Gefräßiger Maiswurzelbohrer

Ein Schädling von Welt

Von Eva Konzett
14.12.2018
, 16:32
Westlicher Maiswurzelbohrer (Diabrotica virgifera), sitzt auf einem Stein
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Der Maiswurzelbohrer fühlt sich überall wohl, wo es Mais gibt. Seit 30 Jahren verwüstet der Schädling die Ernten auch in Europa. Chemisch-technische Abwehrmaßnahmen lassen ihn ziemlich kalt. Es hilft nur eines: Man muss ihm den Mais wegnehmen.

Die Reise über den Atlantik überstand er wohl im Bauch eines Flugzeuges, vielleicht einer Lockheed C-5, wie es das amerikanische Militär damals nutzte, versteckt irgendwo zwischen den Hilfslieferungen für die Menschen in dem Krieg, der gerade die Grenzen auf dem Balkan blutig neu ziehen würde, neben Carepaketen und Medizinischem Bedarf. Vielleicht hat er auch einen ganz anderen Weg genommen. Ganz sicher kann man es nicht sagen. Fest steht nur, dass er im Sommer 1992 in großer Stückzahl da war, auf einem Acker in der Nähe des Nikola-Tesla-Flughafens in Belgrad: Der Maiswurzelbohrer, lateinisch Diabrotica virgifera virgifera LeConte.

Ein Tier aus der Klasse der Insekten, Ordnung Käfer. Fünf Millimeter groß mit körperlangen Fühlern, einem gelben Halsschild und mit charakteristischen schwarz-gelben Streifen auf den Deckflügeln. Einen Neozoon nennen ihn die Wissenschaftler, ein eingeschlepptes, nicht heimisches Insekt. Einen Schädling nennen ihn die Pflanzenschutzexperten. Die Pest nennen ihn die Bauern, deren Felder er verwüstet.

Auf Serbien hat sich der Käfer nicht beschränkt. Seit 1992 breitet er sich in konzentrischen Kreisen rund um den ersten Fundort aus, kommt pro Jahr rund 20 Kilometer weit und wird oft mitgenommen – als blinder Passagier in Landwirtschaftsfahrzeugen, Privatautos oder Bussen. Der Maiswurzelbohrer hat 1995 Ungarn und Kroatien erreicht, ein Jahr später war er in bosnischen Fallen zu finden. Im Jahr 2002 hat er lautlos die österreichische Grenze übertreten. Die Gefahr, von der man nur gehört hatte und die sich nun zwischen den Fingern der Bauern zerdrücken ließ.

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Wie eine Linie legen sich die Fundorte genau auf den Grenzverlauf zwischen der Slowakei und Österreich. Dann setzte er zum Übertritt nach Deutschland an. Vor elf Jahren fanden Mitarbeiter der bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LFL) die ersten Käfer in den Pheromonfallen. Überraschung war das schon keine mehr: „Wir kannten ja die stark steigenden Fangzahlen in Österreich. Wir wussten, dass der Käfer kommt. Wir haben auf ihn gewartet“, sagt Michael Zellner vom Institut für Pflanzenschutz an der LFL. Die ersten Käfer fanden seine Mitarbeiter in einer Baulücke im Passauer Stadtgebiet, heute hat er sich in ganz Ober- und Niederbayern ausgebreitet, vor allem dort also, wo die Tiermäster Mais als Futterpflanze anbauen.

25.000 Stück gingen dieses Jahr in die bayrischen Fallen. Viermal so viele wie im Jahr zuvor. Achtmal so viele wie vor zwei Jahren. Und: Auch die Zahl der Käfer an den einzelnen Standorten nimmt stark zu. Ähnliches berichtet man aus Baden-Württemberg. Mit einer Anbaufläche von mehr als 2,5 Millionen Hektar ist der Mais nach dem Winterweizen die zweitwichtigste Kulturpflanze auf dem deutschen Feld. Und es ist keine Frage, ob der Maiswurzelbohrer auch Niedersachsen erreichen wird, jenes Bundesland, wo besonders stark Mais angepflanzt wird. Die Frage ist nur wann.

Zwei zu Null für den Käfer

Der Maiswurzelbohrer ist ebenso gefräßig wie wenig liebestoll: Nur eine Generation pro Jahr bringt er hervor. Der weibliche Käfer legt im Herbst die Eier in mehrere Paketen zur Überwinterung im Boden, jeweils 300 bis 400 Stück zusammen, und stirbt. Im Folgejahr schlüpfen Ende Mai die Larven im Maisacker und beginnen ihr Werk: Noch unter der Erde fressen sie die Wurzeln der Maispflanzen an und ab. Bei starkem Befall fressen die Käfer die ganze Wurzelmasse weg. Die Pflanze kann weniger Wasser und Nährstoffe aufnehmen und findet weniger Halt im Boden, sie knickt um. Schafft sie es, sich noch einmal aufzurichten, krümmen sie sich nach oben. Der Mais sieht dann aus wie ein Gänsehals.

Nach der Verpuppung entsteigt der ausgewachsene Käfer dem Untergrund und nimmt sich die Pflanze oberhalb des Bodens vor: Die weiblichen Käfer fressen die Narbenfäden des Maises weg, quasi seine Reproduktionsmaschine, stören den Befruchtungsprozess. Der Kolben hat dann weniger Körner, der Bauer weniger Ertrag. Bei sehr starkem „Käferdruck“, wie sie sagen, kann dieser doppelte Angriff zum Totalausfall führen. In der österreichischen Steiermark hat der Käfer 2014 ganze Ernten vernichtet.

Maiswurzelbohrer fressen eine junge Maispflanzen kurz und klein.
Maiswurzelbohrer fressen eine junge Maispflanzen kurz und klein. Bild: dpa

Es ist kein Kraut gegen ihn gewachsen, so scheint es. Und die Technologie oder Biochemie greifen auch nicht durch, nicht einmal in den Vereinigten Staaten, wo weniger scharfe Bestimmungen zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gelten und auch gentechnisch verändertes Saatgut zum Einsatz kommt. Mit 36 Millionen Hektar Anbaufläche sind die Vereinigten Staaten der größte Maisproduzent der Welt. 70 Prozent der Pflanzen konzentrieren sich im sogenannten Cornbelt, der sich über die sechs Bundesstaaten Iowa, Illinois, Nebraska, Minnesota, Indiana und South Dakota zieht und eigentlich ein Mais-Soja-Gürtel ist.

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Hier säen die Landwirte abwechselnd Mais und Soja auf den Feldern aus, was den klimatischen Bedingung mit heißen Sommern und kalten Wintern, ein bisschen aber vor allem ökonomischen Faktoren geschuldet ist: Das monokulturelle Doppelgespann landet hauptsächlich in den Futtertrögen der Viehindustrie und im Export. Und der Maiswurzelbohrer lebt als ständiger Begleiter mit. Ein „verrücktes Insekt“ und eine „kostspielige Sorge“ der Bauern nennt ihn Manfredo Seufferheld, der Insektenkunde an der State University of Illinois lehrt.

Die Ertragsverluste auf der einen Seite und die „Kontrollkosten“ wie etwa die Insektizide schlagen für die Bauern jährlich mit einer Milliarde Dollar zu Buche. Allein, der Käfer frisst weiter. Der Maiswurzelbohrer habe gegen sämtliche bisher angewendete Verfahren Widerstand geleistet, sagt Seufferheld: Gegen die Pflanzenschutzmittel wurde er immun, und an die gentechnisch veränderten Pflanzen hat er sich ebenso angepasst. Der sogenannte BT-Mais mit eingeschleusten Bacillus-Thuringiensis-Bakterien, die die Larven töten, zeigt sich zunehmend unwirksam. An einer neuen Generation transgener Maissorten, die gezielt die Reproduktionsgene des Käfers ausschalten soll, wird noch geforscht.

Breitere Fruchtfolge statt Monokultur

Muss man den Käfer also hinnehmen? Ist der Schädling, der aus Mittelamerika stammend mit dem Mais um die Welt wandert, der Preis der Globalisierung? Gar der Angriff der Natur gegen eine industrielle Ausbeutung ihrerseits

Gegen viel Insektizide ist der Maiswurzelbohrer mittlerweile Immun geworden.
Gegen viel Insektizide ist der Maiswurzelbohrer mittlerweile Immun geworden. Bild: AP

Der Maiswurzelbohrer hat ein Handicap: Er mag eigentlich nur den Mais. Wo über Jahre auf großen Flächen Maispflanzen ausgesät werden, verbreitet er sich emsig. Werden aber auf den Feldern im Jahreswechsel unterschiedliche Kulturen angebaut, verhungern Larven und sterben die Tiere ab. Deshalb empfehlen die Behörden von der EU-Kommission abwärts bis zu den Regionalstellen der Landwirtschaftskammern als probates Mittel gegen den Schädling die mehrgliedrige Fruchtfolge, also die aufeinanderfolgende Aussaat verschiedener Kulturen auf einem Acker. In der Steiermark, dem Kernland der österreichischen Schweinemast, hat man eine verbesserte Fruchtfolge mittlerweile ins Gesetz geschrieben: Die Schweinezüchter – „Veredler“, wie man sie hier ruft – dürfen nur noch zweimal hintereinander Mais auf einem Feld aussäen. Jetzt pflanzen sie vermehrt Hirse an, im Schweinetrog macht das wenig Unterschied, doch die Bauern – vor allem kleine Betriebe – murren. Denn die Hirse ist weniger ertragreich als der Mais. Der bayrische Experte Zellner würde sich auch auf den bayrischen Äckern eine breitgefächerte Fruchtfolge wünschen. Im Gegensatz zur Steiermark wird im Freistaat nur empfohlen, nach zweimaliger Maissaat eine andere Kultur auszubringen.

Und für solche Freiwilligkeiten spüren die Bauern – ebenso wie in der Steiermark auf die Viehwirtschaft konzentriert – die Schäden noch zu wenig „Wenn unsere Landwirte so weitermachen, dann haben wir bei einem nassen Spätsommer in zwei Jahren große Schäden auch bei uns“, ist sich Zellner sicher. Wer ohne Rotation auf großer Fläche Mais anbaut, öffnet dem Tier Tür und Tor. Der Käfer vermehrt sich exponentiell.

Bei einer Monokultur Mais dauert es in befallenen Gebieten vier Jahre, bis die sogenannte Schadenschwelle erreicht wird, dann übersteigen die durch den Käfer entstandenen wirtschaftlichen Schäden den Ertrag. Wird der Mais nur alle zwei Jahre angebaut, drohen wenig bis kaum Schäden. „Die Fruchtfolge ist das oberste Gebot“, sagt die steirische Pflanzenschutzexpertin Christine Greimel. Gepaart mit flankierenden Maßnahmen wie der Larvenbekämpfung durch Insektizide und Fadenwürmer, hat man in der Steiermark gute Erfahrungen gemacht.

Der bislang verschonte Kontinent

Eine breitgefächerte Fruchtfolge entzieht dem Maiswurzelbohrer sein Futtermittel. Wird sie auf großen Flächen zu eng gesetzt, kann er sich auch darauf einstellen. Er fliegt auf den benachbarten Maisschlag und setzt dort sein Werk fort.

Monokulturen von Mais sind für Maiswurzelbohrer ein Paradies.
Monokulturen von Mais sind für Maiswurzelbohrer ein Paradies. Bild: Picture-Alliance

Und nicht nur das: In den Vereinigten Staaten umgeht der Käfer mittlerweile die monoton gestaltete Fruchtfolge aus Mais-Soja, indem er sich an die Sojapflanze gewöhnt. In den schnurgerade, kilometerlangen Sojafeldern hat der Käfer über die Jahre hinweg ein Enzym entwickelt, das ihn eine Saison lang Sojablätter verdauen lässt. Die industrielle Landwirtschaft – 84 Prozent der Ackerfläche wird mit Mais oder Soja bewirtschaftet – hat innerhalb der Maiswurzelbohrerpopulation enorme Anpassungsleistungen hervorgebracht. Die stärksten Käfer ernähren sich nun eben von Sojablätterwerk, bis wieder Mais zu haben ist.

Eine Milliarde Tonne Mais produziert die Welt pro Jahr, ein Drittel davon allein die Vereinigten Staaten. In den industrialisierten Staaten dient der Mais als Agrarrohstoff, den man verfüttern, handeln oder mit ihm spekulieren kann. Auf dem afrikanischen Kontinent aber findet man ihn als Grundnahrungsmittel, von dem mehr als 300 Millionen Menschen abhängen.

Noch hat der Maiswurzelbohrer die Subsahara nicht erreicht, die UN-Welternährungsorganisation (FAO) rechnet aber damit, dass er sich nach Einschleppung im kenianischen und äthiopischen Hochland ebenso wie in den südafrikanischen Ländern ausbreiten könnte. Was ein Maisschädling in diesen Gebieten anrichten kann, hat vor zwei Jahren der Eulenfalter Spodoptera frugiperda bewiesen. Im Januar 2016 war er erstmals an der westafrikanischen Küste, in Nigeria, aufgetaucht, ein Jahr später hatte er es bis nach Südafrika geschafft. In 28 Ländern hat er, der Mais bevorzugt, aber auch Zuckerrohr oder Hirse frisst, Ernteausfälle in Höhe von mehr als zehn Milliarden Dollar verursacht.

Wie dieser Schmetterling nach Afrika kam, ist ungeklärt. Man glaubt, dass er in einer Maislieferung eines Containerschiffes übergesetzt hat. Oder in einem Frachtflugzeug.

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„Race to Feed the World“ ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“. Mehr auf www.faz.net/feedtheworld

Quelle: F.A.Z.
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