Quarantäne in Norwich

Alles wird gut

Von Wolfgang Albers
Aktualisiert am 18.04.2020
 - 14:58
Ein Leben in immerwährender Quarantäne: Juliana von Norwich wollte nichts von der Vanitas mundi wissen.
Juliana von Norwich zog sich im vierzehnten Jahrhundert in eine Zelle in Ostengland zurück, die sie nie wieder verlassen sollte – und machte ihren Mitmenschen trotzdem in Zeiten von Seuchen und Katastrophen Mut.

Das Motto „Andrà tutto bene“, mit dem die Italiener sich zu Zeiten der Corona-Katastrophe Mut machen, ist wie das Echo auf einen vielzitierten Satz aus einem der ersten Bücher in englischer Sprache, das eine Frau geschrieben hat: „All shall be well, and all shall be well and all manner of thing shall be well.“ Der Satz stammt von einer gottesfürchtigen Frau, die viele Jahrzehnte lang in einer Art Quarantäne lebte, und zwar in Zeiten, die wie unsere voller Not waren. Wir kennen nicht einmal ihren Namen, wissen aber, dass sie im Jahr 1342 auf die Welt kam, in der ostenglischen Stadt Norwich lebte und vielleicht sogar knapp neunzig Jahre alt wurde. Im Alter von dreißig Jahren zog sie in eine Zelle, die an die St. Julian-Kirche gebaut wurde, und lebte von da an in selbstgewählter Isolierung von der Welt. Nach dem Ort ihrer Zelle ist sie schon von den Zeitgenossen Juliana von Norwich genannt worden.

An der Westfront der Kathedrale von Norwich steht ihre Statue. Sie zeigt eine Frau mit Kopftuch und bodenlangem Kleid, die in einer Hand eine Schreibfeder hält und im andern Arm ein Buch mit dem Titel „Offenbarungen der göttlichen Liebe“ trägt. Es ist das Resultat etlicher Visionen, die Juliana von Norwich im Mai 1373 erlebte. Eine Woche lang lag sie todkrank nieder, wie so viele in der Stadt. Über Norwich war damals die Geißel der Pest und anderer Epidemien gekommen, die nicht weniger als die Hälfte der Einwohner das Leben kostete – was damals zum Alltag der Menschen gehörte. Allein während Julianas Kindheit gab es drei verheerende Ausbrüche der Pest in der Gegend.

Sechzehn Begegnungen mit Jesus

Sie ist infiziert, ihre letzte Stunde scheint geschlagen, ein Priester hält schon das Kruzifix über den reglosen Leib. Ihre Mutter will die Augen schließen, weil sie die Tochter für tot hält. Juliana aber, so schreibt sie es später in ihren „Offenbarungen“, konzentriert ihre Sinne auf das Kreuz – und erlebt zunächst fünfzehn Visionen, dann eine letzte, die ihr bestätigt: Gott hat sich mir gezeigt. Sie wird gesund und schreibt ihre Visionen sofort nieder, emotionale Beschreibungen der Begegnung mit Jesus. Ein Mönch, bei dem sie Rat sucht, empfiehlt ihr, den Weg eines Anachoreten einzuschlagen. So nannte man im mittelalterlichen Christentum Männer, die sich aus der Gemeinschaft in die Einsiedelei zurückzogen, bisweilen sogar in die Wüste. Unter Frauen war diese Wahl eher unüblich.

Zu Julianas Zeit waren Klöster weit verbreitet, viele Frauen und Mädchen wurden Nonnen. Doch Menschen, die komplett in die Selbstisolation gingen, waren extrem selten. Die Quellen des vierzehnten Jahrhunderts nennen für England eine Zahl von fünfunddreißigtausend Ordensangehörigen und Priestern, kennen aber nur zweihundertvierzehn Anachoreten und Anachoretinnen; für die weiblichen Eremiten war das möglicherweise ein Weg, als Frau ein eigenständiges Leben zu führen.

Eine merkwürdige Doppelrolle

Juliana gibt weder ihre Motive noch die Argumente ihres Ratgebers preis. So viel aber ist sicher: Sie wechselte in eine sehr beengte, neue Welt, auch wenn das der Anbau an der St. Julian-Kirche, den man heute noch betreten kann, nicht mehr authentisch vermittelt. Ein normannisches Portal mit einer zweiflügeligen Tür, ein hoher Raum mit Altar, zwei Kruzifixe, Votivlichter und eine Darstellung von Golgatha: so stellt sich ihre Einsiedelei heute dar, aber diese geräumige Kapelle hat sicher nur noch wenig mit dem Original zu tun, dessen Ursprung bis ins elfte Jahrhundert zurückreichte und ungleich bescheidener gewesen sein dürfte – von manchen Zellen weiß man, dass sie ihren Bewohnern kaum Raum boten, um sich bequem umzudrehen. Die ursprüngliche Kirche aber ist samt Julianas Zelle 1942 von deutschen Bombern zerstört worden.

Mit dem Einzug in ihre Klause verzichtete Juliana für den Rest ihres Lebens darauf, sie je wieder zu verlassen. Was allerdings nicht unterbunden wurde, war ihre Kommunikation nach außen. Ein Fenster gestattete einen Blick in die Kirche, ein weiteres diente ihrer Versorgung, das dritte ermöglichte das Gespräch mit Menschen, die ihren Rat suchten. Als Anachoretin nahm sie eine merkwürdige Doppelrolle ein. Einerseits hatte sie sich komplett abgewandt von der Welt, andererseits diente sie ebendieser Welt mit ihren Gebeten, war geistlicher Ansprechpartner und manchen ein Vorbild. „Eingeschlossen und doch exponiert, verborgen und doch sichtbar, Schatten hinter den Vorhängen ihrer Fenster, waren die mittelalterlichen Anachoretinnen eine tägliche Erinnerung an den wahren Kern der christlichen Existenz. Märtyrerin, Pilgerin, Büßerin, Asketin, Mystikerin, Soldatin Christi – die Anachoretin war all das“, schreibt Ann K. Warren in ihrem Buch „Anchorites and Their Patrons in Medieval England“, einem Standardwerk über die Eremiten dieser Epoche.

Reisen von Jerusalem bis nach Santiago

Einen besonders interessanten Besuch empfing Juliana um das Jahr 1415, als Margery Kempe nach Norwich kam. Über diese Frau schwanken die Urteile: War sie eine Mystikerin, inspiriert von der Flamme des Glaubens, oder doch eher eine religiöse Exzentrikerin, der es mehr ums Reisen ging? Jedenfalls liefen ihr unablässig Tränen aus den Augen, was sie zu einer Wiedergängerin der Schmerzensmadonna werden ließ. Margery Kempe war dreißig Jahre jünger als Juliana, und auch sie lebte auf extreme Weise. Sie hatte ihren Mann und angeblich auch ihre Kinder daheim zurückgelassen und zog rastlos durch die Welt, nach Jerusalem, nach Santiago de Compostela, nach Danzig. „Pilgerreisen als geborene Emanzipation“, schreibt Peter Sager, der Cicerone Ostenglands, über „die geborene Touristin“. Tagelang redeten die beiden grundverschiedenen Frauen miteinander, die dennoch die Hingabe an einen jeweils eigenen, radikalen Lebensentwurf einte. „Geduld ist notwendig für dich, auf dass du deine Seele behältst“, sagte die Sesshafte der vom Reisefieber Getriebenen, und ahnte wohl, dass dieser Rat wenig Gehör finden würde. So fügte sie eine Ermunterung an: „Setze all dein Vertrauen auf Gott und fürchte nicht das Gerede der Welt.“

Wenn man Julianas vielschichtige Visionen auf einen Kern reduzieren will, dann ist es dieser: Sie machte den Menschen Mut – in Zeiten, die voller Gewalt, Willkür, Seuchen, Katastrophen waren und reichlich Anlass zur Resignation boten, wobei die panische Angst vor Sündenverstrickung und Höllenschicksal noch dazu kam, um an der Welt zu verzweifeln.Hat ihr „All shall be well“ auch ihr selbst geholfen, wenn die Einsamkeit, in der nur eine Katze erlaubt war und den Anachoretinnen Handarbeit als weitere Beschäftigung empfohlen wurde, zu drückend wurde? Hat sie ihren Entschluss jemals bereut? Auch hier wissen wir nichts. Und es scheint sogar, dass ihr „All shall be well“ schnell wieder aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden ist. Wiederentdeckt wurde Juliana erst im zwanzigsten Jahrhundert, dann aber mit viel Aufmerksamkeit, gerade in der feministischen Theologie.

Am Ort ihrer Klause zieht ein Aushang Parallelen zu ihrer und zu unserer Zeit: „Ihr Jahrhundert war ebenso von Aggression, Unsicherheit und Wandel geprägt wie unseres. Ihre berühmtesten Worte ‚All shall be well‘ sind heute genauso notwendig und wahr wie damals, als sie sie niederschrieb.“

Auskunft: Norwich Tourist Information, Internet: www.visitnorwich.co.uk, E-Mail: tourism@norwich.gov.uk. Das Touristenbüro ist wegen der Corona-Krise derzeit geschlossen.

 

Quelle: F.A.Z.
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