Algarve

Der Oktopus ist ein Saubermann

Von Sven Rahn
Aktualisiert am 17.10.2020
 - 12:39
Bereit zur Ausfahrt in die Vergangenheit: die Fangflotte der Tintenfischfischer an der Algarve.zur Bildergalerie
An der Ostküste der Algarve werden Kraken noch gefangen wie vor zweitausend Jahren: mit tönernen Amphoren, die auf dem Meeresboden lagern.

Maurício Nogueira wirft den Motor seines kleinen Fischerbootes an und steuert die „Soledade“ aus dem Hafen von Vila Real de Santo António hinaus aufs offene Meer. Eine Dreiviertelstunde später ist der Dreiundvierzigjährige bei seinen Fanggründen vor der Küste der Ria Formosa im Osten der Algarve angelangt. Mit einer Winde zieht er ein Tau aus dem Wasser und befördert einen dunklen Gegenstand vom Meeresboden an die Oberfläche: einen alten Tonkrug, besetzt mit Muscheln und Algen. Der Fischer hat sich auf den Fang von Kraken spezialisiert und verwendet dabei ein jahrtausendealtes Verfahren: Schon die Römer versenkten Amphoren im Meer, in der Hoffnung, dass Oktopoden diese als Behausung nutzten. Heute sind es noch zweihundert Fischer zwischen Vila Real de Santo António und Faro, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdienen.

„Die Methode ist viel nachhaltiger als der Fang mit Reusen oder Schleppnetzen“, sagt Maurício Nogueira. Es gebe praktisch keinen Beifang, und zu kleine Tiere – in Portugal dürfen Oktopoden erst ab einem Gewicht von siebenhundertfünfzig Gramm verkauft werden – würden einfach wieder ins Meer geworfen. Viele seiner Kollegen hätten den Alcatruz, wie die tönerne Amphore auf Portugiesisch heißt, durch Plastikbehältnisse ersetzt. Doch für Maurício kommt das nicht in Frage. „Ich mag kein Plastik und der Oktopus auch nicht“, sagt er. Das Material werde im Wasser kalt, da fühlten sich die Tiere nicht wohl. Außerdem liege die zylinderförmige Plastikröhre flach auf dem Grund, so dass Schlamm und Schlick hineingelangten – auch das gefalle dem Oktopus nicht. „Er liebt es sauber.“ Mit Fallen aus Ton jedenfalls fange er deutlich mehr als mit den modernen schwarzen Plastikbehältern.

Vor allem vor der Küste der Ria Formosa stehen die Chancen gut, dass ihm Kraken ins Netz respektive in den Krug gehen. Denn die Lagunenlandschaft, die 1755 durch ein Seebeben entstand, bietet ideale Lebensbedingungen für den Kopffüßler. Die starken Gezeiten sorgen für sauberes, sauerstoffreiches Wasser. Das seichte Gewässer der Ria wiederum ist der perfekte Platz für die schwarz schimmernden Eier des Kraken, von denen das Weibchen bis zu vierhunderttausend Stück an kleinen Schnüren ablegt. Und zwischen den unzähligen Sandbänken, Prielen und kleinen Inseln leben Abertausende von Krabben und Krebsen, die bevorzugte Mahlzeit der Oktopoden. Im Jahr 1986 wurde das sechzehntausend Hektar große Gebiet zum Naturpark erklärt. Manche Teile werden wirtschaftlich genutzt, etwa für den Salzabbau oder die Muschelzucht, andere sind ganz der Natur und wieder andere dem Tourismus vorbehalten – so wie der Abschnitt vor Fuseta, an dem drei exklusive Hausboote ankern, oder die Mündung des Rio Gilao in den Atlantik, an der ein ehemaliges Fischerdorf inmitten von Salzbecken in ein stilvolles Ökohotel umgewandelt wurde. Besonders beliebt bei Urlaubern sind die kilometerlangen Strände der vorgelagerten Inseln bei Faro, Culatra und Tavira aus feinstem, weißem Sand, die flach ins Meer abfallen und deswegen ideal für Kinder sind. Tavira erreicht man über eine kleine Schmalspurbahn, die über einen anderthalb Kilometer langen Damm tuckert. Früher wurden mit ihr Versorgungsgüter für die Thunfischfischer transportiert, die während der Saison auf der Insel lebten. Heute sind in den ehemaligen Lagerhallen und Baracken Restaurants, Bars, Geschäfte und ein Fischereimuseum untergebracht.

Nicht nur Kraken fühlen sich in dem Naturpark wohl, sondern auch Seepferdchen, die hier in einem ihrer letzten natürlichen Habitate in Europa leben, und Schwärme von Delphinen, denen man bei geführten Bootstouren ganz nahe kommt. Die große Vielfalt an Meerestieren lockt auch See- und Zugvögel an, im Herbst kann man zum Beispiel in aufgegebenen Salinenbecken Flamingos dabei beobachten, wie sie das Wasser nach Plankton und kleinen Krebsen durchkämmen. Mit etwas Glück sieht man einen Fischadler am Himmel seine Kreise ziehen. Aber auch Reihern, Kranichen und Störchen gefällt es hier, Letzteren sogar so gut, dass sie ihr einstiges Winterquartier gar nicht mehr verlassen. Die meisten Oktopoden werden in der Auktionshalle von Santa Luzia versteigert. Vergangenes Jahr waren es mehr als dreihundert Tonnen. Das Fischerdorf inmitten der Ria Formosa ist die selbsternannte Hauptstadt des Kraken. Nirgendwo in der Region wird mehr umgeschlagen – und gegessen. Das liegt auch an Eduardo Manges, der das Restaurant „Casa do Polvo Tasquinha“ betreibt, ein in ganz Portugal bekanntes Haus. „Keiner verkauft mehr Polvo als wir“, sagt Eduardo selbstbewusst. Und die Zahlen sind wirklich beeindruckend: Im vergangenen Jahr wurden in der Casa achtundzwanzig Tonnen Tintenfisch verspeist. „Vor allem während des alljährlichen Krakenfests Mitte August, das in diesem Jahr wegen Corona ausgefallen ist, verkaufen wir üblicherweise zentnerweise Polvo.“ Er wird in kleine Teigtaschen gefüllt oder zu Frikassee verarbeitet, als Burger oder Carpaccio serviert, mit Garnelen oder einer Maniok-Kokosmilch und Curry kombiniert. Dreiundzwanzig verschiedene Oktopus-Gerichte führt die Karte, die sich regelmäßig ändert, weil der Chef ständig über neuen Rezepten brütet. Der Renner in dieser Saison ist im Ofen gegarter Krake mit Aprikosen und Mandeln.

Wer es traditioneller mag, ist ein paar Schritte weiter bei Filomena Oliveira gut aufgehoben. Ihr Lokal „A Casa“, in dem vor ein paar Jahren noch Oktopusse gesäubert, getrocknet und für den Export in den Norden vorbereitet wurden, ist seit 2011 die erste Adresse für die traditionelle portugiesische Krakenküche. Die butterzarten Arme serviert man hier gerne vom Grill mit Kartoffeln, Paprika und Tomaten oder „a la gallega“, auf galicische Art gekocht und mit Paprikapulver bestäubt oder aber als Eintopf mit Süßkartoffeln und Paprika. So mag es auch der Fischer Maurício Nogueiro am liebsten, der an der Küste vor Monte Gordo gerade den letzten Alcatruz kontrolliert und noch mal einen Kraken erwischt. Mit ihm beträgt die Tagesausbeute achtzig Kilogramm – nicht schlecht für neun Stunden Arbeit.

Informationen: Portugiesisches Fremdenverkehrsamt, Zimmerstraße 56, 10117 Berlin, www.visitportugal.com.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot