Labour fordert Rücktritt

Britischer Bildungsminister wegen guter Abiturnoten in Bedrängnis

Von Oliver Kühn
12.08.2021
, 20:44
Gavin Williamson im September 2020 im Unterhaus
Die Abiturnoten sind in Großbritannien besser als vor der Pandemie. Es gibt jedoch große Unterschiede zwischen staatlichen und privaten Schulen. Die Opposition lastet das der Regierung an.
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Der britische Bildungsminister Gavin Williamson steht derzeit unter Feuer aus der Opposition, und zwar nicht wegen schlechter Abiturnoten, sondern wegen zu guter Ergebnisse. Am Dienstag sind in den drei Landesteilen England, Wales und Nordirland die Schulabschlussergebnisse ausgegeben worden und wesentlich besser ausgefallen als im vergangenen Jahr, wo es schon eine deutliche Verbesserung zu 2019 gegeben hatte. In diesem Jahr haben fast 45 Prozent aller Schüler ein A* oder A erreicht, also die bestmöglichen Ergebnisse. 2020 waren es 38,5 Prozent und im Jahr davor rund 25 Prozent.

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Der Trend zu besseren Noten setzte sich auch am Donnerstag fort, als die Abschlussergebnisse der Mittelstufe ausgegeben wurden. Zu dem Anstieg der sehr guten Abschlüsse könnte der Umstand geführt haben, dass in diesem und im vergangenen Jahr die Abschlussprüfungen wegen der Pandemie abgesagt wurden und die Schüler stattdessen von den Lehrern anhand der Leistungen über das Schuljahr hinweg bewertet wurden.

„Williamson hat Angst“

Die Kritik der Opposition am Bildungsminister entzündet sich vor allem am starken Unterschied zwischen den Ergebnissen privater und staatlicher Schulen. Während Erstere eine Quote von 70 Prozent der besten Noten aufweisen, haben in den staatlichen Schulen rund 40 Prozent der Schüler diese Zensuren erreicht. 2019, im letzten Jahr vor der Pandemie, hatte der Unterschied noch 20 Prozentpunkte betragen.

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Für den Labour-Vorsitzenden Keir Starmer ist das Grund genug, den Rücktritt Gavin Williamsons zu fordern. Er wirft der Regierung vor, zu diesen ungleichen Ergebnissen beigetragen zu haben. „Das Markenzeichen dieser Regierung ist, dass, wo immer es eine Ungleichheit gibt, sie diese vergrößert“, sagte Starmer am Mittwoch der Zeitung The Guardian. Williamson hätte von Premierminister Boris Johnson „schon vor langer Zeit“ entlassen werden müssen, so Starmer.

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Dass Johnson das tatsächlich erwägt, berichtet die Zeitung The Times unter Berufung auf einen ungenannten Abgeordneten der Konservativen. Williamson habe Angst davor, rausgeworfen zu werden, sagt er demnach. Der Bildungsminister „läuft herum und erzählt allen, dass er weiß, wo die Leichen vergraben sind“, und dass der Premierminister zu schwach sei, ihn zu entlassen, zitiert die Zeitung den Abgeordneten.

Nach welchen Maßstäben soll benotet werden?

Williamsons Stellung ist durchaus prekär. Während der Pandemie stand er öfters in der Kritik, weil er keine vernünftige Strategie für die Schulen gehabt habe. Dazu kam seine Idee, die Abschlussnoten, die die Lehrer im vergangenen Jahr vergeben hatten, von einem Algorithmus überprüfen zu lassen. Nachdem das jedoch zu schlechteren Ergebnissen geführt hatte, musste die Methode zurückgezogen werden. Zudem hat er sich vor Kurzem einen öffentlichen Fauxpas geleistet, als er erzählte, er könne sich noch gut an die Freude erinnern, die er hatte, als er seine Abiturnote bekommen habe. Er musste dann jedoch zugeben, dass er sich nicht an seine konkreten Zensuren erinnern kann.

Die Times liefert auch gleich einen möglichen Nachfolger für Williamson. Boris Johnson spiele mit dem Gedanken, die Staatssekretärin für Gleichstellung, Kemi Badenoch, zu befördern. Die hatte sich in der Vergangenheit vor allem dadurch hervorgetan, dass sie – als schwarze Frau – die Regierung und das Land lautstark gegen Rassismusvorwürfe verteidigte. Konservative Abgeordnete geben im Guardian jedoch zu bedenken, dass ihr Name wohl von ihren Gegnern ins Spiel gebracht worden sei, um jetzt schon auf ihre Schwächen hinweisen und sie so als Ministerin verhindern zu können.

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Die Diskussion über die Abschlussnoten wird in jedem Fall noch weitergehen und auch einen möglichen nächsten Bildungsminister beschäftigen. Wie die zuständige Regierungsbehörde schon im Januar mitteilte, sei das Ziel, nächstes Jahr zu Abschlussprüfungen zurückzukehren. Damit stellt sich dann allerdings die Frage, nach welchen Maßstäben diese bewertet werden sollen. Eine Rückkehr zu den Zahlen von vor der Pandemie erscheint vielen als ungerecht, gerade da möglicherweise Abiturienten des nächsten Jahres noch mit jenen aus diesem Jahr um Studienplätze konkurrieren. Außerdem werden auch diese mit den Auswirkungen der Pandemie auf ihre bisherige Bildungsbiographie zu kämpfen haben. 2020 und 2021 konnte das mithilfe der individuellen Bewertung durch die Lehrer zumindest etwas abgefedert werden, bei den Tests wäre das nicht mehr möglich.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kühn, Oliver
Oliver Kühn
Redakteur in der Politik.
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