Kunststadt Goslar

Avantgarde mit Fachwerkkulisse

Von Volker Mehnert
15.06.2021
, 15:25
Die andere Seite der Stadt: Goslars Fachwerkhäuser erinnern an eine lange Geschichte und ruhmreiche Vergangenheit.
Eine ganze Parade zeitgenössischer Skulpturen bevölkert die Straßen von Goslar und verwandelt die mittelalterliche Stadt in ein Freilichtmuseum der Moderne.

Diese korpulenten Herrschaften erscheinen hier irgendwie fehl am Platze. Davon lassen sie sich aber nichts anmerken, sondern tragen im Gegenteil mit dem Gleichmut hispanischer Granden ihr Fremdsein sogar zur Schau. Selbstbewusst und ein wenig trotzig stehen die beiden Dicken am Rosentor in Goslar, mollig und drall, feist und rosig. Sie sind vollendete Repräsentanten der fröhlich naiven Kunst des Kolumbianers Fernando Botero. Lateinamerikas berühmtester zeitgenössischer Maler und Bildhauer schwelgt mit Vorliebe in solch fülligen Rundungen. Kugelköpfe, Pausbacken und Schmerbäuche, ausladende Hüften, schwellende Oberschenkel und mächtige Popos sind die Merkmale seines Werks, nach seinen eigenen Worten „eine Verherrlichung des Lebens, die in der Sinnlichkeit der Formen liegt“. Doch wie haben sich „Frau mit Schirm“ und „Mann mit Stock“, dieses gewichtige südamerikanische Pärchen, ausgerechnet in die Niederungen der niedersächsischen Provinz verirrt? Was treiben die beiden Fremden zwischen Fachwerk und mittelalterlicher Stadtmauer?

Des Rätsels Lösung liegt im Goslarer Kaiserring, einem internationalen Preis zur Förderung zeitgenössischer Kunst, der seit 1975 jedes Jahr verliehen wird. Im Rahmen der Preisvergabe sollte jeweils eine Ausstellung des Künstlers stattfinden und nach Möglichkeit auch mindestens eines seiner Werke in der Stadt bleiben. Die Auszeichnung ist nicht dotiert, aber vom Kaiserring, entworfen vom Worpsweder Goldschmied Hadfried Rinke, wird für jeden Preisträger ein Unikat angefertigt. Auch wenn schon im Namen angedeutet ist, dass hier eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart gespannt werden soll, war die Hinwendung zur Kunst der Moderne damals ein gewagtes Experiment – in einer Stadt, die in erster Linie stolz war auf ihre ruhmreiche Geschichte als Bergbauzentrum und auf ihr intaktes mittelalterliches Stadtbild, beides mittlerweile von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet. Noch immer staunt manch einer darüber, dass ausgerechnet in dieser kleinstädtischen Umgebung am Fuß des Harzes einer der bedeutendsten Kunstpreise Deutschlands ins Leben gerufen wurde und dass er sein Renommee im Laufe der Zeit beibehalten und sogar noch steigern konnte.

Im Hinterhof der Weltgeschichte

Vielleicht lag es an der gelungenen Initialzündung, denn mit Henry Moore, dem ersten Preisträger, landete man gleich einen Coup. Durch eine Schenkung konnte seine kolossale Statue „Fallen Warrior“ nicht nur in Goslar aufgestellt werden, sondern der Künstler benannte sie auch zugkräftig in „Goslar Warrior“ um. Er selbst wählte ihren zukünftigen Standort: ein wenig versteckt im Garten hinter der Kaiserpfalz. Während vor dem prachtvollen Gebäude, im elften Jahrhundert als „berühmtester Wohnsitz des Reiches“ gepriesen, die deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa und Wilhelm I. auf steinernen Sockeln stolz zu Pferde thronen, liegt der stilisierte Torso des anonym sterbenden Kriegers im Hinterhof der Weltgeschichte – eine bewusst symbolische Platzierung durch den Künstler. Vielleicht jedoch hatten er und die Stadt Goslar damals auch Bedenken, die extravagante Bronzeplastik auffällig und provokativ vor der Kaiserpfalz oder zwischen den mittelalterlichen Mauern aufzustellen.

Bloß kein Schmalhans: Der kolumbianische Bildhauer Fernando Botero frönt auch in der Innenstadt von Goslar der Üppigkeit des Lebens.
Bloß kein Schmalhans: Der kolumbianische Bildhauer Fernando Botero frönt auch in der Innenstadt von Goslar der Üppigkeit des Lebens. Bild: Volker Mehnert

Bei späteren Preisträgern spielten derlei Besorgnisse keine Rolle mehr. Fortan nutzte man die Altstadt couragiert als historische Kulisse für die Präsentation der künstlerischen Avantgarde. Mal wurden die Skulpturen dezent in eine architektonische Nische eingepasst, mal offensiv ins Blickfeld der Passanten gerückt. Dass daraufhin manches Werk bei Teilen der Bevölkerung auf Unverständnis stieß und gelegentlich sogar lautstarke Proteste hervorrief, nahm man in Kauf. Der Goslarer Kunstverein ließ sich nicht beirren und zeichnete Jahr für Jahr weitere Maler und Bildhauer mit dem Kaiserring aus, die ihrerseits wiederum zahlreiche Werke zurückließen – entweder im eigens dafür eingerichteten Museum, dem Mönchehaus, oder als ortsspezifische Arbeiten „in situ“ an ausgewählten Standorten im Stadtbild. Max Bills aus fünf Granitstelen zusammengesetztes „Tor in Goslar“, aufgestellt im Neuwerkgarten, ist dafür ein charakteristisches Beispiel.

Immer wieder umstrittene Entscheidungen

Die Liste der bislang siebenundvierzig Geehrten erscheint wie ein Walhalla für die Koryphäen zeitgenössischer Kunst. Zu ihnen zählen Alexander Calder, Victor Vasarely, Rebecca Horn, Eduardo Chillida, Georg Baselitz, Cindy Sherman, Jörg Immendorff, Jenny Holzer, Gerhard Richter, Cy Twombly, Ólafur Elíasson und Sigmar Polke. Rückblickend scheint man sich bei der Auswahl auf große Namen mit angesehenem Lebenswerk und auf zweifelsfrei anerkannte Kandidaten verlassen zu haben, doch war manch ein Künstler zum Zeitpunkt der Preisverleihung keineswegs geschätzt, manchmal sogar äußerst umstritten. Die Weitsicht der Juroren ist allerdings bemerkenswert: Alle Preisträger sind bis heute weltweit in renommierten Ausstellungen und Museen vertreten.

Liegende mit Scheibe: Auch Henry Moore hat in Goslar seine Spuren hinterlassen.
Liegende mit Scheibe: Auch Henry Moore hat in Goslar seine Spuren hinterlassen. Bild: Volker Mehnert

Wer zum Beispiel sah die spätere Erfolgsgeschichte von Richard Serra voraus, als dieser 1981 den Kaiserring erhielt? Sogar in Kunstkreisen war er damals ein kaum beschriebenes Blatt, sein Werk in einem Prozess, der „mehr beunruhigt als zufriedenstellt“, wie es in der Laudatio hieß. Seine Skulptur „Gedenkstätte Goslar“, eine rostige Cortenstahl-Platte, die neben der Stadtmauer am Breiten Tor aufgestellt wurde, war dann auch vielen ein Ärgernis und wird bis heute hin und wieder mit Graffitis beschmiert. Auch Joseph Beuys, Preisträger 1979, war zu jener Zeit in Deutschland noch heftig umstritten und wurde in Goslar angefeindet.

Der Charme kommt aus dem Kontrast

Zu einem Eklat in anderer Hinsicht kam es, als der Schweizer Jean Tinguely im Jahr 1980 den Preis ablehnte. Er sah seine Kunst auf unzulässige Weise instrumentalisiert, weil die Veranstalter die Verleihung des Kaiserrings als gelungenes Marketinginstrument für die Stadt Goslar herausstellten. Derlei Befindlichkeiten spielen bei den Künstlern zwar längst keine Rolle mehr, doch dürfte die Aufregung um Tinguely dazu geführt haben, dass Goslar bis heute sehr zurückhaltend mit einer Kunstsammlung wirbt, die inzwischen Weltniveau erreicht hat. Die Freiluftkunst erscheint in ihrer städtischen Gesamtheit weniger als Sammlung, sondern eher als unsystematische Zusammenstellung und abwechslungsreiche Ansammlung, was ihren Reiz aber nicht beeinträchtigt, im Gegenteil. Für mehr reicht die Hinterlassenschaft der Preisträger nicht aus, zumal man sich bei den rasant steigenden Preisen auf dem Kunstmarkt beim Ankauf zunehmend mit kleineren Arbeiten auf Papier fürs Museum zufriedengeben muss. Deshalb dürfen sich auch weniger namhafte Künstler mit ihren Werken im Stadtbild präsentieren, um die Lücken zu schließen. Mäzene wiederum stifteten weitere Skulpturen von internationalem Rang, und auf diese Weise fanden auch Boteros rundliche Charaktere ihren Platz am Rosentor.

Das Alte und das Neue trennt zumindest in Goslar nichts: das historische Hotel Kaiserworth am Marktplatz.
Das Alte und das Neue trennt zumindest in Goslar nichts: das historische Hotel Kaiserworth am Marktplatz. Bild: Picture-Alliance

Inzwischen befinden sich mehr als hundertzwanzig Skulpturen, Plastiken, Reliefs und Wandbilder allein in der Altstadt, dazu noch einmal etwa achtzig in den Stadtteilen. Bei einem Rundgang, ob thematisch strukturiert oder planlos querbeet, stolpert man ständig über diese Werke der Moderne – wenn man es schafft, die gewohnte Sichtweise auf die Gebäude und Fassaden zu ändern und erst einmal das offenkundig Historische und Architektonische auszublenden. Dann allerdings sollte das mittelalterliche Umfeld wieder ins Blickfeld kommen, denn die meisten Kunstwerke entfalten ihre Wirkung und ihren Charme gerade im Einklang mit dem Fachwerk oder im Kontrast zu den bröckelnden Stadtmauern.

Freut Euch des Lebens

Als seien sie schon immer Bewohner des historischen Innenhofs am Großen Heiligen Kreuz, sonnt sich ein Pärchen vor der Fachwerkfassade – Vera Keunes Plastik „Freut Euch des Lebens“ gehört dort ebenso zum städtischen Inventar wie nebenan der „Jongleur“ von Otmar Alt. Fröhlich bunte Werke wie „Giraffe und Pendel“ von Ulrich Schmied im Bachbett der Abzucht oder Michael Hischers „Kinetische Skulptur“ an der Schützenallee wechseln sich ab mit düster mahnenden Arbeiten wie Walter Kaunes „Und man sieht nur die im Lichte“ oder Ursula Fockes „Aus den Zwängen sich befreien“. Die Fassade des Kaufhauses Karstadt setzt durch ein monumentales Relief des Bildhauers Otto Herbert Hajek einen kraftvollen, nicht leicht zu akzeptierenden Kontrapunkt ins mittelalterliche Stadtbild. Auch die verschiedenen Exemplare der Serie „Hommage au Rammelsberg“, die an mehreren Standorten mit mächtigen Gesteinsbrocken im Stahlrahmen an Goslars Bergbauvergangenheit erinnern, wirken gewöhnungsbedürftig.

Dem Thema des regionalen Bergbaus widmet sich auch das Werk „Package on a Hunt“ mit der letzten Kipplore, die vor Jahrzehnten das stillgelegte Bergwerk am Rammelsberg verließ. Das Gefährt wurde in seinem unverwechselbaren Stil von Christo verhüllt, der 1987 den Kaiserring erhielt. Während die spektakulären Verpackungsprojekte des Installationskünstlers und seiner Frau Jeanne-Claude in der Regel nur für einen begrenzten Zeitraum Bestand hatten, durfte dieses sogar den Tod der beiden überdauern. Dieses Glanzstück internationaler Kunst mit lokalem Goslarer Bezug steht jetzt im Skulpturengarten des Mönchehaus Museums, vor Wind und Wetter geschützt in einer rundum transparenten Open-Air-Vitrine.

Der Museumsgarten bildet einen Höhepunkt jedes Kunstspaziergangs durch Goslar. Denn neben Christos Kipplore brillieren dort unter freiem Himmel die Werke weiterer Preisträger, unter anderen Victor Vasarelys farbenfrohes „Hexagon“, die Skulptur „Microbe“ von Max Ernst sowie das Projekt „Drei Eichen und drei Basaltstelen“ von Joseph Beuys. Aber bei allem Respekt vor diesen exquisiten Museumsstücken – die beste Figur machen immer noch Fernando Boteros füllige Spaziergänger. Gerade weil sie nicht über die Idealmaße unserer zeitgenössischen Schlankheitskultur verfügen, sind sie als Fotomodelle für einen Erinnerungsschnappschuss mit oder ohne Selfie-Charakter unschlagbar beliebt.

Kunst in Goslar

Goslarer Kaiserring: Für den 9. Oktober ist die nächste Verleihung des Kaiserrings geplant. Nach der ausgefallenen Zeremonie im vergangenen Jahr werden dann die Preisträger für 2020 (Hans Haacke) und 2021 (Adrian Piper) geehrt. Am selben Tag beginnt auch die Doppelausstellung mit Werken der beiden Künstler im Mönchehaus Museum.

Museum Mönchehaus: Mönchestraße 1, 38640 Goslar, Telefon: 0 53 21/49 48, www.moenchehaus.de, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Der Museumsbesuch unterliegt den jeweils aktuellen Corona-Regelungen. Die Kunstwerke im Stadtbild sind rund um die Uhr kostenlos und pandemiekonform zugänglich.

Information: Goslar Marketing, Markt 7, 38640 Goslar, Telefon: 0 53 21/7 80 60, www.goslar.de/tourismus.

Quelle: F.A.Z.
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