Geflügelkunde in Afrika

Wie wir dem Häuptling vergeblich ein Huhn schenken wollten

Von Jan Grossarth
27.07.2018
, 13:44
Dies ist ein freilebendes Huhn im sambischen Dorf Nkolemfumu.
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Wir waren in Afrika. Wir versuchten, dem Häuptling zwei Broiler zu bringen. Wir kauften sie, er lehnte ab – und wir lernten alles, was man über Hühner wissen muss.

In Sambia gibt es zwei Arten von Huhn. Die eine heißt „Broiler“, die andere „Village Chicken“. Broiler sind die Hühner, die schnell den Hunger der Menschen stillen, und der Hunger in Sambia ist groß. Village Chicken hingegen sind die Hühner, mit denen die Menschen ihre Dörfer, ihre Gärten, ihr Leben teilen. Sie laufen frei herum und leben meist ein, zwei Jahre, ehe sie in der Suppe enden.

Broiler sind mattweiß, fett und etwas träge. Die Federn der echten Hühner glänzen bunt. Broiler watscheln satt und dumm durch die Gegend, die echten Hühner springen freudig und schlank. Wer das nicht glaubt, muss auf den Markt der Provinzstadt Kasama fahren, im Nordosten von Sambia. Aber warum eigentlich?

An der Grenze

In unserem Fall war es so: Wir waren als Reporter in einem Dorf etwa eine Autostunde entfernt von der Grenze zu Tansania, weil wir dort recherchieren wollten über das Leben der Bauern. Es war wichtig, dass wir mit dem Häuptling sprechen konnten. Deshalb informierten wir uns über ihn. Er sei ein mächtiger Mann, sagten die Leute am Marktplatz. Er heiße Nkolem, das Dorf sei nach ihm benannt, Nkolemfumu, ach was: die ganze Provinz – „Chiefdom of Nkolemfumu“.

Er sei ein mächtiger, großer Landwirt. Er herrsche über ein Gebiet von gut einhundert Kilometern im Durchmesser. Der Häuptling ist der formale Eigentümer des Landes. Er teilt es den Bauern zu oder nimmt es ihnen. Der Häuptling steht auch dem Dorfgericht vor, das über Fälle von Scheidung, Diebstahl und Hexerei urteilt. Dieses mit dem staatlichen Rechtswesen komplex verknüpfte System hat lange Tradition und lebt in Sambia und anderen Staaten Afrikas in ländlichen Gegenden fort. In der Hauptstadt Lusaka gibt es sogar ein Abgeordnetenhaus, in dem die größten Chiefs Sambias sitzen.

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Hühnerkauf in Sambia
Unterwegs auf einem afrikanischen Viehmarkt
Video: FAZ.NET, Bild: FAZ.NET

In der Bar am Marktplatz des Dorfes trafen wir am Nachmittag einen jungen Mann. Er trug ein violettes Seidenhemd, er war besser gekleidet als die anderen Menschen im Dorf. Er trank schon die erste Flasche Bier („Mosi – vitalisierend wie die Viktoriafälle“). Denn es war Ostern. Und der junge, wohlgekleidete Mann hatte zwei weitere Flaschen Mosi Lager zum Mitnehmen in eine Plastiktüte gesteckt. Er wurde uns als der Neffe des Häuptlings vorgestellt. Er erzählte uns Folgendes:

Um einen Termin beim Häuptling zu erhalten, sollte man ihm als Geschenk zwei Hühner bringen, einen Sack Weizenmehl, zweieinhalb Kilo Bratöl. Die Hühner zu beschaffen war die schwierigste Aufgabe, denn der Häuptling wünschte sich nicht Dorfhühner, die es hier überall gab. Er wünschte sich Broiler, zwei lebende Broiler.

Da fanden wir die Tiere

Bevor wir zurück in die Stadt fuhren, in unser Hotel, bevor wir Bratöl und Weizen kauften, baten wir den Neffen um Anmeldung unseres Besuchs beim Häuptling am kommenden Tag um elf Uhr. Er versprach, dies auszurichten.

Morgens war der Markt von Kasama erst von wenigen besucht. Es roch nach Fett, Fischen und Urin vom Vortag, nächtlicher Regen hatte Pfützen und Schlamm hinterlassen und brachte die Gerüche in den Gassen zum Schwingen. Die ersten Elektronikhändler drehten die Boxen auf, Gemischtwarenhändler kramten chinesische Gartengeräte vor ihre Läden. An einem Platz wurden die lebendigen Tiere verkauft, die wir begehrten.

Diese Hühner kauften wir in Kasama, und so wurden sie verpackt
Diese Hühner kauften wir in Kasama, und so wurden sie verpackt Bild: Frank Röth

Wir wurden schnell bei Joseph Muma fündig. Er ist 45 Jahre alt, gebürtig aus dem Kupfergürtel in Nordsambia, Vater von sieben Kindern, christlich. Er verkauft auf dem Markt morgens die Hühner, die er in einem kleinen, selbstgebauten Stall züchtet. Ein Dutzend Hühner bietet er an, Broiler, mattweiß und zumeist karg befedert.

Vital sahen sie schon hier auf dem Markt nicht aus, es waren ja eben auch Broiler: Nackte Stellen im Federkleid, wohl vom gegenseitigen Federpicken. Manisch nervöse Kreaturen, hässlich und herrschsüchtig. Sie watscheln rastlos durch ihre Käfige, Holzkonstruktionen auf Stelzen, hüfthoch und von Drahtzaun umspannt. Wir wurden handelseinig.

Dann wählten wir die Hühner, die am wenigsten demoliert aussahen. 45 Kwacha oder etwa 3,80 Euro kostet ein Broiler, wir kauften zwei. Muma packte sie beim linken Flügel, schnürte ihre Krallen eng zusammen, steckte sie in eine schuhkartongroße Pappschachtel, in die er zwei Löcher gerissen hatte, aus denen die blauäugigen Tiere ihre Hälse streckten und mit ihren erbarmungswürdigen Schnäbeln nach Luft schnappten.

Es waren Hybridküken

Muma erzählte vom Geschäft mit dem Huhn: Es ist gar nicht so anders als in Westeuropas Massenhühnerindustrie, sehr arbeitsteilig. Die Küken für seine Broiler kommen mit einem Lastwagen, sie haben zehn Stunden Fahrt hinter sich, wenn sie in Kasama ankommen. Hier kauft der Züchter ein Eintagsküken für 6 Kwacha. „In Lusaka, wo die Brütereifabrik ist, ist es billiger, da kosten sie 4 Kwacha.“ Das weiß er, weil er eine Hotline für Farmer angerufen hat, die aktuelle Preise für Eintagsküken, Kraftfutter und lebende Broiler durchsagt. Manchmal lohnt es sich, in die nächste Stadt zu fahren und dort Küken einzukaufen.

Die eintägigen Broilerchen kommen vom Konzern Zambeef, es sind Hybridküken, die extrem schnell wachsen. Der Bauer kauft von Zambeef auch das Kraftfutter: „Starter“ für die ersten Tage, „Grower“ für das schnelle Wachstum, „Finishing“ für die letzten Tage vor der Schlachtung. Vermutlich sei darin weniger Chemie, meint der Bauer, ohne diesen Gedanken näher zu erklären. Sein unternehmerisches Kalkül ist wie folgt: Alles in allem mästet er in seiner kleinen Massentierhaltung 150 Broiler, mit jedem verdient er umgerechnet 50 Cent; an guten Tagen verkauft er zwanzig, dreißig am Tag, an schlechten fünf; dann, wenn die Leute am Monatsende ihr Gehalt aufgebraucht haben.

Mit den „Village Chickens“ ist es völlig anders als mit den Broilern. Sie kommen aus den Dörfern. Hier gibt es keine Lieferkette und keine Industrie. Die Küken schlüpfen im Dorf, die Hühner leben ein Jahr oder zwei im Dorf, sie sind wie eine natürliche Geldanlage der vielen Millionen Kleinbauern. Nur wenn sie Geld brauchen, zum Beispiel für die Schulen ihrer Kinder, verkaufen sie einige „Village Chickens“ an einen Händler. Das erzählt ein anderer Verkäufer, zwei Stände von Muma entfernt. Er verkauft „Village Chickens“. Ihre Federn glänzen in der Morgensonne. Der Mann mästet die Tiere nicht, sondern kauft sie vom Händler. Er zahlt für einen Hahn 80 Kwacha, und er verkauft ihn für 85 Kwacha weiter. Wir nehmen einen, den uns der Mann in einem kleinen Pappkarton aushändigt.

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Auf halber Strecke ins Dorf befreiten sich die Hühner, deren Transportbehältnisse im Kofferraum lagen. Zum Glück wusste unser Übersetzer, wie man mit Hühnern umgeht; er packte kräftig zu, es gab kurzes, übelriechendes Gezappel; schließlich war der Karton, der auf einigen Stangen Zuckerrohr lag, mit zwei Gummistiefeln fixiert.

Dann erreichten wir Nkolemfumu. Nun würde sich der Häuptling sehr freuen müssen. Aber es kam anders.

Leute am Marktplatz informierten einander, dass wir zum Chief wollten, und so geriet die Information auch an Ignatius Warlya. Er trug Lederschlapphut und ein weißes Shirt. Ernst trat er auf uns zu und gab uns die Hand. Er wurde uns vorgestellt als Minister des Häuptlings. Ignatius Warlya erzählte, er arbeite seit achtzehn Jahren für den Häuptling und sei einer von zwanzig Ministern. Der Häuptling habe auch mehrere sogenannte Indunas, Berater. Außerdem zählten zwei staatlich geprüfte Hexenermittler zu seinem Fachpersonal.

Der Häuptling fordert nichts

Der Häuptling verlangt von den Bauern keine Abgaben für das Land. Es ist aber üblich, freiwillig etwas zu geben, erzählten die Leute im Dorf: Hühner in der Regel. Ich fragte mich, was der Häuptling mit all den Hühnern machte. Es gibt in seinem Herrschaftsbereich ja Zehntausende Bauern. Aber der Häuptling hat auch mit mächtigeren Interessentengruppen zu verhandeln; zum Beispiel hat er zu entscheiden, ob Investoren Land bekommen: saudische Agrarinvestoren, chinesische Baufirmen. Oder ob westliche Hilfsorganisationen ins Land dürfen. All das steht in der Macht des Häuptlings von Nkolemfumu, der sich von uns zwei Broiler wünschte.

Der Minister wies uns an, einige hundert Meter weiterzufahren; vor einer Schranke hielten wir. Das sei das Haus des Häuptlings. Wir hätten zu warten.

Danach beginnen schon die weiten Felder.
Danach beginnen schon die weiten Felder. Bild: Daniel Blum

Nun, während die Hühner hinten röchelten und nach Soja, Federstaub und Kot stanken, erlahmte die Zeit. Nichts passierte. Es gab Probleme. Schließlich kam der Minister auf das Auto zu und blickte auf den staubigen Boden. Er öffnete die Tür, sagte, der Häuptling sei nicht da. Seine Frau sei zwar im Haus. Aber sie verwehre uns den Eintritt, weil sie nicht informiert worden sei. Sie habe von unserem Anliegen aus anderen Quellen gehört, aber habe persönlich informiert werden wollen. Sie sei beleidigt. Keine gute Situation. Der Minister ging.

Die Broiler brachten wir schließlich zu einem Kleinbauern, einem armen, freilaufenden Mann mit vielen Kindern und harter Arbeit. Der packte sie aus und setzte sie behutsam auf schattigen Grund. Sie wirkten sehr verstört und blieben im Sand sitzen. Dort tranken sie manchmal aus einer Schüssel, die ihnen der mitfühlende Bauer vor ihre Schnäbel gestellt hatte. Über Stunden beobachtete ich sie: Sie röchelten, und wenn sie versuchten aufzustehen, knickten sie schnell wieder zusammen. Der Körper war zu schwer. Oder die Beine waren zu dünn. Irgendetwas passte nicht.

Kleinbauer Kangwa mit einem Hahn.
Kleinbauer Kangwa mit einem Hahn. Bild: Frank Röth

„Ja, so sind die Broiler“, sagte der Kleinbauer mitleidvoll.

Und er sagte: „Ich halte sie immer eine Woche, bevor ich sie schlachte. Wegen der Gesundheit. Sie sind voller chemischer Wachstumsförderer, die müssen sie erst herausschwitzen.“ Es sei interessant, wie sich das Verhalten der nur an relative Dunkelheit und Kraftfutter gewöhnten Tiere verändere in der Woche. Sie verhielten sich, sagte der Bauer, am Ende fast wie normale Hühner. Sie begännen, selbst Futter zu suchen, sie pickten nach Käfern, sie spielten. Sie würden dann integriert in die Gruppe der „Village Chickens“.

Sie brauchen, wenn sie einmal frei sind, gar nicht mehr gefüttert werden, sondern fressen, was sie finden. Sie fressen Würmer. Und ihre Federn, die werden schneeweiß und beginnen zu glänzen. Und gerade dann, wenn sie richtige, integrierte Hühner sind, werden sie geschlachtet. Denn, ja, das war ihr Zweck und der Zweck der Wochenkur: die Entgiftung. Es ist, mit anderen Worten, gar nicht vor allem eine Frage der Genetik, sondern der Kultur. Es geht nicht um das Elternhaus, sondern um die Position in der Fresskette. Genauer: darum, ob das Huhn ein Teil der Fresskette ist oder ob es außerhalb lebt.

Plötzlich, für einen Augenblick, sahen wir am Nachmittag den Häuptling. Es war, als wir vom Fluss Lukulu zu den Maisfeldern draußen in den Sümpfen spazierten. Über eine Staubpiste, die durch das Dorf Nkolemfumu führt, rollte ein silbergrauer, ziemlich neuer Toyota-Jeep. Darin saßen junge Frauen, ein Mann. Sein Gesicht konnten wir nicht erkennen. „Das war der Häuptling“, sagte unser Übersetzer.

Der Kleinbauer hat uns fest versprochen, alles dem Häuptling zu überreichen: den Sack Weizen, das Bratöl und die erbarmungswürdigen Hühner. Ich weiß, dass der Bauer, ein strenggläubiger Christ, nicht lügt.

Quelle: F.A.S.
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