FAZ plus ArtikelAuf dem Jakobsweg

Gedränge statt Selbstfindung

Von Uwe Marx
25.06.2022
, 10:28
Geruchsempfindlich sollte man auf dem Jakobsweg nicht sein. Vor allem im Sommer.
Stößt die Wanderung zu sich selbst an ihre Grenzen? Auf dem Camino francés, dem Klassiker unter den Jakobswegen, ist es eng und ungemütlich geworden.
ANZEIGE

Der gequälte Gesichtsausdruck von Giuseppe hat mit den riesigen Blasen an seinen Füßen zu tun. Er hat mit einer Nähnadel Fäden durch die pralle Haut gezogen, um diese Plagegeister, die jeder Pilger mit sich herumschleppt, zu entwässern. Aber da ist noch etwas anderes, das auf die Laune des schlaksigen Sizilianers drückt: Er braucht ein Bett, so wie jeden Abend auf dem Jakobsweg, aber er hat etwas gegen Reservierungen. Er will sich treiben lassen, den Gedanken nachhängen, genießen statt organisieren. So wie vor sieben Jahren, da war er zum ersten Mal auf dem Camino Francés, diesem Klassiker unter den Jakobswegen auf der Iberischen Halbinsel. Diese Route nehmen zwei Drittel aller Pilger. „Damals hat keiner reserviert“, sagt Giuseppe, der in den Niederlanden lebt und arbeitet. „Jeder ist einfach losgegangen. Keiner hat sich Sorgen gemacht.“ Das ist vorbei. Der Jakobsweg ist nach mehr als zwei Jahren Corona-Einschränkungen so voll wie nie. Für viele, die schon hier waren, ist er kaum wiederzuerkennen.

Es sind mehr als dreißig Übernachtungen vom pittoresken französischen Startort Saint-Jean-Pied-de-Port, kurz vor der Grenze zu Spanien, nach Santiago de Compostela, dem Ziel aller Pilger und letzte Ruhestätte des Apostels Jakobus. Angeblich. 800 Kilometer, um nicht nur über sich selbst, das Leben, die richtigen und falschen Wege darin nachzudenken. Sondern auch an die nächste Nacht. Das kann nerven. Sogar Phil aus Kappeln an der Schlei, eigentlich ganz der entspannte Norddeutsche, wie ihn sich Binnenbewohner vorstellen, wenn sie an Ostsee, Fischerei und Meeresbrise denken, sagt: „Das ist ja Anarchie hier.“ Zumindest ist es ein bisher unbekanntes Chaos, genährt von Unsicherheit, Überforderung und Verweigerung.

Testen Sie unser Angebot.
Jetzt weiterlesen.
Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

Diese und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+

Anreise Zum Startort Saint-Jean-Pied-de-Port ­fahren Fernbusse oder die – etwa doppelt so schnelle – Bahn, die von Frankfurt aus über Paris und Bayonne führt und knapp zwölf Stunden unterwegs ist. Von Santiago de Compostela bieten sich Rückflüge vom dortigen Flughafen oder von Porto aus an.

Jakobsweg Fünf Wochen dauert eine Pilgerreise auf dem Camino Francés bis nach Santiago de Compostela. Die kostenlosen Apps „Buen Camino“, „Gronze“ oder „Ninja“ sind unterwegs nützlich.

Unterkunft Pilgerherbergen kosten zwischen 7 und 12 Euro und haben meistens Küchen für Selbstverpfleger.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Marx, Uwe
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Sprachkurse
Lernen Sie Französisch
Sprachkurse
Lernen Sie Spanisch
Sprachkurse
Lernen Sie Italienisch
Powerbank
Powerbanks im Test
Reise
Rabattcodes für Ihre nächste Reise
ANZEIGE