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Lachs für die Welt

Giftige Fischsuppe

Von Tirza Meyer
 - 12:09
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Das Meer schluckt seit Jahrhunderten jeden Dreck. Das Zeug geht unter, wird verdaut und irgendwann wieder hochgewürgt. Manches landet als Müllhaufen oder stinkende Giftmischung an der Küste. Dann kommt die Wissenschaft, Proben werden in Röhrchen gefüllt und in Labore gebracht. Man untersucht, forscht, zieht Schlüsse, verwirft sie wieder und fragt, warum das Meer sich den Magen verdorben hat.

In Norwegen ist ein Streit darüber ausgebrochen, wie viel man dem Meer noch in den Rachen kippen darf. Das Meer schluckt, der Mensch schluckt, und was er schluckt, kommt immer öfter aus dem Meer. Vieles davon aus Aquakulturen, die seit den siebziger Jahren in den norwegischen Fjorden dümpeln.

Produktionsziel: Verfünffachung

Aquakulturanlagen sind runde Netzgehege, die im Wasser schwimmen. Vom Land aus sieht man nur Ringe, die nebeneinander auf der Wasseroberfläche liegen. Darunter gärt und brodelt eine Suppe. Da ist Leben. Da wird vor allem Lachs gezüchtet. Keiner weiß, was die Aquakulturen mit den Fjorden anstellen. Trotzdem hat die Regierung sie zum industriellen Hoffnungsträger erklärt. Die Produktion soll bis 2050 verfünffacht werden. Doch was muss man eigentlich in die Gehege werfen, damit daraus das feine Filet wird, das später als Sashimi auf dem Reiskissen landet?

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Die Hauptzutat in der Aufzuchtsuppe ist der Raubfisch. In der Werbung für Zuchtlachs wird der Fisch manchmal beworben wie ein schnittiges Auto. Dramatische Musik, die Kamera filmt einen glasklaren Flusslauf. Ein Wasserfall wird angezoomt. Da, der König der Fische. In Zeitlupe bricht er durch die Wasseroberfläche. Glänzende Schuppen im Sonnenlicht. Die Schwanzflosse schlägt. Ein Muskelpaket im gigantischen Sprung. Gegen die Schwerkraft den Wasserfall hinauf.

Was hat der Lachs im Aufzuchtbecken mit dem schnittigen Gefährt in der Stromschnelle gemein? Er ist ein Lachs.

Anders als die Kraftmaschine im Wasserfall hat der Aufzuchtlachs in den großmaschigen Gehegen viele Nachbarn und weniger Strömung. Bis zu 200 000 Lachse dürfen in einem Netzgehege gehalten werden. Dazu kommen Putzerfische, die die Lachse von Parasiten befreien sollen, und der Parasit: die Lachslaus.

Die Lachslaus ist ein glitschig-braunes Krebstier. Es saugt sich an After und Kiemen der Fische fest und weidet die Schleimhäute ab. Die Laus ist die Fliege in der Aufzuchtsuppe. Leider lässt sie sich nicht so einfach rausfischen. Im besten Fall sollen die Putzerfische die Laus vom Lachs picken. Damit der Lachs die Putzer nicht frisst, werden Futterkügelchen aus riesigen Rohren in die Becken gepumpt. Hochautomatisch und effizient.

Putzerfische, Futterpellets und die Laus, das sind die Nebenzutaten der Aufzuchtsuppe. Die Suppe brodelt und verkauft sich. Die Einnahmen steigen. Norwegen möchte wirtschaftlich nicht mehr nur vom Öl abhängen. Immer mehr Meeresgründe entlang der Küste werden für Aquakulturen freigegeben. In glänzenden Broschüren wirbt die Industrie damit, den Hunger der Welt zu stillen, oder jedenfalls der japanischen Mittelschicht. Das klingt gut. Wäre da nicht die Laus in der Suppe.

Die Lachse nehmen ein Bad im Insektizid

Die Laus muss geknackt werden. Die Putzerfische können die Läusezahlen zwar verringern, wirklich beheben kann man das Läuseproblem aber nur mit Chemikalien. Pestizide zur Schädlingsbekämpfung. Genau wie in der traditionellen Landwirtschaft. Die Gifte sind tödlich, nicht nur für die Laus.

Es gibt verschiedene Methoden: Man kann die Pestizide füttern oder den Lachs in Läusemitteln baden. Zum Baden werden die Lachse auf ein Boot gepumpt, durch eine Giftmischung geschickt und wieder zurück in die Gehege entlassen. Jeder Lachs, der zurück ins Wasser flutscht, trägt ein wenig Läusemittel ins Meer. Manchmal werden die Fische direkt im Gehege behandelt. Mit einer Plastikplane trennt man Meer- von Giftwasser, bis die Behandlung fertig ist. Giftreste, die an der Plane kleben, werden vom Meer geschluckt.

Das Gift, das dann im Wasser rumschwimmt, kann dem Meer Bauchschmerzen bereiten. Es ist schon vorgekommen, dass das Meer Schwärme von totem Krill an die norwegische Küste gekotzt hat. Fischer klagen, dass es weniger Garnelen an den Küsten gibt und der Dorsch nicht mehr in die Fjorde schwimmt.

Rätselhafte Giftsuppe

Mit der Läusebekämpfung kommt das Gift ins Meer und mit dem Gift die Frage, wie viel Schaden es anrichtet. Keiner weiß das genau. Doch alle wollen mitreden: die Aufzuchtfirmen, die in Ruhe ihre Suppe kochen wollen, die Küstenfischer, die sich aus ihren Jagdgründen vertrieben fühlen, und die Wissenschaftler, die an Universitäten und Forschungsinstituten in die Suppe tauchen und Proben entnehmen.

Die Aufsicht über die Suppenküche hat die Regierung, allen voran das Fischereiministerium. Da wird der Deckel gehoben und geschnuppert. Den Firmen wird erklärt, wie sie die Suppe kochen sollen, Wissenschaftler werden ausgefragt und Fischer besänftigt, die sich an den Rand gedrängt fühlen. Wer anderen in die Suppe guckt, kann schon mal einen Deckel auf den Kopf kriegen. Deswegen liegt das Fischereiministerium mit allen ein wenig im Clinch.

Der Krach ging richtig los, als eine Masterstudentin der Universität in Bergen 2015 eine besondere Art von Läusebekämpfung untersuchte. Die Methode, bei der zwei verschiedene Läusemittel gemischt werden. Das nennt man „Off-label“-Benutzung. „Off-label“ bedeutet, dass man sich nicht an die Packungsbeilage hält. Darin steht, dass man die Mittel nicht mischen sollte. Verboten war es aber nicht.

Obwohl die Züchter das schon länger so machten, hatte noch niemand untersucht, was mit Garnelen passiert, die in die Giftmischung geraten. Ergebnis der Masterarbeit: ziemlich giftig, Krebstier tot. Unter Umständen im Umkreis von mehreren Kilometern um die Anlage.

Überlebenskünstler Laus

Ein Ruck ging durch die Suppenküche. Das Fischereiministerium schlug vor, den Giftcocktail zu verbieten, bis man mehr darüber wisse. Das war Ende 2015.

Die Küstenfischer freuten sich. Sie sagten schon länger, dass im Meer was nicht in Ordnung war. Die Aufzuchtfirmen freuten sich nicht.

Läuse sind zäh und wie alles Ungeziefer wunderbar anpassungsfähig. Da der Mensch der Laus in diesem Bereich in nichts nachsteht, ist die Läusebekämpfung ein Wettlauf zwischen menschlicher Hartnäckigkeit und lausiger Widerstandskraft. Das letzte chemische Mittel, was gegen die Läuseplage wirkte, war die Kombinationsmethode.

Die Industrie machte der Regierung klar, dass sie darauf nicht verzichten konnte. Das Fischereiministerium steckte in der Klemme. Wer die Aquakultur zum Hoffnungsträger des Landes erklärt hat, kann nicht zulassen, dass Horden fresswütiger Läuse ungeniert die Lachse anzapfen. Denn dann müssten sämtliche Lachse geschlachtet werden. Aus. Kein Lachs für die Welt.

Statt die Läusemittel ganz zu verbieten, wurde die Gesundheitsbehörde eingeschaltet. Man schickte Boote zu den Anlagen raus und kontrollierte, wie viel Läusemittel wo benutzt wurde. Unangemeldet schaute man in die Aufzuchtsuppe. Wo der Deckel gehoben wurde, stellte man fest, was alle wussten: Es war gang und gäbe, die Mittel „Off-label“ zu benutzen.

Die Aufzuchtfirmen fühlten sich gegängelt. Die Küstenfischer, die auf ein konkretes Verbot gehofft hatten, ärgerten sich darüber, dass davon keine Rede mehr war. Dann ging auch noch der Krach mit den Wissenschaftlern los.

Bei einer Veranstaltung 2016 sagte der Fischereiminister, dass es „Kräfte“ an Universitäten und Forschungsinstitutionen gebe, die das Wachstum der Aquakulturanlagen verhindern wollten. Die Wissenschaftler, die sich angesprochen fühlten, beschwerten sich. Der Minister nahm es zurück. Doch hat man erst mal in die Suppe gespuckt, bleibt immer ein Rest Speichel zurück.

Fischerminister fordert neue Lausmittel

Der Fischereiminister hatte den Eindruck erweckt, dass es zwei Sorten von Wissenschaftlern gebe. Solche, die Hoffnungsträger und Zukunftsvisionäre sind. Solche, die neue, umweltfreundliche Läusemittel erfinden und bessere Anlagen entwerfen, in denen die Suppe weniger schnell überkocht. Und solche, die mit hochgekrempelten Ärmeln im Dreck wühlen, wenn sich das Meer mal wieder den Magen verdorben hat.

Solche also, die nachschauen wollen, was unter den Anlagen los ist und was mit den Meeresbewohnern passiert, wenn sie von der Aufzuchtsuppe trinken. Das sind die, die mit unangenehmen Funden auftauchen, die das Wachstum bremsen.

Wir brauchen mehr Wissen, sagt das Fischereiministerium, sagen die Aquakulturbetreiber und die Fischer. Gleichzeitig werfen die Aufzuchtfirmen in rasender Geschwindigkeit neue Zutaten in die Brühe und eröffnen weiter Anlagen. Stetig wächst der Berg, den die Wissenschaftler durchwühlen müssen. Wie soll man herausfinden, wie viel man dem Meer noch in den Rachen werfen darf, wenn man nicht weiß, was es schon alles schlucken musste?

Vor kurzem hat das Meer wieder an die norwegische Küste gekotzt. Toten Krill, massenweise. Von weitem sieht das schön rosa aus. Aber es stinkt zum Himmel. Zufällig wurden in der Nachbarschaft Aufzuchtlachse entlaust. Mit dem Giftcocktail, der schon 2015 als gefährlich galt.

Zuchtlachs: Gefüttert mit
Soja aus dem Regenwald

Der norwegische „Regenwaldfond“ kritisiert den hohen Verbrauch von Sojabohnen im Futter für Fische in Aquakulturanlagen. Um ein Kilo Lachs zu produzieren, braucht man 0,55 Kilo Sojabohnen. Die Hülsenfrucht wird noch in Brasilien bearbeitet und als Proteinkonzentrat in Pulverform importiert. Bis zu 30 Prozent des Fischfutters besteht aus diesem Konzentrat. Wenn sich die Produktion der Anlagen, wie norwegische Behörden vorhersagen, tatsächlich bis 2050 verfünffachen sollte, wird die Nachfrage nach dem Sojaprotein drastisch steigen. Daher warnt der Regenwaldfond vor Abholzung des brasilianischen Regenwaldes für Plantagen, vor der Vertreibung der Ureinwohner und dem Gebrauch von gefährlichen Pestiziden.

Um den nachhaltigen Anbau der Sojabohnen zu garantieren, haben einige norwegische Futtermittelhersteller 2015 ein Zertifikat unterschriebene. Damit verpflichten sie sich, nur Soja für ihre Produkte zu verwenden, das von der Organisation „Pro-Terra“ oder dem „Roundtable on Responsible Soy“ zertifiziert wurde. Der „Regenwaldfond“ bemängelt, vor allem bei der Organisation „Pro-Terra“, fehlende Kontrollroutinen und Transparenz. Auch seien die Richtlinien für den Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln zu lasch, da in einigen Fällen Mittel benutzt werden dürfen, die in Europa und den USA verboten sind.

Während der norwegische Staat seit 2006 insgesamt 7.473 Millionen norwegische Kronen an den „Brasilien- und Amazonasfond“ gezahlt hat, um die Abholzung des Regenwaldes zu stoppen, bedroht die wachsende Sojanachfrage aus der Aquakulturindustrie denselben Wald. Um die steigende Nachfrage nach Proteinen im Fischfutter zu bedienen, braucht man in Zukunft kreative Lösungen. Der Regenwaldfond schlägt neue Proteinquellen wie Tang, Insekten oder Holzspäne vor.

Race to Feed the World Ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“. faz.net/feedtheworld
Quelle: F.A.S.
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