Welternährung

Ein unentdeckter Brotkorb für Afrika

Von Thomas Daum
30.10.2018
, 15:19
Was könnte hier wachsen? Die Auen des Lukulu River nahe dem Dorf Nkolemfumu in Samiba.
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Die Guinea-Savanne könnte der Ort sein, an dem sich das Ernährungsproblem Afrikas löst. Oder entsteht dort die nächste ökologische Katastrophe?

Stellen wir uns vor, wir wären Mutter Erde und die Kontinente wären unsere Kinder, die wir satt bekommen müssen. Um Nordamerika und Europa müssten wir uns kaum sorgen, Asien wüssten wir auf einem guten Weg, aber Afrika würde uns Sorgen bereiten. Hier sind 23 Prozent aller Menschen von Unterernährung betroffen, und die Bevölkerung wächst – bis 2050 um eine Milliarde, bis 2100 um 3 Milliarden Menschen.

In Afrika wird sich entscheiden, ob wir die Welt ernähren können. Um den Wettlauf zu gewinnen, fordern einige Agrarökonomen Afrikas Guinea-Savanne "umzubrechen". Der gewaltige Bogen der Savanne reicht von Sierra Leone in Westafrika bis in den Sudan im Osten, schwingt sich von dort weit nach Süden bis Moçsambique und Sambia und erreicht in Angola wieder den Atlantik.

Ein Viertel der globalen Ackerflächen

Die Weltbank spricht von 400 Millionen Hektar nutzbarem Land. Das wäre ein Viertel der weltweiten Ackerflächen. Die afrikanische Entwicklungsbank fördert die Transformation der Savanne bereits. Als Vorbild dient Brasiliens Cerrado-Savanne: mit angepassten Sojasorten, Kalk und pfluglosen Anbaumethoden für die sauren, erosionsanfälligen Böden gelang hier eine ackerbauliche Nutzung. Brasilien wurde dadurch, mehr noch als durch die Nutzung seines Regenwalds, zum Agrar-Giganten.

Mit einer Umwandlung der Savanne verbänden sich allerdings Fragen. Die erste lautet: wieviel Land wäre überhaupt nutzbar? Orientierung gibt die Zahl der Weltbank - wobei andere deutlich vorsichtiger sind. Jordan Chamberlin vom Internationalen Mais- und Weizenverbesserungszentrum Cimmyt rechnet mit 80 bis 170 Millionen Hektar als Nutzfläche. In seiner Kalkulation bliebe die Baumsavanne von der Umwandlung verschont.

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In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

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Zudem rechnet er mit einer strengeren Schwelle, ab der eine Umwandlung ökonomisch sinnvoll wäre. 20 Millionen dieser Flächen wurden schon von Investoren gekauft. Vom Rest liegt die Hälfte in für Investoren wenig ansprechenden Konfliktgebieten wie dem Sudan und Kongo.Und selbst Chamberlins Zahlen sind vermutlich zu hoch. Chamberlin, wie auch die Weltbank, berufen sich auf Satellitenaufnahmen, auf denen manche Nutzungen kaum zu erkennen sind: etwa Wanderfeldbau, bei dem Böden viele Jahre brachliegen, und Weiderouten von Hirten. Mit anderen Worten: Ein Großteil wird womöglich schon genutzt.

Zweitens stellt sich die Frage: Was wären die ökologischen Folgen? Das hinge von der Bewirtschaftungsmethode ab. Systeme, die Ackerbau, Forstwirtschaft und Weidehaltung kombinieren, wären besser als Monokulturen. Aber selbst die beste Anbaupraxis hätte große Auswirkungen. Manche davon sind kaum erforscht, etwa Effekte auf lokale Regenfälle und Wasserkreisläufe. Vorhersehbar sind hingegen die Auswirkungen auf die Biodiversität.

Vorbild für unberührte Savanne? Geitredeanbau rund um eine Tierfarm im Norden von Sambia.
Vorbild für unberührte Savanne? Geitredeanbau rund um eine Tierfarm im Norden von Sambia. Bild: Frank Röth

In einem Artikel für die britische Zeitung „Guardian“ warnt Erik Solheim, Leiter des Umweltdepartments der Vereinten Nationen (UNEP), eindringlich davor, Afrika in eine gigantische Farm zu verwandeln. Er befürchtet ein ökologisches Desaster. Solheim verweist auf die UNEP-Studie „Elefanten im Staub“, laut der bereits heute 30 Prozent der Elefantenhabitate durch die urbane und landwirtschaftliche Expansion gefährdet sind. Für Löwen sieht es ähnlich aus.

Es gibt aber noch andere ökologischen Auswirkungen. Der „Albedo“ misst eine davon. Diese Zahl zeigt an, wie viel Sonnenlicht Oberflächen reflektieren. Das Arktis-Eis etwa hat einen hohen Albedo, es strahlt viel Sonnenlicht zurück. Schmilzt das Eis und bilden sich Wasserpfützen, dann heizt sich die Erde schneller auf.

Wäre nur das Klima nicht

Mit Blick auf eine großflächige Umwandlung der Savanne könnte es einen ähnlichen Effekt geben und damit eine Bedrohung für das Weltklima. Und sogar eine zweifache, weil Savannen natürliche Kohlenstoffsenken sind und seit Millionen Jahren Kohlenstoffe speichern.

Durch eine Umwandlung könnten diese freigesetzt werden, warnen Forscher der Universität Princeton in einem Artikel für „Nature Climate Change“. Sie empfehlen, nur Gegenden mit niedrigen Kohlenstofffreisetzungen und „Biodiversitätskosten“ umzuwandeln. Manchen Ökologen gehen solche Überlegungen auch deshalb zu weit: Sie nennen die Umwandlung der Savanne schlicht ein Horrorszenario.

Charles Harvey bewirtschaftet früheres Waldland im Norden von Sambia mit Soja. Ist die Intensivierung auch für die relativ nahe Guinea-Savanne ein Vorbild?
Charles Harvey bewirtschaftet früheres Waldland im Norden von Sambia mit Soja. Ist die Intensivierung auch für die relativ nahe Guinea-Savanne ein Vorbild? Bild: Frank Röth

Interessanterweise findet das Thema, trotz der möglichen ökologischen Folgen, unter Nichtregierungsorganisationen kaum Beachtung. Im Vergleich: die Abholzung des Regenwalds führt regelmäßig zu globalen Aufschreien. Woran liegt das? An fehlenden kampagnefähigen Bildern vielleicht. Für den Regenwald gibt es solche Bilder: von Brandrodung, von schweren Maschinen die Baumstämme durchsägen, von Ackerflächen und Straßen, die den Urwald durchschneiden.

Es gibt das Sprachbild der „grünen Lunge der Erde“. Und es gibt Bilder der Schuldigen: Großfarmen, die kein Getreide für Hungerleidende, sondern Fleisch für Dickleibige produzieren. Für die Savanne gibt es all das bislang kaum: starke Bilder – auch wenn sich Elefanten anbieten würden –, kaum überzeugende Sprachbilder, kein klares Feindbild.

Stattdessen gibt es Bilder von hungernden Afrikanern. Die sind ein starkes bildliches Argument dafür, alles zu tun, um die Menschen zu sättigen. Dieses Bild könnte ein Argument sein, die ökologischen Risiken in Kauf zu nehmen und die Savanne umzubrechen. Drittens: Müssen wir Savannen überhaupt umwandeln, um die Welt zu ernähren?

Was könnte hier wachsen? Die Auen des Lukulu River nahe dem Dorf Nkolemfumu in Samiba.
Was könnte hier wachsen? Die Auen des Lukulu River nahe dem Dorf Nkolemfumu in Samiba. Bild: Frank Röth

Hier lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Wenn früher die Bevölkerungsgröße zunahm, schnappte keineswegs ständig eine malthusianische Falle zu, wie es Robert Malthus 1798 vermutete.

Malthus argumentierte, dass die Weltbevölkerung schneller wachse als das Nahrungsangebot. In dieser Folge komme es irgendwann zu Hungerkatastrophen, Verelendung. Allerdings wurde der von Malthus vorhergesagte Punkt nie erreicht. Als der Brite seine Idee formulierte, lebten eine Milliarde Menschen auf der Erde. Heute liegt die Weltbevölkerung bei 7 Milliarden. Trotzdem hungern prozentual so wenige Menschen wie kaum zuvor - dieses Jahr stieg der Prozentsatz allerdings aufgrund von Konflikten erstmals wieder an.

Am Boden wird es sich entscheiden

Warum schnappte Malthus' Falle nie zu? Das lag auch an Flächenausweitung, dem Trockenlegen von Sümpfen und dem Roden von Wäldern (und damit in Deutschland dem Ausrotten von Bären und Elchen). Ein anderer, von Malthus unterschätzter Faktor spielte aber eine wichtigere Rolle: landwirtschaftliche Intensivierung. Beispielsweise können Bevölkerungen, um mehr zu produzieren, von Wanderfeldbau auf eine ständige Kultivierung umsteigen. Eine solche Intensivierung braucht allerdings Anreize: Wanderfeldbau benötigt wenig Arbeit, die Böden erholen sich von allein, der Unkrautdruck ist niedrig. Intensivierung erfolgt nur, wenn die Bevölkerungsdichte zunimmt, wenn Flächen knapp werden und der Bedarf an Nahrung zunimmt.

Eine Gruppe amerikanisch-japanischer Wissenschaftler hat gezeigt, dass es für die landwirtschaftliche Entwicklung auch von Bedeutung ist, ob eher der Boden oder eher die Arbeitskraft im Vergleich erschwinglich ist. In den historisch landreichen und dünnbesiedelten Vereinigten Staaten von Amerika war Land günstig und Arbeitskraft teuer – hier wurden deshalb früh Traktoren eingesetzt, die Anreize, Erträge zu steigern, waren relativ geringer. Im landknappen und dichtbesiedelten Japan wurden dagegen früh verbessertes Saatgut und Düngemittel zur Ertragssteigerung eingesetzt, Traktoren kamen später. Die meisten Savannenländer Afrikas haben Bedingungen wie die Vereinigten Staaten – dünne Besiedlung, große Flächen zu einem geringen Preis. Die ökonomischen Anreize sprechen für mehr Landnutzung.

Landexpansion bringt das Erntewachstum

Deswegen verwundern die Zahlen kaum, die eine amerikanische Forscherin kürzlich auf dem Hohenheimer Kongress „Food 2030“ vorstellte. Sie zeigen 4,5 Prozent jährliches landwirtschaftliches Wachstum in Afrika seit der Jahrtausendwende an, von denen 70 Prozent aus Landexpansionen stammen. Die Erträge je Hektar sind hingegen kaum gestiegen. Ein, zwei Tonnen Mais je Hektar. Feldversuche zeigen, dass bis zu fünf Tonnen möglich wären. Und es gibt durchaus Wege, um diese Ertragslücke zu schließen – mit verbessertem Saatgut etwa, Düngemitteln, Pflanzenschutz oder Maschinen. Aber wäre das genug, um auf neues Land verzichten zu können? Oder anders gefragt: Würde das reichen, um die Savanne zu retten?

In einer Veröffentlichung der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften aus dem Jahr 2015 zeigte eine Forschergruppe der holländischen Universität Wageningen, dass man ohne Ertragssteigerungen schon bis 2050 mindestens 100 Millionen Hektar Savannenland umbrechen müsste. Nur wenn man Ertragslücken schlösse, könnte man einen großen Teil erhalten. Wenn man zudem den Rhythmus der Feldbestellung erhöhte, also mehrere Ernten pro Jahr einbrächte, etwa mit Hilfe von Bewässerung, sähe die Lage noch besser aus.

Trocken ist der Boden, groß der Hunger. Diese Straßenhändlerin in Sambia verkauft getrocknete Raupen.
Trocken ist der Boden, groß der Hunger. Diese Straßenhändlerin in Sambia verkauft getrocknete Raupen. Bild: Frank Röth

Viertens: Was, wenn das alles nicht reicht? Welche Nutzungsstrategie für das Savannenland wäre am besten, eine klein- oder großbäuerliche? Diese Frage lässt sich am Beispiel von Sambia, weiter im Süden Afrikas, erörtern. In manchen Gegenden des Landes scheint die Zukunft der Savanne längst beschlossen: Kleinbauern trotzen der Savanne Ackerland ab, vor allem aber fördert die Regierung Farmblöcke - Hunderte Hektar groß, die an aufstrebende Landwirte und Eliten, etwa ehemalige Regierungsbeamte und Lehrer, verkauft werden. Das Land wirbt auch aktiv um ausländische Investoren. Sambia will seine Ökonomie dadurch unabhängig von Kupferexporten machen, es will sich entwickeln, Geld für Schulen und Krankenhäuser generieren.

Von einem Hügel lässt sich zum Beispiel die Farm eines Investoren von oben betrachten: Dutzende kreisrunde Bewässerungssysteme, Traktorschwärme, alles umschlossen von Baumsavanne und schwerer, heißer Luft. Zehntausende Hektar Land hat der Investor gekauft. Nur ein Bruchteil wird genutzt. Die Erschließungskosten sind hoch, es gibt Probleme mit den Maschinen, mit den Ersatzteilen, alles muss von weit hergebracht werden, das dauert, die Straßen sind schlecht, es wird geklaut, und manchmal essen Affen Teile der Ernte.

Der Investor, dessen Name nicht genannt werden soll, bemüht sich um sein Image: Es gibt ein Projekt, um die umliegenden Kleinbauern zu unterstützen, man praktiziert konservierende Landwirtschaft, um die Böden zu schützen. Die Erträge sind ordentlich. Allerdings verkauft der Investor kaum an nationale Märkte. Die geerntete Soja wird als Futtermittel exportiert. Weil es lukrativer ist, wird auch ein Großteil des Maises zu Futter. Sollte dafür die Savanne geopfert werden?

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Felix Kangwa aus Sambia
Video: F.A.Z., Bild: F.A.Z.

Seit einem Jahr begleitet die F.A.Z. den Kleinbauern Felix Kangwa mit Reportagen. Felix Kangwa bewirtschaftet knapp vier Hektar, er führt einen kleinen Laden, er muss nicht hungern. 37 Prozent der Kleinbauern in Afrika geht es anders. Daher gelten tüchtige Kleinbauern wie Felix Kangwa als Entwicklungsmotoren. Sie versorgen Menschen mit Arbeit und Nahrung, wo es keine Industrie gibt. Und wenn ihre Höfe wachsen, entstehen „Überschwapp-Effekte“, weil sie vorwiegend von lokalen Schmieden, Schreinern und Händlern kaufen, die dann auch wachsen.

Aus der Perspektive der Armutsbekämpfung wäre eine Nutzung der Savanne durch solche Kleinbauern am besten. Dazu müsste man allerdings die Infrastruktur ausbauen. Denn Savannenland zu erschließen, Wurzeln und Bäume zu entfernen, Bewässerungssysteme anzulegen, das kostet viel Geld. Und dann müsste man die Kleinbauern noch dazu bringen, umzusiedeln.

Am Ende ist es eine politische Frage. Fördert man die Erschließung der Savanne? Oder hilft man Kleinbauern, Erträge zu steigern, damit man Land unangetastet lassen kann? Keine Entscheidung zu treffen führte wohl zum Umbruch. Eine andere Studie der Universität Wageningen zeigt, dass Länder mit passiver Regierungsführung die landwirtschaftliche Produktion eher durch Landexpansion erweiterten als durch Intensivierung.

Brasilien ist wie ein Vorbild

Es wäre aber zu einfach, den Regierungen die Schuld zuzuschieben – zumal diese sehen, wie Brasilien durch Savannenumwandlung wertvolle Einnahmen generieren konnte. Man muss Alternativen aufzeigen. Für den Schutz des Regenwalds gibt es den „Redd+“-Mechanismus der Vereinten Nationen – der Länder, die darauf verzichten, Wald abzuholen, finanziell entschädigt.

Es gibt Siegel für forstwirtschaftliche Produkte und viele Forschungsprojekte. Für die Savanne gibt es all das nicht. Was es gibt, sind die ersten Elefanten im Staub, den Kleinbauern Felix Kangwa, der schon wieder nicht mehr als zwei Tonnen Mais geerntet hat – und unser Kind, das noch nicht satt ist. Es ist Zeit für eine Debatte.

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Ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.

Quelle: F.A.Z. Woche
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