Wohnsituation von Rentnern

Verbullerbüsiert

Von Friederike Haupt
14.07.2013
, 14:46
In der Werbung knutschen Rentnerpaare in den Dünen und fahren mit dem Rad durch blühende Landschaften. Doch die Realität sieht einsamer aus: Gut jeder dritte Rentner lebt in Deutschland allein - oft in einer nicht barrierefreien Wohnung.

In dieser Woche verschickte das Statistische Bundesamt eine beunruhigende Mitteilung. Darin stand, dass heute viel mehr Deutsche allein wohnen als noch vor zwanzig Jahren. 1991 waren 34 Prozent aller Haushalte Einpersonenhaushalte, 2012 schon 41 Prozent. Vor allem in den Großstädten leben viele Menschen allein. Die Bilder, mit denen die Nachrichtenseiten diese Meldung illustrierten, sahen zum Beispiel so aus: Eine junge Frau in Jeans und Kapuzenpulli gießt einen Gummibaum in ihrer Wohnung. Schlagwort über dem Foto: „Single-Idylle mit Grünpflanze“.

Eine junge Frau in Jeans und Kapuzenpulli chillt auf einem Sofa, im Hintergrund ist ihr geräumiges Zimmer zu sehen, darin unter anderem ein Katzenbaum, eine rot glühende Herzlampe und Grünpflanzen. Eine junge Frau sitzt in Unterhose und Strickjacke auf einem Sofa und telefoniert. Im Hintergrund: Blumentöpfe. Ein junger Mann in kurzer Hose sitzt auf einem Bett und liest ein Buch. Die lachenden Gesichter eines jungen Mannes und einer jungen Frau gruppieren sich um das skeptische Gesicht eines Babys. Und so weiter.

Ihre Lobby ist klein

Als wäre Deutschland so eine Art Bullerbü, in dem es nur die Jugend gibt und dann noch ein bisschen Grün und irgendwo eine Katze. Es gibt aber auch noch alte Menschen. Deren Bild wird in der Öffentlichkeit auch oft verbullerbüsiert, zum Beispiel, wenn in der Werbung Silver-Ager auf Dünen knutschen oder sehr fidel mit dem Rad durch blühende Landschaften gondeln. Tatsächlich lebt gut jeder dritte Rentner in Deutschland allein. Und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hat ausgerechnet, dass sich die Zahl der Menschen, die 75 oder älter sind und allein wohnen, zwischen 2003 und 2050 mehr als verdoppeln wird.

Dann wird in jedem sechsten Haushalt in Deutschland ein Hochbetagter alleine leben. Vor allem in den Großstädten; auf dem Land gibt es vor allem in den westdeutschen Bundesländern noch mehr Platz und Willen, Angehörige zu Hause aufzunehmen. In den Städten aber sind die Wohnungen jetzt schon knapp. Dauernd protestieren Studenten gegen teure WG-Zimmer, Normalverdiener gegen die Gentrifizierung ihrer Viertel und die damit verbundenen Wahnsinnspreise, Gutverdiener gegen Luxuswohnungen. Nur die sehr alten Menschen können nicht so gut Lärm machen.

Sie können auf Demos nicht weit mitlaufen, mit Twitter-Aufschreien haben sie es auch nicht so, und ihre Lobby in Politik und Wirtschaft ist klein. Die wenigsten wollen in ein Altenheim, solange sie noch irgendwie allein klarkommen, und wer das nicht versteht, kann ja ein Mittelaltenheim gründen und dort mit hundert anderen einziehen, die zwischen 40 und 60 sind. Alle anderen können sich darüber freuen, dass die Menschen nicht mehr früh wie im Mittelalter dahinsiechen. Ist ja auch was. Das bedeutet allerdings, dass sich ein paar Sachen ziemlich schnell ändern müssen.

Die Bundesverband der Immobilienunternehmen hat ausgerechnet, was da auf ihn zukommt. Derzeit sind nur etwas mehr als ein Prozent aller Wohnungen altersgerecht beziehungsweise barrierefrei. Mehr als 500.000 müssen bis zum Jahr 2020 entsprechend angepasst werden. Viele alte Menschen, die in ihrer eigenen Wohnung leben, müssen aber überhaupt erst darüber aufgeklärt werden, was zu tun ist und wie sie das organisieren können. Manche stehen viele Jahre nach dem Tod ihres Partners noch zu zweit im Telefonbuch - weil sie schon diese kleine Änderung überfordert. An den Einbau eines Treppenlifts oder Rauchmelders trauen sie sich gar nicht zu denken. Zu dem Wohnungsmangel gesellt sich ein Versorgungsmangel.

Natürlich können alte Menschen in Brandenburg billiger leben als in Frankfurt. Nur brauchen sie auch eine Apotheke und einen Supermarkt. Wer allein lebt, muss sehen, wie er da hinkommt. Es gibt nette Nachbarn, die Fahrten übernehmen, aber damit kann man nicht kalkulieren. In Mecklenburg-Vorpommern, wo die Zahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte in den letzten 20 Jahren um enorme 27 Prozent gestiegen ist, fehlen oft junge Leute. Sie sind der Arbeit hinterhergezogen. Kein Wunder, dass viele Hochbetagte lieber in der Stadt wohnen bleiben.

Das heißt nicht, dass die jungen Frauen mit ihren Grünpflanzen nun alle aufs Land müssen. Aber es wäre gut, wenn die Alten in der Diskussion über Wohnraum stärker vorkämen. Rund um die Jüngsten gibt es jede Menge gute Ideen; für die Ältesten auch ein paar, aber noch zu wenige. Sozialarbeiter, die einfach mal vorbeischauen; Bauprinzip Lift statt Loft; so etwas kann und muss mehr werden. In Bullerbü gibt es neben sieben Kindern und ihren Eltern übrigens auch einen Großvater. Er wohnt unter dem Dach im Haus seiner Familie.

Quelle: F.A.S.
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