Wahlgeschichte

Hochgeschätzte Rechnung

Von Detlef Borchers
18.09.2005
, 15:14
Seit 1965 liefern Computer Hochrechungen - 2005 gibt es Wahlautomaten
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Kopf an Kopf - so liebt es der Wähler. Seit 1965 hilft dabei der Computer. Er sieht sogar das Ergebnis von Nachwahlen voraus. SPD-Chef Fritz Erler wetterte gegen die neue Technik. Er vermutete ein abgekartetes Spiel.
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Aufgeregt debattiert wurde in der vergangenen Woche die Frage, welche Konsequenzen die angeordnete Nachwahl im Wahlkreis Dresden I haben könnte. Nicht zur Sprache kam, daß es ähnliche Fälle durchaus schon gegeben hat. Bei der Bundestagswahl 1965 waren sogar zwei solche Nachwahlen angesetzt, und zwar in Schweinfurt und im Hochtaunuskreis.

Es war ohnehin ein denkwürdiger Wahlsonntag, jener 19. September 1965. Vor genau vierzig Jahren lieferten Wahlforscher zum ersten Mal in Deutschland Hochrechnungen des Ergebnisses ab - live für die Fernsehzuschauer. Die beiden noch ausstehenden Wahlkreise schlossen sie kurzerhand mit ein, so daß die letzte Hochrechnung im „fiktiven Zweitstimmenergebnis“ für Schweinfurt und den Obertaunus nur eine Schätzung enthielt, für alle übrigen Wahlkreise aber eine halbwegs exakte Zählung.

Wie sich dann zeigte, änderten die Nachwahlen an diesen Zahlen fast nichts mehr. Streng genommen hieß das zwar nicht, daß jedem einzelnen Nachwähler der Bundestrend egal war. Aber in ihrer Gesamtheit lag es ihnen fern, sich in Kenntnis des Trends noch einmal gegen ihn auflehnen zu wollen. Sie machten im Gegenteil genau das, was schon vorherzusehen war.

Univac errang bleibenden Ruhm

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Der Einsatz des Computers an jenem 19. September 1965 war auch sonst eine Zäsur in der noch jungen Geschichte der Bundesrepublik. Vor 1965 waren Wahlen eine relativ schläfrige Sache. Die Politiker gingen nach einer Wahlfeier ins Bett und erfuhren mit Glück erst am nächsten Morgen, wer gewonnen hatte. Man sah aber auch in Deutschland die technischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten.

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Schon 1952 hatte die Fernsehkette CBS erstmals bei Wahlen einen Univac-Rechner, ein frühzeitliches Ungetüm von Computer, eingesetzt, um ihn den Ausgang des Rennens zwischen Eisenhower und Stevenson hochrechnen zu lassen. Die Prognose, die er abgab, stimmte. CBS traute sich zwar noch nicht, damit unmittelbar auf Sendung gehen, aber der Univac errang trotzdem bleibenden Ruhm, als die Geschichte ruchbar wurde.

In Deutschland dauerte es damit noch ein paar Jahre. Weil die SPD nach ihrer verheerenden Wahlniederlage 1957 die Basis erforschen wollte, unterstützte sie die Gründung des Instituts für angewandte Sozialwissenschaften (Infas) in Bonn-Bad Godesberg. 1963 konnte sich Infas den ersten Computer leisten, einen IBM 1620. Es war kein aufregendes Modell, sondern das billigste des Herstellers - und doch plante das Institut damit 1965 den großen Coup, die Einführung der Wahlhochrechnung in Deutschland.

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Mehr Wirrnis als Ordnung

Infas tat sich dazu mit dem Ersten Deutschen Fernsehen zusammen und hatte sechzig Leute in seiner Zentrale im Einsatz. In jedem Wahlkreis saß außerdem ein Infas-Mitarbeiter, der das Auszählungsergebnis in die Zentrale durchtelefonieren sollte, sobald es verkündet war. Von 18 Uhr an begann die die Rechnerei.

Sowohl ARD als auch ZDF gingen Punkt 20 Uhr auf Sendung. Das ZDF präsentierte Neuigkeiten, die aber für mehr Wirrnis als Ordnung sorgten. Das Institut für Demoskopie in Allensbach trug die aktuellste Meinungsumfrage vor, aus der sich eine absolute Mehrheit für die CDU/CSU ableiten ließ; dem widersprachen die konkurrierenden Meinungsforscher von Emnid und sagten ein Kopf-an-Kopf-Rennen von SPD und Union vorher. Beide Institute benutzten die letzten Umfragen vor der Wahl, bezogen also keine Stimmenauszählung ein.

So hieß es warten. 17 Millionen Zuschauer saßen vor den Schwarzweißfernsehern, weitere acht Millionen hörten Radio. Die ersten Wahlkreise meldeten in der Tat gute Ergebnisse für die CDU. Nur die Infas-Experten sahen an den Rechenergebnissen nach dreieinhalb Stunden etwas anderes.

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„Schießen Sie nicht auf den Computer!“

Um 21.43 Uhr war es soweit: Der ARD-Mann Rudolf Rohlinger verkündete vor der Kamera, daß „mein Freund, der Computer“, auf Basis der nur zwölf bereits ausgezählten Wahlkreise (insgesamt gab es 248) das voraussichtliche Endergebnis geschätzt habe: CDU/CSU bei 45,6 Prozent, die SPD bei 39,4 Prozent, die FDP bei 10,1 Prozent. Sofort war das Szenario einer CDU-FDP-Koalitionsregierung da. Der Sendeleiter Werner Höfer sah sich gezwungen, sich schützend vor die Maschinerie zu stellen und zu rufen „Schießen Sie nicht auf den Computer!“

SPD-Chef Fritz Erler wetterte gegen die neumodische Technik und vermutete ein abgekartetes Spiel: Weil es Computer damals nur in Schrankgröße gab und man sie nicht wie heute mal hierhin, mal dorthin schleppen konnte, hatte die ARD ihre Studios auf zwei Stockwerken direkt über dem Infas-Rechenzentrum eingerichtet.

Doch der Computer behielt recht. Um 22.25 Uhr schätzte er auf Basis von 59 Wahlkreisen genauere Stimmenanteile, die vom späteren Endstand höchstens noch 0,4 Prozentpunkte entfernt lagen. Die Hochrechnung verblüffte die Zuschauer so nachhaltig, daß Rudolf Rohlinger, der noch bei vielen Wahlen ihre Zahlen vortragen sollte, im Volksmund dauerhaft zum „Mister Computer“ wurde.

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Erste Diagramme nach neun Minuten

Vierzehn Tage später stellte sich dann heraus, daß die „Zauberei mit Statistik und Computer“, wie der Münchener Merkur damals schrieb, auch in den beiden Nachwahlbezirken das tatsächliche Endergebnis getroffen hatte. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vermutete Friedrich Karl Fromme daraufhin ein „Abgleiten demokratisch zu legitimierender Politik in eine demoskopisch gestützte Kalkulation“. Auch viele Politiker blieben mißtrauisch.

Doch der Vormarsch der Computer bei der Wahlanalyse war nicht mehr aufzuhalten, zumal die Maschinen immer schneller und die Methoden immer besser wurden. 1972 konnten die Forscher bereits nach einer Stunde Rechenarbeit eine Tabelle präsentieren, die das Endergebnis vorwegnahm. Infas bekam in dieser Disziplin natürlich rasch Konkurrenz.

1976 hatte die Mannheimer Forschungsguppe Wahlen für das ZDF die Nase vorn, jedenfalls in Sachen Darstellung. Sie verwendete einen Minicomputer PDP 11/40 von Digital Equipment, an dem ein Farbterminal angeschlossen war, damals eine echte Rarität. Eine Fernsehkamera filmte die bunten Balken- und Tortengrafiken ab, die der Rechner aufgrund der Ergebnissen zeichnete.

Heute werden solche Diagramme meist schon neun Minuten nach Schließen der Wahllokale präsentiert. Die Daten lassen die Meinungsforscher mit Handheld-Computern direkt am Wahlort erheben, von wo aus sie per Funk ins Rechenzentrum geschickt werden. Dreieinhalb Stunden, wie 1965, würde heute niemand mehr auf die Zukunft warten wollen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.09.2005, Nr. 37 / Seite 76
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