Race to Feed the World

Kann man Gemüse im Permafrost anbauen?

Von Tirza Meyer, Spitzbergen
26.12.2018
, 10:48
Koch und Gärtner: Benjamin Vidmar in seinem Treibhaus auf Spitzbergen.
Video
Benjamin Vidmar will auf Spitzbergen Gemüse züchten. Zwei der vielen Probleme dabei: die Kälte und die Bürokratie.

Wo hört die Natur auf, und wo fängt der Mensch an? Das lässt sich in Grenzgebieten herausfinden. Es gibt nur noch wenige Orte auf der Welt, an denen die Natur mit voller Wucht gegen den Menschen antritt. Spitzbergen ist ein solcher Ort. Die Inselgruppe in der Arktis warnt jeden, der sie betritt. Der scharfe Wind, der Schnee vor sich her treibt, schneidet in die Ohren.

Benjamin Vidmar kam als Koch hierher, um Touristen zu versorgen. Verlassen will er die Insel als Held. Sein Grenzkampf: Er will dort, wo nichts wächst, Gemüse pflanzen. Auf Spitzbergen gibt es weder Büsche noch Bäume, nur Geröll, Moose und Gräser. Der Boden ist permanent tiefgefroren. Nur wer sich selbst versorgen kann, darf auf Spitzbergen leben. Es gibt kein Sicherheitsnetz, keine Sozialhilfe, keine Altenheime. Nur ein kleines Krankenhaus zur Erstversorgung.

Die Inselgruppe ist ein Paradies für Abenteurer, Forscher, Hundeschlittenfahrer – und Leute mit seltsamen Ideen. Gemüseanbau in der Arktis: „Polar Permaculture“ nennt Vidmar das Projekt. Er hat am Ende von Longyearbyen, dem 2000-Seelen-Ort auf der Hauptinsel, ein kleines Treibhaus gebaut, das aussieht wie ein Iglu. Es leuchtet rosa, wegen des Lichts, das den Pflanzen beim Wachsen hilft. Von überallher droht die Natur einzubrechen. Von unten kühlt der Permafrost, von oben drohen die Berge. Jeden Winter Lawinengefahr, jedes Frühjahr Geröll- und Erdrutsche, wenn die Schneemassen tauen.

Mittlerweile ist es verboten, neue Arten auf Spitzbergen einzuführen, um heimische Pflanzen und Tiere zu schützen.
Mittlerweile ist es verboten, neue Arten auf Spitzbergen einzuführen, um heimische Pflanzen und Tiere zu schützen. Bild: Tirza Meyer

Der Müll kommt aufs Festland, Waren auf die Insel

Als wäre das nicht schon genug, droht auch noch die Verwaltung. Vidmar findet, dass auch die strengen Vorschriften ein scharfer Wind sind. Dafür ist der norwegische Staat zuständig, der die Verwaltungshoheit auf der Inselgruppe hat. Vor 1925 war Spitzbergen ein Niemandsland, Terra nullius. Es galt das Recht des Stärkeren. Fallensteller und Jäger aus England, Holland, Deutschland, Frankreich, Dänemark und Norwegen fuhren mit ihren Booten umher, angelten Fisch und fingen Wale, schossen auf Robben und Walrösser und stritten um die besten Plätze. Das konnte nicht ewig so weitergehen. Seit dem Spitzbergenvertrag von 1925 gehört Spitzbergen zu Norwegen. Der Vertrag sichert aber allen Ländern, die unterschrieben haben, Nutzungsrechte. Die Regeln macht Norwegen. Was die Norweger dürfen, dürfen alle anderen auch.

Essen, Möbel und Autos kommen vom Festland. Per Schiff. Fast 1000 Kilometer müssen im Eismeer von Tromsø bis Longyearbyen zurückgelegt werden. Oft liegt das Frachtschiff bei der Insel Bjørnøya in Lee und wartet auf besseres Wetter. Auf Spitzbergen muss man sich damit abfinden, dass nicht immer alles zu kriegen ist. Umgekehrt wird der Müll der Inselbewohner aufs Festland transportiert. 2015 fielen 1.531.822 Kilogramm Müll in Longyearbyen an. Davon wurden 186.494 Kilo auf Spitzbergen deponiert. Der Rest wurde ans Festland geschafft. Essensreste und Abwasser werden ungefiltert in den Adventfjord gepumpt.

Spitzbergen: Es gibt nur noch wenige Orte auf der Welt, an denen die Natur mit voller Wucht gegen den Menschen antritt.
Spitzbergen: Es gibt nur noch wenige Orte auf der Welt, an denen die Natur mit voller Wucht gegen den Menschen antritt. Bild: Tirza Meyer

Benjamin Vidmar findet es schlimm, dass organischer Abfall im Meer landet und alle Verpflegung vom Festland kommt. Er will mit dem Treibhaus eine Kreislaufwirtschaft ankurbeln. In Barentsburg, einer russisch dominierten Siedlung nur 36 Kilometer südlich, gibt es Treibhäuser, und sogar Schweine wurden dort gehalten. Mittlerweile ist es verboten, neue Arten auf Spitzbergen einzuführen, um heimische Pflanzen und Tiere zu schützen. Wenn die norwegische Verwaltung entscheidet, dass Leute wie Benjamin Vidmar in Longyearbyen ein Treibhaus bauen oder Tiere halten dürfen, dann dürfen das alle anderen Bewohner auf Svalbard auch. Und genau dort liegt das Problem.

Video starten Video
Gemüse aus dem Keller
Die große Ernte
Video: F.A.Z., Bild: F.A.Z.

Menschen sollen nicht weiter in Natur eindringen

Vidmar hat das schon erlebt. Er hatte Wachteln eingeflogen, um Eier zu verkaufen. Eine Zeitlang ging das gut. Dann wurde die Verwaltung auf ihn aufmerksam und verbot die Wachteln. Vidmar versteht das nicht. „Ich darf einen Papagei haben, aber keine Wachteln? Das ist doch verrückt!“ So ist es aber. Haustiere darf man halten, Nutztiere nicht.

Auf Spitzbergen gibt es viele Gebote und Verbote. Wer dort lebt, muss sich an die Regeln halten, muss sich selbst versorgen können, eine Wohnung haben. Platz überhaupt ist ein Problem. Die Norweger achten streng darauf, dass nicht unnötig gebaut wird. Die Siedlung soll nicht weiter in die Natur eindringen. Vidmar hatte deswegen mit seinem Gewächshaus Probleme. Es steht auf unsicherem Grund, die Zulassung ist befristet. Vielleicht muss er es eines Tages abreißen.

Gemüseanbau in der Arktis: Von überallher droht die Natur einzubrechen.
Gemüseanbau in der Arktis: Von überallher droht die Natur einzubrechen. Bild: Tirza Meyer

Die Saison ist im Oktober vorbei, seitdem sind die Pflanzen im Gewächshaus ausgelaugt. Nur noch halbsteife Würmer wühlen sich durch den Kompost. In einem Keller neben dem Treibhaus zieht Vidmar Sprösslinge auf Nährwatte. An der Tür das handgemalte Schild: „Polar Garden“. Hier ist nicht viel los. Ein paar Flaschen mit Nährlösung stehen herum. Auf einem Regal brüten Samen in schwarzen Plastikbehältern. Sie müssen nur ab und an mit einer Blumenspritze bestäubt werden.

Nährlösung statt Muttererde

In einem Lagerzelt unten am Fjord hat Vidmar ein kleines Treibhaus gebaut. Ein Container, der mit Plastikplanen ausgekleidet ist, damit die Feuchtigkeit der Kräuter- und Salatpflanzen nicht in die Wände dringt. Basilikum, Rucola und Salat zieht er hier. Hege Giske, die Frau des Ladenbesitzers in Longyearbyen, kommt einmal am Tag, um die Bewässerungsanlage zu kontrollieren und nach den Zöglingen zu sehen. Der Besitzer des Ladens würde sich wünschen, dass Vidmars Projekt gelingt. Es ist teuer, Gemüse und Kräuter vom Festland zu verschiffen. Bei jeder Lieferung könnten sie verderben – weil das Schiff im Eis stecken bleibt oder weil der Weg vom Ladebauch des Schiffs ins Lager zu weit ist. Bei minus 40 Grad muss das Basilikum nur einen kleinen Windhauch spüren, dann lässt die Pflanze alle Blätter fallen und vergeht.

Der Boden ist permanent tiefgefroren. Nur wer sich selbst versorgen kann, darf auf Spitzbergen leben.
Der Boden ist permanent tiefgefroren. Nur wer sich selbst versorgen kann, darf auf Spitzbergen leben. Bild: Tirza Meyer

Benjamin Vidmar will erkunden, wie man dem Blattgemüse die weite Reise ersparen kann. In dem Treibhaus im Lagerzelt wird experimentiert. Weil es auf Spitzbergen keine Muttererde gibt, müssen die Pflanzen mit einer Nährlösung gegossen werden. Statt in Erde stehen sie auf Zellulosespänen, in Holzwolle und im Kompost, den die Würmer eigens für Vidmar im Polar Garden herstellen. Wenigstens ist der Strom billig, der von den inseleigenen Kohlewerken kommt.

Hege Giske und Ben Vidmar haben noch nicht herausgefunden, was am besten funktioniert. Sollen die Wurzeln permanent von unten mit Wasser und Nährlösung bestäubt werden? Wächst das Basilikum am besten im Kompost oder doch auf Holzwolle? Bisher ist die Ausbeute gering, und Vidmar kann nur eine Handvoll Restaurants beliefern.

Wo soll die Nährflüssigkeit entsorgt werden? Welche Tiere darf man importieren? Wo darf sein Treibhaus stehen? Braucht Longyearbyen das Treibhaus überhaupt? Die Menschen auf Spitzbergen wollen Gemüse essen. Aber Spitzbergen braucht die Menschen nicht.

„Die Leute hier jammern nicht“, sagt Vidmar. „Wir sind im Grenzgebiet. Man muss stark sein, um hier leben zu können.“ Irgendwie lässt ihn das Projekt nicht mehr los. Er würde gerne bald die Insel verlassen. Aber er geht erst, wenn das Treibhaus läuft. Er will der Welt etwas beweisen. „Wenn wir es schaffen, sogar auf Spitzbergen Gemüse anzubauen, gibt es keine Ausrede mehr, das andernorts nicht zu tun.“ Also kämpft er weiter gegen Kälte, Widrigkeiten und Behörden.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Race to Feed the World

Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld

Verlagsangebot