Alpenjuwelen-Tour

Über alle Berge

Von Elena Witzeck
Aktualisiert am 12.01.2021
 - 19:01
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Eine Alpenüberquerung gehört zu den Abenteuern der Stunde. Die Pandemie hat den Trend noch beschleunigt. Spezialisierte Anbieter versprechen, dass das auch Anfängern gefahrlos und genussvoll gelingt. Ein Versuch.

Es ist früh, noch liegt der Wald im Dunkeln. Noch klirrt die Luft, starr die Natur. In dieser Höhe, um diese Zeit ist sie fremd und unwirtlich, und bis die Sonne über den Gebirgskamm kriecht, wird nur das ferne Läuten von Kuhglocken auf menschliche Einmischung hindeuten. Ginge man jetzt los, müssten erst die Beine warm werden und der Geist belüftet. Hier darf man nicht einfach so dahintrotten. Ein falscher Schritt kann gefährlich sein. Verlaufen ist auch sehr schlecht, denn es kostet Kraft. Wer sich am Berg nicht auskennt, ist schnell verloren.

Noch ist es wohlig warm. Jetzt dringen erste Strahlen durch die dichten Kiefern. Man kann das Erwachen des Waldes ohne klamme Wanderschuhe durch ein bodentiefes Fenster vom Bett aus beobachten. Es muss noch gar nicht losgehen. Man könnte jetzt einfach barfuß zur Dachterrasse laufen, wo der Pool nach draußen führt und nahtlos in die Dolomiten übergeht, und im warmen Wasser der Bergwelt beim Morgenritual zusehen. Und danach Rührei mit Speck. Herrlich, so eine Alpenüberquerung.

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, da wären wunde Stellen, die solchen Müßiggang rechtfertigen. Etwas matte Beine vielleicht, aber das kann man auf keinen Fall zugeben vor echten Bergsteigern wie Georg Pawlata, der schon beim Frühstück sitzt, auch wenn er sicherlich nur nachsichtig lächeln würde, die paar Kilometer am Tag. Gleichwohl: Für Stadtmenschen sind auch zwölf Kilometer im Hochgebirge ein Marsch und ein Schotterfeld ein Wagnis. Keiner weiß das besser als er, der Geograph aus Innsbruck, der die Bedürfnisse der Flachlandmenschen und nicht mehr ganz Trittsicheren jahrelang studiert hat. Dann hat er entschieden: Auch die können über die Alpen laufen.

Und das möchten wir doch alle. Viel lieber laufen wir mit Ziel und Sinn als einfach so dahin. Besonders die Deutschen lieben Fernwanderungen. Italiener würden nie auf die Idee kommen, Berge zu überqueren, um später von den beeindruckenden Distanzen berichten zu können, erst recht nicht in Richtung Deutschland. Der langobardische König Authari ging im sechsten Jahrhundert auch nur über den Brenner nach Regensburg, um Theolinde, die Tochter eines Herzogs aus Bayern, abzuholen.

Die Alpenüberquerung von Heinrich dem Vierten, der sich in Rom beim Papst vom Kirchenbann befreien lassen wollte, beschrieb ein Mönch aus dem Gefolge mit den Worten: „Der Winter war äußerst streng, und die sich ungeheuer weit hinziehenden und mit ihren Gipfeln fast bis in die Wolken ragenden Berge, über die der Weg führte, starrten so von ungeheuren Schneemassen und Eis, dass beim Abstieg auf den glatten, steilen Hängen weder Reiter noch Fußgänger ohne Gefahr einen Schritt tun konnte.“ Dem Vernehmen nach rutschte die Königin auf einem Fell ins Tal. Nur dank ortskundigen „Eingeborener“ kam der Hofstaat durch. Schon eine mittelschwere Alpentour ist auch heute noch für gewöhnliche Spaziergänger anspruchsvoll, im vergangenen Sommer gab es einen signifikanten Anstieg bei Unfällen im Gebirge, die weltweiten Reisebeschränkungen trieben viele in die Berge.

Deshalb konzipieren immer mehr Ortskundige Touren auf Wegen, die fast jeder laufen kann. Die Alpenüberquerung von Innsbruck nach Meran ist ein Klassiker mit Hüttenübernachtung, Voraussetzung: Erfahrung mit Bergtouren. Georg Pawlatas Alpenüberquerung vom Tegernsee nach Sterzing, 115 Kilometer, wandern jedes Jahr Tausende. Für diejenigen, die sich eine solche Fernwanderung noch nicht ganz zutrauen, die beschwerliche Abschnitte abkürzen und stilvoll übernachten wollen, hat er vor zwei Jahren ein Alternativprogramm entwickelt: Genusswandern von der Zugspitze nach Bozen. Acht Tage schwindelfrei durch Hochgebirgstäler und auf dem Alpenhauptkamm. Er nennt es „Alpenjuwelen“.

Der Pool mit Dolomitenblick ist das Ziel. Der Start ist, natürlich, Garmisch. Die Pandemie hat der touristenfreundlichste Ort Bayerns im Oktober kurzfristig ausgeblendet, die Stuben sind voll, die Bahnen Richtung Zugspitze auch. Es geht ja auf den Berg, da stören Aerosole weniger. Tief durchatmend strömen die befreiten Wanderer in Allwetterjacken aufs Bergmassiv. Während die Kletterer noch an Felsen hängen – man kann sie aus der Seilbahn beobachten –, während die Ersten gerade oben am Gipfel ankommen und Eis von ihren Schuhen klopfen, stehen wir schon zitternd auf der Plattform und starren in die Weite, also auf die Alpenjuwelen. Irgendwie sollen wir da hinüberkommen. Nur Tirol müssen wir auslassen, das war gerade wieder mal Risikogebiet geworden, aber ins Vinschgau und in die Sarntaler Alpen kann man noch ungestört reisen, da liegen unsere nächsten Etappen. Georg Pawlata hat uns haufenweise Karten und Routenbeschreibungen mitgegeben. Wenn alles gutgeht, treffen wir ihn nach dem Abstieg in Ehrwald.

Dass wir zu dritt sind, mag ihn etwas gewundert haben. Er hat seinen ersten 3000er mit sechs Jahren erklommen. Bergsteigen geht er meistens allein, er sagt, es mache den Kopf frei. Nicht, dass mir das nicht guttäte. Aber wie soll man mit Höhenangst im Klettergarten und Atemnot auf dem Rheinsteig allein die Alpen überqueren? Wer soll Hilfe rufen, wenn man in der Gletscherspalte liegt? Da dachte ich noch, es warteten möglicherweise Gletscherspalten auf dem Weg. Normalerweise läuft man auf dieser Route selten allein. In den Sommermonaten ist die Tour meistens ausgebucht, von Deutschen, Schweizern, Holländern oder Skandinaviern mit gewissem Altersvorsprung, die ihre Tour im Reisebüro buchen. Aber da nun aus pandemischen und Witterungsgründen alle abgesagt haben, habe ich mir meine Reisegruppe selbst aus Bergnovizinnen zusammengestellt. Immerhin: Wir tragen Wanderschuhe. Oben am Zugspitzgipfel stapfen Sneakerträger auf dem Gletscher herum. Einige sehen aus, als liefen sie zum ersten Mal durch Schnee.

Eine Alpenjuwelenroute beginnt so: Man erreicht eine beliebten Aussichtspunkt, etwa den Riflriss unterhalb des Zugspitzgipfels, zu dem geradewegs durch den Berg eine uralte Zahnradbahn führt, und lässt sich dann von der Wegbeschreibung eine nicht als Wanderweg zu definierende Böschung hinabnavigieren, bis man einen schmalen Waldweg erreicht. Spätestens dort hat man die anderen Allwetterjackenträger schon hinter sich gelassen und kann sich links am erhabenen Bergmassiv und rechts am Ausblick über den Eibsee, einem der am kunstvollsten geformten Bergseen überhaupt, erfreuen.

Meine Gefährtinnen haben Vitalschnitten und Äpfel dabei. Noch rechnen wir damit, es könnte beizeiten Hunger aufkommen. Eine von ihnen ist Ärztin an der Charité. Die andere arbeitet eigentlich in Paris. Ich kenne niemanden, der eine bessere Orientierung hat als sie. Beide schienen mir die idealen Begleiterinnen. Es ist nämlich nicht so, als wären Pawlatas Routen besonders selbsterklärend. Er hat sie ja als Fährtensucher frei ersonnen. Vier Jahre lang: Schwierige Touren auszuarbeiten, sagt er, sei viel leichter. Manchmal geht es also auf einem unscheinbaren Pfad geradewegs ins Dickicht, manchmal quer über eine blühende Wiese. In seiner Wegbeschreibung ist das natürlich alles dargelegt, und an den Schildern am Wegesrand kleben kleine gelbe Hinweise mit einem „J“ für Juwelen. Aber es gibt auch viel Ablenkung: die Schwammerl im Moos, die Aussicht ins Tal zwischen den Wipfeln, die kosmische Stille, der verwaiste Grenzposten nach Österreich. Da kann man schon einmal irgendwo falsch abbiegen und auf einen langweiligen Forstweg geraten. Georg Pawlatas Wege sind nie fad. Alle paar Meter ist etwas geboten, wie auf den Premiumwanderwegen im deutschsprachigen Flachland, wo es ja grundsätzlich weniger Highlights am Wegesrand gibt.

Pawlata findet aber, dass Wandern voller Highlights sein sollte. Er will, dass sich auf langen Strecken niemand langweilen muss. Als Kind ist er mit seiner Familie durch Südtirol und das Leutaschtal gewandert. Seine Großeltern waren Pächter einer Hütte in den Stubaier Alpen, seine Großmutter Erstbesteigerin mehrerer Gipfel ringsum. In seiner Familie gibt es einen Wettbewerb, wer die meisten Höhenmeter hat. Sein Rekord waren 180 000 in einem Jahr. Momentan führt seine Mutter.

Er wartet auf uns im menschenleeren Ehrwald. Normalerweise sollen die Streckenabschnitte direkt zur Unterkunft führen, das erhöht die Motivation. Aber jetzt, da die Hotels geschlossen sind, bleiben auch die Wanderer weg, und auf dem Weg ins Tal begegnen uns nur Schafe und Spaziergänger mit ihren Hunden. Georg Pawlata steht mit zerzaustem Haar und braunem Gesicht auf dem Parkplatz und sieht zugleich unheimlich gelassen und äußerst umtriebig aus. Bevor er Fährtenfinder für Alpentouristen wurde, war er schon Drachenflieger und Reiseführer in Italien. Dort hat er einen Sinn für die Sonderwünsche von Reisenden entwickelt. Dazu gehört im Fall seiner Alpenüberquerung auch, dass das Gepäck nicht auf dem Rücken transportiert werden muss.

Normalerweise kümmern sich Alpenjuwelen-Mitarbeiter darum, aber weil gerade eh nichts los ist, bringt Pawlata uns direkt nach Südtirol. Das Leutaschtal, den Wanderweg zu den Telfer Almen im Stubaital, das Kreuzjoch, die Hochgebirgswege der Tour – sie rauschen bei Nieselregen an uns vorbei.

Stattdessen wandern wir am nächsten Tag entlang der Waalwege, der Bewässerungsrouten der jahrhundertealten Südtiroler Bauern, von Kuens nach Paatschins, immer bergab, mit trefflichen Ausblicken über das Tal. Neben den Beinen plätschert das Bächlein, die größte Herausforderung: nicht kopflos hineintreten. Fünf Stunden sind für die zwölf Kilometer großzügig geplant. Man begegnet hier oberhalb von Meran so gut wie niemandem. Gespenstisch holpert ein Einsitzerlift über die steilen Apfelplantagen hinweg. Nur bei Algund, wo man durch die Felder laufen und Äpfel stehlen kann, drehen die Ausflügler ihre Runden.

Wenn Georg Pawlata ein paar Kilometer mitwandert, geht alles etwas schneller. Sein Schritt ist forsch und sicher, sein Kopf schon beim nächsten Halt. Er kennt jeden Gipfel und erzählt gern und voller Entzücken von der Faltung der Alpen. Manchmal verschwindet er zu einer kleinen Expedition, dann sucht er nach neuen Routen und kommt später kopfschüttelnd zurück: „Na, des woa einfach zu steil.“ Pawlata ist sehr darauf bedacht, niemandem das Gefühl zu geben, ein Besucher mit Defiziten zu sein.

Wenn am Ende eines Sommers alle gut ans Ziel gekommen sind, können sich die Alpenroutenfinder entspannen. Auf Pawlatas Strecken ist glücklicherweise noch nie etwas passiert. Manchmal rufen Teilnehmer an, weil sie sich verlaufen haben. Einmal kam eine allein wandernde Frau nicht an ihrer Unterkunft an. Bis zur Abenddämmerung hatte sie nicht eingecheckt. Das Hotel verständigte den Veranstalter, der rief die Bergwacht zur Hilfe. Als alle gerade ihre Suche abstimmten, kam ihnen die Frau entgegen. Sie hatte auf dem Weg jemanden kennengelernt und irgendwo noch ein Glas Wein mit ihm getrunken.

Abends begegnen sich dann alle, die auf der Route unterwegs sind oder einfach der Stille entgehen wollen. Im Saltauserhof, einem historischen Schildhof bei Meran, ist gerade noch Betrieb. Deshalb sitzt der Hotelchef nachts im Weinkeller und arbeitet für seine Gäste die Charakteristik Südtiroler Reben auf. Hier sind alle, Deutsche wie Österreicher, Italiener wie Niederländer, rotwangig erleichtert, für ein paar Tage auf andere Gedanken gekommen: So wie die Alpentour den Genuss zum bestimmenden Gefühl erheben soll, wollen die Hoteliers auf dem Weg mit Pastakreationen, Hirschgulasch und zartfruchtigen Nachspeisen wohlverdienten Überfluss zelebrieren. Die Südtiroler Gastronomie ist maßlos, und weil Momente der Maßlosigkeit seltener geworden sind, kosten sie die Gäste aus wie ein seltenes Familienfest.

Vor dem Dolomitenpool kommt der schönste und letzte Streckenabschnitt der Juwelentour. Wir parken mitten im Wald, streifen durch Kuhweiden und Haflingerkoppeln, klettern über Wasserfälle und gelangen mittags nach St. Jakob zu Langfenn, dem höchstgelegenen Ort der Etappe, wo eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert auf dem freiem Feld steht und die Dolomiten mit dem Rosengarten aufblitzen. Von dort aus erstreckt sich ein Plateau, eine Kulturlandschaft voller Lärchen und Weidewiesen. Rechts der Kälterer See, links das Sarntal und die zackigen Gipfel, und dann geht es hinab nach Jenesien oberhalb von Bozen zum Tschögglbergerhof auf 1100 Metern Höhe. Zur Routine der erfahrenen Wanderer gehört, die niemals still hängenden Kuhglocken ohne ein Wort zur Kenntnis zu nehmen und die wenigen anderen in dieser Traumlandschaft Spazierenden mit einem Nicken zu grüßen.

Jetzt ist der Weg begangen, jetzt bleibt nur noch der Abend. Der Hof ist zu einem Teil historischer Gasthaus, zum anderen modernen Anbau mit Zimmern, von deren Betten aus man mitten im Wald zu liegen scheint. Meine Reisegefährtinnen haben sich in ihrer Stube ausgebreitet, die Beine hochgelegt und preisen die Aussicht. An der Rezeption bucht ein Hotelgast Spa-Behandlungen für eine ganze Woche. Dann zeigt uns die Chefin des Hauses, Hedwig Gamper, was einen guten Sekt ausmacht; und erzählt, wie froh sie ist, dass nach Monaten der Stille endlich wieder etwas los ist. Im Herbst war das Haus beinahe gänzlich belegt. Kein Wunder. Wer einmal hier eingecheckt hat, kann diesen Ort unmöglich freiwillig wieder verlassen.

Das haben auch meine Reisegefährtinnen entschieden: Gibt es nicht noch mehr Alpenjuwelen zu erwandern, fragen sie, als der erste Gang kommt, und nennen unseren Bergführer Ehrenmann. Georg Pawlata sagt, ihm wäre da eine neue Idee gekommen. Was wir von der Vermarktung einer Genussreise hielten, die auch Rollatorbenutzern die Chance böte, in den Alpen zu wandern? Hätte nicht jeder das Recht, diese Naturpracht zu erleben? Wir kauen. Und nicken. Und stimmen ganz und gar zu.

Der Weg über die Alpen

Individuelle Alpenüberquerungen kann man bei vielen verschiedenen Anbietern wie Asi-Reisen, Wikingerreisen oder Hauser Exkursionen buchen. Die meist sieben Tage dauernden Touren kosten mit Übernachtungen ab 900 Euro. Wer nicht in der Berghütte, sondern in einem geschmackvollen Hotel übernachten will, wird bei alpenjuwelen.com fündig: Sieben Tage kosten 1290 Euro pro Person, inbegriffen sind Kurtaxen, Gepäcktransport und Transfer zu den Ausgangspunkten der Wanderungen und die Busfahrt zurück nach Garmisch. Gewandert wird von Juni bis September. Die ersten Termine 2021 sind bereits ausgebucht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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