Dorf in Sambia

So sieht ein Leben ohne Globalisierung aus

Von Jan Grossarth und Frank Röth (Fotos), Nkolemfumu
03.07.2018
, 15:48
Ein Dorf in Afrika. Tomaten, Pilze, Plastikflaschen. Wovon lebt es noch? Und wie ist es mit der Welt verbunden, ganz ohne Internet? Von einem lauten Ort, an dem sich das Leben leise wandelt.

Das Dorf Nkolemfumu beherbergt einige hundert Seelen. Es liegt im Stammesfürstentum Nkolemfumu, das sich über hundert Kilometer im Flachland des nordwestlichen Sambias erstreckt und ungezählt viele Einwohner hat, vor allem Kinder. Der Häuptling heißt Nkole, und Mfumu heißt einfach nur Häuptling.

Es ist der Tag vor Ostern, dem Fest des Neuen. Vieles wird neu, vieles ist Klischee: bunte Frauenkleider, Lehm, Staub und Hitze, Maispflanzen, viele Kirchen. Vieles ist sonderbar, vieles ist gleich: Am Samstag berauschen sich, wie in Großteilen der Welt, schon vormittags fünf Männer in der Bar mit Bier, das hier aus Plastikverpackungen, wiewohl schon aus Glasflaschen kommt. Vor der Bar steht ein älterer chinesischer Spielautomat, dessen Vorderkonsole ein kalifornisches Pin-up-Girl zeigt. Die Männer schauen aus Augen, die gelb sind wie die Fingernägel eines Rauchers und durch die rote Äderchen fließen wie Kupferadern durch die Hügel Sambias.

Ein Marktplatz, ein Schmied, eine Bar. Es sind nur fünf, die trinken. Niemand bettelt, schon gar nicht die schüchternen, misstrauischen Kinder. Die Familien sind hier für einen verfrühten Osterspaziergang. Sie sind bunt gekleidet, manche weiß. Vor der Kirche stapeln sie Holz für das Osterfeuer. Das Osterfeuer gibt es hier seit Jahrzehnten, es kam mit den weißen Missionaren, nicht aber mit den portugiesischen Sklavenjägern des neunzehnten Jahrhunderts und schon gar nicht mit den arabischen, die hier mordend Kinder und Frauen verschleppten und auf diese Weise Nkolemfumu erstmals mit anderen Kontinenten in Verbindung brachten.

Das Bier und der Strom

Hier geht es um die Welternährung. Wovon leben die Menschen in diesem abgelegenen Dorf? Vom Welthandel, oder einfach von ihren Feldern? Neu ist hier das gekühlte Bier. Man braucht dafür elektrischen Strom, einen Kühlschrank. Das Bier kommt aus Lusaka, der Hauptstadt. Von dort fährt es mit dem Lastwagen zehn, zwölf Stunden nach Kasama. Dort verkauft es der einzige Supermarkt weit und breit, die Kette „Shoprite“, oder günstiger Hunderte kleine Läden und Bars. Die Barbesitzer aus Nkolemfumu fahren mit einem der fünf Autos, die es im Fürstentum gibt, nach Kasama und bringen das Bier ins Dorf. Sie haben eine Kühltruhe. Damit sind sie Zehntausenden Bewohnern im Umkreis Jahrhunderte voraus. Ewig ging das Leben im Dorf auch ohne Strom. Man trocknete die Lebensmittel an der Sonne, viel verdarb, und so ist es vielerorts bis heute. Man trank warmes Bier, das die Frauen aus Mais brauten. Erst vor sechs Jahren bauten chinesische Konstrukteure im Auftrag des Staates eine große Stromleitung, sie führt am Rand des Dorfes vorbei. Der Strom kommt von Süden, den großen Staudämmen im Karibasee oder dem Sambesi. Mal fließt er, mal nicht. Dennoch breitet sich der Umgang mit elektrischen Geräten zügig aus: Bügeleisen, Handys, Radios. Smartphones und E-Mail-Adressen gibt es hier zwar noch nicht, aber auch diese technische Revolution wird wohl bald erfolgen. Die Bars am Marktplatz haben das Kühlschrankmonopol. Nur der Kiosk von Felix Kangwa, der hat auch eine eigene Kühltruhe.

Der Kiosk

In dem Kiosk gibt es alles, was man zum Leben braucht. Kaum etwas von dem gab es hier vor fünfzehn Jahren. Der Kiosk brachte gekühlte Limonade. Er brachte auch sehr viel Plastik, er ist das Tor zum Segen petrochemischer Fabriken in fernen Städten. Es gibt Badehosen und Prinzessinnenkleider, Haarspangen und Kinderpuppen, Kindersandalen aus Plastik. Es gibt LED-Lampen, Schulhefte und Taschenrechner, Salz und Pfeffer, Fertigsuppe und Hautcreme. Die meisten Produkte kommen aus Tansania. Kangwa sagt: „Sie sind billiger als sambische Produkte, ich weiß nicht, warum.“ Andere Artikel kommen aus China. Sambisch ist hier nur die Handcreme. Aus Kasama, der nächstliegenden Stadt, stammen nun die Eier, nachdem eine Seuche alle Hühner in Nkolemfumu weggerafft hatte.

Etwa alle zehn Minuten kommt ein Kunde in Kangwas Laden. Meist sind es Kinder, die Limonade für hart erarbeitete fünfzig Kwacha, also rund vierzig Cent kaufen. Kühlung und Transport machen sie so teuer. Ein Arbeiter bekommt ja bloß zwei, drei Euro für einen Tag auf dem Feld. Limonadetrinken ist Verschwendung. „Fünfzig bis zweihundert Kunden habe ich am Tag“, sagt Kangwa, der im Hauptberuf Bauer ist, „sie kommen nicht nur aus dem Dorf, sondern aus zwanzig, dreißig Kilometern Entfernung.“ Der nächste Kiosk liegt siebzehn Kilometer entfernt in der katholischen Mission Mulobola, aber die Waren dort sind etwas teurer. Das wissen die Leute. Kangwas Gewinnspannen sind minimal. An einem Schulheft verdient er umgerechnet vier Cent. Er kauft sie in der Stadt Kasama. Die Kombination aus Maisanbau und Arbitrage ermöglicht ein Leben, das eher besser wird als schlechter.

Der Marktplatz

Nkolemfumu ist nicht wie ein deutsches Dorf, es ist die Miniatur einer Stadt. Hier gibt es Schule, Gericht, Polizei, Läden, Handwerker, Kirchen; hierher pendeln die Leute aus ihren Subsistenzwirtschaften. Es ist ein Ort der Begegnung, ein kultureller Magnet, ein Versprechen. Der Marktplatz ist der Berührungspunkt des Dorfes zur Welt. Kulturell, finanziell, energetisch, stofflich. Es ist der Ort des Austauschs, des Handels. Jeder kleine Laden bringt Hoffnung auf Emanzipation vom Feld, dem Clan und der Armut. Ein Bauernsohn darf jetzt Frisör sein; vierzig Cent pro Haarschnitt, fünfmal am Tag.

Der elektrische Strom brachte dem Dorf auch Musik aus fetten Plastikboxen, zuvor gab es nur Lieder aus Menschenmündern und kleinen Batterieradios. Seit sechs Jahren ist das anders, und es geht Kangwa ehrlich gesagt sehr auf die Nerven. Aus den Lautsprechern der Bar, die zwei Häuser neben dem Kiosk auf dem Marktplatz steht, pulsiert bunter Gospel. Er ist im Dorf zu hören und darüber hinaus, in jeder Gasse, in den Gärten, vor den Kirchen: „Jesus, Son of David, have mercy on me.“ Felix ist ja gläubiger Christ, aber es ist ihm zu laut, und es geht von morgens bis Mitternacht.

Düfte und Blumen

Nkolemfumu hat eine wunderbare Würze, die sich je nach Tageszeit, Feuchte und Sonnenintensität verändert. Die Akazien und der rote Sandboden, auf dem sich stellenweise Pfützen von den Niederschlägen der Nacht gebildet haben, tragen dazu bei. Es ist ein Hauch von Urin, von menschlichem Schweiß; manchmal aufdringlich, aber selten störend. Überall laufen Hühner; ihre Daunen, ihr Kot, der Staub, den sie aufwühlen, mischen sich in die Luft. Die Vegetation erfüllt die Luft mit Düften: Kabanga Sheshe, eine Art Lavendel. Sensele, das weiß blühende Gras. Ichitungulu sieht aus wie wilder Mais; an den Wegen steht meterhohes Elefantengras (Imisanse) und hohe Farne, die Uluputu heißen. Viele Arbeiter stehen an der Hauptstraße und auf den Wegen, an den Pfaden im Sumpf, die Kindern der Schulweg sind oder Erntehelfern der Arbeitsweg, und bekämpfen das wuchernde Gras ständig mit Sensen. In der Luft pfeift Insala Bubewshi, ein Vogel, der Ameisen frisst.

Die Pilzsammlerin

Aus den lichten Wäldern, fünf Kilometer vom Dorf entfernt, kommt eine Pilzsammlerin. Am Weg begegnen wir ihr. Links vom Weg sind Felder, wo Kürbis, Erdnuss, Mais und Cassawa durcheinanderwachsen. Rechts vom Weg lebt eine Familie so, wie hier alle leben, seit vielen hundert Jahren. Zwei Lehmhütten im Wald. Eine zum Schlafen, eine für das Getreide. Dampf über dem Kohleofen draußen, Maisbrei, natürlich Hühner. Diese Hütten sehen aus wie aus einer Phantasie von Henry Thoreau. Sie sehen aus, wie wir uns als Kinder ein Leben im Wald vorgestellt haben. Wie eine Idee romantischer Ökologie: im Schoß der Natur, im Kreislauf jedenfalls, mit ihr stofflich und emotional verbunden. Aber die Pilzsammlerin will weg von hier und schnell ins Dorf gehen, von dem sie sich einige Geldscheine verspricht. Auf dem Kopf trägt sie einen Korb, in den Händen zwei Eimer, darin der Waldpilz Munya sowie Chitondo, das sind Pfifferlinge. Fünf Stunden war Violet Katongo sammeln, vielleicht auch acht Stunden. Sie verkauft die Pilze dann in der Markthalle.

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Die Markthalle

In der Mitte des Marktplatzes steht die Markthalle, die aus Holzträgern und einem Dach aus Ästen besteht. Hier gibt es die Lebensmittel. Violet Katongo verkauft die Pilze am äußersten Stand. Ein kleiner Eimer kostet zwei Kwacha, das sind etwas weniger als zwanzig Cent. Nebenan verkauft Astrida Malama, fünfundvierzig, Tomaten. Vier Stück kosten so viel wie ein Eimer Pilze. Das verstehe, wer will. Sie kommen nicht von Kangwa oder aus dem Dorf, sondern von der Genossenschaft Mapapos. Dort kauft die Händlerin alle drei Tage einen Sack Tomaten für etwa fünfzehn Euro. „Etwa zehn Prozent verfaulen“, meint die Händlerin, den Rest verkaufe sie. An solche Händler verkauften die meisten Bauern ihr Gemüse.

Die Felder und Gemüsegärten

Etwas Land besitzt jeder, und in allen Gärten wächst etwas Mais, Soja oder Gemüse. Die Bauern haben ihre Felder, und sie haben Gemüsegärten draußen auf den Hügeln, die von Sümpfen umgeben sind. Sie verkaufen an Händler: teuer, wenn das Angebot gering ist – billig, wenn Erntezeit ist und es Tomaten, Eierpflanzen und Süßkartoffeln in großen Mengen gibt. Kangwa zum Beispiel bekommt fünfzehn bis zwanzig Euro für einen Sack Tomaten, zehn Cent für einen Chinakohl, vier Euro für einen Sack Süßkartoffeln, zwanzig Cent für einen Plastikbeutel Eierpflanzen. Alle Samen kaufen die Bauern im Agro-Shop, mit Ausnahme von Chinakohl und Rape, einem Gemüse, das die Sambier oft zum Maisbrei essen und dessen Samen die Bauern selbst züchten.

Der Agro-Shop

Razerous Katongo, selbst Farmer auf einem Hektar Land, ist Eigentümer des Agro-Shops, der direkt am Marktplatz liegt. Alle Bauern kaufen bei ihm – nur den Mais nicht, dessen Produktionskette staatlich organisiert ist. Also: Tomatensamen, F1-Hybride, African Seed Company (Tansania). Die Zehn-Liter-Pestizidspritze aus Plastik (China). Eierpflanzen-Samen für einen achtel Hektar, achtzehn Euro (Zambian Seed Company). Wichtiger noch: das Insektenvernichtungsmittel „Bolt 315,4%“ (China). Wirkstoff: „Chlorplyrifos & Lambda-Cyhalothrin“. Wenn dieses Mittel fehlt, kann der Armee-Wurm ganze Felder abfressen. In Dörfern, die keinen Agro-Dealer wie Razerous Katongo haben, fliegt bei Bedarf die sambische Armee ein und sprüht das Insektizid aus Flugzeugen. Bei Razerous Katongo zahlen die meisten mit staatlichen Gutscheinen. Wer die erhält, entscheiden lokale Genossenschaften.

Der Palast und das Gericht

Die Chefs der Genossenschaften sind mächtig, noch mächtiger ist der Häuptling. Der Palast des Häuptlings Nkole ist nicht zu sehen, er liegt versteckt weit hinter einer für die meisten Besucher verschlossenen Schranke. Nkole steht auch den Bürgermeistern der vielen Dörfer im Stammesfürstentum vor. Er verteilt nach alter Sitte die Landnutzungsrechte an Bauern, an Investoren aus arabischen Ländern oder aus China. Er fährt einen silbergrauen Toyota, hat zehn Minister und sitzt dem lokalen Gericht vor, das Fälle von Diebstahl und Hexerei verhandelt. Auch das Gericht ist nahe dem Marktplatz zu finden. Der Richter, ein junger Mann in Weiß, erzählt von der Hexerei: „Es gibt schwarze Magie. Schadzauber mit Haaren des Opfers sind sehr gefährlich. Wir verhandeln zehn, zwölf Fälle am Tag, oft geht es um Schadzauber.“ Nachbarn klagten einander öfters an. „Es gibt schwarze Magie. Es gibt Hexen. Das steht ja bei Paulus in der Bibel“, sagt er.

Die Kirchen

„Der Name Jesu ist gut! Er gibt mir Freude – Halleluja!“ Der Gospel vom Marktplatz ist auf dem Vorplatz der katholischen Kirche gut zu hören. Frauen in Weiß singen hier aber auch selbst. Der Priester kommt im Kleinwagen. Er ist nur dreimal im Jahr hier. Ein großer, dürrer älterer Mann lässt sich von ihm segnen; der Körper des Mannes macht eine zuckende, schlängelnde Figur. Der Mann schaut zum Himmel, öffnet die Augen weit und strahlt wie entrückt. Vielleicht ist er krank, vielleicht wieder gesund. Das Osterfeuer wird entzündet, es wird Nacht.

Der Gottesdienst beginnt mit einer Stunde Verspätung, weil so viele ihre Sünden beichten müssen. Drei Stunden Gottesdienst, am nächsten Morgen wieder drei Stunden und dann an jedem Sonntag und mehrmals in der Woche. Drei Stunden, und die Kinder sitzen ohne Murren still. Stille wechselt sich mit Trommeln und Gospeln und Tänzen ab. Für viele heilige gibt es in der Kollekte eigene Spendenboxen. Ich spende dem Heiligen Antonius. Das arme Kind in der Vorderreihe schaut mich an wie einen Hexer. Es gibt in Nkolemfumu mehrere Kirchen. Die Adventisten zelebrieren auch Teufelsaustreibungen. Die Gemeinde betet, alle gemeinsam, für die Sünder, und es kann sein, dass die bösen Geister aus deren Mündern herausströmen, schreiend, brüllend, zuckend wieder in die Luft fahren und sich in irgendeinem Tier, im Fluss oder in einem Menschen wieder einnisten, um die göttliche Schöpfungsordnung von Neuem ins Ungleichgewicht zu bringen.

In der Nacht

Um acht Uhr schlafen die Kinder, um neun Uhr die Bauern. Aber seitdem der elektrische Strom ins Dorf fließt, ist das manchmal anders. Jetzt gibt es Glühbirnen und Röhrenfernseher. Wer einen hat, schaut internationalen Fußball, Bollywoodfilme und weltpolitische News. Wichtig ist das Abendgebet. Und wenn die Kinder schlafen, geht der Dank an Gott weiter, denn die Gospels vom Marktplatz dringen durch die glaslosen Fenster. Dann lernen manche Kinder im Licht der Glühbirnen noch Rechnen und Englisch. Die besten Schüler dürfen von einem Leben in einer Stadt träumen. In einer großen, florierenden sambischen Stadt.

Quelle: F.A.Z.
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