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AfD-Hochburg Querfurt

Das fremdenfeindliche Städtchen ohne Ausländer

Von Yannik Primus, Querfurt
 - 16:20
Idyllisches Dorf ohne Ausländer, aber mit viel Angst vor Fremden: Querfurt in Sachsen-Anhaltzur Bildergalerie

Schon auf der Hinfahrt fühlt man sich als Fremder nicht willkommen. In der Konditorei am Busbahnhof von Röblingen am See, von wo aus man nur per Bus oder Privatauto nach Querfurt gelangen kann, trinken die Fahrgäste gerne einen Kaffee, um die Wartezeit zu überbrücken. Freundlich erklärt einem die Bedienung, eine ältere Frau mit typisch sächsischem Akzent, wann der nächste Bus fährt. Auch den Kaffee serviert sie mit einem Lächeln. Fragt man jedoch, ob man die Toilette benutzen darf, schüttelt sie entschieden den Kopf. „Das ist schließlich eine Konditorei“, sagt eine Frau, die auch im Café wartet. Sie nickt in Richtung andere Straßenseite, „versuchen Sie’s doch mal beim Türken, der hat einen Dönerladen.“ Soll der Fremde doch beim Ausländer austreten.

Auf der Busfahrt nach Querfurt sind die Straßen von den blauen Plakaten der AfD gesäumt. „Es reicht!“, steht darauf, „Grenzen sichern!“, „Asylchaos stoppen!“. Allein: Wo ist das Asylchaos in der 11.000-Seelen-Kleinstadt, die gleich mehrere Kaninchenzüchtervereine, aber kaum Ausländer beherbergt? Oft sieht man in Querfurt tagelang nicht einen Migranten. Trotzdem war der Anteil von AfD-Wählern in dem Städtchen, das vor allem durch die größte Burganlage Mitteldeutschlands bekannt ist, bei den Landtagswahlen der zweithöchste. Auf Platz eins lag Bitterfeld, ebenfalls eine Stadt in Sachsen-Anhalt.

Nach Landtagswahlen
AfD im Höhenflug
© AFP, reuters

Wenig Ausländer, hohe Arbeitslosigkeit

Nicht nur der Linken-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat Bernd Brix kann sich nicht erklären, wie die AfD ihre populistischen Aussagen legitimieren kann. „Wir haben in ganz Querfurt weniger als 100 Ausländer“, sagt der Stadtrat, „das Flüchtlingsproblem und die damit verbundene Angst werden geschürt.“ Nicht die Migranten seien die Personen, die Probleme verursachten, sondern diejenigen, die die Brandanschläge auf die Flüchtlingsunterkünfte rund um Querfurt verübt hätten. „Und das sind garantiert keine Asylanten.“

Ein Drittel der Kleinstadt hat am Sonntag die AfD gewählt. Woher kommt diese Fremdenfeindlichkeit? Brix ist wie seine Frau Lehrer und kennt die lokalen Sorgen. „Triftigere Probleme als die wenigen Flüchtlinge sind die roten Zahlen, die wir seit Jahren schreiben und die hohe Arbeitslosenquote von über elf Prozent.“ Seit der Wende sind die Arbeitsplätze auch in Querfurt immer rarer geworden und die Abwanderung immer größer. Das schafft existenzielle Sorgen und fördert rechtsextreme Kreise. Auf der Website der Grünen im Saalekreis steht, dass es in Querfurt eine beachtliche Naziszene gebe, gegen die unbedingt vorgegangen werden müsse. Brix weiß von diesen Kreisen. „Neonazis haben hier einen sehr großen Einfluss. Das fängt schon in der Schule an, mit unangemessener Kleidung und rechtsextremen Gepflogenheiten.“

Wie sieht das die AfD, die mit Parolen wie „Ist es Ihnen auch zu bunt“ um Wähler buhlt? Wählt man die Telefonnummer auf der Website der AfD Sachsen-Anhalt, nimmt eine Frau ab, die „keine Fragen beantworten möchte“ und legt gleich wieder auf. Auch unter der Nummer der Bundespartei landet man auch beim sechsten Mal in der Warteschleife. Selbst AfD-Mann Gottfried Backhaus, der am Sonntag als Direktkandidat für den Wahlkreis Querfurt in den Landtag gewählt wurde, nimmt sein Telefon von morgens bis abends nicht ab und ruft auch dann nicht zurück, wenn man ihm auf die Mailbox spricht.

Wie man es auch machen kann, zeigt Axel Wondratzek, der Schatzmeister der Grünen in Querfurt. Schon zehn Minuten nach dem Anruf trifft er sich mit dem Reporter auf einen Kaffee in einem Café. Wondratzek erklärt sich den Erfolg der AfD vor allem damit, dass diese die Wähler im Unklaren über ihre eigentlichen Pläne gelassen habe. „Auf den Wahlplakaten wurde bewusst nicht alles verraten“, sagt Wondratzek, „von der von der AfD geplanten Abschaffung des Arbeitslosengeldes oder der Umfunktionierung der Frau in eine Gebärmaschine war dort nicht die Rede.“ Auch ein Flüchtlingsproblem, wie die AfD suggeriert, gebe es in Querfurt nicht – von den weniger als hundert Ausländern im Städtchen seien gerade mal 20 Flüchtlinge. Trotzdem sieht Wondratzek die hohe Zustimmung zur AfD vor allem als Protest gegen Merkels Flüchtlingspolitik und ihren Satz „Wir schaffen das“.

„Wir lösen den Syrien-Konflikt hier auf unsere Art“

Tatsächlich sind viele im Ort dieser Meinung. „Wir haben genug von leeren Versprechungen. Fakt ist, dass die Menschen im Osten schon lange benachteiligt sind“, beklagen sich zwei Frauen um die vierzig, die ihren Namen wie die meisten hier nicht in einer Zeitung lesen wollen. „Wir bekommen für die gleiche Arbeit nicht das gleiche Geld.“ Eine Mutter mit Kinderwagen sorgt sich eher wegen der vielen Flüchtlinge, die in Querfurt kaum aufzufinden sind. „Ich habe mal in Berlin gewohnt, solche Zustände mit Asylanten möchte ich nicht mehr erleben.“ Denn auch in Querfurt, sagt die Mutter dann, werde die Zahl der Flüchtlinge immer höher. Bei knapp 20 Flüchtlingen auf 11.000 Personen beträgt die Quote aktuell immerhin 1:550. „Eigentlich geht es uns allen sehr gut – aber es gibt nicht nur nette Flüchtlinge“, sagt ein Stück weiter eine Frau, die einen Döner in der Hand hat. Ein Mann, der seinen Hund ausführt, bezeichnet das Wahlergebnis als „das Beste, was Querfurt passieren konnte.“ Dann sagt er: „Wir haben den Krieg in Syrien ausgelöst, dann lösen wir ihn auch hier auf unsere Art.“

Es gibt aber auch weltoffenere Stimmen. „Wir haben gar keine Ausländer und wir brauchen auch keine AfD“, sagt Markus Richter, der gerade sein Kind in die Musikstunde gebracht hat und schon lange in Querfurt lebt. Das Wahlergebnis sei ihm unangenehm. „Ganz viele Leute sind auf die AfD-Parolen reingefallen.“ Und leider gebe es im Ort wirklich eine rechtsextreme Szene, mit der man aber nicht so schnell in Kontakt komme. „Man lässt sich in Ruhe und es gibt keine Übergriffe. Das ganz normale, friedliche Dorfleben.“

Florian und Leopold, zwei junge Männer mit offenen Lederjacken, sehen den Wahlerfolg der AfD vor allem als Folge der grassierenden Arbeitslosigkeit. „Wir haben gar nicht abgestimmt, weil wir dachten, auf zwei Stimmen mehr oder weniger kommt es doch nicht an“, erklärt einer der beiden. „Wir haben uns geirrt.“

Der Denkzettel, der nichts nützt

Bei der Frage, wie man die enttäuschten Wähler zurückgewinnen kann, sind die etablierten Parteien sich vor allem in einem einig: in ihrer Ratlosigkeit. Der Linke Brix will die Wähler künftig besser in den sozialen Medien ansprechen, die die AfD sehr geschickt nutze, der Grüne Wondratzek will zu den „altbewährten Werten“ seiner Partei zurückkehren: dem Umweltschutz. Auch die Flüchtlingskrise sei natürlich ein Thema, das „neu geklärt“ werden müsse, findet Wondratzek.

Am Dienstag hat sich der Querfurter Stadtrat mit der neuen politischen Situation befasst und nach Wegen gesucht, dem Erfolg der AfD etwas entgegenzusetzen. „Ich bin nicht glücklich über den Rechtsrutsch in unserem Land“, sagte Bürgermeisterin Nicole Rotzsch Anfang der Woche. Sie sieht auch die „schlechte finanzielle Entwicklung der Kommunen“ als Nährboden für den Erfolg der AfD, was im Wahlkampf von der Flüchtlingskrise in den Hintergrund gedrängt worden sei. „Der Denkzettel, den wohl viele Wähler den Politikern verpassen wollten, bringt im Endeffekt niemandem etwas.“

Quelle: FAZ.NET
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