Zentralrat der Muslime

„Der Islam muß in jedem Land anders ausgelegt werden“

01.02.2005
, 00:00
„Verfassungswidrige Gesetze anfechten”: Elyas in Karslruhe
„Das Grundgesetz wollten wir auf keinen Fall gegen eine andere Verfassung tauschen“, sagt Nadeem Elyas, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. Trotzdem distanziert er sich nicht von der Rechtsordnung der Scharia. Mit Elyas sprach Uta Rasche.
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Der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der 1994 gegründet wurde, vertritt heute 19 islamische Verbände. Zusammen haben sie etwa 12.000 Mitglieder; der Zentralrat spricht von 20.000 Mitgliedern. Die Vorgängerorganisation des Zentralrats nannte sich „Islamischer Arbeitskreis“ (gegründet 1988). Diesem Arbeitskreis gehörten auch die großen türkischen Verbände wie der „Verband der islamischen Kulturzentren“ und die Ditib, die staatsnahe „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“, an.

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Gemeinsames Ziel war die Vertretung muslimischer Interessen gegenüber der deutschen Öffentlichkeit, unter anderem die Einführung des islamischen Religionsunterrichts und die Zulassung des Schächtens. Die großen türkischen Organisationen gehören jedoch dem Zentralrat nicht mehr an, so daß er heute nur noch eine Minderheit der 3,2 Millionen Muslime in Deutschland vertritt, und zwar überwiegend Muslime arabischer Herkunft.

Der Vorsitzende des Zentralrats, Nadeem Elyas, stammt aus Saudi-Arabien. Er ist ehrenamtlich tätig. Hauptberuflich exportiert er medizinische Geräte und vermittelt Patienten aus arabischen Ländern in deutsche Kliniken. Mit Nadeem Elyas sprach Uta Rasche.

Politiker aller Parteien beklagen, daß die Muslime in Deutschland keine einheitliche Dachorganisation haben. Ist es richtig, daß Sie den Zentralrat gerne zum Dachverband ausbauen würden?

Das haben wir nie behauptet, das wurde uns nur unterstellt.In Frankreich wurde auf staatlichen Druck ein Schura-Rat gegründet mit Vertretern aller muslimischen Gruppierungen.

Könnten Sie sich solch einen Rat auch für Deutschland vorstellen?

Das Modell in Frankreich ist kein Vorbild für uns, weil die Einmischung des Staates im Vordergrund steht. Das ist ein Paradox für einen laizistischen Staat. In Deutschland kann keine der bisher bestehenden Organisationen alleine der zentrale Ansprechpartner sein.

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Soll in Moscheen auf deutsch gepredigt werden?

Das ist sinnvoll - schon allein, weil Deutsch die gemeinsame Sprache der Muslime aus verschiedenen Ländern geworden ist. Aber es soll keine gesetzliche Pflicht sein; das wäre ein Ausdruck des Mißtrauens gegenüber den Muslimen.

Sind Sie für einen gesetzlichen muslimischen Feiertag in Deutschland?

Nein, die Muslime feiern ihre beiden großen Feste in Deutschland problemlos. Ich halte diese Diskussion für verfrüht und unangebracht, denn es ist kein Bedürfnis der Muslime, und es spiegelt nicht den Willen der Bevölkerung.

Dürfen Eltern ihre Tochter gegen deren Willen einem anderen Mann versprechen?

Wir sind eindeutig gegen die Zwangsehe. Der Prophet selbst hat eine solche Ehe annulliert. Wir meinen, durch Zwang kann man ein solches Verhältnis nicht begründen. Wenn die Traditionen dazu führen, so ist das nicht gutzuheißen.

Darf ein Mann mehrere Frauen heiraten?

Wir leben in Deutschland, und hier ist eine Mehrehe nicht erlaubt.

Darf ein Mann seine Frau schlagen?

Auf keinen Fall. Der Prophet hat nie im Leben eine Frau geschlagen.

Soll ein muslimisches Mädchen am Sportunterricht, am Schwimmunterricht und an mehrtägigen Klassenfahrten teilnehmen?

Es soll auf jeden Fall daran teilnehmen. Die muslimischen Kinder dürfen sich nicht ausgrenzen lassen. Genauso müssen die Familien mitwirken bei der Gestaltung solcher Aktivitäten. Dann werden sie mehr Vertrauen schöpfen. Alles, was Eltern davon abbringen könnte, ihre Mädchen an Klassenfahrten teilnehmen zu lassen, gehört ohnehin nicht zu den pädagogischen Zielen.

Haben Sie selber Töchter?

Meine Tochter hat auf einem bischöflichen Gymnasium Abitur gemacht, und auch meine Söhne sind dort gewesen. Wir hatten keine Probleme mit Schwimmunterricht und Klassenfahrten.

Sollen muslimische Mädchen mit Kopftuch in die Schule gehen?

Sie sollen es nur aus Überzeugung tun. Es ist nicht sinnvoll, sie zu zwingen. Wenn sie es nicht einsehen, dann hat die Erziehung versagt. Unsere Tochter ging freiwillig mit Kopftuch in die Schule.

Warum haben Sie für Ihre Kinder eine katholische Schule ausgesucht?

Für uns sind Ethik und Moral sehr wichtig; in diesen Fragen sahen wir große Gemeinsamkeiten. Die besondere islamische Erziehung war unsere eigene Aufgabe.

Welche Erscheinungen in Deutschland halten Sie für unmoralisch?

Jede Art von Übertreibung, Pornographie zum Beispiel - auch wenn sie als Freiheit der Kunst oder Freiheit der Presse deklariert wird. Darüber hinaus nehmen wir einen Mangel an Frömmigkeit und einen Bedeutungsverlust des Religiösen in Deutschland wahr; das ist ein Verlust für die gesamte Gesellschaft.

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Im Koran werden Juden als von Schweinen und Affen abstammend bezeichnet. Wie soll man das verstehen wenn nicht als Ausdruck von Verachtung?

Damit war eine ganz bestimmte Gruppe gemeint. Im Koran erfahren Juden, Christen und deren Propheten die größte Hochachtung. Der Islam hat zugleich die Mischehe mit Jüdinnen und Christinnen erlaubt; das ist ein Ausdruck von Wertschätzung.

Wie sollen in Mischehen die Kinder erzogen werden?

In jeder Religion, nicht nur im Islam, gilt es als selbstverständlich, daß Eltern den Wunsch haben, ihren eigenen Glauben weiterzugeben.

Also entsteht in einer Mischehe ein Konflikt.

Deshalb plädieren wir nicht für die Mischehe, auch wenn sie erlaubt ist.

Was sagen Sie zu den Äußerungen eines Imams kürzlich, daß Christen verabscheuungswürdig seien, weil sie stänken und sich nicht unter den Achseln rasierten?

Das ist zu verurteilen - und zeigt zugleich, wie wichtig die Ausbildung von Imamen in Deutschland und in deutscher Sprache unter staatlicher Aufsicht ist, für die wir schon lange eintreten. Wir setzen uns ebenso für den islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache an staatlichen Schulen ein.

Wie würden Sie das Wort Dschihad übersetzen?

Es bedeutet Anstrengung in jeglicher Hinsicht.

Bedeutet es auch, sich dafür einzusetzen, daß der Islam zur vorherrschenden Religion wird in dem Land, in dem man sich befindet?

Nein, das war nie ein Ziel für den „Dschihad“. Selbstverteidigung ist aber eine notwendige Schutzmaßnahme. Der Glaube kann nie durch Kampf, nur durch Überzeugung vermittelt werden.

Kann man als Muslim in einer nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft richtig leben, also den muslimischen Geboten entsprechend?

Ja, wir leben das vor. Wir leben hier im Kontext der Werte dieser Gesellschaft und fühlen uns zumindest nicht vom Grundgesetz her diskriminiert.

Haben es Muslime in Deutschland nicht eigentlich besser als in der Türkei, wo zum Beispiel an Universitäten kein Kopftuch getragen werden darf?

Unser System in Deutschland ist vorbildlich, und das Grundgesetz wollten wir auf keinen Fall gegen eine andere Verfassung austauschen. Die Muslime leben hier in einer sehr freiheitlichen Situation, die beneidenswert ist.

Ist die Scharia die bessere Rechtsordnung?

Unter dem Begriff „Scharia“ versteht jeder etwas anderes. Zunächst müßte man erst einmal festlegen, was davon in welchem Kontext übertragbar ist und was nicht.

Wie finden Sie es zum Beispiel, wenn in Iran einem Dieb die Hand abgehackt wird?

Ich bin kein Vertreter der iranischen Regierung.

Aber wie beurteilen Sie das?

Für uns gilt das Grundgesetz.

Finden Sie es richtig, daß in Iran Ehebrecherinnen gesteinigt werden?

Dafür gilt dieselbe Antwort.

Soll jemand, der vom Islam abfällt, getötet werden?

So steht es im Koran. Es bestehen Auslegungen, wonach der Religionswechsel unter das Prinzip der Religionsfreiheit fällt. Wir stehen für diese Freiheit ein.

Sie schreiben in der Islamischen Charta aus dem Jahr 2002, daß Muslime die lokale Rechtsordnung anerkennen sollen. Trotzdem haben Sie sich an dem Prozeß um das Schächten beteiligt, der bis vor das Bundesverfassungsgericht ging. Das bedeutete nicht, die hiesige Rechtsordnung anzuerkennen, sondern sie anzufechten.

Jedem steht es zu, verfassungswidrige Gesetze anzufechten. Es zeigte sich in Karlsruhe, daß wir das richtige Rechtsgespür hatten.

Immer wieder ist von einem europäischen Islam die Rede, der sich im Kontrast zum Islam der Herkunftsländer ausbilden müsse. Was wären denn die größten Unterschiede zwischen beiden Spielarten des Islam?

Wir können uns in Europa an die europäische Lebensweise anpassen, ohne die Grundsätze des Islam aufgeben zu müssen. Das Verhältnis von Mann und Frau und die Teilhabe von Frauen an der Gesellschaft müssen im europäischen Kontext neu definiert werden, aber das wäre kein Widerspruch zum Koran. Der Islam muß in jedem Land anders ausgelegt werden. Wir sprechen allerdings nicht von einem europäischen Islam, sondern von einer europäischen Lebensweise der Muslime.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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