Tropfen für Tropfen

So nutzt man Regenwasser richtig

Von Lukas Weber
25.10.2018
, 10:49
In solchen Zeiten wird die Erinnerung an Wasser wach, das vom Himmel fällt.
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Regen gibt es mal zu wenig und mal zu viel. Ihn aufzufangen ist deshalb keine schlechte Idee. Von den Erfahrungen in den Industrieländern können auch viele Regionen der Welt mit Wassermangel profitieren.

Manchmal kann es sein, dass das Wetter Interesse für eine trockene Materie weckt. Wasser kommt in unseren Breiten aus dem Hahn, sobald man ihn aufdreht – um alles Weitere muss man sich erst Gedanken machen, wenn der Versorger die Rechnung stellt. Dass es mal knapp werden könnte, hatten die jüngeren Generationen nicht im Visier, weil Notstandsverordnungen schon einige Jahrzehnte her sind – bis zu diesem Sommer, in dem viele Gemeinden ihren Bürgern mit dem Verbot, den Garten zu bewässern und das Schwimmbad zu befüllen, Sparen verordnet haben.

In solchen Zeiten wird die Erinnerung an Wasser wach, das vom Himmel fällt. Es einzufangen und am Ablaufen zu hindern, kann nicht dumm sein. Der Gedanke ist nicht neu, schon im alten Rom wurde der Regen von den Dächern ins Atrium geleitet, und in vielen großen Städten wurde Wasser in unterirdischen Lagern gesammelt; ein Becken mit der Fläche einer Sportarena und 80.000 Kubikmeter Fassungsvermögen gilt bis heute als größter unterirdischer Vorratsspeicher der Welt, es wurde im 6. Jahrhundert im damaligen Konstantinopel gebaut. Die Versorgung aus der Zisterne in Perioden der Knappheit ist freilich nur ein Aspekt; ebenso wichtig ist die Pufferfunktion, wenn es stark regnet, denn die Speicher entlasten die Kanalisation. Trotzdem wurden vor Jahrzehnten Initiativen, Regenwasser als Betriebswasser zu nutzen, hierzulande anfangs belächelt und später bekämpft – mit sonderbaren Argumenten bis hin zur offen geäußerten Sorge, die Toilettenspülung mit etwas anderem als Trinkwasser könne gesundheitsschädlich sein.

Die Debatte ist zum Glück vorbei, heute gehört Deutschland in der Regenwassernutzung zu den führenden Nationen, und die hier gewonnenen Erkenntnisse über Speicher, Filter und Siebe sind auch andernorts gefragt. In diversen Fachkreisen wird über den sinnvollen Umgang damit diskutiert, und es gibt eine unübersichtliche Masse von Bau- und Nutzungsvorschriften. Die deutsche Norm aus dem Jahr 2002 – die erste allgemein anerkannte Regel der Technik zur Regenwassernutzung – hat ihren Niederschlag in einer europäischen Norm gefunden, die seit Juni dieses Jahres in Kraft ist (DIN EN 16941-1).

Die Vorreiterrolle sei auch eine Folge der Umweltbewegung in den siebziger Jahren gewesen, gekoppelt mit deutscher Perfektion, sagt Klaus König, der bisher einzige öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Regenwasserbewirtschaftung in Deutschland. Niederschlag wurde zum vielbeachteten Thema, und die praktischen Erfahrungen mit der zur Bewirtschaftung erforderlichen Technik sind in die DIN eingeflossen.

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Die Erkenntnis, dass das Sammeln von Regenwasser eine einfache und kostengünstige Methode sein kann, die Versorgung mit Betriebswasser sicherzustellen, wächst inzwischen auch in den regenarmen Regionen der Welt. Denn Meerwasserentsalzung ist teuer und energieaufwendig, manche Methoden wie das Einfangen von Nebel taugen nur für bestimme Regionen, und das Grundwasser ist, falls überhaupt vorhanden und zugänglich, oft versalzen oder anderweitig kontaminiert. Das gilt erst recht für Oberflächengewässer. Regen gibt es dagegen fast überall, nur ist er häufig auf kurze Perioden beschränkt und dann besonders heftig – mit der paradoxen Folge, dass in den Überschwemmungsgebieten sauberes Wasser knapp ist.

Auch viele Inseln haben Probleme, da wundert es schon, dass das Sammeln des Regenwassers nicht weiter verbreitet ist. Er habe auf Mallorca gesehen, wie es direkt ins Meer abgeleitet worden sei, sagt König. Aber das Trinkwasser, das auch für die Sanitäreinrichtungen der Hotels, die Bewässerung der Felder und Golfplätze verwendet wurde, sei mit dem Schiff aus Spanien eingeführt worden. König hat schon vor einigen Jahren in seinem Handbuch der Regenwassertechnik Beispiele und Ideen aus aller Welt gesammelt – künstliche Gletscher in Indien, Schneespeicher in Afghanistan, Grüner Tee in Japan aus Regenwasser, das von den Stämmen der Bäume gesammelt wurde. In vielen großen Städten gibt es inzwischen Projekte zur großflächigen Bewirtschaftung des Niederschlagswassers.

Die Versorgung ist regional unterschiedlich

Der Rat von Wissenschaftlern und Praktikern aus Europa ist da hochwillkommen. „Das Interesse ist viel größer als noch vor zehn Jahren“, sagt Hans Hartung. Der Ingenieur mit Schwerpunkt Pumpen und Turbinen war viele Jahre in der Entwicklunghilfe tätig und ist als Berater für die GIZ und andere Organisationen unterwegs. Hartung kennt den Bedarf in afrikanischen Ländern, wo die Menschen oft viele Kilometer zurücklegen, um Wasser nach Hause zu transportieren. Er habe kürzlich in China einen Vortrag vor Experten aus aller Welt über die Regenwasserbewirtschaftung in Deutschlands Städten gehalten, die Resonanz sei riesig gewesen.

Wobei er oft gefragt werde, warum die Deutschen eigentlich Wasser sparen müssten. Das hat seinen Sinn, denn trotz der in normalen Jahren reichlich vorhandenen Niederschläge ist die Versorgung regional unterschiedlich. Während zum Beispiel München ausreichend Wasser aus dem Gebirge bezieht, saugen Städte wie Frankfurt, Bremen oder Hamburg das Umland aus. Dort lohnt also eine Entlastung der Trinkwasserversorgung.

Was als Material für die Zisternen verwendet wird, ist fast egal, es hat keinen entscheidenden Einfluss auf die Wasserqualität. In den Entwicklungsländern wird gern das genommen, was in der Region vorhanden ist, falls nicht Kunststoffbehälter von Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt werden. In Guinea-Bissau zum Beispiel seien 10 000 Zisternen aus Lehmziegeln, Mörtel und Drahtgeflecht errichtet worden, erzählt Hartung. Und wo es Sand gebe, würden sie aus Beton gebaut. Am besten unter der Erde, also kühl, dunkel und vor Tieren geschützt.

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Das Regenwasser ist weitgehend sauber

Bedenken, das Regenwasser sei vielleicht dreckig, sind unbegründet. Das bewiesen viele Untersuchungen, erklärt Reinhard Holländer, ehemaliger Direktor des Instituts für Hygiene am Klinikum Bremen und international anerkannter Fachmann für Wasserqualität. Die Luft sei nicht voll von Krankheitserregern, die vom Niederschlag mitgenommen werden könnten.

Das Regenwasser ist deshalb weitgehend sauber, Verschmutzungen kommen eher von der Fläche, auf der es aufgefangen wird. Ablauf vom Boden, etwa Straßen oder Parkplätzen, ist hier kritisch zu sehen, relativ sauber sind dagegen die Dächer, selbst wenn sie begrünt sind. Eine Belastung mit Schadstoffen kann es aber durch manche Materialien am Dach geben, zum Beispiel durch Kupfer. Vogelkot und andere Verschmutzung bringt wohl einen Eintrag, der aber in der Regel gering ist.

Regenwasser einzufangen und am Ablaufen zu hindern, kann nicht dumm sein.
Regenwasser einzufangen und am Ablaufen zu hindern, kann nicht dumm sein. Bild: Picture-Alliance

Das bestätigen Versuche, den ersten Schwall abzuleiten und das Regenwasser erst danach in die Zisterne zu führen. Dabei habe sich gezeigt, dass der Aufwand sich in Deutschland nicht lohne, sagt König. Das muss nicht überall so sein. In vielen Industrieregionen Asiens gebe es nach Trockenperioden bedenkliche Ablagerungen auf Sammelflächen, die aber nicht in den Zisternen landen, weil der erste Schwall mit einfachen, von Hand bedienten Wasserweichen abgetrennt wird. Probleme mit über das Wasser verbreiteten Krankheitserregern in Entwicklungsländern entstünden nicht durch das Regenwasser, sondern infolge von Kontamination durch die Menschen, erklärt Holländer.

Marius Mohr, der Leiter der Gruppe Wassertechnologie im Fraunhofer IGB in Stuttgart, sieht das ebenso. Sein Institut unterstützt ein Projekt in Indien, dort soll in Modellstädten ein smartes Wassermanagement aufgebaut werden. Regen gibt es in zwei Monsunzeiten mehr als genug, und in den rasch wachsenden Städten sind auch dezentrale Speicher vorhanden, allerdings bisher nur für die Oberschicht. Seen und Grundwasser seien aber durch unkontrollierte Einleitung extrem verschmutzt, sagt Mohr, erstes Ziel des Projektes ist es deshalb, eine Strategie zur Abwasserreinigung zu finden.

Regenwasser, das dunkel und bei mäßigen Temperaturen gelagert wird, ist nach Aussage der Fachleute fast unbegrenzt haltbar. Das gilt jedenfalls, wenn beim Sammeln und Aufbewahren Mindeststandards eingehalten werden, wie sie in der DIN geregelt sind. Grober Schmutz und organisches Material wie Blätter und Moos wird durch Gewebefilter aufgefangen. Schwere mineralische Teilchen, die durchschlüpfen, setzen sich am Boden als nicht störendes Sediment ab, leichte wie Blütenpollen schwimmen obenauf und können durch Speicherüberlauf weggeschwemmt werden.

In der Zisterne bildet sich mit der Zeit an den Rändern ein Biofilm, der unansehnlich wirkt, aber Bakterien anzieht und so das Wasser reinigt. Aus Mangel an Nährstoffen sterben sie ab. Nach DIN ist deshalb eine Reinigung der Zisternen alle zehn Jahre ausreichend. „Für Nutzpflanzen ist Regenwasser bestens geeignet“, sagt Holländer. Da es keinen Kalk enthalte, sei es auch gut für die Waschmaschine zu verwenden, ergänzt König. Duschen ist, wenn die Vorschriften der DIN eingehalten werden, ebenfalls unbedenklich, ein Problem mit Legionellen gebe es nicht, sagt Holländer.

Man brauche den richtigen Sand dazu

Wenn das Wasser zum Trinken genutzt werden soll, muss es entsprechend aufbereitet werden. Wasserwerke und das Technische Hilfswerk im Katastrophenfall verwenden dafür mehrstufige Filterverfahren bis hin zu Membranen und Keramikelementen. Filtertechniken zur dezentralen Reinigung von Oberflächen-, Brunnen- und Regenwasser in Entwicklungsländern werden inzwischen von einigen Herstellern angeboten und von Hilfsorganisationen verteilt. Eine relativ billige Methode sind Langsam-Sandfilter; während das Wasser durchsickert, setzen sich Krankheitserreger im oberen Teil als Biofilm ab. Solche Filter bauen sich die Menschen in vielen Teilen der Welt selbst. Man brauche allerdings den richtigen Sand dazu, erklärt der Filterspezialist Erwin Nolde aus Berlin. Wenn er zu fein ist, verstopft der Filter, ist er zu grob, reicht die Wirkung nicht. „Das zu beherrschen ist eine Ingenieursleistung“, sagt Nolde.

Von anderen Möglichkeiten berichtet der Verein Wasser für Menschen, so werden in Uganda Filter aus Ton gebrannt. Sicher, aber meist zu energieaufwendig ist Abkochen. In einigen Gegenden Afrikas ist die Methode verbreitet, grob gefiltertes Wasser in PET-Flaschen in die Sonne zu stellen, die UV-Strahlung soll die Krankheitserreger abtöten. Das ist besser als nichts, von europäischen Trinkwasser-Standards aber weit entfernt.

Kaum Baugenehmigungen ohne dezentrale Regenwasserbevorratung

Mangel hier, Überschwemmungen dort – eine ausgeklügelte Regenwasserbewirtschaftung hat fast überall Sinn, und deutsche Wissenschaftler, Unternehmen und Gesetzgeber sind vorne mit dabei. Es sei abzusehen, dass es bald kaum noch Baugenehmigungen mehr geben werde ohne dezentrale Regenwasserbevorratung, sagt König. Und auch mit Blick auf die großen zentralen Sammelbecken lernen die Fachleute noch dazu: Seit den 1970er Jahren werden Zisternen unterirdisch gebaut, jetzt werden Spielplätze und Parks so angelegt, dass sich der Regen erst einmal oberirdisch sammeln kann.

Nach neuestem Verständnis soll er in den Siedlungen nicht nur gesammelt werden, sondern auch wie auf unbebauter Fläche teils versickern und teils verdunsten. Richtig gemacht, ist das zugleich eine Vorsorge gegen Überflutung. Ähnliche Konzepte gibt es unter anderem in China und Nordamerika, in Hamburg wird es schon praktiziert. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Begrünung von Fassaden und Dächern. Das Thema beschäftige mittlerweile Stadt- und Regionalplaner in aller Welt, sagt König, „die Stadt wird künftig zum Schwamm, der den Regen aufsaugt“.

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Ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.

Quelle: F.A.Z.
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