Kirche und Corona

Das Schweigen der Bischöfe

Von Hartmut Löwe
Aktualisiert am 16.05.2020
 - 19:46
Eine Botschaft für diese Zeit? Die evangelische Dorfkirche in Sperenberg in Brandenburg.
Die evangelischen Bischöfe reden gerade so wie alle anderen. Es ist schön, wenn sie Ärzten danken – aber ist die These von der Strafe Gottes theologisch überholt? Ein Gastbeitrag.

Je länger die Zeit der Pandemie dauert, umso stärker beunruhigt mich die Sprachlosigkeit unserer Kirchenoberen. Auf der Ebene der Gemeinden geschieht viel und Erstaunliches. Digitale Andachten und Gottesdienste halten die Verbindung aufrecht zu den Gemeindegliedern, Briefe und Gespräche geben seelsorgerlichen Zuspruch. Das ist nicht genug zu loben. Aber diejenigen, die sich sonst an Stellungnahmen zu allem und jedem überbieten, finden kein geistliches Wort.

Sie reden und wiederholen, was andere auch sagen, danken den Ärzten und Krankenschwestern, freuen sich über die praktizierte Solidarität. Theologisch versichern sie, die Krankheit sei wie alle Krankheiten keine Strafe Gottes. Richtig ist, dass man die Keule vom Zorn Gottes und seiner Strafe für unsere Verfehlungen immer wieder missbraucht hat und vielleicht auch jetzt, allerdings habe ich niemanden so reden hören.

Luther hat, als die Pest 1525 und 1527 zuerst in Breslau und später auch in Wittenberg wütete, in seiner nicht ausschöpfbaren, noch heute unmittelbar zu uns sprechenden Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“ ganz selbstverständlich und ohne Scheu von einer Strafe Gottes gesprochen. Ist das inzwischen als theologisch überholt zu tadeln?

Behauptung der Allkausalität Gottes

Den biblischen Sachverhalt darf man freilich nicht mit dem Nachsitzen in der Schule oder der Rachsucht eines Mächtigen verwechseln. Deshalb trifft die Sache besser das leider aus der Sprache verschwundene Wort Heimsuchung. Man kann doch nicht ganze Bereiche des Lebens dem Walten Gottes entziehen und ausschließlich natürlich erklären wollen.

In, mit und unter allem, was geschieht, will Gott gefunden werden, auch wenn wir nur mühsam oder gar nicht verstehen, was er uns sagen will. Wer jedoch nicht vom Zorn Gottes zu sprechen vermag, verdirbt auch die Rede von Gottes Liebe. Sie wird dann zu einer diffusen Gefühlsduselei, einer nicht belastbaren Allerweltsweisheit ohne konkreten Anhalt in der Lebenserfahrung. Der Lauf der Welt ist auch im Blick auf das, was Gott tut, konkret.

Andere Religionen kennen Götter des Segens und Götter des Fluchs. Sie verteilen, was auf der Welt geschieht, auf verschiedene Prinzipien. Jüdischer und christlicher Glaube haben das aufgrund ihrer Gotteserkenntnis von der Einzigkeit und Einzigartigkeit ihres Gottes nicht vermocht. Sie haben vielmehr die Allkausalität ihres Gottes behauptet, zum Beispiel in dem grandiosen und zugleich unheimlichen Spruch des Propheten Amos: „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?“ (3,6).

Theologische Gefühlsduselei ohne Blick für das Eigentliche

Ohne den Glaubenssatz von der Allwirksamkeit Gottes gäbe es das Buch Hiob nicht, in unserer gegenwärtigen Lage besonderer Beachtung und Betrachtung wert. Gefühlsduselei, auch theologische, verliert das wirkliche Geschehen aus dem Blick. Im Kreuz Jesu Christi, dem Fundament christlichen Glaubens, zeigen sich die Liebe und der Zorn Gottes als zwei Seiten eines Handelns. Man kann nicht die eine ohne die andere haben. Die leider nur noch selten gesungenen Passionslieder unseres Gesangbuchs wissen das noch.

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Hier wäre theologisch und geistlich anzusetzen. Was sagt uns in diesem Horizont die schreckliche Pandemie über unseren so häufig trivial und belanglos gewordenen Glauben? Es ist ja nicht verkehrt, sich für die Öffnung der Kirchen für Gottesdienste einzusetzen. Aber wenn man dort nur zu hören bekommt, was immer ohnehin schon alle sagen, können wir sie entbehren. Viel bedrückender ist doch, dass landauf, landab, von wenigen Ausnahmen abgesehen, das jetzt geforderte Abstandsgebot in Kirchenräumen längst schon beklagenswert selbstverständlich ist. Jedenfalls lässt es sich Sonntag für Sonntag leicht herstellen.

Was trägt der christliche Glaube zum Aushalten der gegenwärtigen Krise bei? Was sagt er uns über naturwissenschaftliche, ökonomische und soziale Feststellungen hinaus? Der Glaube widerspricht ihnen nicht und wiederholt nicht die Einsichten der Wissenschaften. Er ist auch keine Ergänzung auf derselben Ebene. Der Glaube kennt den deus absconditus (verborgenen Gott) und den deus revelatus (offenbaren Gott). Verliert er den einen aus dem Blick, verliert er den anderen.

Das Versagen kulturprotestantischer Belanglosigkeiten

Kulturprotestantische Belanglosigkeiten versagen in der Krise, die über uns gekommen ist. Hier muss theologisch und geistlich tiefer gegraben werden. Vermögen das unsere Kirchenoberen in ihrer Geschäftigkeit noch? Bislang haben wir öffentlich davon nichts gehört.

Eine Bemerkung am Schluss. Welchen Rang der Lebensschutz genießen muss und woran er seine Grenzen findet, darüber sollten nicht erst unsere Politiker nachdenken müssen. Großartig, wenn sie es tun. Aber das ist doch zuvörderst eine genuin theologische Aufgabe und entscheidet darüber, ob wir die Zeitgenossen mit dem Kern des christlichen Glaubens erreichen. In der eingangs zitierten Schrift Luthers lässt sich auch darüber manches nachlesen.

Mit diesen Zeilen will ich nur eine Besorgnis ausdrücken, unseren Kirchenoberen eine Frage stellen. Wollen sie in dieser Situation weiter schweigen oder haben sie uns etwas vom Innersten des Glaubens her zu sagen?

Der Autor ist evangelischer Theologe und ehemaliger Militärbischof der Bundeswehr.

Quelle: F.A.Z.
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