Artenschutz durch Tourismus

Eine Alternative zur Serengeti?

Von Win Schumacher
29.11.2020
, 19:18
Ruanda empfängt wieder Safari-Touristen. Im Akagera-Nationalpark sind sie allein in einer immer wilder werdenden Welt, die seit Jahren auch große Tiere anzieht. Ist das Schutzgebiet eine Alternative zur Serengeti?

Als irgendwann kurz nach Mitternacht der Löwe brüllt, ist die Pandemie plötzlich vorbei. Ein Schauer kriecht über die feuchte Haut. Das Tier kann nicht mehr als ein paar Antilopensprünge hinter der Zeltwand stehen. Schlagartig ist der eben noch schlaftrunkene Gast aus Europa hellwach und mitten in Afrika. Sogar das friedliche Grunzen der Flusspferde ist verstummt. Nur das notorische Quaken der Riedfrösche durchdringt weiter die Nacht.

Eben noch geisterten chinesische Geschäftsleute in Sicherheitsanzügen, die sie wie Astronauten aussehen ließen, durch den Flughafen von Addis Abeba; ein Roboter maß die Temperatur erschöpfter Passagiere bei Ankunft in Ruanda; eine schweigende Schwester in Polyesterhülle mit OP-Maske und Plastikvisier stocherte nach dem Virus im Rachen – erneuter Test in irgendeinem Zimmer im dritten Stock eines City-Hotels in Kigali. Wer in diesen Tagen Grenzen überwinden will, wird engmaschig getestet und darf sich – so er reisen darf – ziemlich sicher sein, nicht Träger des Covid-19-Virus zu sein.

Natur aus den Fugen

Mit dem Brüllen des Löwen ist das aufwendige, kostspielige und zeitraubende Prozedere vergessen. Da liegt man also angestrengt lauschend in einem Safari-Zelt, und das einzige bisschen Angst in einer Welt aus den Fugen ist ein Tier, von dem man sehr wohl weiß, dass Touristen hinter Zeltwänden nicht ins Beuteschema passen. Selbst dann nicht, wenn sie tatsächlich vergessen haben sollten, den Zelteingang richtig zu verschließen.

Am frühen Morgen sind die wilden Gedanken verflogen. Der Löwe ist anscheinend verschwunden. Im sagenhaft friedlich daliegenden Rwanyakizinga-See vor dem Zelt baden eine Flusspferdmutter und ihr Kind. Blatthühnchen tänzeln über einen Schwimmpflanzenteppich. Irgendwo ruft ein Schreiseeadler seinen vertrauten Ruf nach der Geliebten. Und auf einmal ist es da und wird von nun an nicht mehr weichen: das Glück, zurück in der Wildnis Afrikas zu sein, ein Gefühl, nach dem man sich monatelang gesehnt hatte, nach Wochen und Monaten des Lockdowns.

Drew Bantlin mag über diese ausgehungerten Großstädter nur verlegen lächeln. Der Zoologe hat den Lockdown in der Wildnis von Akagera verbracht – nach all den Monaten überhaupt einem fremden Menschen zu begegnen ist für ihn geradezu exotisch. Furcht vor dem Virus liegt ihm schon deshalb fern, weil eine staatliche Verordnung in Ruanda vorsieht, dass jeder, der einen Nationalpark betritt, nachweislich negativ getestet sein muss.

Gerade ist der gebürtige Amerikaner aus Arizona mit zwei einheimischen Mitarbeitern unterwegs, um im Norden des Schutzgebiets zwei Spitzmaulnashörner zu beobachten, die er mit einem neuen Sender ausgestattet hat. Die Artenschützer orten die Tiere mit Hilfe einer Antenne. Olmoti, die Nashornkuh, die sie gerade verfolgen, scheint dem Forscher und seinem Team heute nicht viel Beachtung zu schenken. Sie verzieht sich gleich wieder ins Unterholz, nachdem sie kurz den Weg der Männer gekreuzt hat. „Sie geht uns aus dem Weg“, sagt Bantlin, den die Tiere sehr gut kennen, „das ist auch gut so!“

Das Nashorn aus Zürich

Olmoti ist eigentlich Schweizerin. Sie wurde im Zoo Zürich geboren und lebt erst seit Juni 2019 in der afrikanischen Wildnis. Zuvor traf sie mit vier weiteren Nashörnern in einem tschechischen Safaripark zusammen. Von dort wurde die Gruppe zur Wiedereinführung in den Akagera-Nationalpark nach Ruanda gebracht. „Es war die größte Aktion dieser Art überhaupt“, sagt Bantlin. Nach einer Eingewöhnungsphase in einem Gatter leben die Nashörner nun in freier Wildbahn, jedoch ständig begleitet von Bantlin und seinem Team. „Das letzte Nashorn wurde in Akagera 2007 gewildert“, erzählt Bantlin, „2001 hatten Viehhirten bereits den letzten Löwen getötet.“ Das letzte Tier wurde wahrscheinlich von Hirten vergiftet, die um ihre Herden fürchteten. Infolge des Völkermords von 1994 hatten unter anderem rückkehrende Flüchtlinge aus Uganda das einst riesige Gebiet in eine Viehweide verwandelt. Elefanten, Büffel und Antilopen wurden von Wilderern dezimiert. Akagera war eines großen Teils seines berühmten Wildreichtums beraubt, Ruandas letztes Savannen-Ökosystem drohte für immer zu verschwinden.

2010 übernahm die Nichtregierungsorganisation African Parks in Zusammenarbeit mit dem Rwanda Development Board das Parkmanagement. Der größte Teil des einst 2500 Quadratmeter großen, 1934 unter belgischer Verwaltung eingerichteten Schutzgebiets wurde den Viehhirten zugesprochen. Rund 1100 Quadratkilometer ließ die Nationalparkverwaltung mit einem 120 Kilometer langen Elektrozaun entlang der Westgrenze von deren Weidegründen abgrenzen. Der Osten ist schwer zugängliches Sumpfland an der Grenze zu Tansania. Ranger patrouillieren seither ununterbrochen im Park. Wilderei – vor allem auf Großwild – wurde seither bis auf wenige Ausnahmen verhindert. Anders als in vielen anderen afrikanischen Schutzgebieten kam es während des Lockdowns auch nur vereinzelt zu illegalen Verstößen im Park – meist Fischer, die von den Rangern aufgegriffen wurden.

Akagera gilt heute unter Afrikas Naturschützern als Erfolgsgeschichte. Die Zahl der Wildtiere wuchs in den letzten zwanzig Jahren stetig. Neben Nashörnern wurden bereits 2015 auch wieder Löwen aus Südafrika angesiedelt. „Sie haben sich bestens eingelebt und hatten mehrfach Nachwuchs“, sagt Bantlin, der ihre Wiederansiedlung begleitet und erforscht. Als wiederauferstandenes „Big Five“-Reservat zog der Nationalpark immer mehr Touristen an, denn Nashorn, Elefant, Büffel, Löwe, Leopard haben die meisten internationalen Safarigäste sozusagen zwangsläufig auf der Liste. Elefanten, Büffel und Leoparden hatten hier in der Region in kleiner Zahl bis 2010 überlebt. Ihre Populationen steigen seither wieder, und man sieht sie regelmäßig auf Safaris. Im letzten Jahr kamen annähernd 60 000 Besucher nach Akagera. Der Park finanzierte sich zu 90 Prozent selbst. Das vor zwei Jahren eröffnete Magashi-Camp von Wilderness Safaris zog als erste Fünf-Sterne-Lodge im Nationalpark auf Anhieb vermögende Touristen auf der Suche nach den Fünf Großen an, die zuvor bekanntere Safari-Ziele wie die Serengeti oder die Massai Mara vorzogen. Mit sechs üppig ausgestatteten Safari-Zelten entlang des riesigen Rwanyakizinga-Sees ist das Camp in eine einzigartige Sumpf- und Savannenlandschaft eingebettet – eine wirklich atemraubende Kulisse auch ohne nächtliches Brüllen.

Desinfektion im Busch

„Unsere Buchungslage war sehr gut, bis wir im März schließen mussten“, sagt Anita Umutoni. „Magashi war gerade erst dabei, sich unter Gästen herumzusprechen, die das Land zuvor nur wegen der Gorillas besucht hatten. Die 32-jährige Ruanderin ist eine von wenigen Frauen in Ostafrika, die ein Luxus-Camp managt. „Wir hoffen, dass sich die Situation bald wieder stabilisiert“, sagt Umutoni, „Ich denke, Ruanda ist gut auf die Rückkehr der Touristen vorbereitet.“ Seit seiner Wiedereröffnung Ende September ist in Magashi ein strenges Hygieneprotokoll wie in den meisten gehobenen Hotels Ruandas selbstverständlich. Abstandhalten, Fiebermessen, Maskenpflicht, Händedesinfektion: Was inmitten der Wildnis bisweilen merkwürdig fremd wirken mag, wird in der Lodge sehr ernst genommen.

Ruanda hatte im März früher als die meisten anderen afrikanischen Länder einen strikten nationalen Lockdown verhängt, der streng überwacht wurde. Der Staat hat eine Fläche, die nur wenig größer als die von Mecklenburg-Vorpommern ist. Mit 12 Millionen Einwohnern ist Ruanda jedoch das am dichtesten besiedelte Land Afrikas.

Im Gegensatz zum bei deutschen Safari-Touristen beliebten Nachbarland Tansania entstand der Eindruck, dass Ruanda die Pandemie sehr ernst nimmt. Tansanias zunehmend autokratisch auftretender Präsident John Magufuli, dessen umstrittene Wiederwahl zuletzt Schlagzeilen machte, hat die Gefahren der Pandemie mehrfach verharmlost, unter anderem empfohlen, Gebete dagegen einzusetzen, und wissenschaftliche Studien ins Lächerliche gezogen. Seit Mai hat Tansania offiziell keine Corona-Fälle mehr bekanntgegeben. In Ruanda sind strikte Hygienevorschriften wie eine allgemeine Maskenpflicht bis heute in Kraft und werden weitgehend mit beachtlicher Selbstverständlichkeit eingehalten. Aktuell verzeichnet das Land nach offiziellen Angaben insgesamt 5491 Fälle, von denen mehr als 5000 als genesen gelten. Nur 45 Menschen starben bisher durch das Virus, Stand Mitte November. Das sind Zahlen, die derzeit so mancher deutsche Landkreis übertrifft. Ruanda war das einzige Land in Subsahara-Afrika, aus dem bereits seit Juli wieder eine Einreise in die EU möglich war. Es stand nie auf der Liste der Risikogebiete des Robert-Koch-Instituts.

In Afrika hat sich Ruanda zum Vorbild aufgeschwungen, das es nach dem Völkermord zu einer beachtlichen wirtschaftlichen Entwicklung gebracht hat. Ruandas autoritärer Staatspräsident Paul Kagame ist wie sein tansanischer Amtskollege berüchtigt für die harte Unterdrückung der Opposition in seinem Land, Kritik am Präsidenten kann nicht nur für Journalisten zu langen Haftstrafen führen. Kagames Verdienste um die prosperierende Wirtschaft des Landes und eine progressive Umweltpolitik brachten ihm hingegen auch international viel Anerkennung ein.

Artenschutz und Baumschulen

Mit einer wachsenden Population an Berggorillas im Vulkan-Nationalpark, dem Erhalt des artenreichen Nyungwe-Bergwalds im Südwesten des Landes und der Wiederbelebung Akageras hat Ruanda zuletzt bewiesen, dass Naturschutz sich auch für ein dichtbevölkertes Land lohnt. Eine wachsende Zahl von naturbegeisterten Touristen hatte in den letzten Jahren Ruanda als Alternative zu bekannteren Reisezielen für sich entdeckt. Nun kämpft es wie viele Länder Afrikas mit den Folgen der Pandemie.

Akagera hat das Potential, in der Krise ein Vorbild für viele Schutzgebiete auf dem afrikanischen Kontinent zu werden. Anders als in vielen Nationalparks der Region waren bereits vor der Pandemie mehr als die Hälfte der Besucher Einheimische und in Ruanda wohnhafte Ausländer. Während manche Schutzgebiete weiterhin komplett ohne touristische Einnahmen überleben müssen und gleichzeitig immer mehr mit Wilderei und Landnahme zu kämpfen haben, besuchten viele Ruander bereits seit Juni wieder Akagera. African Parks unterstützt in vielen umliegenden Dorfgemeinschaften Projekte, die auch unabhängig vom Safari-Tourismus und während des Lockdowns weitergelaufen sind: Kleine Kooperativen produzieren Honig, nachhaltig angebautes Gemüse und Eier aus Freilandhaltung. Fischer, die vormals im Schutzgebiet arbeiteten, betreiben nun Fischteiche außerhalb der Parkgrenzen, Baumschulen ziehen Obstbäume und verteilen einheimische Setzlinge zur Wiederaufforstung. Die Nationalparkverwaltung fördert die Umwelterziehung an Bildungseinrichtungen wie Clubs und Dorfschulen.

„Ruanda zeigt, dass Erfolg im Naturschutz auch in schwierigen Zeiten möglich ist, wenn ein politischer Wille da ist“, sagt Sue Snyman von der School of Wildlife Conservation an der African Leadership University, „durch die Pandemie wird deutlich, dass wir beim Unterhalt von Schutzgebieten nie alle Eier in einem Korb haben sollten.“ In Ländern, wo Nationalparks in der Vergangenheit allein auf ausländische Safari-Gäste gesetzt hatten, seien die Herausforderungen nun besonders groß. „Ich hoffe, wir haben unsere Lektion gelernt“, sagt Snyman, „wir müssen überall in Afrika die Einnahmemöglichkeiten von Schutzgebieten diversifizieren.“

Derzeit ist es ungewiss, wann und ob sich wieder Jeep-Staus um einen Leoparden bilden werden, der sein Nickerchen auf einem Baum hält, wie in Zeiten vor der Pandemie in der Serengeti. Aber der Rat, nun vor allem die einsameren Nebenschauplätze zu suchen, gilt gerade nicht nur für die Wahl des Safari-Ziels.

Testen und noch mal Testen: Der Weg nach Ruanda

Anreise Derzeit nur mit Stopp in Amsterdam, Brüssel oder Addis Abeba, Flüge ab Frankfurt z.B. mit Ethiopian Airlines etwa 600 Euro.

Einreisebestimmungen Touristen müssen vor ihrem Abflug ein Online-Formular mit persönlichen Gesundheits- und Aufenthaltsdaten ausfüllen und einen negativen PCR-Covid-19- Test vorweisen. Bei Ankunft wird in ausgewählten Hotels erneut ein Test vorgenommen. In der Regel liegt das Ergebnis in weniger als 24 Stunden vor. Nach einem negativen Testergebnis dürfen Touristen ihre Reise fortsetzen.

Vorsorge Eine Reiseimpfung gegen Hepatitis A wird empfohlen, nur bei Langzeitaufenthalt auch gegen Gelbfieber, Hepatitis B, Meningokokken und Tollwut. Bei Einreise aus einem Gelbfiebergebiet ist der Nachweis einer Impfung erforderlich. Insbesondere im Osten und Westen des Landes besteht ein Malariarisiko. Neben erhöhten Vorsichtsmaßnahmen gegen Mückenstiche empfehlen Tropenmediziner eine Prophylaxe.

Unterkünfte Das Magashi-Camp am Rwanyakizinga-See ist die luxuriöseste und mit Abstand teuerste Lodge im Akagera-Park (ab 490 Euro, inklusive Vollverpflegung und Aktivitäten). Die Lage der Lodge ist wie die Expertise der Guides und die Qualität der Küche herausragend, weitere Infos: wilderness-safaris.com. Im Ruzizi Tented Camp kommt man ab 165 Euro/Nacht unter: africanparks.org. Eine günstige Alternative zu einer Safari in Akagera bietet der Gishwati-Nationalpark. Das Forest of Hope Guest House kostet rund 85 Euro/Nacht: fharwanda.org

Veranstalter Ukama Travel ist auf afrikanische Länder spezialisiert, auch auf Ruanda; ukamatravel.com

Weitere Informationen unter www.visitrwanda.com

Quelle: F.A.S.
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