Landurlaub in Spanien

Auferstehen aus Ruinen

Von Karin Finkenzeller
18.09.2021
, 17:33
Verlassene Kirche in Caudilla, Provinz Toledo
Besser ein veganes Wirtshaus, als gar keines: Spaniens Hinterland zählt Tausende verlassene Dörfer. Ausgerechnet Corona könnte für einige die Rettung sein.

„Natürlich fehlt es hier an allem!“ Hugo Domínguez lacht und zählt dann auf: „Es gibt keine Schule, keinen Arzt, keine Apotheke, und für Einkäufe, die über den täglichen Bedarf hinausgehen, müssen wir 120 Kilometer fahren. Auf dieser Straße“, fügt er hinzu und zeigt auf den schmalen Weg, der hinausführt aus dem Dorf Albendiego und sich am Horizont zwischen den in der Sonne verblichenen Getreidefeldern und Äckern mit tiefroter Erde verliert. „Aber hier gibt es Zeit.“ Domínguez atmet tief durch. „Zeit, sich auf die wichtigen Dinge im Leben zu besinnen und an sich selbst zu arbeiten.“

Neue Hoffnung für alte Orte

Deshalb haben der Sozialarbeiter und seine Lebensgefährtin Verónica Romero Madrid den Rücken gekehrt und sind mit Töchterchen Richtung Nordosten gezogen in die Provinz Guadalajara. Romeros Großvater wuchs hier auf, ehe die Landflucht in Spanien aus Tausenden Flecken wie Albendiego von Gott verlassene Orte machte, in denen nur ein paar Alte zurückblieben. „Von allen vergessen, dazu verdammt, an meiner Erinnerung und meinen Knochen zu nagen wie ein toller Hund“, lässt Julio Llamazares seinen Protagonisten 1988 im Roman „Der gelbe Regen“ klagen.

Gut 30 Jahre später ist es ausgerechnet eine Pandemie, die vielen dieser Orte neue Hoffnung gibt: weil die Nachfahren der früheren Bewohner sich mindestens an den Wochenenden ihrer erinnern auf der Suche nach coronakonformem Abstand von der Enge der Stadt. Und weil manche auch für den Tourismus erschlossen werden.

Das aus Madrid zugewanderte Paar hat an diesem Sonntag gut zu tun. 33 Einwohner zählt Albendiego derzeit offiziell. 150 waren es in den 1950er Jahren. Es geht auf 12 Uhr zu. Für das Mittagessen ist es in Spanien zu früh, aber für ein Schwätzchen bei einem Glas Bier und „algo para picar“ die rechte Zeit. Romero und Domínguez haben die schon vor vielen Jahren zur Bar umfunktionierte, aber unbewirtschaftete ehemalige Grundschule übernommen sowie die Ferienapartments in der frühen „Casa de Consejo“, wo ein Arzt lebte und arbeitete. Die Tische im Hof und die Plätze an der Theke füllen sich schnell. Die Tortilla-Happen sind blass, weil ohne Ei. Auch Schinken, Chorizo oder Sardellen fehlen sehr unspanisch auf der Speisekarte. Die Wirte sind Veganer, aber der Stimmung unter den Gästen tut das keinen Abbruch. Besser ein veganes Gasthaus als ein geschlossenes.

Neben Galizien gibt es in den Pyrenäen die meisten verlassenen Dörfer in Spanien.
Neben Galizien gibt es in den Pyrenäen die meisten verlassenen Dörfer in Spanien. Bild: Picture Alliance

Mario J. Gallego, der Bürgermeister vom ländlichen Aktionsbündnis für ein offenes Guadalajara (ARGA), kommt hinzu in T-Shirt und Schlabberhosen, als sei er gerade aus dem Bett gefallen. Zu seiner Beliebtheit und dem Wahlsieg 2019 nicht unwesentlich beigetragen hat auch, dass Gallego seit 2013 jedes Jahr das Zirkusfestival Myau nach Albendiego brachte und damit Besucher aus der gesamten Region. „Ein Zirkus ohne Tiere“, betont er.

Außerdem darf sich Albendiego auf eine weitere Attraktion freuen: Gerade hat eine Gruppe um einen Unternehmer aus der Region dort am Fluss Bornova eine jahrhundertealte Mühle gekauft, die bis zum Tod des Müllers vor zwei Jahren noch in Betrieb war. Die für die Gegend typische „schwarze Architektur“ des Gebäudes aus dunklem Schieferstein solle erhalten bleiben, erzählt Gallego. Die neuen Besitzer wollten auf dem Grundstück ein Projekt für ländlichen Tourismus entwickeln mit Campingplatz, geführten Wanderungen und Workshops rund um den Umweltschutz.

Man braucht Gelduld und einen Geländewagen

Gefunden hat die Käufer Elvira Fafián. Seit 14 Jahren bereits betreibt die Immobilienmaklerin in Barcelona ihre Agentur „Aldeas Abandonadas“. Nie sei die Nachfrage so groß gewesen wie seit dem Ausbruch der Pandemie. Wie die deutsche Übersetzung des Agenturnamens – aufgegebene Dörfer – schon andeutet, sind nicht nur einzelne Gebäude im Angebot, sondern ganze Dörfer. Llirt in den Pyrenäen, kurz vor der Landesgrenze zu Andorra, ist eines davon. Man muss Geduld und einen Geländewagen für die Besichtigung mitbringen. Die letzten drei Kilometer geht es nur auf unbefestigten Wegen voran, warnt Fafián vor. Das Dorf oder besser gesagt, was davon übrig geblieben ist, seit die letzten Bewohner es Ende der 1950er Jahre verließen, klebt wie eine kleine Ansammlung von Vogelnestern auf 900 Meter Höhe am Hang. Ruinen von fünf Häusern und der Kirche Sant Jaume, von der nur noch die Apsis übrig ist. Dazu ein paar Äcker und Wiesen, auf denen einst Weizen wuchs, Hühner pickten und sich Schweine suhlten. Strom und fließend Wasser gab es hier nie, dafür 3000 Sonnenstunden im Jahr und den Blick auf die Gebirgskette der Sierra del Cadí. 43,86 Hektar für 749.000 Euro. Verhandlungsbasis.

Ein paar Universitätsprofessoren, Anwälte und Architekten aus Barcelona hatten sich vor 20 Jahren mit der Idee übernommen, hier ihren Altersruhesitz zu errichten. Dank ihrer gibt es immerhin eine Baugenehmigung. Ein Luxusressort könnte an der Stelle entstehen, meint Fafián. Amerikanische Investoren hätten schon einmal ein Auge darauf geworfen, derzeit seien italienisch-katalanische Projektentwickler interessiert. Solche Objekte, das weiß sie, brauchen ihre Zeit. Für manche kommt sie nie. Es gibt in Spanien Dörfer, die sich erst als Ruinen zu Sehenswürdigkeiten entwickelt haben. Die Überreste von Caudilla in der Provinz Toledo wirken wie der Fantasie des Malers Salvador Dalí entsprungen. Die Silhouette ist von weithin bei einer Fahrt auf der Carretera TO-1332 zu sehen. Belchite Viejo in der Nähe von Saragossa wurde als Mahnung an die Schrecken des Bürgerkriegs nicht wieder aufgebaut und ist heute ein Museum. Mit mehr als 3800 zählt Galizien die meisten verlassenen Dörfer. In weiteren gut 4500 leben dort aktuell höchstens zwei Bewohner. Deshalb hat die Regionalregierung gerade ein eigenes Immobilienportal errichtet, um das Siechtum aufzuhalten und Neubürger anzu­locken.

Bild: F.A.Z.-Karte lev.

Doch nicht jeder sei geeignet für das Landleben, weiß Maklerin Fafián. Sie verbringt deshalb viel Zeit mit Aufklärung. „Der Käufer braucht auf jeden Fall ein Projekt“, sagt sie. „Das kann Agrartourismus sein, ein Umweltprojekt, eine Bäckerei oder anderes. Aber der neue Eigentümer muss schon eine Vorstellung davon haben, wie er Mehrwert für das Dorf schafft.“ Auch Bürgermeister Gallego in Albendiego wünscht sich keine Massenzuwanderung von Hauptstadt-müden, die nach ein paar Monaten im Homeoffice merken, dass es ohne Kino und Theater doch ganz schön fade sein kann, oder die Dorfgemeinschaft mit lauten Partys stören.

Einer, der sich den Traum von der Wiederbelebung eines Dorfes erfüllt hat, ist Juan Ansótegui. Auf der Rückreise von einer Dienstreise stieß der gelernte Bildhauer und technische Zeichner 2006 auf Las de Villadiego in der Nähe der Stadt Burgos. „Tomar las de Villadiego“ ist im Spanischen bis heute ein geflügeltes Wort für die Zuflucht in Not geratener Menschen – so wie es das Dorf vermutlich im Mittelalter für verfolgte Juden war. Als Ansótegui es vorfand, sah ein Teil davon vielmehr so aus, als hätten die letzten Bewohner ihn überstürzt verlassen. Auf den Fensterbänken standen noch Teller, auf dem Boden der Häuser lag Unrat, die Dächer waren eingestürzt, Ungeziefer hatte sich durch die Matratzen der Betten gefressen. In einem Video hat Ansótegui den verheerenden Zustand dokumentiert. Aber er sah das Potential, trommelte seine Familie zusammen und machte sich mit ihnen an die Arbeit.

Heute finden in den neun restaurierten Häusern und einem Gemeinschaftsraum gut 60 Gäste Platz – Individualtouristen, die einzelne Unterkünfte buchen, aber auch Gruppen, die hier Hochzeiten feiern oder Seminare veranstalten. Die Materialien für den Wiederaufbau und das Mobiliar stammen aus der Region, die Heizung funktioniert über eine umweltfreundliche Wärmepumpe, die Abwässer würden zu 94 Prozent wiederaufbereitet, erzählt der Geschäftsführer. „Ich habe mich in die Ruinen, die Steine und ihre Geschichte verliebt. Wir haben das historische Erbe erhalten und den Weiler mithilfe von Handwerkern aus der Gegend wieder aufgebaut.“ Die Besucher – zu 70 Prozent Ausländer – trügen auch zum Erhalt anderer Dörfer in der Nähe bei, weil sie etwa beim Metzger oder Bäcker um die Ecke lokale Spezialitäten einkauften. Viele andere Orte warten noch auf ihre Er­weckung.

Es sind „3000“ Sonnenstunden im Jahr; wurde korrigiert.

Urlaub im spanischen Hinterland

Angebote für Urlaub auf dem Land in Spanien unter clubrural.com.

Ein Haus oder ein Dorf zum Kauf lässt sich auf aldeasabandonadas.com finden, groß ist das Angebot in Galizien: vivendasnucleosrurais.xunta.gal/public/

Manche Dörfer bleiben unbewohnbar, sind aber zu besichtigen, so wie Belchite Viejo: belchite.es/

Quelle: F.A.S.
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