Techniken gegen Ernteverluste

Von kleinen Dingen, die Afrika ein Segen sind

Von Niklas Záboji
30.09.2018
, 15:42
Vorführung von Plastiksäcken, in denen die Ernte nicht schimmelt.
Die Ernte verschimmelt oder wird von Insekten vernichtet – das Schicksal von Hunderten Millionen Bauern. Kleine Erfindungen können die Probleme lösen. Eine Reise zu Mais und Menschen in Tansania.

Das abgebrochene Horn ist sein Todesurteil. Die letzten Stunden des schwerverwundeten Bullen haben geschlagen, als wir ihn in der sengenden Mittagshitze antreffen. Glasig trüb ist sein Blick, träge sein Schritt, nur noch mühsam wehrt er sich gegen Fliegen, die sich an der Wunde laben. Das Duell mit dem anderen Bullen war sein letztes. Morgen geht es zum Schlachter.

In so einem Bullen stecken Tausende Kilo Futter, gewissermaßen Zehntausende Stunden bäuerliche Handarbeit für die Ernte. Ein Moment der Unachtsamkeit – und der Schaden ist riesig. Mehr als siebenhunderttausend tansanische Schilling wird Aisha für das kranke Tier nicht mehr erhalten, umgerechnet rund zweihundertsechzig Euro; das ist gerade mal die Hälfte seines normalen Verkaufswerts. Und was bekommt man dafür? Sieben, vielleicht acht Säcke Mais je einhundert Kilo, mehr nicht.

Die Bäuerin nennt einige wenige Hektar Land ihr Eigen, wo sie neben Mais auch Hirse anbaut. Die Märzwochen waren stürmisch und die Überschwemmungen verheerend, ein beträchtlicher Teil der Ernte ging verloren. Und jetzt auch noch die Sache mit dem Bullen. All das hat Aishas Haushaltsplan über den Haufen geworfen. Damit ihre vier Kinder nicht hungrig in die Schule müssen, muss sie nun Lebensmittel am lokalen Markt dazukaufen.

Bis zu 40 Prozent Ernteverlust

Wie Aisha geht es vielen in Mnenya. Dreieinhalbtausend Bewohner zählt das Dorf, der Anteil an Bauern liegt irgendwo zwischen neunzig und hundert Prozent. Der stete Kampf um die Vorräte bestimmt ihr Leben. Dass die Unwetter ausgerechnet im März Vorräte vernichtet haben, hat sie schwer getroffen. Er war der letzte von vier Hungermonaten, ehe die Frühernte beginnt, die Lagerbestände sind knapp. Familien mit Überschuss erzielen jetzt hohe Verkaufspreise. Doch wer das Geld nicht aufbringen kann, muss in dem Zeitraum hungern. In ganz Tansania ist das nach Zahlen der Vereinten Nationen jeder Dritte.

Die Verletzung eines Bullen lässt sich vielleicht nicht vermeiden. Aber Verluste von Grundnahrungsmitteln wie Mais durchaus. Bis zu vierzig Prozent gehen den Bauern in Afrika nach der Ernte verloren, das Thema ist auch in Tansania ein Politikum. An diesem Vormittag ist die Stimmung in Mnenya allerdings auffallend heiter. Auf dem Dorfplatz, einige Meter von Aisha und ihrem Bullen entfernt, steigt eine Feier. Die Bewohner sind in Scharen gekommen.

Ein Chor in Tansania singt im Hintergrund der neuen Lagertechnik.
Ein Chor in Tansania singt im Hintergrund der neuen Lagertechnik. Bild: Noor Khamis

Veranstalter ist die Bezirksregierung. Man sei froh, am heutigen Schulungstag, der im Zeichen von verbesserter Erntelagerung stehe, viele Gäste in Mnenya begrüßen zu dürfen, ruft der Regierungsvertreter ins Mikro. Er ist ein Sakkoträger mit rundlichem Gesicht. Ihm zur Seite stehen zwei Forscher von der ETH und der Universität Zürich, die zur Lebensmittelsicherheit forschen und hierher geladen haben, und Vertreter der Schweizer Hilfsorganisation Helvetas, die sie dabei unterstützen.

Er verkauft, was alle wollen

In den Reihen der Bauern herrscht Aufregung. Unablässig wird im Schatten der Johannisbrotbäume gesungen und geklatscht. Frauen in bunten Gewändern stehen neben Kindern in blau-weißen Kostümen, die einer Nonnentracht ähneln. Sie führen Tänze auf. Die fremden Gäste werden im kleinen Kreis der Dorfältesten gebeten, dreifach in die Hocke zu gehen, und bekommen als Zeichen der Ehrerbietung ein großes Rizinusblatt in die Hand und einen Klecks Hirsemehl auf die Stirn. Die Menge johlt. Nur mit Mühe schafft es der Regierungsvertreter, dem Getöse Einhalt zu gebieten. Er mahnt zur Ernsthaftigkeit, denn die Aufklärungskampagne müsse weitergehen.

Die Erntezeit habe begonnen, und dafür sei es wichtig, die neuen Erntesäcke und Metallsilos zur Maislagerung zu kennen. Trommeln und Gesang verstummen nun. Doch die Ansprache währt nicht lange. Sogleich übernimmt ein Mann mit Cap, dunkler Sonnenbrille und lässigem Hawaiihemd das Ruder, der auch gut Autohändler in einem amerikanischen Vorstadtkrimi sein könnte. Sein Name ist Mringko. Mringko ist Agrodealer. Wenn es um die neuen Technologien geht, steht er im Mittelpunkt. Er ist Treiber, Organisator und großer Profiteur der Aufklärungskampagne. Denn er verkauft, was alle wollen: Silos und luftdichte Säcke, Letztere je fünftausend Schilling das Stück, das sind knapp zwei Euro bei einer Lebensdauer von bis zu drei Saisons.

In den alten Säcken wurde der Mais feucht

Bei den Bauern kommt das gut an. Bald wird wieder musiziert, Frauen in orangefarbenen T-Shirts strecken tanzend Silos und Säcke in die Höhe. Einige haben sich von ihren Stühlen erhoben und studieren die Werbeplakate, die an Mringkos Lieferwagen kleben. Hier ist zu erfahren, was die Säcke und Silos bringen. Doch bei Windstille brennt die Mittagssonne erbarmungslos, selbst im Winter. Der Ramadan tut sein Übriges. Denn fast alle Bewohner Mnenyas sind muslimisch. Das verbietet den Tanz nicht, aber verpflichtet zum Fasten. Erntesaison hin oder her.

Bauern in Tansania werden die Vorzüge neuer Technik erklärt.
Bauern in Tansania werden die Vorzüge neuer Technik erklärt. Bild: Noor Khamis

Auch Mariamu, eine Bäuerin, hat nicht viel Kraft. So begeistert sie eben noch von der Idee war, die neugierigen Gäste die Dorfstraße aufwärts zu ihrem Haus zu führen, so verlassen sie, gerade angekommen, jäh die Kräfte. Nur mit Mühe hält sich Mariamu noch auf den Beinen, als sie vor ihrer Lehmhütte steht, in der ihre Ernte lagert; Mais, Maniok und Hirse, daneben einige Haufen Sonnenblumen, aus denen sie Öl macht. Erntesäcke hat sich Mariamu im vergangenen Jahr auch schon zugelegt, erklärt sie, auf der schattigen Türschwelle sitzend. So hätte sie viel Zeit und Geld gespart: Der Mais sei zuvor, in den alten Säcken und Plastikkanistern, immer feucht geworden. Auch Insekten hätten sich darin breitgemacht.

Landkauf mit Mikrokredit

Die neuen Säcke mit der Ernte vom letzten August seien hingegen unbeschädigt, ja staubtrocken gewesen, berichtet Mariamu mit großen Augen, fast ungläubig. Das sei eine tolle Sache und befreie sie von der Abhängigkeit vom Markt. So wollen ihr Mann und sie bald schon einen Mikrokredit dafür nutzen, ihren Landbesitz von zwei auf fünf Hektar zu vergrößern, auch wenn die freien Grundstücke jenseits des Flusses am Dorfrand, der den Bewohnern als Wasserquelle dient, in immer größere Entfernung rückten.

Auf dem Weg zurück ins Dorfzentrum hat die Sonne schon wieder an Kraft verloren. Doch die Luft bleibt stickig. Alle paar Minuten donnert ein Mofa vorbei und wirbelt auf, was sich am Straßenrand sammelt: Sand, Federn, Pepsiflaschenetiketten. Zur Linken meckert eine Ziege und versucht hektisch, über eine bröckelnde Steinwand zu springen; auf der anderen Straßenseite ertönen schon aus weiter Ferne die Ansagen vom Dorfplatz. Drei, vier Dutzend Bauern sind noch dort. Auch Salum hat lange interessiert zugehört, eilt nun aber mit seiner Frau und zweien seiner Kinder zurück nach Hause. Das eine von Salums Kindern ist krank, seiner Frau Amina setzt der Ramadan zu; ihr Gesicht ist kreidebleich, und sie lässt ihren Mann reden.

Salums Grundstück ist größer als das der anderen im Dorf. Er hat einen Innenhof, in dem einige Bäume Schatten spenden. Der Boden ist gekehrt, das Mauerwerk verputzt. Strammen Schrittes geht der Bauer, der Jeans und ein langärmliges Hemd mit blau-weißem Karomuster trägt, vom Innenhof ins Lager. Darin thront ein großes Silo, daneben, auf einer Holzpalette, liegen ein konventioneller Plastiksack und ein neuer, luftdichter Erntesack mit zweifacher Kunststoffschicht. Darin lagere noch heute die Ernte von 2016, erklärt er stolz – unbeschadet.

Wie der Agrodealer ist auch Salum bestens imstande, einen Vortrag über die Vorzüge der neuen Technologie abzuspulen. Vorbei sei die Zeit, den Mais alle drei Monate aus dem Sack nehmen und reinigen zu müssen. Für ihn, der nach der Ernte rund zwei Drittel des Mais einlagert und erst peu à peu verkauft oder selbst konsumiert, eine große Sache. Früher hat Salum immer Pestizide in die Säcke gekippt. Das habe den Geschmack des Maises verändert und auch der Geruch sei penetrant gewesen, erinnert er sich naserümpfend. Und seit die Regierung vor drei Jahren endlich Stromleitungen hierher verlegte, brauche es auch die Dieselgeneratoren privater Händler nicht mehr, um den Mais zu mahlen.

Ein Teil der Lösung

Der Bauer lächelt und wirkt zufrieden. Sein jüngstes Kind, das die Säcke im Lager zuvor als Spielwiese entdeckt hatte, klammert sich an sein Bein, seine Frau sieht noch blasser aus als vorhin schon. Wetter und Ernte bereiteten ihm nach wie vor Sorge, sagt Salum. Seine Familie benötige für den Eigenkonsum über die Saison hinweg acht davon, die restlichen zwanzig Säcke Mais könne er normalerweise auf dem Markt verkaufen; nur im letzten Jahr sei die Ernte so furchtbar schlecht ausgefallen, da habe es keinen Überschuss gegeben. Daran hätten auch die Säcke nichts verändert.

Die kleinen Märkte Afrikas sind Zentren für die Verteilung der wenigen Überschüsse.
Die kleinen Märkte Afrikas sind Zentren für die Verteilung der wenigen Überschüsse. Bild: Noor Khamis

Nur noch wenige Menschen säumen am späten Nachmittag den Dorfplatz von Mnenya. Der Agrodealer ist schon abgedüst, denn im rund vierzig Minuten entfernt gelegenen Kondoa ist heute Markt. Die zwei Forscher aus Zürich sind noch da. Sie sitzen zusammen mit einigen Dorfbewohnern im Kreis. Für sie war heute ein gelungener Tag. Bauern wie Mariamu und Salum gehören wie tausend weitere Haushalte in der Region zu ihrer Studiengruppe, mit denen sie seit vergangenem September die Auswirkung der Säcke auf Ernährung und Marktpreise testen. Die eine Hälfte haben sie dafür mit fünf Säcken ausgestattet, die Kontrollgruppe nicht; wöchentlich antworten die Bauern auf SMS, für deren Beantwortung sie ein kleines Prepaidguthaben als Bonus erhalten.

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Für vollständige Ergebnisse sei es noch zu früh, sagt der Projektleiter Matthias Huss, der sich mit seinem Kollegen Michael Brander heute wieder einmal einen Überblick vor Ort verschafft hat. Aber alles deute darauf hin, dass sich die Situation in der Hungerphase verbessert habe: Die Maisvorräte waren üppiger, weil weniger verrottet ist, zugleich gab es nur noch geringe Preisschwankungen. Auf Teilnehmerseite gaben im Vergleich zur Kontrollgruppe rund dreißig Prozent weniger Bauern an, Ernährungsprobleme zu haben. Das Projekt laufe gut, sagt Huss, und schon bald habe man genügend Preisdaten, um belastbare Aussagen zu treffen.

Bäuerin Aisha gehört nicht zu den Teilnehmern, und den Platz vor ihrem Haus hat sie längst geräumt. Die Veranstaltung würde sie bewusst meiden, hatte sie noch am Vormittag gesagt, aber weniger aus Mangel an Interesse denn an Kräften. Ihr Bulle steht jetzt allein auf der Wiese. Die Büschel Grünzeug, die ihm Aisha hingeworfen hatte, hat er kaum angerührt. Der Hunger scheint ihn verlassen zu haben.

Fütterung eines verletzten Bullen, der wegen seiner Verletzung verkauft werden muss.
Fütterung eines verletzten Bullen, der wegen seiner Verletzung verkauft werden muss. Bild: Noor Khamis

Auch nützlich: Plastiksäcke, Solarkocher, Tunneltrockner

Auch sehr unscheinbare Erfindungen können Bauern in den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt sehr nützen. Denn rund ein Viertel bis ein Drittel der Ernte auf den Feldern oder im Lager verschimmelt oder verrottet - vom Mais in Sub-Sahara-Afrika sind das laut der Uni Zürich zum Beispiel rund 25,5 Prozent. Gegen Schimmelbildung und Insektenbefall während der Lagerung - Hauptgründe für die Verluste - hilft der vakuumierte Plastiksack. Mit einem Plastiksack mit dem Namen ,,Bag Garden“, aus dessen Seitenöffnungen Gemüse wächst, forscht hingegen die Uni Hohenheim. In trockenen Regionen wird dadurch erst Gemüseanbau möglich, da der Sack das Wasser lange in der Erde hält.

Dazu, dass die Verluste in Afrika verringert werden können, tragen seit etwa zwanzig Jahren auch sonnenbetriebene Trocknungsanlagen bei. Sie sind bis zu vierzig Meter lang. Ein solarbetriebener Ventilator führt Luft durch den Tunnel, in dem sich die Luft auf etwa siebzig Grad erhitzt. Mit diesem Tunneltrockner können die Bauern selbst Fleisch und Fisch haltbar machen. Nach Schätzungen stehen mittlerweile mehrere tausend dieser Anlagen in Afrika. Sie wurden von der Uni Hohenheim entwickelt und werden oft von Entwicklungsorganisationen finanziert. Die Uni Kassel-Witzenhausen hat verbesserte Erntetrocknungshäuschen entwickelt - kleine, für das südliche Afrika typische Strohhütten, die um einen belüfteten Unterraum ergänzt wurden. Die Belüftung mit warmer Luft führt dazu, dass weniger Mais am Boden schimmelt. Solarbetriebene Kochstellen kommen ohne elektrischen Strom aus, der in Zehntausenden Dörfern fehlt.

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Ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“. faz.net/feedtheworld

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Wirtschaftskorrespondent in Paris
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