Fairer Handel

Fairtrade? Bio? Für viele Kaffeebauern sind die Siegel ein Unglück

Von Marius Hasenheit
31.08.2018
, 13:50
Kaffeeplantage bei Arusha, Kaffeepflücker füllen die Kaffeebohnen in Säcke.
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Siegel und Zertifikate sollen Kaffeebauern helfen, doch haben sie ihre Tücken. Afrikas Bauern suchen lieber den direkten Weg zum Kunden in Europa.

Paul Maier sitzt in einem hippen Café in Berlin-Kreuzberg, in denen die Kundschaft englischsprachig und die Möbel wenige sind. Er trinkt einen Americano. Es gibt hier auch viele andere Kaffeespezialitäten mit ausgefallenen Namen, und natürlich wird der Kaffee vor Ort geröstet. Maier arbeitet für das Café, das den Namen Kaffeekirsche trägt, er verkauft hier Kaffee, röstet ihn und verkostet für den Einkauf auch Proben von Kaffeehändlern.

Der Spezialitäten-Kaffeemarkt boomt, und welche Sorten gerade nachgefragt werden, weiß Meier. Es interessiert ihn auch privat: Paul Maier stammt nämlich aus Tansania, wo er inzwischen eine Kooperative von Kaffeebauern leitet. Seine Eltern führen dort schon lange eine Kaffee-Farm. Als Maier beschloss, im Heimatland seines Vaters, in Deutschland, industrielle Biotechnologie zu studieren, war sein Ziel, sich vor allem mit diesem Rohstoff auseinanderzusetzen.

Als Baristameister nach Tansania

Dieser Wunsch wurde zunächst enttäuscht. Sein Studium in Ansbach zielte vor allem auf den Pharmabereich ab. Aber das Studium brachte einen wertvollen Kontakt – zu einem Baristameister, Thomas Schweiger. Bei ihm machte er eine Ausbildung zum Barista, zum Kaffeeröster und -koch. Beide reisten gemeinsam in den tansanischen Heimatort Maiers und verkosteten dort Kaffee.

Daher weiß er nicht nur, wie Kaffee schmeckt, sondern kennt auch die Lage der Bauern. Die Maiers luden in Tansania ihre Nachbarn ein, die größtenteils selbst kleinere Kaffeeplantagen bewirtschafteten und auch auf der maierschen Farm aushelfen. Viele der Bauern tranken bei der Verkostung das erste Mal ihren eigenen Kaffee, der normalerweise über eine Reihe von Mittelsmännern als ungerösteter, grüner Rohstoff exportiert wird. Paul Maier hatte nicht zu viel versprochen: Die Qualität genügte für den Spezialitätenkaffeemarkt. Die Höhenlage und auch die angebauten Sorten eignen sich gut, um Spitzenkaffee zu produzieren. Die Bauern gründeten eine Kooperative, um den Kaffee kollektiv und unabhängig zu vermarkten. „Mwankumbi-Group“ heißt sie. Maier flog zurück nach Berlin, wo er neben seinem zweiten Studium der Agrarwissenschaften Vertriebswege für ebendiese Kooperative entwickelte.

Der Deutsche Paul Maier hilft Kaffeebauern in Tansania.
Der Deutsche Paul Maier hilft Kaffeebauern in Tansania. Bild: Paul Maier

Diese Bedingungen – hervorragende Qualität, einen Kontakt in die europäische Gastronomie – haben die wenigsten der Hunderttausenden afrikanischen oder amerikanischen Kaffeebauern. Die meisten sind vom Weltmarktpreis abhängig. Der schwankt gewaltig. Seit dem Jahr 2014 hat er sich in etwa halbiert und steht nahe seinem Zehn-Jahres-Tief. Denn derzeit gibt es zu viel Kaffee. Letztes Jahr waren Rekordernten in Brasilien ausschlaggebend. Die Tiefpreise führen zu einem Teufelskreis: Viele Bauern sind gezwungen ihre Betriebe stark verschuldet aufzugeben oder, wenn möglich, auf alternative Agrarprodukte umzusteigen.

Eine andere Möglichkeit ist die Umstellung auf Zertifikate wie „bio“ oder „fairtrade“. Inzwischen sind etwa 40 Prozent des global angebauten Kaffees in irgendeiner Form zertifiziert und damit ökologisch oder sozial nachhaltiger angebaut als Durchschnittskaffee. Hat sich aber dadurch die Situation der Bauern verbessert? „Es kommt darauf an, was hinter der Zertifizierung steht“, sagt Manuel Blendin, der Geschäftsführer des Handelsnetzwerks Forum Fairer Handel, „wir empfehlen eine Kombination von bio und fair.“ Diese Kombination wiederum ist selten im Kaffee der Deutschen zu finden.

Knapp fünf Prozent des in Deutschland verkauften Kaffees sind mit einem Fair-Handel-Siegel ausgezeichnet – davon haben drei Viertel zusätzlich ein Bio-Zertifikat. Über die Frage, ob es den Bauern, die zertifizierten Kaffee produzieren, bessergeht als ihren konventionellen Kollegen, wird seit Jahrzehnten gestritten.

Neue Ergebnisse gibt es von Thomas Dietz, Professor an der Universität Münster. Er untersuchte im Rahmen des Forschungsprojektes „Trans Sustain“ die Wirksamkeit von Kaffeesiegeln und kam dabei zu einem ernüchternden Ergebnis: „Ich bin sehr skeptisch, ob sich Nachhaltigkeit und Lebensmittelversorgung mit Hilfe von Siegeln voranbringen lassen.“ Seine Forschungsgruppe befragte insgesamt 1876 zertifizierte und konventionelle Kaffeebauern in Honduras, Kolumbien und Costa Rica.

Dabei fanden sie nur wenige Bauern oder Kooperativen, deren Betriebe sowohl sozial, ökologisch als auch ökonomisch von ihrer Zertifizierung profitierten. In Honduras befragten sie etwa Bauern, die konventionell wirtschaften, und ihre Kollegen, die von Rainforest Alliance, Fairtrade, Fairtrade/Bio, UTZ Certified oder 4C zertifiziert wurden. Überraschenderweise schnitt unter den zertifizierten Bauern einzig die Rainforest-Alliance-Bauern in allen Kriterien gut ab.

Vom Schattenbaum zum Pestizidverzicht

Ursprünglich legte die Organisation einen Fokus auf den Schutz von Regenwald und zertifizierte daher vor allem Bauern, die ihre Kaffeebäume halb beschattet unter größeren Bäumen anpflanzen. Diese Schattenbäume sind inzwischen kein notwendiges Kriterium mehr. Dafür wandten die Rainforest-Alliance-Bauern andere gute Anbaupraktiken an, setzen die Pestizide effektiv ein, arbeiten in Schutzkleidung und nutzten Bio-Dünger sowie Bodenanalysen zur optimalen Düngung. Doch das Potential der Organisation, den Kaffeeanbau nachhaltiger zu gestalten, sei beschränkt: „Sie zertifizieren vor allem Bauern, die schon nachhaltig wirtschaften – so lässt sich kaum Wandel erzeugen“, so Dietz.

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Die anderen zertifizierten Bauern überzeugten jeweils in den Bereichen, in denen ihre Zertifizierung einen Schwerpunkt legt: Die fairtradezertifizierten Bauern besuchten im Schnitt länger die Schule und stellten wesentlich seltener minderjährige Plantagenarbeiter an als konventionelle Bauern. Die fairtrade- und biozertifizierten Bauern arbeiteten ökologischer als ihre nichtzertifizierten Kollegen. Ökonomisch ging es den zertifizierten Bauern jedoch schlechter.

Beide Gruppen hatten nämlich große Ernteeinbußen zu beklagen. „Werden weniger Pestizide eingesetzt, ohne dass biologische Alternativen ausreichend eingesetzt werden, kommt es zu Ernteausfällen. Der höhere Preis für den Kaffee ist dann ein schwacher Trost“, so der Münsteraner Professor.

Hinzu kommt eine für die Bauern riskante Spezialisierung. Wer in die teure Zertifizierung investiert, setzt oftmals voll und ganz auf die Kaffeebohne. Dadurch allerdings sind zertifizierte Bauern von Missernten oder niedrigen Kaffeepreisen vergleichsweise stark betroffen.

Ein weiterer Mangel: Die Kontrollen sind selten. „Wenn von einer Kooperative von tausend Bauern, jährlich 25 – mit Ankündigung – kontrolliert werden, ist das wenig effektiv. Bei Verstößen dürfen die Bauern außerdem in der Regel nachbessern und haben keine Sanktionen zu befürchten“, fasst der Wissenschaftler Thomas Dietz zusammen. Umetikettierung von konventionellen Produkten kommt im Vergleich zu anderen Landwirtschaftsprodukten selten vor. Schließlich übersteigt das Angebot von zertifiziertem Kaffee die Nachfrage. Häufig wird daher sogar zertifizierter Kaffee als konventioneller verkauft. „Letztendlich fehlt so das Geld für einen wirklichen Umbau des Kaffeesektors“, sagt Dietz.

Verarbeitung in Afrika?

Den Markt umbauen wollen auch die zahlreichen lokalen Anbauinitiativen – mittels lokaler Verarbeitung. Der ruandische Kaffee „Angelique’s Finest“ etwa wird, vom Anbau über die Röstung bis hin zur Verpackung, von Frauen im Anbauland produziert – eine Seltenheit. Der meiste Kaffee wird seit jeher nach Deutschland verschifft und hier geröstet.

Damit entsteht hier ein großer Anteil der Wertschöpfung. Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Kaffeeimporteur der Welt. Die hiesigen Röstereien konnten sich auch wegen staatlicher Subventionen etablieren. Lange Zeit entfielen auf die Einfuhr von Rohkaffee weniger Steuern als auf gemahlenen Kaffee. Immer noch ist es für Anbauländer schwer, mit den modernisierten Röstereien und ihrem gewachsenen Netz von Geschäftsbeziehungen zu konkurrieren.

Ein anderer Grund dafür, dass unser Kaffee in Deutschland geröstet wird, und nicht in den Produktionsländern, ist das flüchtige Kaffeearoma. Gemahlener Kaffee verliert diesen schneller auf der langen Reise, weshalb er weniger lang haltbar ist als Rohkaffee. Von den Anbauländern aus gerösteten Kaffee zu exportieren ist demnach schwierig – doch das ist kein Grund, nicht vor Ort zu rösten, weiß Paul Maier: „In Brasilien verlässt der beste Kaffee schon gar nicht mehr das Land, sondern wird in den Kaffeespezialitäten-Shops in den großen Städten getrunken.

Diese Entwicklung könnte auch in Ostafrika eintreten. Langfristig wollen auch wir in Tansania eine Rösterei aufbauen.“ Direktvermarktung und Siegel sind keine Versicherungen, dass bei den Bauern ein fairer Anteil der Wertschöpfung ankommt. Was muss sich ändern? „Wir brauchen mehr Regulierung von der Politik, Geld von der Industrie und Druck von der Zivilgesellschaft“, sagt Dietz. „Nichtregierungsorganisation wie Oxfam waren in den Neunzigern stark auf Kaffee fokussiert, suchten sich dann aber andere Themen. Scheinbar ist das Thema für die Zivilgesellschaft etwas aus der Mode gekommen.“

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Kakaobauern unterstützen
Faire Schokolade - produziert in Ghana
Video: Reuters, Bild: reuters
Quelle: F.A.Z.
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