Comeback der A380

Totgesagte leben länger

Von Andreas Spaeth
23.10.2021
, 13:49
Renaissance der Riesen: Viele Airlines holen die  A380 zurück von den Rollfeldern, auf denen sie geparkt wurden.
Der große Airbus A380 war auch ein großer wirtschaftlicher Flopp. Nun aber steigt die Nachfrage nach Flügen so stark, dass der Gigant ein Comeback feiert.
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Es herrschte Volksfeststimmung an der Landebahn des Flughafens Tokio-Narita am vergangenen Sonntag. Tausende Japaner drängten sich am Flughafenzaun, nur um ein einziges, lange erwartetes Flugzeug landen zu sehen: die dritte A380 für All Nippon Airways (ANA). Das Virus sorgte dafür, dass die letzte von drei A380 für ANA seit Anfang 2020 verloren im Hamburger Airbus-Werk Finkenwerder an der Elbe herumstand und nicht geliefert werden konnte. Dabei erwarteten ihre Fans sie sehnsüchtig – denn „Ka La“ (Sonnenuntergang auf Hawaiianisch), so ihr Name, macht endlich die Familie der fliegenden Meeresschildkröten komplett. ANA hat alle A380 knallbunt mit Schildkröten bemalt, da sie die Riesen ausschließlich für den Hawaii-Verkehr nutzt.

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Das farbenfrohe Äußere dient einem guten Zweck, denn die auf Hawaii „Honu“ genannten Meerestiere sind akut bedroht. Zur Feier der Komplettierung der „Flying Honu“ genannten A380-Kleinfamilie tanzten auf dem Rollfeld vergangene Woche infantile Darsteller in plüschigen Schildkröten-Kostümen in den Bonbonfarben der Flugzeugbemalungen. Was das Ganze aber auch zeigte: Die A380 ist bei Reisenden und Flugzeugfans ungebrochen populär – und sie erlebt weltweit gerade ein ungeahntes Comeback, von dem noch vor Monaten niemand geträumt hätte.

Seit die Impfquoten weltweit steigen und Geimpfte immer mehr Reisefrei­heiten zurückerhalten, steigen die Buchungszahlen für Flugreisen sprunghaft an. Anfang der Herbstferien war an deutschen Flughäfen, besonders am Hauptstadtflughafen, zu besichtigen, zu welchem Chaos die Engpässe in der durch die Pandemie ausgezehrten Infrastruktur führen.

Wo parkt unsere A380-Flotte?

Vor allem die bevorstehende Öffnung der USA für alle geimpften Reisenden ab 8. November hat die Onlineflugbuchungen um dreistellige Prozentzahlen nach oben schnellen lassen – die britische Virgin Atlantic Airways verzeichnete Zuwächse um 600 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wo fast gar nichts ging.

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Plötzlich besinnen sich die Airlines darauf, dass doch noch irgendwo eine eigentlich schon abgeschriebene A380-Flotte steht, die jetzt perfekt zur akuten Problemlösung taugt. Ein gutes Beispiel ist British Airways (BA), die ab November zunächst vier ihrer zwölf eingemotteten Riesen wieder fliegt. Und – A380-Fans aufgepasst – im November sogar täglich auf einem Morgenumlauf von London-Heathrow nach Frankfurt und zurück. Der Komfort eines eigenen Business-Class-Abteils ist dafür schon zum Schnäppchenpreis ab etwa 260 Euro hin und zurück buchbar. Mit solchen Kurzstrecken muss BA erst wieder ausreichend Besatzungen trainieren, um die A380 dann im Winter nach Los Angeles, Miami und Dubai schicken zu können.

Viele Fluglinien besinnen sich darauf, dass doch noch irgendwo eine eigentlich schon abgeschriebene A380-Flotte steht, die sie jetzt  wieder einsetzen können.
Viele Fluglinien besinnen sich darauf, dass doch noch irgendwo eine eigentlich schon abgeschriebene A380-Flotte steht, die sie jetzt wieder einsetzen können. Bild: Glenn Beasley

Auch A380-Erstbetreiber Singapore Airlines, der 2007 die Weltpremiere des Riesen gefeiert hatte, verfährt ähnlich: Ab dem 18. November fliegt auf einer von drei täglichen Verbindungen zwischen Singapur und London wieder die A380. Nachdem auch geimpfte Passagiere aus Großbritannien – wie zuvor schon Reisende aus Deutschland – als Teil der Vaccinated Travel Lane (VTL) wieder in den südostasiatischen Stadtstaat einreisen dürfen, stieg die Nachfrage gerade zum Jahresende dermaßen an, dass sich der Riese wieder lohnt. „Die A380, von der wir künftig zwölf mit der neuesten Kabine betreiben werden, bleibt ein sehr wichtiger Teil unserer Flotte“, so der Vizechef der Airline, Lee Lik Hsin. Ab Singapur über Frankfurt nach New York könnte der SIA-Riese im neuen Jahr wieder fliegen, ab Anfang November gibt es zunächst einstündige Kurzstreckenflüge von Singapur nach Kuala Lumpur.

Besonders kurios die Kehrtwende in Sachen A380 bei Qatar Airways, die früher zehn davon betrieben hat, deren elegant geschwungener Bartresen für Premiumpassagiere eine der schönsten Errungenschaften der Riesenjumbo-Ära war. Noch im Mai gab ihr exzentrischer Chef Akbar Al Baker zu Protokoll: „Rückblickend war das der größte Fehler unserer Firmengeschichte, die A380 zu kaufen.“ Und Al Baker fuhr fort, den Riesen zu schmähen: „Wir haben die A380 gegroundet und wollen sie nie wieder fliegen, weil sie im Verbrauch und bei den Emissionen ein sehr ineffizientes Flugzeug ist, und ich glaube nicht, dass es in absehbarer Zukunft einen Markt dafür gibt.“ Das saß. „Ich weiß, dass die Passagiere die Maschine lieben, es ist ein sehr ruhiges, smartes Flugzeug, aber der Schaden, den es in der Umwelt anrichtet, sollte die Priorität sein, nicht der Komfort.“ Sagt ein Airline-Chef, der sonst keinen Aufwand und kein Gewicht scheut, um extremen Komfort zu bieten an Bord – etwa in der A380, die als Einzige über sehr üppige First-Class-Sessel verfügt. Und jetzt? Plötzlich herrscht wegen eines Problems bei der A350 Flugzeugknappheit:„Unglücklicherweise haben wir keine Alternative, als die A380 wieder zu fliegen“, musste Al Baker im September ankündigen. Ab November sollen fünf von zehn der bei Qatar grau lackierten A380 wieder starten.

Emirates hat 116 A380-Jets gekauft und schwört auf den Superjumbo. Von den beiden allerletzten je gebauten kommt einer im November und der finale im Dezember aus dem Airbus-Werk in Hamburg an den Persischen Golf.
Emirates hat 116 A380-Jets gekauft und schwört auf den Superjumbo. Von den beiden allerletzten je gebauten kommt einer im November und der finale im Dezember aus dem Airbus-Werk in Hamburg an den Persischen Golf. Bild: Marc-Steffen Unger

Ganz anders die Stimmung natürlich bei Konkurrent Emirates, dem mit Abstand größten Kunden. 116 Superjumbos hat die Airline aus Dubai derzeit, von den beiden allerletzten je gebauten kommt einer im November und der finale im Dezember aus dem Airbus-Werk in Hamburg an den Persischen Golf. Damit endet das rund 30 Milliarden Euro teure Flugzeugprogramm als wirtschaftlicher Megaflop, insgesamt wurden gerade einmal 251 Exemplare der A380 gebaut. „Das ist ein sehr potentes Flugzeug, und wir werden es bis weit in die 2030er-Jahre hinein nutzen“, schwört Emirates-Chef Tim Clark als größter Fan. Mehr als 50 sollen bis Jahresende wieder 27 Ziele bedienen, von Hamburg bis Johannesburg. Bei Air France sind dagegen nahezu alle A380 inzwischen verschrottet, bei Singapore Airlines läuft die Zerlegung zweier weiterer Exemplare gerade – Teile davon werden von lokalen Künstlern in Kunstwerke verwandelt. Und die Lufthansa? Hat der A380 völlig abgeschworen, ihre 14 Riesen stehen in Teruel in der spanischen Halbwüste im Dornröschenschlaf. Aber es schwirren unter Piloten schon erste Gerüchte umher, der Kranich würde durch die massiv gestiegene Nachfrage bei USA-Reisen einige Riesen wieder flottmachen. Gerüchte eben.

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Wohin geht der nächste A380-Flug?

ANA wartet auf die Wiederaufnahme der A380-Flüge nach Honolulu, bis dahin gibt es Flüge innerhalb Japans; auf dem Flughafen in Tokio kann man das Bordrestaurant des A380 buchen.

British Airways setzt die A380 vom 8. November bis 2. Dezember täglich morgens zwischen London und Frankfurt sowie nach Madrid ein, danach regulär nach Los Angeles, Miami und Dubai; ab 31.10. nach Hongkong.

Emirates fliegt derzeit ab Deutschland wieder mit der A380 von Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt und München nach Dubai, weltweit werden 27 Städte von Johannesburg bis São Paulo wieder damit bedient.

Singapore Airlines setzt die A380 ­zwischen 2. November und 2. Dezember auf Kurzstreckenflügen zwischen Singapur und Kuala Lumpur ein, ab dem 18. November täglich nach ­London-Heathrow. Vermutlich Anfang 2022 wird sie wieder von ­Singapur über Frankfurt nach New York fliegen.

Qantas plant, zehn ihrer zwölf A380 zu reaktivieren, ab Juli 2022 von Sydney nach Los Angeles, ab November 2022 von Sydney via Singapur nach London.

Qatar Airways entmottet fünf ihrer zehn A380 und setzt sie ab 15. Dezember zweimal täglich zwischen Doha und London-Heathrow sowie einmal nach Paris ein.

Mehr zu Geschichte und Gegenwart der A380 im aktuellen Buch von unserem Autor Andreas Spaeth: „Airbus A380 – Der letzte Riese“, Motorbuch-Verlag, 224 Seiten, 29,90 Euro

Quelle: F.A.S.
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