Glibbriger Protein-Lieferant

Wie Mr. Lee die Welt mit Quallen ernähren wollte

Von Tirza Meyer
22.11.2018
, 17:08
Mr. Lee
Unser Meer ist voller essbarer Quallen. Und anderswo auf der Welt hungern die Menschen. Mr. Lee sah ein Geschäft. Die Geschichte vom Nudelkönig, der zu früh aufs Wasser ging.

Lee hatte etwas entdeckt und wollte daraus ein Geschäft machen. Vor der norwegischen Küste gibt es zuhauf essbare Meeresfrüchte, die in Norwegen keiner aß. Er wollte Wellhornschnecken und Quallen fischen, verarbeiten und zubereiten lassen und sie verkaufen. Er beauftragte regionale Fischer. Er scheiterte.

Mr. Lees Meeresfrüchtedrama zeigt, wie schwierig es ist, die Welt zu ernähren. Es kommt – obwohl Hunger und Mangel wieder zunehmen – noch lange nicht alles auf den Tisch, was essbar ist.

Ein echter Norweger

Mr. Lee kam 1954 als Jugendlicher nach Norwegen. Vom Koreakrieg gezeichnet und verwundet, war er für eine medizinische Operation nach Oslo gereist. Angeblich war er damals der erste Koreaner in der kreideweißen Hauptstadt. Leute auf der Straße drängten sich um ihn, berührten seine Haut. Mr. Lee war zäh, kämpfte sich durch und wurde zum echten Norweger. Auf Bildern aus jungen Jahren sieht man ihn im Strickpulli und mit Skiern in der Hand. Norwegischer kann man nicht werden.

Mr. Lee blieb und gründete eine Nahrungsmittelfirma, die asiatische Instant-Nudeln herstellte. Damals waren asiatische Instant-Nudeln für die üblicherweise Kartoffeln und Fischpudding essenden Norweger ziemlich exotisch. Lächelnd schaffte er es, den Norwegern die Nudeln schmackhaft zu machen. Mr. Lee wurde zum Sinnbild des guten Immigranten. Von da an war er als Nudelkönig bekannt. Es war ihm gelungen, einen eigenen Betrieb auf die Beine zu stellen. Er war Geschäftsmann geworden.

Wellhornschnecke in der Fischfabrik.
Wellhornschnecke in der Fischfabrik. Bild: Tirza Meyer


Und Geschäftsmänner wollen immer mehr. Der Erfolg mit den Nudeln ließ ihn an den Erfolg mit Schnecken und Quallen glauben. Im Jahr 2005 wagte Mr. Lee den Schritt ins Meer, eigentlich die Domäne der wilden Wikinger und Fischer. Hier ist viel zu verdienen. Allein im Jahr 2017 exportierte Norwegen 2,6 Millionen Tonnen Meeresfrüchte in alle Welt.

Europäische Länder sind die größten Abnehmer, aber der chinesische Markt wächst rasch. Erst kürzlich forderte der Wirtschaftsverband Norwegischer Meeresfrüchtefirmen, Norsk Sjømatbedriftene, mehr direkte Transportflüge nach Asien. Der Verband meint, dass Asien in Zukunft einer der wichtigsten Märkte für Meeresfrüchte sein wird.

Es begann mit der Wellhornschnecke

Bis heute exportieren Firmen aus Norwegen vor allem Lachs, Dorsch und Makrelen ins Ausland. Schalentiere, wie Krabben, Hummer und Muscheln, machen nur zehn Prozent des Exportes aus. Die Wikinger verkaufen immer noch am liebsten Fisch. Dabei gibt es auch vor der Küste Norwegens Arten, die in Asien einen Marktwert haben.

Genau dort hatte Mr. Lee die Marktlücke entdeckt. Die Koreaner – das wusste er – essen gern Wellhornschnecke mit Chilisoße und trinken Bier dazu. Die Schnecken werden in Korea ohne Gehäuse und in Dosen verkauft. Wellhornschnecken gibt es auch in Norwegen; in Europa isst man die Schnecken vor allem in Frankreich, dort sind sie als Bulot bekannt. Aber auch in Belgien und den Niederlanden verzehrt man die Schnecke als Delikatesse.

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Wellhornschnecken gelten in der Nordsee und im deutschen Wattenmeer zwar als schon ausgestorben, der Fang ist verboten. Die Population in Norwegen scheint aber gesund zu sein. Dass sich Wellhornschnecken in ihren Fischgründen herumtrieben, das wussten die Krabbenfischer hier auch schon, bevor Mr. Lee auf die Verkaufsidee kam. Wer seine Krabbenreusen falsch legt, dem gehen stattdessen Wellhornschnecken in die Falle. Das liegt daran, dass Krabben und Schnecken einander gegenseitig fressen. Dort, wo eine tote Krabbe liegt, sammeln sich die Schnecken und fallen über den Kadaver her. Fischer, die versehentlich Wellhornschnecken fangen, sind einfach zu spät dran. Die Schnecken müssen über Bord geworfen werden und stören das Geschäft.

Die Geschäftsidee, meinte er, würde den Beifang zu wertvollem Fang machen. Vielleicht ahnte Mr. Lee, dass er sich mit den norwegischen Fischern alliieren musste, um Erfolg zu haben. Niemand tritt so einfach in die Riege der norwegischen Fischer und Meeresbauern ein. Schon gar nicht ein lachender Nudelkönig.

So also kam es, dass Mr. Lees kleine Versuchsfirma Su San Norway AS ausgerechnet auf der Insel Frøya vor der Küste Mittelnorwegens Fuß fasste. Hier, auf den Zwillingsinseln Hitra und Frøya, wie sonst nirgendwo, sind die großen Fischerbosse und Meereskönige Norwegens zu Hause. An der rauhen Küste haben sich die Fischereiflotten niedergelassen, hier schalten und walten die Aufzuchtbosse und Lachskönige.

Die Inseln liegen abseits der Regionshauptstadt Trondheim. Die Straßen, die hinaus aufs Nordmeer führen, sind manchmal schmal und bucklig, dann neu und breit, mit modernen Tunneln und fein gebogenen Brücken über Krabbensunde und Schären. Hier stehen Fabriken für Fischverarbeitung, in den Buchten liegen hochmoderne Lachsaufzuchtgehege, und Lastwagen donnern über die Straßen zu den An- und Abladestellen, um die Schätze der Fjorde in der Welt zu verteilen.

Quallenfang in China
Quallenfang in China Bild: dpa

Dazwischen liegt die Küstenlandschaft wie eh und je. Windgebeutelte Büsche und Bäume kriechen die Abhänge hoch. Holzhäuser hocken auf Schären, und Motorboote dümpeln an Landungsbrücken und warten auf die nächste Ausfahrt. In diese Welt zog Mr. Lee mit seiner Firma. Die Firma mietete Räume in der alten Fabrik des Lachsaufzuchtkonzerns Marine Harvest auf Frøya. Die Wellhornschnecken sollten zunächst das Hauptgeschäft werden.

Im Mekka der Fischerei war das Schneckengeschäft eine Kuriosität. Die Lokalzeitung berichtete davon, wie eine koreanische Delegation zum Testessen eingeflogen wurde, wahrscheinlich wollte man ihr die bucklige Küstenstraße ersparen. Man hatte den Besuchern die Anlage gezeigt, in der die Schnecken gekocht wurden. Ein Mitarbeiter der Firma beschrieb damals in der Zeitung, wie ein Koreaner die gekochte Schnecke aus der Schale gepult und gegessen hatte. Er selbst habe die Schnecken nur einmal probiert. Das reiche ihm. So exotisch fanden die Norweger auf Frøya das Schneckenprojekt.

Mekka der Fischerei

Mr. Lee hatte damals auch das andere Eisen im Feuer. Quallen. 2007 war Su San Norway AS in ein Projekt mit dem Forschungsinstitut Sintef in Trondheim und der dortigen Universität involviert. Der Trondheimfjord erlebte damals eine Qualleninvasion. Forscher von der Biologischen Station am Stadtrand hatten über Jahre den Fischbestand im innersten Teil des Fjords überwacht. Ab den 1990-Jahren tauchten Kronenquallen in Horden auf und brachten die Forschung durcheinander.

Kronenquallen sind kirschrot, haben seltsam lang ausgestreckte Fangarme und bewegen sich wie Unterseeboote durchs Wasser. Anders als die durchsichtigen Ohrenquallen, die im Frühling aufblühen, rumwabern und dann im Herbst massensterbend untergehen, können Kronenquallen bis zu dreißig Jahre alt werden. Haben sie sich einmal eingerichtet, bleiben sie. Weil sie Tiefseequallen sind, pumpen sie fröhlich die gesamte Tiefe der Fjorde hinauf und hinab und fressen dabei den Fischlarven das Futter weg.

Tonnenweise Quallen

Die Forscher zogen auf ihren Expeditionen tonnenweise Quallen an Deck, die darauf herumglitschten, nesselten und die wenigen Fische im Netz einschleimten. Die Biologen glauben, dass die ständig erhöhte Wassertemperatur die Quallenproduktion angekurbelt hatte. Die Vermehrung der Kronenquallen war aus dem Ruder gelaufen, und die Viecher stiegen die Wassersäule wie verrückt hoch und runter, um Plankton zu mampfen und sich dabei zu vermehren.

Die Universität tat sich mit einem Forschungsinstitut und Mr. Lee und Su San Norway AS zusammen, um ein Quallenprojekt auf die Beine zu stellen. Würde man die Quallen fangen können? Zerstören? Essen?

Besser zerstören oder essen?

Einige Repräsentanten des Betriebs gingen mit den Wissenschaftlern der Universität auf Quallenfang. Die Presse wurde eingeladen, und man posierte an Deck des Forschungsschiffs mit der glibberigen Beute. Dann traf man sich in einem Chinarestaurant in der Innenstadt und ließ sich Quallen und anderes Getier auftischen.

Das Meer kann auch im hohen Norden ungeerntete Früchte beinhalten.
Das Meer kann auch im hohen Norden ungeerntete Früchte beinhalten. Bild: Tirza Meyer

„Quallen schmecken wie Gummibänder“, sagt Heidi Glørstad Nielsen, die damals für den Frøya Nahrungspark arbeitete, in dem Su San Norway seine Firmenräume hatte. Das müsse nicht bedeuten, dass Quallen nicht irgendwann auf unsere Teller kämen. Zubereitet schmeckten sie gut, trotz des Gummigefühls.

Glørstad Nielsen erinnert sich, dass die Frau eines chinesischen Professors beim Essen erzählt habe, wie unglaublich sie es fände, dass die Norweger so viele ihrer Meeresfrüchte nicht essen. „Wir fischen, was wir immer schon gefischt haben“, sagt Heidi Glørstad Nielsen, „dabei gibt es viele Arten im Meer, die wir essen könnten.“

Keine Nische: 900 000 Tonnen

Andere Länder haben einen weiteren Geschmackshorizont. Weltweit werden jährlich ungefähr 900 000 Tonnen Quallen gefischt. Das haben Forscher der Universität in British Columbia geschätzt. Die industrielle Quallenfischerei ist relativ neu. Nur Länder wie China, Indonesien, Japan und Malaysia haben den Schätzungen der Wissenschaftler zufolge Traditionen, die vor 1950 begannen.

China ist der weltweit größte Produzent. Dort werden jedes Jahr über hunderttausend Tonnen Quallen verarbeitet. Gleichzeitig ist Ostasien auch der größte Markt für die Länder, die erst kürzlich mit der Quallenfischerei angefangen haben, viele davon erst in den 1980er Jahren. Bahrain, Ecuador, Honduras, Iran, Mexico und Pakistan sind sogar erst nach der Jahrtausendwende in das Geschäft eingestiegen.

Viele Länder fischen Speise-Quallen

Von den westlichen Industrienationen sind nur die Vereinten Staaten, Australien und Canada vertreten.
In Nordeuropa will das Geschäft nicht laufen. Norwegen steht überhaupt nicht auf der Liste. Trotz der Experimente, die Mr. Lee mit seinen Partnern 2007 startete. Manche auf der Welt hatten Erfolg, aber Mr. Lee nicht. Warum gibt es heute keine Meeresfrüchte von Mr. Lee zu kaufen? Weder in Korea noch anderswo?

Mr. Lee kann keine Antworten mehr geben. Er starb im Februar dieses Jahres. Seine Tochter, Irina Lee, will sich an die Geschäftsidee überhaupt nicht erinnern können. In den alten Fabrikgebäuden auf Frøya will man von Mr. Lee nichts mehr wissen. Ein Investor, der nicht beim Namen genannt werden will, gibt ausdrücklich keinen Kommentar. Eine andere Firma am Ort, Hitramat, fing gleichzeitig mit Su San Norway an und hat ihre Fabrikgebäude bis heute auf der Nachbarinsel. Dort erinnert man sich an Mr. Lee als an einen jovialen, findigen Typen. Warum aber Mr. Lees Meeresfrüchtetraum nicht lief, darüber will der Entwicklungschef Kolbjørn Ulvan nicht spekulieren. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie kompliziert es ist, eine neue maritime Art einzuführen. Das fängt schon bei den Fischern an. Denen gehe es wohl zu gut: „Solange man mit Krabben- oder Dorschfischerei gut verdienen kann, wird kein Fischer auf Schneckenfang umsteigen.“

Dann kam auch noch der heiße Sommer

Einstweilen stellte Hitramat dies selbst fest, als sie versuchte, ihre Fischer für den Schneckenfang zu begeistern. Lange hatten die Fischer überhaupt keine Lust dazu. Diesen Sommer hatte Hitramat dann endlich zwei Fischer gefunden, die auf Schneckenfang setzen wollten – doch da verlief die Krabbensaison so gut, dass die Produktionslinien überlastet waren. Außerdem war der Rekordsommer 2018 so warm, dass viele Schnecken schon auf den Booten in der Hitze verendeten. Kolbjørn Ulvan sagt: „Wir haben noch zu wenig Erfahrung mit den Schnecken. Müssen wir sie kühlen? Wie lange kann man sie auf den Booten lagern?“ All das müsse erst erforscht werden.

Die Firma stellte den Schneckenfang vorläufig ein. Einige der Kriechtiere liegen noch heute im Kühlraum rum. Momentan ist kein Platz für die Tiere in den Koch- und Waschanlagen der Fabrik. Vielleicht hatte Mr. Lee ähnliche Sorgen.
Der Mangel ist in den Entwicklungsländern Afrikas und Südostasiens. Die Quallen sind in Norwegen. Die Fischer sind satt. Seit Jahren steigen in Norwegen die Exportzahlen für Lachs, der in Aquakulturanlagen aufgezogen wird. Während die Garnelenfischerei an manchen Orten drastisch zurückgegangen ist, hat Aufzuchtlachs auch in diesem Jahr wieder Rekordpreise auf dem Weltmarkt erzielt.

Die Welt wollte hier niemand retten

Auch Mr. Lee ging es ums Geld, nicht um Weltrettung. Zu den Armen der Welt wollte er die Quallen nicht verschiffen. Selbst wenn Quallen und Wellhornschnecken lange Reiserouten nach Asien auf sich nähmen, weil sie dort gute Preise erzielen, während sie in ihrer Heimat als kurioses Ekel-Essen belächelt werden, selbst dann wären solche Projekte keine Lösung für die Welternährung.

Aber vielleicht kommt die Stunde der Quallen noch. Ihre Widerstandsfähigkeit könnte die Quallen zu Verbündeten im Kampf gegen Umweltverschmutzung und Nahrungsmittelknappheit machen. Wie genau, das wollen europäische Forscher jetzt herausfinden. Anfang des Jahres startete das EU-Projekt „Go Jelly“.

Kommt der Einsatz als Tierfutter?

Universitäten und Forschungsinstitute wollen im Rahmen des Projektes eine Vielzahl von Verwendungszwecken für Quallen unter die Lupe nehmen. In der Pressemeldung zum Projektstart stand: „Wir untersuchen Möglichkeiten, wie man das Potential dieser Biomasse, die direkt vor unserer Haustür vorbeischwimmt, nutzen könnte.“ Eine Idee ist, dass Quallen Mikroplastik aus den Meeren filtern und so die Verunreinigung von Stränden und Küsten durch winzige Plastikpartikel verringern. Die Forscher arbeiten auch an der Entwicklung einer Filterpatrone aus Quallenschirmen.

Und ein anderer Teil des Projekts beschäftigt sich eben mit der Verarbeitung von Quallen zu einem Proteinzusatz im Tierfutter.
Wenn dies gelänge, könnten die Quallenproteine die Regenwälder Südamerikas entlasten. Dort wird Regenwald gerodet, um Sojabohnen für Tierfutter anzubauen. Dann würden zumindest die Schweine in Norwegen und China Quallenchips fressen.

Quelle: F.A.Z.
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