün sei „die Erstoption“. Und über die „Zweitoption“ wolle sie hier nicht reden. Das traf sich gut, denn Frau Kraft hatte auch keine rechte Lust über Zweit- und Drittoptionen zu reden: „Die Linkspartei ist nicht regierungsfähig und sie will auch gar nicht regieren.“

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Kakophonien in dieser Sache mit Gabriel offenbarten sich nicht, auch wenn sich dieser gleich zu Beginn der bemerkenswerten Show einmal versprach, als er sagte, dass es am Ende für Rot-Rot-Grün schon reichen werde. (Siehe auch: Trittin und Gabriel im Gespräch: „Rot-Grün hat eine reale Chance“)

Womöglich eint sie dieser Tage das Kalkül, dass die SPD keine Drittoption ausschließen müsse, wenn sie womöglich durch diese bei den Verhandlungen mit Rüttgers über die Zweitoption gestärkt würde?

Die Namen Schröder und Fischer fielen nicht

Wirklich neu an diesem rot-grünen Wiedersehen war einzig die Tatsache, dass mehr als 60 Minuten geredet wurde, ohne auch nur einmal die Namen Schröder und Fischer in den Mund zu nehmen. Gabriel und Özdemir standen zumindest in einer Hinsicht den beiden in nichts nach. Wenn Gabriel sich gönnerhaft gab und für ein „sozialliberales Bündnis“ warb, da die Grünen die einzig verbliebenen Liberalen seien, piesackte Özdemir diesen mit dem Einwand, mit Groß und Klein sei das inzwischen so eine Sache.

In Baden-Württemberg, seiner Heimat, sei das Verhältnis von SPD und Grünen so nicht mehr zu beschreiben. „Also, Cem“, entgegnete der Sigmar da. So ging das zwischen beiden in einem fort. Selbst die Frage, wer die Initiative zu diesem gemeinsamen Auftritt ergriffen habe, beantwortete Gabriel mit dem Hinweis, er habe „den Cem“ angerufen, aber „der Cem“ habe die Idee gehabt. Am Ende seufzte Frau Roth, reich an Erfahrung im Umgang mit Alpha-Tieren, kopfschüttelnd ins Mikrofon: „So sind sie, die rot-grünen Männer!“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Sattar, Majid (sat.)
Majid Sattar
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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