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Attersee in Österreich

Die Ruhe vor dem Turm

Von Sebastian Eder
Aktualisiert am 31.07.2020
 - 17:08
Atem holen, Augen schließen und dann Absprung schaffen: Ein Badegast stürzt sich am oberösterreichischen Attersee vom Zehnmeterturm. zur Bildergalerie
Am Attersee in Oberösterreich steht ein Zehnmeterturm. Auch wenn der sehr schön ist – der Rückwärtssalto von ganz oben kostet trotzdem viel Überwindung. Zum Glück kann man in der Nähe die Höhenangst bekämpfen.

Das Wasser ist dunkel. Ich stehe auf dem Zehnmeterturm am Darmstädter Badesee Woog und blicke in den Abgrund. Es ist Nachmittag, die Sonne steht tief, Bäume werfen Schatten, das Wasser sieht bedrohlich aus. Eigentlich will ich hier Mut sammeln, um einen Tag später am Attersee in Österreich einen Rückwärtssalto vom Zehnmeterturm zu wagen. Aber im Moment ist es für mich unvorstellbar, aus dieser Höhe einen Salto zu machen. Wenn man aus zehn Metern abspringt, schlägt man mit etwa 50 Kilometer pro Stunde auf der Wasseroberfläche auf. Das zurückliegende Wochenende habe ich vor allem damit verbracht, auf FAZ.NET Badeunfälle zu vermelden. Ich springe ab, mache keinen Salto, tauche gerade ins Wasser und fahre geknickt nach Hause. Dort packe ich meine Sachen für Österreich.

Am nächsten Morgen steige ich bei Frankfurt in den Zug, um zwölf Uhr komme ich in Vöcklabruck in Oberösterreich an. Dort empfängt mich eine nette Frau vom Tourismusbüro, sie trägt Dirndl und freut sich über den Besuch. Sie betreue seit 17 Jahren Journalisten am Attersee, sagt sie, „aber für den Sprungturm hat sich noch nie jemand interessiert“. Kurz sitzen wir im Auto, dann taucht am Ende der Straße der fast 19 Kilometer lange und bis zu drei Kilometer breite Attersee auf. Gustav Klimt hat hier viele Sommer verbracht und Landschaften gemalt, tatsächlich sieht der See gerade aus wie ein Bild von ihm: Segelschiffe gleiten über das türkisfarbene Wasser, die Sonne scheint, am Ufer liegen Urlauber, dahinter erheben sich der Schafberg und das Höllengebirge.

Wir fahren nicht direkt ans Ufer, sondern erst mal in eine Art Höhen-Trainingslager: den Hochseilgarten am Attersee. Auch der sieht aus wie gemalt. Von saftig grünen Wiesen auf geschwungenen Hügeln ragen Holzpfähle in den Himmel, verbunden sind sie durch Seile, Balken, Netze und Kletterwände. An einem der Seile hängt gerade Dominik Preuner, ihm gehört der Klettergarten seit dieser Saison. Preuner ist 26 Jahre alt, er hat drei Jahre lang Volkswirtschaft in Wien studiert, bevor er genug von der Großstadt hatte und den Hochseilgarten übernahm. Er gibt mir meine Kletterausrüstung, ich streife sie mir über die Beine. Zwei Gurte baumeln Richtung Boden, mit ihnen kann ich mich in die Sicherheitsseile einklinken, erklärt mir Preuner.

Kopfüber auf der Riesenschaukel

Zusammen klettern wir über eine steil ansteigende Seilkonstruktion auf die Hauptplattform in zwölf Meter Höhe. Von dort aus kann man die Hindernisse selbständig erkunden, auf Zetteln wird erklärt, was zu tun ist. Preuner verabschiedet sich, um die nächsten Kunden einzuweisen, sagt aber noch: „Versuch mal, hier freihändig drüberzulaufen.“ Er zeigt auf einen schmalen Balken, der in zwölf Meter Höhe von einer Plattform zur nächsten führt. Ähnlich wie am Tag vorher auf dem Sprungturm denke ich: Es ist völlig unvorstellbar, dass ich da freihändig drüberlaufe. Ich hake meine Sicherheitsgurte in ein Seil ein, das oberhalb des Balkens auf Kopfhöhe gespannt ist, kralle mich an ihnen fest und laufe mit wackligen Beinen über den Balken.

Die nächste Stunde verbringe ich damit, Vertrauen in die Sicherheitsgurte zu gewinnen: Ich springe über eine viel zu große Lücke zwischen zwei Balken, balanciere auf einer Slackline und hangle mich an herabhängenden Seilen entlang. Schließlich stehe ich wieder vor dem Balken vom Anfang und versuche das, was mir eben noch unvorstellbar erschien: Ich laufe freihändig über den Balken. Es funktioniert. Als ich wenig später wieder am Boden angekommen bin, nimmt mich Preuner mit zu einer „Riesenschaukel“. Ich werde an die Enden von zwei Seilen geschnallt, vier andere Gäste ziehen mich per Seilzug auf zwölf Meter Höhe. Dort soll ich mich kopfüber drehen. Kurz habe ich das Gefühl, abzustürzen. Dann „löse ich aus“, indem ich an einem Seil ziehe, rase schreiend mit dem Kopf voran auf den Boden zu, schwinge auf der anderen Seite wieder hoch – und blicke für einen kurzen, friedlichen Moment über den Attersee. Dann stürze ich wieder Richtung Boden und schwinge langsam aus.

Jetzt sollte ich doch bereit sein für den Zehnmeterturm. Wir fahren los, 15 Minuten später sitze ich im Strandbad Seewalchen auf der Wiese. Der Sprungturm sieht noch majestätischer aus als auf den Fotos: Wie der Hals eines riesigen Schwans ragt er über das schmalere Ende des Sees hinaus, hinter ihm liegt das flache Land, vor ihm liegen 19 Kilometer See und das Gebirge. Auf dem Fünfmeterbrett hat sich eine Gruppe Jugendlicher versammelt. Ich laufe zwischen ihnen hindurch und blicke in das klare Wasser unter mir. Kurz sammle ich mich, dann springe ich vorwärts ab und mache einen Rückwärtssalto – Auerbach-Salto nennt man das. Vor zwei Jahren habe ich den Sprung zum ersten Mal vom Einmeterbrett versucht und mich seitdem langsam hochgearbeitet. Der Sprung gelingt, das Wasser empfängt mich sanft, es ist wärmer als gedacht. Dann geht es eine Stufe höher, auf siebeneinhalb Meter. Jetzt will ich einen Rückwärtssalto machen. Eigentlich kann man sich aus dieser Höhe einfach nach hinten fallen lassen. Ich baue aber aus Versehen eine halbe Schraube ein und lande eher zufällig mit den Füßen zuerst im Wasser. Keine Kontrolle. Das jetzt von zehn Metern? Ausgeschlossen.

Mir kommt eine andere Idee: Ich könnte zum ersten Mal einen Auerbach-Salto vom Zehnmeterturm wagen. Davor habe ich mich bisher gescheut, weil man sich dabei nicht nur fallen lassen, sondern aktiv abspringen und den Schwung kontrollieren muss. Aber von siebeneinhalb Metern hat das eben gut geklappt. Ich frage den Bademeister, was er davon hält. Er sagt: „Du müsstest dich schon viel langsamer drehen.“ Kurz ist mein Selbstbewusstsein angekratzt, dann sagt er: „Aber die meisten, die den Sprung vom Siebeneinhalber schaffen, können ihn auch vom Zehner.“ Er sperrt den Turm hinter mir zu, ich bin der Letzte, der noch springen darf. Noch einmal genieße ich den Ausblick, atme durch. Dann springe ich ab – und tatsächlich: Ich drehe mich langsam nach hinten auf den Kopf, sehe zuerst den steinharten Turm, dann das Wasser und beim Eintauchen die Berge am anderen Ufer. Keine Schmerzen, nur Glücksgefühle.

Warum man sich solche Herausforderungen sucht? Das frage ich später den Psychotherapeuten Jan Kalbitzer am Telefon. Er sagt: „Um sich von seiner Selbstwirksamkeit zu überzeugen – also davon, dass man schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen kann.“ Am Abend nach dem Springen sitze ich mit einem Bier in der Hand am Ufer des Attersees, hinter mir leuchtet eine Bergwand rötlich in der Abendsonne, ich mache mir Notizen. Der letzte Satz in meinem Block lautet: „Das Wasser war hell.“

Der Attersee ist gut mit dem Zug zu erreichen, Informationen zum Hochseilgarten gibt es unter www.hochseil.at, mehr Freizeitangebote und Unterkünfte unter www.attersee-attergau.at.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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