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Am Strand des Lebens

Text und Fotos von HOLDE SCHNEIDER

25.01.2019 · Was, wenn man sich die letzte große Freiheit vor der Schule einfach nimmt – und Ende Januar mit den Kindern vor dem lichtlosen Winter ans andere Ende der Welt flieht? Drei Monate, zwei Kinder und ein gewagtes Abenteuer.

U nd da ist wieder einer dieser Robinson-Crusoe-Momente, für den sich all die Strapazen gelohnt haben: wir, alleine am Omamari-Strand an der Westküste Neuseelands. Während sie zu Hause in Deutschland drei Grad und Regen ertragen müssen, tollen die Kinder in den auslaufenden Wellen durch den Sand. Die Weite der Landschaft, die strahlende Sonne, der Salzwasserdunst in der Luft – alles scheint uns in diesem Moment zu bestätigen: Ja, ihr habt genau das Richtige gemacht.

Drei Monate, von Ende Januar bis Ende April, 88 Tage Neuseeland, das waren die Tatsachen, die wir nach der Flugbuchung vor einem halben Jahr geschaffen hatten. Der Plan lautete: Noch einmal raus, bevor die Schulpflicht und der Ernst des Lebens beginnen. Die letzte große Freiheit nutzen. Noch einmal dem grauen und kalten deutschen Winter für längere Zeit entfliehen. Mit einem Drei- und einem Sechsjährigen, ohne Mann, weil der nicht von seinem Job loskam, und limitiertem Budget. Also eher Campingplatz als Fünf-Sterne-Hotel. Eher „Wwoofing“ statt Wellness. Wwoofing, das heißt vier bis sechs Stunden leichte Arbeit am Tag gegen freie Kost und Logis. Das klang nach einem großartigen Konzept, und ich sah mich schon in der gleißenden Sonne Schafe scheren, während meine beiden Söhne mit anderen Kindern beim homeschooling der Farmer fließend Englisch sprechen lernen und wir dann alle abends Lammkoteletts am Lagerfeuer braten. Ja, genau so würde ich das machen.

Mit den Kindern in den Dünen

Es kam dann doch etwas anders. Eine 40-jährige Mutter mit zwei liebenswerten, aber zugegebenermaßen anstrengenden kleinen Jungen war dann doch nicht der Traum meiner potentiellen Wwoofing-Arbeitgeber. Die suchten eher 21-jährige arbeitswillige, anspruchslose Bautischler. Und so landeten wir bei Hardcore-Ökos in Gisborne. Und genossen danach die zauberhaften Omamari-Strand-Momente umso mehr, die alle Strapazen einer solchen Reise rechtfertigen. Aber der Reihe nach.

Anfangs wohnten wir glücklicherweise ein paar Tage bei einer neuseeländischen Freundin in Auckland, bei der wir uns nach dem schrecklich langen Flug akklimatisieren konnten. Nach ein paar Tagen, die erforderlich waren, um die zwölf Stunden Zeitunterschied einigermaßen auszugleichen, ging es dann nach Gisborne in den Westen der Nordinsel. Gisborne ist als Hippiedorf und Surfspot bekannt und liegt bei den wenigsten Neuseelandurlaubern auf der Reiseroute. Meine erste und – wie sich später auch herausstellen sollte – letzte echte Wwoofing-Familie war die von Natasha: Sie Französin, er Neuseeländer, echte Aussteiger und Selbstversorger, Eltern von drei Kindern und sogenannte Homeschooler. Im dünn besiedelten Neuseeland, wo die Fahrt zur nächsten Schule Stunden dauern kann, ist das erlaubt.

Wwoofing bedeuted in Neuseeland: Bis zu sechst Stunden Arbeit am Tag, dafür gibt es freie Kost und Logis.

Natasha kam mir mit zerzaustem Haar und barfuß entgegen, in Wallewalle-Klamotten und ihre dreijährige Tochter im Tuch auf den Rücken geschnallt. Die erste Nacht verbrachten wir in einer dusteren Hütte, zusammen mit riesigen Kakerlaken mit langen Fühlern. Aber meine Kinder verstanden sich erstaunlich gut mit den Gastgeberkindern. Was soll man da machen? Ich dagegen fand Natashas Art zu leben extrem, aber auch mutig. Zum Frühstück gab’s für jeden ein Drittel Avocado, ein Spiegelei und eine Scheibe selbstgebackenes Vollkornbrot. Das war’s. Mittags einen Haufen Gemüse irgendwie zusammengekocht aus Zutaten des heimischen Gartens. Abends auch irgendwas. Aber immer sehr wenig, zuckerfrei, sehr gemüselastig. Nudeln gab es nie. Begeistert waren wir von diesem Essen alle drei nicht, aber da wir zum Duschen ohnehin ins örtliche Freibad gefahren sind, haben die Jungs eben dort ein Eis bekommen.

Und manchmal war da die Sehnsucht – nach Zuhause
Nicht ohne meine elektrische Zahnbürste: Die Kinder bei der Morgentoilette
Schafscheren unter kundiger Anleitung
Gartenarbeiten

Meine Aufgabe bestand unter anderem darin, eine komplett zugewucherte Gestrüppweide per Hand, also mit einer stumpfen Minihandsäge, vom Unkraut zu befreien. Das kam mir unfassbar dämlich vor. Eine sinnlose Beschäftigungsmaßnahme. Schließlich wäre man mit einer Mähmaschine gleich durch gewesen. So brauchte man Monate. Natasha erklärte mir, als ich sie fragte, weshalb sie und Josh sich denn zu solch einem extremen Lebensentwurf entschieden hätten: We want to get rid of the toxic. Aha. Also nichts kaufen, nichts konsumieren, was nicht selbstgemacht ist, alles muss organic sein. Mit einem solchen Lebensentwurf hat man eine Menge Arbeit, so viel, dass man eigentlich nie ohne Aufgabe ist und ohne Wwoofer erst recht nicht zurechtkommt. Ich hatte unter anderem Aschenputtelaufgaben wie Samen aus getrockneten Hülsen pulen, stundenlang. Oder drei Eimer Birnen schälen. Bei 30 Grad Hitze.

Allein am Omamari-Strand an der Westküste

Untergebracht waren wir in einer selbstgebauten Minihütte ohne Licht, Strom, Wasser, Klo. Mitten auf dem Berg, umgeben von Gestrüpp und Schafweide. Natasha und ihr Mann hatten sich hier mitten in der Natur einen kleinen Hügel gekauft und obendrauf ihr Haus gebaut. Dort gibt es Strom, eine Küche und einen großen Raum, in dem so ziemlich alles passiert, was sich nicht unter freiem Himmel abspielt. Meine beiden Söhne schauten sich das alles staunend an, das Wetter war prächtig, und so verbrachten wir die ersten Tage mit Gartenarbeit, dem Sortieren von Sämereien, Erdbewegungsmaßnahmen, Essenkochen (es kommt nur auf den Tisch, was im Garten wächst) und regelmäßigen Besuchen im örtlichen Schwimmbad. Drei Wochen verbrachten wir hier, die Zeit verging schnell. Vormittags wurde gearbeitet, nachmittags flohen wir an den Strand zum Surfen, das entschädigte für alles. Meine Zweifel am Selbstversorgung-aus-Prinzip-Konzept jedoch blieben, denn so ganz ging die Rechnung nicht auf, der Familienvater musste dann doch gelegentliche Jobs annehmen, um das System am Laufen zu halten.

So beluden wir nach drei Wochen wieder unseren kleinen Van und steuerten die nächsten drei Wochen kreuz und quer über die Nordinsel. Wir verbrachten viel Zeit am und auf dem Meer, gingen in der Bay of Islands mit Delfinen schwimmen und segelten auf historischen Booten. Wir sahen riesige alte Bäume und verwunschene Buchten, Schiffswracks und sogar Kiwis. Am Strand von Waikato saßen wir in selbstgebuddelten Mulden im warmen Wasser der heißen Quellen. Bei Waipu schlugen wir uns durch den Regenwald und sprangen über Bäche, weil wir zu einer Glühwürmchenhöhle wollten. Mein älterer Sohn rutschte aus, fiel ins Wasser und war klatschnass. Da ich keine Wechselklamotten dabeihatte, machte ich kurzerhand aus Farnen einen kleinen Mogli aus ihm. Abenteuer lebt oft von Improvisation.

Auf dem Schiff im Regen
Expeditionen im Wald
Waikita Valley Thermal pool

Klingt nach einem entspannten Programm, war es in unserem Fall aber oft überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wenn wir andere deutsche Elternzeiturlauber getroffen haben, war das schon fast frustrierend, es waren immer zwei Elternteile, gern mit nur einem Kind in einem sehr komfortablen Wohnmobil, für das man 7000 Euro im Monat Miete hinblättern muss. Irgendwann war auch der absolute Tiefpunkt unserer Reise erreicht, meine Kräfte am Ende, und ich bekam eine Lungenentzündung. Sollten wir das Ganze besser abbrechen und zurück nach Deutschland fliegen? Aber nach drei elenden Tagen in einer Campingplatzhütte, die glücklicherweise viel Platz bei Schmuddelwetter und ausreichend viele Fernsehkanäle für Kinder aufwies, fuhren wir zurück nach Auckland zu einer Familie, die ich vor einigen Jahren in Kanada kennengelernt hatte.

Mittlerweile hatte ich den Entschluss gefasst, dem schlechter werdenden Wetter in Neuseeland den Rücken zu kehren und mit preiswerten Tickets an die australische Ostküste zu fliegen. Die Rückflüge nach Deutschland blieben fix gebucht, ein Umbuchen hätte so viel gekostet, wie wir für die Tickets insgesamt bezahlt hatten. Also: Flucht nach Australien. In nur dreieinhalb Stunden waren wir da. Und das Wetter so, als würde man von Hamburg nach Sizilien fliegen. Die Jungs liefen den ganzen Tag nur mit Badeshorts und einem Lachen im Gesicht durch die Gegend. Mit der ursprünglichen Wwoofing-Idee hatte das zwar nichts mehr zu tun, aber nach überstandener Lungenentzündung war das echt egal. Wir versuchten sämtliche Vergnügungsparks zu vermeiden und gingen in öffentlichen Pools baden. Die Kinder sahen Meeresschildkröten, knuddelten mit Koalas und standen sogar ein paar Mal auf dem Surfbrett. Ein australisches Highlight jagte das nächste, meist hat die Sonne dazu gestrahlt: schnorcheln auf Lady Musgrave Island, im Galopp zu einer echten Cowboyfarm, segeln zu einsamen Inseln, lustige Herden von blauen Krebsen, Riesenseesterne, wilde Kängurus und laute Papageien. Auf Fraser Island sahen wir das berühmte Schiffswrack, ein paar Tage waren wir in einem Surfcamp und echte Exoten unter all den Mittzwanzigern.

Am Strand von Fraser Island

Doch irgendwann mal war kein Strand mehr schön genug, um die Sehnsucht nach Papa und zu Hause weiterhin zu unterdrücken, und dann ging alles ganz schnell: Rückflug nach Auckland, ein paar Tage bei unseren Freunden und ein 24-Stunden-Flug nach Deutschland. Am Ende hatte ich 35 Kilo Übergepäck, von denen ich mir bis heute nicht erklären kann, wo die herkamen. Die Gesamtgepäckmenge ist gewissermaßen organisch gewachsen, ohne dass es während der Reise aufgefallen wäre. Es sollte noch fünf Monate dauern, bis sie auf dem Postweg nach Deutschland fand.

Auszeit mit Kind

Allein mit Kleinkind(ern) zu einer langen Fernreise aufzubrechen ist kein Spaziergang und sollte gut geplant sein. Ganz ohne Unterstützung oder zeitweise Hilfe am Ziel lastet die volle Verantwortung und Organisation auf einem Elternteil. Vorher also gut überlegen, in welcher schönen Weltgegend man Bekannte für den Notfall kennt, bei denen man ankommen und sich akklimatisieren kann. Oder sich gleich am Zielort nach anderen Familien mit Kleinkindern umsehen und Bekanntschaften knüpfen.
Für Länder wie Brasilien, Mexiko oder Indonesien sind diverse Impfungen empfohlen, unbedingt den Kinderarzt vor der Reise konsultieren, ebenso die Website des Auswärtigen Amts. An Auslandskrankenschutz denken und daran, dass für die Einreise in viele außereuropäische Länder Vollmachten des nicht mitreisenden Elternteils benötigt werden. Südafrika etwa besteht bei der Einreise auf einer Geburtsurkunde des Kindes.
Quelle: F.A.S.