Arktiskreuzfahrt

Die Einsamkeit des Eisbären

Von Peggy Günther
25.09.2021
, 09:51
Bis zu neunzig Zentimeter dicke Schollen kann die Hanseatic nature durchstoßen. Doch immer seltener muss sie an ihre Grenzen gehen, weil das Eis der Arktis mit dramatischer Geschwindigkeit schmilzt.
Ein neues Expeditionsschiff fährt für Hapag-Lloyd Cruises in die Arktis. So beeindruckend das Naturschauspiel ist, so beängstigend sind die längst unübersehbaren Folgen des Klimawandels.

Entspannt liegt die Ringelrobbe auf ihrer Scholle und beobachtet ungläubig das blauweiße Ungetüm. Die Kameras klicken angestrengt, ansonsten herrscht gespannte Stille an der Bugspitze der Hanseatic nature. Es gibt kaum einen Platz, der nicht von einem blauen Hapag-Lloyd-Parka besetzt wäre. Das ist kein Wunder, denn näher als auf dem Nature Walk kann man dem ersten Eisfeld auf dieser Expedition gerade nicht sein. „Festhalten“, sagt eine Passagierin, alle blicken gespannt über die Reling. Das Schiff scheint nicht eben langsam zu fahren, als der mit einer Metallplatte verstärkte Bug unter einem mächtigen Donnern erzittert. Lange Risse ziehen sich durch die beachtlichen Eisplatten, und die Hanseatic nature gleitet trotz immer wiederkehrender Erschütterung mit unverminderter Geschwindigkeit hindurch.

Es ist faszinierend und beängstigend zugleich, mit wie viel Kraft sich menschliche Ingenieurskunst ihren Weg in entlegene Regionen bahnt. Dank der höchsten Eisklasse für Passagierschiffe kann der Neubau von Hapag-Lloyd Cruises es mit bis zu neunzig Zentimeter dickem Eis aufnehmen. Das eben seien gerade mal sechzig Zentimeter gewesen, informiert der Bordlautsprecher. Und da wir nun wieder offenes Wasser vor uns haben, geht der Kurs weiter gen Norden. Nächstes Ziel: der achtzigste Breitengrad, beziehungsweise die Packeisgrenze – je nachdem, was zuerst kommt.

Der Bär schläft auf dem Eis

Im Hanseatic-Restaurant werden Rehmedaillons serviert. Pünktlich nach dem Mittagessen blickt Hanna auf der Brücke konzentriert durchs Fernglas. „Heike, ich glaube, ich habe da was.“ Die Passagiere, die die Szene beobachten dürfen, sind plötzlich hellwach. Expeditionsleiterin Heike Fries geht zum festmontierten Fernglas und sucht den Blickwinkel der Bärenwächterin. „Ja, das ist der erste Eisbär dieser Reise“, stellt Heike Fries fest und schreitet zum Mikrofon für die Durchsage. Rasch füllt sich die offene Brücke mit Passagieren, auch auf dem Nature Walk tauchen wieder zahlreiche blaue Jacken auf. Heike Fries raunt: „Wie gut, dass an Bord der Hanseatic nature jeder Gast sein eigenes Fernglas hat. In solchen Situationen haben sich die Leute schon um die Ferngläser geprügelt.“ Nach kurzem Suchen werden auch Ungeübte fündig: Ein gelber Fleck am Horizont lässt die Herzen schneller schlagen. Langsam tastet sich das Schiff heran. Der Bär schläft auf dem Eis, hebt nur einmal kurz den Kopf. Inzwischen kann man ihn mit dem bloßen Auge erkennen. Freude und Rührung schwappen über das Vordeck, die Kameras klicken im Akkord.

Am Rande Europas: Die kleine Stadt Longyearbyen im Nebel.
Am Rande Europas: Die kleine Stadt Longyearbyen im Nebel. Bild: Picture Alliance

Momente wie dieser ziehen immer mehr Menschen in die rauhe Arktis. Jeder zweite Passagier an Bord antwortet auf die Frage, warum er die Reise gebucht habe, mit leuchtenden Augen: „Einmal Eisbären sehen.“ Das Publikum ist bunt gemischt, viele Expeditionserfahrene mit Funktionskleidung sind darunter, aber auch elegant gekleidete Passagiere, die man vom ersten Eindruck her eher auf den beiden Luxusschiffen der Reederei vermuten würde. Oder, um es mit den Worten des Kunstmalers Hans Beat Wieland zu sagen, der 1896 eine der ersten Spitzbergen-Reisen begleitete: „Ich musste plötzlich daran denken, wie lächerlich wir uns eigentlich in unseren Lackschuhen und weißen Westen etc. ausnahmen, so mitten in dem Allerheiligsten der Natur.“

Kalt, dreckig und teuer

Die gut betuchten Gäste ergreifen mit dem ersten Expeditionsneubau ihrer Lieblingsreederei die Chance, auf möglichst komfortable Art neue Ziele zu entdecken. Und sie fragen auch schon mal, ob man nicht näher am Ufer hätte ankern können. Darüber kann Expeditionsleiterin Heike Fries nur müde lächeln: „Expeditionsschiffe haben die Eigenschaft, dass man sich sein Erlebnis abholt.“ Mehr noch: „Expeditionen sind kalt, dreckig und teuer.“ Zum Glück, sonst wäre die Arktis vermutlich genauso überlaufen wie manche Kreuzfahrtziele im Mittelmeer. Und mit „dreckig“ meint Heike Fries nur die Gummistiefel, die dann und wann im Permafrostboden stecken bleiben. Die Hanseatic nature und ihre beiden Schwestern pusten dank Marinediesel und modernen Abgaswäschern keine dunklen Wolken mehr in den Himmel. Und um die Gummistiefel kümmert sich die bordeigene Gummistiefelwaschanlage.

Das Gesicht des Klimawandels: Ursus maritimus auf Treibeis.
Das Gesicht des Klimawandels: Ursus maritimus auf Treibeis. Bild: Picture Alliance

Auch strapaziös wie in früheren Zeiten ist unsere moderne Version der Expedition mitnichten. Die Kabinen sind äußerst komfortabel, die Nachtruhe ungestört, und der Einstieg in die robusten Schlauchboote erfolgt mit professioneller Assistenz. So kann kein Gast wie einst Arthur Conan Doyle behaupten, „heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ zu sein. Kein Wunder, dass die meisten Passagiere hochzufrieden mit dem Erlebnis sind. Auch wenn das Schiff die geplante Umrundung der Hauptinsel von Spitzbergen nicht schafft, wie kurz nach der Überquerung des achtzigsten Breitengrades klar wird. Dichter Nebel markiert den Beginn des Packeises und macht eine Weiterfahrt unmöglich.

Zum Trost bleibt das Schiff über Nacht in der Nähe eines schlafenden Eisbären liegen, und wer will, kann ihn noch stundenlang im Schein der Mitternachtssonne betrachten. In der Observation Lounge wird nach dem Dinner jede Regung des Tiers detailliert kommentiert. Woher kommt diese Faszination für den König der Arktis? Expeditionsdirektorin Ulrike Schleifenbaum versucht zu erklären: „Er ist ein unerschrockener Jäger. Wenn man überlegt, was wir für eine riesige Masse sind, die sich mit fremden Gerüchen in sein Revier schiebt. Anstatt zu flüchten, kommt er jedoch manchmal sogar auf uns zu und greift uns an.“ So war es wohl auf der vorangegangenen Reise.

Die ältesten Sedimente der Welt

Wenn das Eis am Bug kracht und splittert, werden Bedenken wach, ob man eigentlich so weit in die unberührte Natur vordringen sollte. Ulrike Schleifenbaum antwortet mit Jacques-Yves Cousteau: „Man kann nur das schützen, was man kennt und liebt.“ Damit die Passagiere die Arktis mit all ihren Facetten kennenlernen können, sind neben der Expeditionsleiterin Heike Fries fünf weitere Experten unterschiedlicher wissenschaftlicher Fachgebiete an Bord. Sie halten Vorträge und stehen in der Ocean Academy für Fragen zur Verfügung. Der für die Expeditionskreuzfahrt neuartige Raum am Heck des Schiffs lädt mit moderner Technik zum intuitiven Selbststudium ein, ist aber vor allem ein Ort der Begegnung.

Einsam: Ny Alesund auf Spitzbergen.
Einsam: Ny Alesund auf Spitzbergen. Bild: Picture Alliance

Daneben sind die Lektoren auch Entertainer an Land. Im Gegensatz zu kleineren Schiffen, auf denen der Arktis-Guide gleichzeitig auch die Bärenwache übernehmen muss, ist das Vorgehen bei einer Anlandung der Hanseatic nature ein anderes: Zunächst positionieren sich die fünf Bärenwächter im Gelände. In dem von ihnen gesicherten Gebiet können sich die Passagiere dann etwas freier bewegen, als das früher der Fall gewesen ist. Während die Bärenwächter an Land nicht angesprochen werden dürfen, stehen die Lektoren an interessanten Punkten und erklären den Passagieren geologische, kulturelle, biologische oder glaziologische Besonderheiten der Region. Details gibt es dann noch einmal am Abend beim sogenannten „Recap“, bei dem ausgewählte Punkte beleuchtet werden.

Wenn man Geologin Marja Kröger fragt, was sie an Spitzbergen fasziniert, zieht sie eine bunte Karte aus der Hosentasche. Darauf sind die unterschiedlichen Zeitalter zu sehen, die man aktuell in Svalbard studieren kann. „Man trifft hier auf die ältesten Sedimente der Welt. Der kontinentale Teil ist drei Milliarden Jahre alt. Gestern am Strand von Ymerbukta sind wir über 250 Millionen Jahre alten Meeresboden mit zahlreichen Fossilien gelaufen“, erklärt die 34 Jahre alte Bremerin. „Ein Zentimeter Tonstein braucht tausend Jahre für seine Entstehung. Da bekommt man ein Gefühl für die Zeit.“

Man müsste eigentlich panisch werden

Ein Gefühl für die Vergangenheit würde es wohl eher treffen, denn die Gegenwart verschwimmt angesichts des fehlenden Tag-Nacht-Zyklus. Während unserer Reise wird der Himmel nicht dunkel. Und trotz der kargen Schönheit vergeht die Zeit an Land rasend schnell, gibt es doch zwischen Steinen und Eis viel zu entdecken: geheimnisvolle Muster im Permafrostboden, die Überreste alter Walfängerkolonien, das Skelett eines Polarfuchses. Selbst wenn man nur im Zodiac sitzt und zu einer Gletscherfront fährt, ist das ein überwältigendes Erlebnis. Das Eis knackt leise, wenn der Sauerstoff entweicht, die Luft duftet nach frischem Wasser, und zwischendurch donnert es an der Abbruchkante in beeindruckender Lautstärke.

Glaziologe Hans Oerter kennt die Arktis bereits seit mehr als dreißig Jahren. „Allein zwischen 1990 und 2007 hat sich das Eisstromnetz am Smeerenburg-Gletscher um neunhundert Meter zurückgezogen. Und die zwei Gletscher im Magdalenefjord waren mal einer.“ Der pensionierte Wissenschaftler bleibt erstaunlich ruhig, wenn er die Fakten vorträgt. Dabei müsste man eigentlich panisch werden, wenn man genau betrachtet, wie es um die Arktis steht. Das Meereis ist seit 1979 um dreißig Prozent zurückgegangen, die Wintertemperatur ist in den vergangenen zwanzig Jahren auf Spitzbergen um sieben Grad und mehr gestiegen. Und je weniger Eis es an den Polen gibt, umso schneller erwärmt sich die Region.

Grund zur Panik: Das Meereis ist seit 1979 um dreißig Prozent zurückgegangen, die Wintertemperatur ist in den vergangenen zwanzig Jahren um sieben Grad und mehr gestiegen.
Grund zur Panik: Das Meereis ist seit 1979 um dreißig Prozent zurückgegangen, die Wintertemperatur ist in den vergangenen zwanzig Jahren um sieben Grad und mehr gestiegen. Bild: Picture Alliance

Die 2300 Bewohner der Hauptstadt Longyearbyen spüren den Klimawandel deutlich. „Im vergangenen Winter mussten wir immer wieder nachts aufgrund von Lawinengefahr unsere Häuser verlassen. Schneelawinen werden häufiger und haben schon viele Häuser zerstört“, erklärt unser Guide, der hauptberuflich als Glaziologe an der Universität arbeitet. „Viele Häuser sind zudem durch den auftauenden Permafrostboden einsturzgefährdet und dürfen nicht mehr bewohnt werden. Wenn sich Mitteleuropa um ein Grad erwärmt, sind es hier zwei bis drei Grad. Der Klimawandel findet viel rasanter statt. Deswegen müssen wir ihn auch hier studieren.“ Spätestens jetzt beschleicht manchen das schlechte Gewissen, als Klimasünder mit einem Sonderflug in die Arktis gereist zu sein und hier mit einem Kreuzfahrtschiff umherzufahren. Auch wenn es ein Kreuzfahrtschiff der jüngsten Generation ist, das deutlich weniger Sprit verbraucht als ältere Modelle.

Auch mal nass werden

Mit dem Start der Hanseatic nature ist Hapag-Lloyd Cruises Mitglied in der AECO geworden, der Association of Arctic Expedition Cruise Operators. Die Vereinigung koordiniert die Anläufe, damit nicht zu viele Schiffe gleichzeitig an einer Landestelle anlegen, und setzt Verhaltensregeln für Passagiere und Crew fest. „Früher haben wir in Möllerhafen ein Barbecue veranstaltet“, sagt Expeditionsleiterin Heike Fries. Doch die AECO erlaubt kein Essen an Land, also wurde dieser Landausflug angepasst.

Bild: F.A.Z./lev

An dem Abend, als die Hanseatic nature in Möllerhafen auf Reede liegt, ist es recht windig. Trotzdem bietet das Expeditionsteam spontan eine Überfahrt zu der kleinen orangefarbenen Schutzhütte an, die sich Lloydhotel nennt. Eine überschaubare Anzahl an Regenhosen raschelt daraufhin zum Sidegate, von dem aus die Zodiacs starten. Als die erste Welle ins Boot klatscht, lachen alle auf. Man fühlt sich den Warmduschern überlegen, die in der warmen Lounge geblieben sind. Schließlich gehört es zu einer Expedition, auch einmal nass werden. Der Historiker im Team erklärt die Hintergründe des Ortes: Nachdem Graf Zeppelin 1910 mit dem Forschungsschiff Mainz vom Norddeutschen Lloyd den Platz auf seine Tauglichkeit für den Luftschiffverkehr überprüft hatte, überschrieb er die Rechte zwei Jahre später dem Norddeutschen Lloyd. In den Zwanzigerjahren wurde eine Schutzhütte errichtet, die noch heute von Hapag-Lloyd Cruises instand gehalten wird und zum Treffpunkt für Seeleute geworden ist. Es gibt kaum einen Zentimeter an den Wänden, der nicht von Schiffsplaketten gepflastert wäre. Hochprozentiges, Decken und eine Kerze in einer Champagnerflasche würden im Notfall wärmen. Die Passagiere der Hanseatic nature bevorzugen den Punsch nach der Rückkehr an Bord.

Der letzte Eisbär der Reise macht nachdenklich. Er liegt erstmals nicht auf einer Scholle, sondern auf einer kleinen felsigen Insel. Um ihn herum schwimmen zwar kleinere Gletscherabbrüche, doch keine Eisschollen. Die Bedingungen zum Jagen könnten kaum schlechter sein. Das Schicksal des Bären beschäftigt an diesem Nachmittag manchen Passagier: Der abstrakte Begriff des Klimawandels hat im Laufe der Reise ein Gesicht bekommen. Und so endet die Fahrt mit der Hoffnung, dass möglichst viele der 196 Gäste dem Motto von Jacques-Yves ­Cousteau folgen und dank dieser Erfahrung mit mehr Engagement schützen, was ihr Herz hat höher schlagen lassen.

Informationen: Die zehntägige Expedition Spitzbergen-Abenteuer wird wieder Ende Juni 2022 von der Hanseatic nature gefahren. Sie beginnt in Tromsø und endet in Longyearbyen. Reisepreis inklusive Sonderflüge ab 8830 Euro. Hapag-Lloyd Cruises befördert ausschließlich gegen Corona geimpfte Passagiere. Weitere Informationen gibt es unter www.hl-cruises.de oder unter der Telefonnummer 0 40/3 07 03 05 55.

Quelle: F.A.Z.
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