Stürmische Höhen in Yorkshire

Im Winter nichts trostloser, im Sommer nichts himmlischer

Von Elsemarie Maletzke
13.05.2022
, 18:49
Die düstere Seite der Romantik: Shannon Beer als Catherine Earnshaw in Andrea Arnolds Verfilmung von „Wuthering Heights“ aus dem Jahr 2011.
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Auf den Spuren der Brontë-Schwestern in Yorkshire geht es durch die von Hügeln eingeschlossenen Täler und diese mächtigen, steilen Wogen der Heide.
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Yorkshire im Norden Englands ist das Land der frischen Luft und stürmischen Höhen. Und ausgerechnet Haworth – ein Ortsname wie ein Raucherhusten – ist darin so etwas wie der magnetische Pol. Denn in Haworth lebten und schrieben um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë, stolze, scheue Frauen, Pfarrerstöchter und Bestsellerautorinnen. Die mit großen Kopfsteinen gepflasterte Hauptstraße, deren Bürgersteige in Stufen hügelan klettern, führt hinauf zum Dorfrand, zur Kirche, zum Friedhof und zum Pfarrhaus, das auf der Grenze zwischen der bewohnten und unbewohnten Welt liegt. Dahinter beginnen Moor und Heide und mit ihr die Freiheit, herumzustrolchen, zu spielen, zu phantasieren, zu träumen und zu dichten. In Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“, einem Klassiker der Weltliteratur, ist sie Schauplatz einer tragischen, brutalen Familiengeschichte und einer unsterblichen Liebe. „Im Winter nichts trostloser . . .“

Aber im Sommer! Ein hoher Himmel, Wolkengebirge. Und im September, wenn die Heide blüht, ein rollendes Meer violetter Wellen. Steinmauern laufen wie Nähte über die baumlosen Berge, und der Wind jagt Wolkenschatten übers Land. Wenn er schweigt, hört man die Schafe das kurze Gras rupfen.

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Böse Worte und bissige Hunde

Und natürlich ist hier jeder Gang auch eine literarische Pilgerreise: zum Brontë-Wasserfall, nach Ponden Hall, zu den Klippen von Penistone und nach Top Withens, vier Meilen hinter Haworth, ein einsames Gehöft, das Emily B. als Vorlage für Wuthering Heights, das umwetterte und schwerst ungastliche Haus von Mr Heathcliff, gedient haben soll. Mr Lockwood, der dort Schutz sucht, widerfährt nur Unbill: böse Worte, bissige Hunde, die kalte Hand eines Nachtgespenst, das durchs zerbrochene Fenster zu ihm eindringen will – und nicht einmal eine Tasse Tee. Dazu draußen ein Schneesturm.

Aber im Sommer! Vor zweihundert Jahren rannten sechs kleine Brontë-Geschwister den Schmetterlingen auf der Heide hinterher; und später, als sie nur noch zu dritt waren – Charlotte, Emily und Anne – gingen sie dort Arm in Arm spazieren, schleiften die Kleidersäume durchs Heidekraut, sprangen über die Trittsteine im Bach und kraxelten den Hang zu dem einzigen Gebäude hinauf, über das sich ein paar windschiefe Kiefern beugten und mit ihren Zweigen an die Fenster pochten. Damals war Top Withens von einer Bauernfamilie bewohnt, und man darf unterstellen, dass den Töchtern des Reverend B. sehr wohl eine Tasse Tee angeboten wurde.

Kleines Gut, große Bedeutung: Top Withens bei Haworth soll Vorbild für „Wuthering Heights“ gewesen sein.
Kleines Gut, große Bedeutung: Top Withens bei Haworth soll Vorbild für „Wuthering Heights“ gewesen sein. Bild: Bridgeman Images

Heute eine gut gesicherte Ruine, glich es schon damals nicht wirklich dem stattlichen Wuthering Heights aus dem Roman. Macht nichts. Emily war hier. Sie hat das Moor geliebt und die Aussicht von dort oben: nur Himmel und Erde und ein Spalt im Gewölk, in dem die Goldmünze der Sonne schwimmt, ehe die grauen Bärte der Regenwolken wieder über die Hügel heranschleifen. Auch im Sommer. „‚Wuthering‘ war ein treffender mundartlicher Ausdruck, der den atmosphärischen Aufruhr beschreibt, dem der Ort bei stürmischem Wetter ausgesetzt ist“, heißt es im ersten Kapitel.

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Mit einem Mund voller Apfelkuchen

In Konkurrenz zu Top Withens als In­spiration steht Ponden Hall bei Stanbury, von Haworth ein Spaziergang von drei Meilen, auf einem Hügel gelegen mit Blick über den Stausee von Ponden. Da sich die Autorin zur Lokalität nicht geäußert hat, gilt die Jahreszahl 1801, die über den Türsims eingemeißelt ist – das Datum, mit dem der Roman beginnt –, als Beleg. Außerdem verfügte ein Zimmer gegenüber der Bibliothek über die Reste eines Alkovenbetts. Hat Emily es gesehen, als sie mit ihren Schwestern die gut sortierte Bibliothek von Ponden Hall besuchte? Die Vorbesitzerin des Ponden Hall Bed & Breakfast ließ in einem Dachzimmer die Replik dieses Möbels einbauen, allerdings in sicherer Entfernung vom Fenster.

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„Ich versuchte, meinen Arm freizubekommen, aber die Hand klammerte sich fest an ihn, und eine todtraurige Stimme schluchzte: ‚Lass mich hinein, lass mich hinein! [. . .] Ich bin wieder da, ich hatte mich im Moor verirrt.‘ Während es sprach, nahm ich dunkel das Gesicht eines Kindes wahr, das durch das Fenster blickte. Das Entsetzen machte mich grausam. Da es zwecklos schien, das Geschöpf abzuschütteln, zog ich sein Handgelenk an das zerbrochene Glas, rieb es hin und her, bis das Blut herunterrann und die Betttücher durchtränkte [. . .] ‚Es sind zwanzig Jahre‘, klagte die Stimme, ‚ich bin seit zwanzig Jahren heimatlos.‘“

Als schrieben sie um die Wette: Die Brontë-Schwestern.
Als schrieben sie um die Wette: Die Brontë-Schwestern. Bild: United Archives

Eine dritte Fraktion von Brontë-Enthusiasten hält Ponden Hall hingegen für Thruscross Grange – noch so ein Name, als redete man mit einem Mund voller Apfelkuchen –, das Haus der Familie Linton und Gegenpol zu Mr Heathcliffs umpfiffenem Anwesen. Hier lässt Emily B. den Knaben Heathcliff und seine Freundin Cathy eines Nachts durch die Hecke kriechen, auf den Sims des Fundaments steigen und durch die nur halb zugezogenen Vorhänge auf unbekannten Luxus spähen: ein Zimmer mit roten Teppichen und roten Polstern und ein Schauer Glasprismen, „die im Glanz von kleinen Kerzen blinkten“. Heute ist Ponden Hall ein elegantes Bed & Breakfast, und wer immer es möbliert und dekoriert hat, kannte sich auch in Thruscross Grange aus.

Fremdheitsgefühl im Pfarrhaus

Emily starb mit dreißig Jahren, Anne mit neunundzwanzig. Am Ende war nur noch Charlotte übrig, die im November 1854 mit ihrem „lieben Arthur“ zu einem Spaziergang ins Moor aufbrach, weil sie den Wasserfall, einen der Lieblingsplätze ihrer Schwestern, nach der Schneeschmelze und in seiner winterlichen Pracht sehen wollte; „ein gewaltiger Sturzbach, der über die Steine sprang“. Dann begann es zu regnen, und sie kehrten unter einem strömenden Himmel ins Dorf zurück; zwei Meilen gegen den Wind in Haube, wollenem Umschlagtuch und ledernen Stiefeletten. Es war wohl Charlottes letzter Gang ins Freie. Am Ostersamstag des folgenden Jahres ist sie gestorben.

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Aber im Sommer! Natürlich ist man nicht mehr allein auf der weiten Flur. Die Schilder, die den dreizehn Kilometer langen Rundweg zum Wasserfall und Top Withens weisen, tun es auch auf Japanisch. Und Haworth ist nicht mehr das schmutzige grausteinerne Weberdorf, sondern nach Stratford upon Avon die meistbesuchte literarische Adresse in Großbritannien, in der alles – vom Brontë-Bier bis zum Brontë-Duftkissen, vom Heathcliff Cottage bis zum Wuthering-Heights-Gasthaus – Literatur atmet und deren segensreiche Wirkung auf den Fremdenverkehr. Hunderttausende wallen jährlich durch das Pfarrhaus-Museum, das am Ende nur von einem fast blinden alten Pfarrer und seinen drei wolkenschaufelnden Töchtern bewohnt wurde.

Winzigkleine Buchstaben: Notizbücher der Schwestern.
Winzigkleine Buchstaben: Notizbücher der Schwestern. Bild: Bridgeman Images

Werden sie überhaupt noch gelesen? Oder nur noch knackig verfilmt? „Jane Eyre“, „Sturmhöhe“, „Die Herrin von Wildfell Hall“? Gilt das Interesse ihren Romanen, oder zieht die Leute nur der sanfte Grusel ihrer Lebensläufe an? Arm, weiblich, abhängig, verkannt, einsam, früh gestorben? Das Museum weckt bei aller Getreulichkeit der Ausstattung ein leises Fremdheitsgefühl. Das liegt nicht nur an dem Auftrieb oder daran, dass der Blick aus den Fenstern vor zweihundert Jahren nicht auf die mächtigen Ahornbäume fiel, in deren Kronen der Wind braust und die Krähen spektakeln, sondern nur auf die steinerne Öde des Friedhofs, der, überfüllt und zugedeckelt, bis in die alte Kirche hinein stank und auf dem Trinkwasser einen Film hinterließ, der Krankheit und Tod im Pfarrhaus beförderte. Es liegt auch daran, dass Indizien und Zitate keine biographische Wahrheit darstellen, so es sie denn überhaupt geben sollte.

Sozialer Wohnungsbau vom Feinsten

Das Museum ist ein Schrein, aber eben auch ein privater Ort, an dem ihre Nähkästchen, ihre Locken und Socken den Blicken gerührter Tanten – es kommen meist Pilgerinnen im seriösen Alter; ich zähle mich dazu – preisgegeben sind. Es war ihre Schreibwerkstatt, ihr Phantasiebergwerk, in dem sie schon als Kinder pickelten und gruben. Im ersten Stock sind die winzigen Hefte, die sie mit ihren Geschichten volltiftelten, ausgestellt. Geheimschriften, in Zuckertütenpapier gebunden; heute, wenn eines auf einer Auktion landet, Hunderttausende von Pfund wert. Auch später mieden sie ihr Publikum. Die Romane erschienen unter einem Pseudonym, das nicht einmal ihr Geschlecht verriet. Charlotte lief mit gesenktem Kopf an den ersten Literaturtouristen vorbei, als die das Haus auf dem Friedhof ausfindig gemacht hatten. Emily hätte sich vielleicht einmal kurz mit ihrem großen Hund auf der Schwelle gezeigt: Keeper, fass! Anne? Man weiß es nicht.

Die Brontë Society, die am Ort das Erbe in Schuss hält, sucht auch nachfolgenden Generationen Leben und Werk zu vermitteln. Über aktuelle und möglicherweise frivole Vorgänge, die mit ihrem Namen verknüpft sind – Poetry Slam, Tanzworkshop („have fun with Emily“), queere Kunst oder das Theaterstück „Jane Hair – The Brontës Restyled“ –, wären sie vermutlich recht verdutzt gewesen. Aber auch das weiß man nicht. Das neunzehnte Jahrhundert war reich an Überraschungen und Wendungen einschließlich der großflächigen Zerstörung der Heidelandschaft. Im Dienst singulärer Bereicherung und allgemeiner Prosperität – nichts Neues unter der Sonne – war der Norden Englands, darunter auch der „Woll-Distrikt“ in Yorkshire, von der industriellen Revolution erfasst worden. In Charlottes Roman „Shirley“ sieht sich die Heldin im letzten Kapitel von ihrem fortschrittlichen, erfolgreichen Mann überstimmt.

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„‚Robert! Und das Wäldchen roden?‘

‚Das Wäldchen wird Brennholz sein, ehe fünf Jahre vergangen sind [. . .], der holprige Kiespfad wird eine ebene, feste, breite rußschwarze Straße sein, bedeckt mit der Schlacke aus meiner Fabrik [. . .].‘

‚Entsetzlich. Du willst die blaue Luft unserer Hügel in den rauchigen Dunst von Stilbro’ verwandeln.‘“ Und immer so weiter. Arbeit für „die Unbehausten, die Hungernden und die Arbeitslosen“ – die die gleichen Rechte hatten wie die Frauen, nämlich keine.

Bild: F.A.Z.

Die huldreiche Seite dieser Entwicklung ist in Saltaire in der Nähe von Bradford Stein geworden. Der Textilmagnat Sir Titus Salt baute dort noch zu Lebzeiten von Charlotte B. eine dieser qualmenden Fabriken, in der täglich siebzehn Meilen Tuch gewebt wurden – und in ihrem Schatten eine Mustersiedlung für seine Arbeiter: sozialer Wohnungsbau vom Feinsten. In Saltaire gab es Schulen, eine Kapelle, Armenhaus, Kleingärten, Hospital, Waschhaus und Park, sogar einen Bootsanleger am Fluss Aire – aber keine Kneipe und keine Pfandleihe. Sir Titus wünschte zufriedene Leute; er wünschte sie gesund, fleißig und nüchtern.

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Heute gehört Saltaire mit seiner venezianischen Fassade und den riesenlangen Fabriketagen zum UNESCO-Welterbe und brummt von Restaurants, Geschäften und Galerien. Die größte Dauerausstellung mit Bildern von David Hockney, Bradfords berühmtem Sohn, ist hier zu sehen. Es gibt Kunst- und Trödelmärkte, und die Kneipe heißt „Don’t Tell Titus“.

Wo einmal Schlacke lag, wächst wieder Gras, wo Maloche herrschte, sind Witz und Müßiggang eingezogen, und auch die „Sturmhöhe“ endet unter einem gütigen Himmel. Im letzten Kapitel besucht Mr Lockwood die Gräber von Heathcliff, Cathy und Edgar Linton, sieht die Nachtfalter zwischen Heide und Glockenblumen flattern, lauscht dem Atem des sachten Winds und wundert sich, „wie jemand sich vorstellen könnte, die Schläfer in dieser stillen Erde ruhten nicht in Frieden“.

Information: Nach Yorkshire geht es über den Fährhafen Hull (aus Rotterdam) oder mit dem Flugzeug via Manchester. Nächste Bahnstation ist Leeds. Das Pfarrhaus-Museum ist von Mittwoch bis Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr geöffnet, Tickets müssen im Voraus gebucht werden: www.bronte.org.uk. Unter dem Link sind auch Busverbindungen ab Keighley abrufbar und Sonderfahrten mit der Dampfeisenbahn von Keighley nach Haworth.

Quelle: F.A.Z
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