Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Ausbeutung von Migranten

Die Tomate, Afrika und wir

Von David Klaubert
08.09.2018
, 19:36
Erntehelfer während der Tomatenernte auf einem Tomatenfeld in der Nähe des kleinen Ortes Borgo Mezzanone (Apulien, Italien). Bild: Wiesinger, Ricardo
Zusammengepfercht werden sie zu den Feldern gefahren, für zwölf Stunden Arbeit erhalten sie nicht mal 30 Euro Lohn: In Italien nutzt nicht nur die Mafia Migranten aus Afrika als Erntehelfer aus. Geschichten von der globalen Ausbeutung für unsere Tomaten.

Die Bombe

Pasquale Potito erinnert sich noch genau an den Satz, den sein Vater sagte, als das Auto explodiert war. Ein Donnerschlag hatte sie nachts um kurz nach zwei geweckt. Erst dachten sie an ein Feuerwerk, dann sahen sie die Flammen, in der Gasse gleich vor ihrem Haus. Der Fiat Grande Punto von Pasquales Vater brannte lichterloh. Er sagte nur: „Jetzt haben wir das auch hinter uns.“

Pasquales Vater war Gewerkschafter, einer vom alten Schlag. Er kämpfte gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit, ohne Rücksicht auf Verluste, vor allem was ihn selbst anging. Und so hatte er sich auch der Erntearbeiter angenommen, die im Frühjahr 2016 in sein Büro in Ascoli Satriano kamen, seinem Heimatstädtchen in der süditalienischen Provinz Foggia.

Gewerkschafter Pasquale Potito Bild: Ricardo Wiesinger

Die meisten von ihnen waren Rumänen, und sie arbeiteten für Miscia P., einen älteren Herren, den in Ascoli Satriano jeder kannte. P. vermittelte Arbeiter an Landwirte, zum Aussäen, Unkrautjäten und Ernten. In zwei Kastenwagen, so die Arbeiter, lasse P. sie zu den Feldern bringen, jeweils 25 bis 30 zusammengepfercht wie Tiere, und verlange auch noch vier bis sechs Euro pro Fahrt. Vom Tageslohn behalte er mindestens 20 Prozent, so dass sie, selbst wenn sie zwölf Stunden schufteten, nicht einmal 30 Euro verdienten. Mehrere Frauen erzählten, dass P. sie bedränge und zu Sex zwinge, mit der Drohung, ihnen sonst keine Arbeit mehr zu geben, die sie ja so dringend benötigten.

Pasquales Vater erstattete Anzeige, in der Provinzhauptstadt Foggia, denn den Carabinieri in Ascoli Satriano traute er nicht. Die Polizei nahm Ermittlungen auf. Und kurz darauf ging es los: Auf Flugblättern wurde Pasquales Vater eine Affäre mit einer der Rumäninnen unterstellt. Als Pasquale in einer Bar zufällig auf P. traf, zog der wortlos sein Hemd hoch und zeigte ihm die Pistole darunter. Der Anschlag auf das Auto wurde mit einem selbstgebastelten Sprengsatz verübt, Täter unbekannt. Wenige Monate später starb Pasquales Vater an einem Herzinfarkt. „Die Arbeit stand für ihn immer an erster Stelle. Für seine Gesundheit hatte er keine Zeit“, sagt Pasquale. Miscia P. schmiss am Tag der Beerdigung ein großes Fest.

Der Bauer

Auch Sanés Vater hat Herzprobleme. Einen Arztbesuch oder Medikamente kann er sich aber nicht leisten. Die Ernte seiner kleinen Farm in Gambia reicht meist gerade, um die Familie zu ernähren. Sie bauen dort Maniok an, Erdnüsse, Mais und Reis. Sané mochte die Arbeit auf den Feldern. Er war gern Bauer.

In den vergangenen Jahren aber dörrte der Wind, der in der Trockenzeit aus der Wüste im Norden kommt, den Boden immer mehr aus. Immer länger mussten sie auf den Regen warten, und wenn er kam, war er oft so stark, dass er alles mit sich riss. Dann reichte die Ernte nicht einmal, um alle satt zu machen. Und so beschloss Sanés Familie, ihn loszuschicken.

Sané verließ sein Dorf, sein Heimatland, zog durch die Wüste, übers Meer. Europa erreichte er an der Küste Siziliens. Von dort wurde er in ein Aufnahmelager in Turin gebracht. Er bekam Taschengeld und ab und zu Italienischunterricht. Nach anderthalb Jahren wurde er weggeschickt, mit einer Aufenthaltsgenehmigung bis zur endgültigen Klärung seines Asylantrags in der Hand, aber ohne Dach über dem Kopf. Ein Freund lieh ihm 50 Euro, so dass er in den Süden reisen konnte, in die Provinz Foggia. Sané hatte gehört, dass es auf den Feldern dort Arbeit gebe.

Das System

Foggia liegt am Sporn des italienischen Stiefels. An der Küste bäumt sich das zerklüftete Gargano-Gebirge auf, dahinter liegt flach und fruchtbar eine Tiefebene, genannt Tavoliere, der Tisch. Olivenhaine reihen sich aneinander, Weinreben und Äcker, auf denen Weizen, Spargel, Melonen, Brokkoli, Zucchini und Artischocken wachsen. Der größte Teil der italienischen Tomaten kommt von hier.

Sané aus Gambia. Fotografieren lassen will er sich wie viele andere nicht. Er hat Angst, dass seine Familie daheim sehen könnte, wie schlecht er in Italien lebt. Bild: Wiesinger, Ricardo

Die Bauern, auf deren Feldern Sané jetzt arbeitet, kennt er nicht. Den Kontakt zum Padrone, zum Herren, sagt er, habe ein Somali, der schon länger in Foggia sei. Vier Euro bekommt er von ihm pro Stunde. Wenn er etwas bekommt. In den vergangenen zwei Wochen, erzählt Sané, habe er in den Weinreben gearbeitet, habe Blätter gezupft, damit die Trauben genug Sonne abkriegen. Auf den Lohn dafür warte er noch immer. Der Somali schiebe es auf den Padrone, und den habe er ja noch nie gesehen. „Was soll ich da machen?“ Einen Arbeitsvertrag hat Sané nicht.

Caporali heißen die Mittelsmänner, die den Kontakt zu den Landbesitzern halten. Manche sind Einheimische wie Miscia P., andere selbst Migranten, die sich hochgearbeitet haben. Sie kommandieren ein Heer von Tagelöhnern, vor allem für die Tomatenernte. Zwar wird ein großer Teil davon von riesigen Maschinen erledigt. Aber die roten Früchte sind wetterempfindlich. Kündigt sich Regen an, muss der Landbesitzer reagieren. Dann braucht er Erntearbeiter, möglichst viele, möglichst schnell. Ein Caporale kann sie ihm besorgen.

Bezahlen lassen sich die Caporali von den Arbeitern. Sie kassieren für den Transport zu den Feldern, oft in überladenen, verkehrsuntüchtigen Minivans, und behalten einen Teil des Lohns ein. Manche verdienen auch noch am Trinkwasser, das die Arbeiter, die oft in der prallen Sonne schuften, ihnen teuer abkaufen müssen. Wer sich beschwert, bekommt keine Arbeit mehr. Da viele keine andere Möglichkeit haben, Geld zu verdienen, ist das ein mächtiges Druckmittel. „Es gibt Fälle“, sagt der Oberstaatsanwalt von Foggia, „da ist die Macht des Caporale über die Arbeiter so groß, als wären sie seine Sklaven.“

Ein Fahrrad bedeutet für die Erntehelfer ein bisschen Freiheit - so können sie selbst zu den Feldern fahren. Bild: Ricardo Wiesinger

Durch die Flüchtlinge aus Afrika, die wie Sané in den vergangenen Jahren nach Italien gekommen sind, hat sich die Konkurrenz auf diesem ausbeuterischen Arbeitsmarkt noch einmal verstärkt. Fünf Euro, vier, drei, zwei: Irgendein Verzweifelter findet sich fast für jeden Stundenlohn. Ein Neuling, ein Hungriger, ein Illegaler, der sich nicht wehren kann. Und es findet sich ein Landwirt, der das ausnutzt.

Den vorgeschriebenen Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde, sagt Daniele Iacovelli, Generalsekretär der Landarbeitergewerkschaft Flai-CGIL in Foggia, bekomme von den ausländischen Erntearbeitern keiner. Egal ob Rumänen oder Bulgaren, ob Nord- oder Schwarzafrikaner. Egal, ob sie von einem Caporale angeheuert werden oder direkt. Insgesamt, schätzt die Gewerkschaft, sind in Italien bis zu 430.000 Landarbeiter, also fast die Hälfte, irregulär beschäftigt.

Die Gettos

Das Dach, das Sané in Foggia zum Schlafen über dem Kopf hat, ist zusammengenagelt aus Sperrholz und Plastikfolien. Ausrangierte Fahrradschläuche geben dem Verschlag Halt, so dass er aussieht wie ein zusammengeschnürter Ballen Müll. Acht Männer leben darin. 25 Euro Miete zahlt Sané pro Monat.

Gettos nennen die Italiener die Siedlungen der ausländischen Erntearbeiter. Allein in der Provinz Foggia gibt es ein halbes Dutzend, versteckt inmitten der Felder. Es sind Gespensterdörfer, die offiziell nicht existieren, so wie viele ihrer Bewohner, die schon seit Jahren ohne Papiere durch Italien ziehen, immer im Rhythmus der Erntezeiten, zu den Tomaten, den Melonen, den Orangen, den Oliven. Und wieder zu den Tomaten.

Im Getto „La Pista“ bei Borgo Mezzanone leben 4000, 5000 Menschen, vielleicht auch mehr. Bild: Ricardo Wiesinger

Im Getto „Ghana House“ leben je nach Jahreszeit bis zu 2000 Arbeiter in verlassenen Einsiedlerhöfen, Westafrikaner vor allem, daher der Name. Benito Mussolini hatte die Höfe einst im Zuge seiner Landreform bauen lassen. Viele sind halb verfallen. Und wo einst eine Bauernfamilie lebte, hausen heute in der Erntesaison 30, 40 Personen, Matratze an Matratze. Fließendes Wasser gibt es nicht. Wer sich waschen will, muss Kanister schleppen – falls noch Wasser in dem Plastiktank ist, den die Caritas alle paar Tage auffüllen lässt.

Das größte Getto zieht sich entlang der Landebahn des ehemaligen Militärflughafens von Borgo Mezzanone. In Baracken, Containern, selbstgebauten Ziegelhütten und Bretterverschlägen leben hier 4000, 5000 Menschen. „Die Piste“ ist ein Slum von der Größe einer Kleinstadt. Überall kokelt Müll. In einer roten Lache liegt ein Schaf mit aufgeschlitzter Kehle und blutet aus: Nachschub für eine Restaurantbaracke. Aus einem Loch fliegt Erde. In drei Metern Tiefe steht ein schwitzender Mann und gräbt noch tiefer. Er hebt die Sickergrube für ein Plumpsklo aus.

Viele der Hütten in den Gettos sind aus Sperrmüll zusammengenagelt. Bild: Ricardo Wiesinger

Der italienische Staat hat die Gettos sich selbst überlassen, aber das heißt nicht, dass sie rechtsfreier Raum sind. Es gilt das Recht des Stärkeren. Und die Stärkeren sind neben den Caporali die Bosse der nigerianischen Mafia. Auf der Piste verkaufen sie Rauschgifte und kontrollieren die Prostitution. „Food is ready“ steht als Erkennungszeichen an den Bordellbaracken. Drinnen warten junge Nigerianerinnen, zehn Euro kostet der Sex. Manche machen es für weniger. Der Druck der Ausbeutung sinkt immer weiter nach unten.

„Make money, not friends“ hat jemand an die Wand einer Hütte geschmiert. „Das stimmt“, sagt Michael, ein bulliger Nigerianer, Spitzname Big Father und nach eigener Auskunft Geschäftsmann seit Geburt. Zum Mittagessen, Maismehl mit Fleisch und Soße, trinkt er gekühlten Vino Spumante Dolce. „Sag mir, was du brauchst! Ich kann es dir besorgen.“ Gebrauchte Schuhe, Klamotten, Matratzen. Sperrholz, Folien und Nägel für eine eigene Hütte, eine Fahrt in die Stadt, ein Fahrrad für etwas Unabhängigkeit – alles im Getto hat seinen Preis.

„Ich versuche, mindestens zehn Stunden am Tag zu arbeiten“, sagt Sané. Dann bleibt, falls er bezahlt wird, manchmal etwas Geld übrig, das er nach Gambia schicken kann. „50 Euro“, sagt er, „sind mehr als 2000 in gambischer Währung.“

Öffnen
Vor Corona
Wie Flüchtlinge in Italiens größtem Slum leben

Die Tomaten

„Oro rosso“ nennen sie in Foggia die Tomaten: rotes Gold. Mehr als zwei Millionen Tonnen werden jedes Jahr geerntet. Die wichtigste Sorte ist die längliche Flaschentomate, die nur hier in der Hitze Süditaliens ihren vollen Geschmack entfalten kann. Ist sie reif, reißen die Erntehelfer die ganzen Stauden aus dem Boden und schütteln die Tomaten in Körbe, die sie dann in größere Transportkisten entleeren. Etwa 375 Kilogramm fassen diese Kisten, pro gefüllter Kiste verdienen die Arbeiter drei bis vier Euro, auch wenn diese Art von Akkord eigentlich verboten ist. Abzüglich 50 Cent für den Caporale. „Das ist der Standard“, sagt Gewerkschafter Iacovelli. „Wir schätzen, dass 70 Prozent der Farmen hier so bezahlen. Mindestens.“ Die Erntehelfer sind wie Minenarbeiter. Bei ihnen bleibt am wenigsten vom Wert des Goldes hängen.

Der Großteil der Ernte wird geschält und zu Dosentomaten verarbeitet, gewürfelt, zu Soßen püriert oder zu Tomatenmark eingedickt. Die Fabriken dafür stehen fast alle in Kampanien, der Region rund um Neapel. Jetzt, während der Hochsaison der Ernte, stauen sich auf der Autobahn dorthin die Tomatenlaster. Die Bauern in Foggia liefern nur den Rohstoff.

Flaschentomaten, die sich ein Erntehelfer zum Essen mit ins Getto „Ghana House“ genommen hat Bild: Ricardo Wiesinger

In den Häfen Kampaniens kommen außerdem jede Woche Containerschiffe mit Hunderten Tonnen chinesischem Tomatenkonzentrat an. Weltmarktführer ist Italien nicht mehr. Vorn liegen China und Kalifornien. Das importierte Konzentrat wird weiterverarbeitet, abgefüllt und exportiert. Viele Konserven gehen in afrikanische Länder wie Ghana – wo sie mit ihren Dumpingpreisen die Tomaten örtlicher Kleinbauern vom Markt drängen.

Gewerkschafter Daniele Iacovelli Bild: Ricardo Wiesinger

In Europa bleibt nur ein kleiner Teil des chinesischen Tomatenkonzentrats. Aber es erhöht den Preisdruck. Und der ist ohnehin groß. Ganz oben stehen die europäischen Supermarktketten, in deren Regalen die Dosentomaten und Tomatensoßen landen. Ihre Marktmacht ist gewaltig. In Deutschland teilen Edeka, Rewe, Lidl und Aldi mehr als 85 Prozent des Lebensmittelhandels unter sich auf. In einem internationalen Vergleich der Nichtregierungsorganisation Oxfam schneiden die deutschen Ketten zudem besonders schlecht ab, was die Transparenz und die Durchsetzung von Menschenrechten bei ihren Lieferanten betrifft.

Von einer 700-Milliliter-Flasche mit passierten Tomaten, die 1,30 Euro kostet, so rechnet der italienische Bauernverband Coldiretti vor, bleibe mehr als die Hälfte bei den Handelsketten hängen. Gut 23 Cent entfallen auf die industrielle Verarbeitung. 13 Cent kostet die Flasche. Nur zehn Cent bekommt der Bauer für das eigentliche Produkt: die Tomaten.

Ehrliche Landwirte würden mit Preisen unter den Herstellungskosten zum Aufgeben gezwungen, sagt Coldiretti-Präsident Roberto Moncalvo. Auch Daniele Iacovelli sagt: „Bei diesen Marktpreisen ist es mit Sicherheit schwer, ordentliche Löhne zu zahlen.“ Der Gewerkschafter sieht aber auch die Bauern in der Pflicht. Anders als etwa in Norditalien gibt es im Süden kaum Kooperativen, die sich um eine gemeinsame Vermarktung ihrer Produkte kümmern. Oder um die Weiterverarbeitung. Die Bauern, kritisiert Iacovelli, täten nichts, um von ihrem Status als Rohstofflieferanten wegzukommen. „Das einzige, was ihnen einfällt: am Lohn der Arbeiter zu sparen. Das ist bequem. Und das Risiko ist gering.“

Der Staat

Um die Ausbeutung besser bekämpfen zu können, verabschiedete das Parlament in Rom schon vor zwei Jahren das Gesetz 199/2016, auch „Gesetz Paola Clemente“ genannt, nach einer italienischen Arbeiterin, die im Sommer 2015 im Alter von 49 Jahren tot auf einem Feld zusammengebrochen war. Die Strafen für Caporali wurden erhöht, die Haftbarkeit der Landbesitzer wurde ausgeweitet.

Auf dieser Grundlage ordnete das Landgericht Foggia im Juni auch Maßnahmen gegen Miscia P. an, den Caporale aus Ascoli Satriano. Es ließ seine Kastenwagen, Bargeld und Bankkonten beschlagnahmen, außerdem das Geschäftsvermögen von zwei Landwirtschaftsbetrieben. Diese hätten, so das Gericht, die von P. vermittelten Arbeiter, unter ihnen einen Minderjährigen, „zu niedrigen Löhnen, in überlangen Schichten, unter erniedrigenden Bedingungen und ohne Arbeitsschutzmaßnahmen“ ausgebeutet. Beide Unternehmen wurden über Jahre mit EU-Subventionen gefördert, auch 2017 noch.

Oberstaatsanwalt Ludovico Vaccaro Bild: Ricardo Wiesinger

Einem Gerichtsprozess musste sich Miscia P. auch zwei Jahre nach der Anzeige noch nicht stellen, das Verfahren läuft. „Ich sehe ihn fast jeden Tag bei uns im Dorf“, sagt Pasquale Potito, der seit dem Tod seines Vaters für die Gewerkschaft UIL arbeitet. Erst vor wenigen Wochen begleitete er wieder vier Arbeiter zur Polizei, die von Miscia P. bedroht worden waren, weil sie ohne dessen Vermittlung direkt für einen Landwirt arbeiten wollten.

„Die Ermittlungen gegen Caporali sind komplex“, sagt Ludovico Vaccaro, der Oberstaatsanwalt von Foggia. Für eine Verurteilung nach dem neuen Gesetz muss eine systematische Ausbeutung über einen langen Zeitraum nachgewiesen werden. Die vier Staatsanwälte, die in Foggia darauf spezialisiert sind, führen parallel gut 40 Verfahren. „Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Vaccaro. „Wahrscheinlich müssten es 400 sein. Oder 4000.“

Für Arbeitsrechtsverstöße, die nicht unter das Caporalato-Gesetz fallen, gewöhnliche Ausbeutung ohne Mittelsmänner also, durch Schwarzarbeit, zu niedrige Löhne und zu lange Schichten, ist das Ispettorato del Lavoro zuständig. In Foggia gibt es für die Kontrolle der gut 40.000 Farmen sechs Inspektoren. Den gesetzlichen Anforderungen zu genügen, sagt einer von ihnen, sei für die Landbesitzer ziemlich einfach. Sie müssten mit den Tagelöhnern nur die in Italien üblichen Rahmenverträge abschließen. Wie viele Stunden die Arbeiter dann auf dem Feld stehen und wie viel Lohn sie bekommen, ist für die Inspektoren nur schwer nachzuvollziehen. Kaum ein Erntearbeiter sagt gegen seinen Arbeitgeber aus. Zu groß ist die Angst, am Ende ganz ohne Geld dazustehen.

Und dann sind da noch Korruption und Vetternwirtschaft. Schon mehrmals, erzählt Sané, sei ihm von den Caporali im Getto ausgerichtet worden: „Morgen kannst du nicht arbeiten. Es wird Polizeikontrollen auf den Feldern geben.“

Die Unfälle

Auf einer Landstraße bei Ascoli Satriano stieß Anfang August ein Kleinbus mit einem Tomatenlaster zusammen. Vier afrikanische Erntehelfer kamen ums Leben. Keine 48 Stunden später krachte ein weiterer Kleinbus auf einen Sattelschlepper. Er hatte ein bulgarisches Kennzeichen und kam von der Tomatenernte. Nur zwei der 16 Insassen überlebten. Alle Opfer waren afrikanische Arbeiter.

Viele der Kastenwagen, mit denen die Arbeiter zu den Feldern gebracht werden, haben bulgarische Kennzeichen, denn dort sind die Hürden und die Steuern niedriger. Bild: Ricardo Wiesinger

Das Entsetzen in Italien war groß. Ministerpräsident Giuseppe Conte, Arbeitsminister Luigi di Maio und Innenminister Matteo Salvini reisten nach Foggia. Sie versprachen, die Zahl der Inspektoren und der Kontrollen zu erhöhen. Salvini erklärte dem Caporalato den Krieg und definierte auch gleich seine Gegner: „Eine Zuwanderung, die außer Kontrolle ist, hilft der Mafia: Wenn nicht Tausende Verzweifelte ankämen, die ausgebeutet werden können, wäre es für die Kriminellen schwieriger, Geschäfte zu machen.“ Er lasse nicht zu, dass die Landwirtschaft in Italien wegen weniger schwarzer Schafe als gesetzlos abgestempelt werde. Außerdem kündigte Salvini an, die Gettos räumen zu lassen – ohne weiter auszuführen, wohin die Menschen dann sollen, die dort leben.

Schon seit Jahren arbeitet sich die Regionalregierung an genau dieser Frage ab. Sie hat Wohncontainer für Hunderte Erntearbeiter angeschafft. Doch viele stehen bis heute auf Halde, weil sich kein Bürgermeister findet, der sie auch nur in Sichtweite seiner Gemeinde aufstellen lassen will. Die Ablehnung gegenüber Migranten wird immer größer, angefeuert auch von Salvinis fremdenfeindlicher Rhetorik. „Ich weiß nicht, was die Italiener von uns halten“, sagt Abdulei Ismail, ein Ghanaer, der auf der Piste lebt. „Aber manchmal glaube ich, sie halten uns für Tiere.“

Und auch direkt nach dem Unfall bei Ascoli Satriano zeigte sich, wie groß die Ablehnung inzwischen ist. Vier der acht Erntearbeiter an Bord des Kastenwagens überlebten, zum Teil schwer verletzt. Aber erst als Oberstaatsanwalt Vaccaro sich persönlich für sie einsetzte, fanden sich Krankenhäuser, die bereit waren, sie aufzunehmen.

Mitarbeit: Lorenzo Di Pietro

Quelle: F.A.Z.
David Klaubert
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
Verlagsangebot
Software-Entwickler/Technischer Berater (m/w/d) im Kontext des Forschungsdatenmanagements
Technische Universität Darmstadt Hochschulrechenzentrum
Senior Software-Entwickler_in (w/m/d)
Technische Universität Darmstadt Hochschulrechenzentrum
Support-Service Spezialist_in (w/m/d) - im wissenschaftlichen Kontext
Technische Universität Darmstadt Hochschulrechenzentrum
Java Entwickler (m/w/d)
Technische Universität Darmstadt Hochschulrechenzentrum
Verlagsangebot
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Lernen Sie
Französisch.
Verbessern Sie
Ihr Englisch.
Lernen Sie
Spanisch.
Weitere Themen
Weitere Themen
Weitere Themen
Weitere Themen
Weitere Themen
Weitere Themen