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Als das Atom nicht mehr unser Freund war

Text und Fotos von ANDREA DIENER
Verlassenes Haus im Dorf Tschernobyl mit Abschiedsgruß

01.08.2019 · Tschernobyl ist neuerdings ein beliebtes Ziel für Reisende, und der ukrainische Präsident möchte den Tourismus in der Sperrzone sogar noch stärker fördern. Ist das absurder Leichtsinn oder eine sinnvolle Entwicklung?

E in rotes Fähnchen, auf dem „Frieden der Welt!“ steht, ein Plüschbär, ein Bilderbuch, in dem ein Fuchs einen Igel trifft. Eingetrocknete Malfarben und aufgeblätterte Schulhefte liegen auf den Tischen, in den schiefen Regalen stehen Bücher, die Seiten gewellt vor Feuchtigkeit, das Fenster steht schon sehr lange offen. Über allem liegt eine dicke Staubschicht, denn am Freitag, dem 25. April 1986, saßen die letzten Schüler von Pripyat in diesem Klassenraum und bereiteten sich auf den 1. Mai vor, den Tag der Arbeit, der in der Sowjetunion immer besonders groß mit vielen Paraden gefeiert wurde. An diesem Tag sollte auch der neue Vergnügungspark eröffnen, mit Autoscootern und einem Riesenrad, an dem gelbe Gondeln hingen.

Zu alldem kam es nicht mehr, denn am frühen Samstag explodierte das nahe gelegene Lenin-Kernkraftwerk. Und etwa sechsunddreißig Stunden nach der Explosion, Sonntagmittag gegen 14 Uhr, rollten sämtliche verfügbaren Stadtbusse der Umgebung durch die Straßen von Pripyat, um die Bevölkerung zu evakuieren. Vorübergehend, hieß es, für drei Tage, Frauen und Kinder zuerst. Man solle nur das Nötigste einpacken. Und einige Angestellte sollten dort bleiben. Am nächsten Tag weitete man die Evakuierungszone auf zehn Kilometer aus, zehn Tage nach dem Unfall auf dreißig Kilometer. Seitdem besteht diese „Zone der Entfremdung des Tschernobyler Kernkraftwerks“, wie sie wörtlich heißt, die Sperrzone, und wird von ukrainischen Milizen bewacht.

Wimpel für den Weltfrieden in einem Klassenzimmer der Grundschule Pripyat

Auf der zweistündigen Busfahrt von Kiew bis zum ersten Checkpoint werden uns auf einem Monitor Archivaufnahmen gezeigt, fünfzigtausend fröhliche Menschen in einer lebendigen Stadt, die sozialismusbedingt klotzförmigen Wohnhäuser hell gestrichen, viele Bäume, volle Läden, die Löhne waren großzügig, die Infrastruktur war hervorragend. Man lebte gut in Pripyat. Damals war das Atom noch unser Freund, im Osten und im Westen gleichermaßen, und die Energiegewinnung aus Kernspaltung galt als sauber und sicher. Doch der 26. April 1986 änderte alles. Wer da schon auf der Welt war, der weiß noch genau, wo er damals war, als die Nachricht allmählich durchsickerte. Am 28. April meldete Werner Veigel in der „Tagesschau“ einen angeblichen Störfall in einem Atomkraftwerk in der Nähe von Kiew. Einen Tag später wusste Sprecherin Daniela Witte schon mehr: In Tschernobyl sei es wohl zu dem gefürchteten GAU gekommen, der Nuklearbrand sei noch nicht unter Kontrolle.

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Quelle: F.A.Z.

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