Deutschland per Rad

Voller Bauch pedaliert sehr gern

Von Jakob Strobel y Serra
18.08.2022
, 13:45
Die schönste Flussschleife Deutschlands, das finden jedenfalls die Saarländer: Bei Mettlach wickelt sich die Saar fast um sich selbst.
Heute Herrenteller, morgen glasierter Yuzu-Kombu-Carabinero und zwischendurch ein Legionärsmahl: Beim Schlemmerradeln im Saarland erlebt man Höhen und Tiefen in jeder Hinsicht.
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Hoher Genuss beginnt immer mit hartem Verzicht, sonst wäre er gar keiner, sondern nur eine belanglose Selbstverständlichkeit ohne den Reiz des Besonderen. Wir sind zum Schlemmerradeln ins Saarland gekommen, beginnen unsere Tour in Saarbrücken und üben uns erst einmal in Askese. Links lassen wir Klaus Erfort liegen, einen Säulenheiligen der deutschen Hochküche, der in seinem „Gästehaus“ dreizehn Jahre lang drei Michelin-Sterne gehalten hat, rechts seinen Schüler Silio Del Fabro, der im „Esplanade“ gerade mit virtuoser Hand das Erbe seines Meisters antritt. Statt dort zu schlemmen, radeln wir mit leerem Magen und wehmütiger Erinnerung los, sechzig Kilometer immer an der Saar entlang bis Mettlach, unserem ersten Etappenziel – beste Genussvoraussetzungen also.

Ruinenstadt des Indus­triezeitalters

Ein Schmaus für Auge und Ohr sind die ersten Kilometer allerdings nicht, denn für die Sünden der deutschen Autofahrernation gibt es keine Absolution. Erst die A 620, dann die A 8, Mahnmale des einbetonierten Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Geistes, sind unsere treuen Begleiterinnen, lassen uns dank ihrer Ausfahrtschilder immer mühelos die aktuelle Position bestimmen und wölben sich manchmal sogar fürsorglich über den Saar-Radweg, um uns in der Bruthitze Schatten zu spenden – so intim ist unsere Zwiesprache mit einer Bundesautobahn noch nie gewesen. Das rechte Flussufer will nach wenigen Kilometern dem linken nicht mehr nachstehen und präsentiert uns gleichfalls Zeugnisse menschlicher Schaffenskraft: Wie ein eisernes Gebirge wächst dort das Weltkulturerbe Völklinger Hütte in den Himmel, ein Wirrwarr aus laokoonischen Rohren, futuristischen Stahlskelettskulpturen und verfallenden Produktionsstraßen mit toten Fenstern, die Giorgio de Chirico metaphysisch ans Saar-Ufer gemalt zu haben scheint. Manche der kilometerlangen Fabrikhallen werden noch immer von der Saarstahl betrieben, und trotzdem gibt uns dieses monumentale Eisenwerk das Gefühl, die Archäologie des neunzehnten Jahrhunderts, eine Ruinenstadt des Indus­triezeitalters zu betrachten, umringt von dichten Wäldern, sodass wir für einen Augenblick sogar glauben, der Pyramiden der Maya in Yucatán gewahr zu werden.

Früher wurde malocht, heute wird Kunst gemacht: das Unesco-Weltkulturerbe Völklinger Hütte.
Früher wurde malocht, heute wird Kunst gemacht: das Unesco-Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Bild: BeckerBredel

Hinter der Völklinger Hütte wird die Saar schlagartig zum bukolischen Idyll. Reiher und Enten planschen im Fluss, der mit der unerschütterlicher Seelenruhe eines richtigen Saarländers dahinfließt. Platanen, Buchen und Trauerweiden geben uns das Geleit, Brombeersträucher und mannshohes Schilf säumen die Ufer, an denen hin und wieder ein Angler stoisch wie die Skulptur seiner selbst sitzt. Sonst ist kaum ein Mensch zu sehen, das Ufer gehört ganz der Natur und der Fluss fast allein einer Handvoll Sportbooten und einem Ausflugsdampfer mit dem fröhlichen Namen „Frohsina“, der allerdings den Eindruck macht, schon länger nicht dem Frohsinn gefrönt zu haben.

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Ein Fasan erzeugt wilde Phantasien

Wir wenigen Radfahrer begegnen uns mit einem kurzen Kopfnicken, natürlich nur, sofern wir auf Elektroantrieb verzichten, ansonsten wäre man nicht satisfaktionsfähig. Dazwischen saust ein Mann mit sehr dickem Bauch auf einem Elektroroller an uns vorbei, und uns schießt durch den Kopf, ob nicht er der wahre Saarland-Schlemmer ist, klug genug, auf die Strampelei zu verzichten, um sich ganz der Schmauserei zu widmen. Bei diesem Gedanken beginnt unser Magen bedenklich zu knurren. Eine Gaststätte für Kanu-Wanderer verspricht Speis und Trank rund ums Jahr, nur eben nicht für uns Zweiradfahrer. Gemüsefelder mit leuchtenden Salaten und Kohlrabi in Kürbisgröße lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen, und spätestens als ein prachtvoller Fasan unvermittelt den Radweg kreuzt, schwirren uns die Schlemmergedanken im Kopf nur so herum – wie gern würden wir den Vogel fangen und dem nächsten Koch übergeben, damit er es uns „à la alsacienne“ mit Sauerkraut oder vielleicht doch lieber „à la normande“ mit Calvados zubereitet, Verwirrungen des Verzichts auf einer Tour des Genusses.

Erfolgreiche Selbst-Pazifizierung: Die Festungsanlagen der alten Soldatenstadt Saarlouis haben längst ihren Schrecken verloren.
Erfolgreiche Selbst-Pazifizierung: Die Festungsanlagen der alten Soldatenstadt Saarlouis haben längst ihren Schrecken verloren. Bild: Picture Alliance

Das Schicksal ist dem Schlemmer gnädig und lässt uns zur rechten Zeit in Saarlouis einrollen, der alten Garnisonsstadt, in der noch immer ein soldatischer Geist weht. Die Plätze sind absurd riesenhaft, groß genug für drei Regimenter, die Häuser stehen so diszipliniert wie zum Appell in Reih und Glied, ein pathetisches Denkmal gemahnt an die Gefallenen ruhmreicher Kriege, was in diesen unrühmlichen Tagen noch befremdlicher als ohnehin schon wirkt. Doch Saarlouis hat sich längst selbst pazifiziert. Die preußischen Kasematten sind zum Quartier für ein Dutzend Restaurants geworden, die Paradestraßen werden lückenlos von Straßenlokalen gesäumt – wobei es hier wie im ganzen Saarland zu einer mysteriösen Häufung italienischer Eisdielen kommt –, und am Großen Markt haben die Brüder Kalinski ihre Gourmet-Imbissbude aufgestellt. Sie verwenden nur Würste von handverlesenen, regionalen Produzenten, machen ihre Saucen vom Erdnuss-Kokos-Saté bis zur Sauce Rouille selbst, servieren zur Currywurst als Extras Koriander, Ingwer oder Habanero, verfeinern die Rostbratwurst „Elsass“ mit Crème fraîche und geröstetem Schinken und haben auch Chèvre chaud im Angebot, der Erzfreund Frankreich ist schließlich nur einen Steinwurf entfernt – und unsere erste Schlemmerprobe mit Bravour bestanden.

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Der Nabel der Porzellan-Welt

Lustvoll gestärkt bei den Brüdern Kalinski, radeln wir an der stillen Saar weiter nach Mettlach und tauchen dort in die tiefste deutsche Provinz ein, die unzweifelhaft daran zu erkennen ist, dass die Kaugummiautomaten noch funktionieren. Für Liebhaber feinen Porzellans aber ist Mettlach der Nabel der Welt, denn dort hat die Manufaktur Villeroy & Boch ihren Hauptsitz, in einer ehemaligen Abtei, die aussieht wie das Schloss eines Sonnenkönigs. Im Hauptsträßchen des Ortes betreibt sie ein opulentes Outlet, was weitere Produzenten von Küchenutensilien zur Eröffnung von Filialen inspiriert hat und uns mächtig in die Bredouille bringt. Denn am liebsten würden wir alle Läden leer kaufen, bei WMF den Acht-Liter-Bräter mit rotem Emaille, bei Rösle das Trio von Laguiole-Messern mitnehmen und uns bei Villeroy & Boch das Art-déco-Geschirr mit den wunderbar geometrischen Mustern einpacken lassen und die handbemalten Teller aus der Manufacture-Serie gleich noch dazu. Doch wir sind Schlemmerradler, keine Kurierfahrer und müssen uns schon wieder in Verzicht üben.

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Umso mehr freuen wir uns auf das Abendessen im Hotel Zum Schwan, das die Saarländische Zentrale für Tourismus bei ihrem Schlemmeradel-Arrangement für uns auserkoren hat. In dem rustikalen Lokal kommt eine typisch deutsche Schnitzelküche auf den Tisch, in die sich glücklicherweise eine Provenzalische Fischsuppe geschmuggelt hat. Sie mag zwar keine Bouillabaisse sein, aber der Fond hat eine schöne Tiefe und Intensität, und das frische Saiblings-Filet aus der Region ist à la bonheur. Die Krabben allerdings stammen eher aus einer vietnamesischen Massenproduktion als vom Vieux Port in Marseille, doch sei’s drum, Radfahren macht hungrig. Der anschließende „Herrenteller – Duett aus Rind und Schwein“ mit Bratkartoffeln und Tütensalat aus dem Lebensmittel-Convenience-Großhandel schmeckt dann unglücklicherweise genauso, wie er heißt, und ist eine noch größere Herausforderung als die bewältigten sechzig Kilometer – vor allem wegen der „herzhaften Zwiebelsosse“, die uns vor die rätselhafte Frage stellt, warum sich in Deutschland die Qualität von Saucen immer nach ihrer Zähflüssigkeit bemisst: Je leichter man mit ihnen eine Tapete an die Wand kleben kann, umso besser sind sie offensichtlich.

Jeder, der feines Porzellan liebt, kennt Mettlach. Denn dort hat Villeroy & Boch seinen Hauptsitz.
Jeder, der feines Porzellan liebt, kennt Mettlach. Denn dort hat Villeroy & Boch seinen Hauptsitz. Bild: Bloomberg

Das Gute am Schlemmerradeln ist, dass die herzhaften Herrenteller-Kalorien am nächsten Tag schon nach einer Stunde restlos abgestrampelt sind. So lange dauert der steile Anstieg zum Aussichtspunkt der Saarschleife, die von den lokalen Autoritäten selbstbewusst als „schönste Flussschleife Deutschlands“ gepriesen wird. Wir können sie gut verstehen, denn die Saar beißt sich bei Mettlach am harten devonischen Taunusquarzit die Zähne aus und hat deswegen in fünf Millionen Jahren einen spektakulären Doppelmäander inklusive Hundertachtzig-Grad-Kurve in die Erde gegraben. Wir blicken zweihundert Meter tief auf den Fluss hinab, der wie ein Hase Haken schlägt, teilen uns diesen herrlichen Anblick mit Schulklassen beim Selfie-Machen und Bundeswehrsoldaten beim Betriebsausflug, beides keine Spezialisten für Schlemmereien, wie wir uns mit stiller Genugtuung sagen. Und kurz zögern wir, ob wir eine Frühschoppen-Weinprobe in der Touristeninformation der Saarschleife einlegen sollen, die über eine erstaunliche Sammlung saarländischer Weine verfügt, eine der besten im Bundesland. Doch die Vernunft siegt über die Verlockung, es ist ja noch früh am Tag, und vor uns liegt eine wunderbare Fahrt durch eine Hochebene voller Weizenfelder mit stolzierenden Störchen. Wir fühlen uns fast wie in der kastilischen Meseta, auch wenn sich hier keine Don-Quijote-Windmühlen, sondern riesenhafte Windräder drehen, kommen durch Dörfer mit manikürten Vorgärten und den imposanten Gutshöfen der Großbauern, hören ab und zu ein Wiehern, Gackern, Bellen, Muhen und sonst nur den Wind und sind – ein schönes Privileg im jungen Fahrradliebhaberland Deutschland – fast ganz allein unterwegs.

Wie bei Asterix und Obelix

Das ändert sich schlagartig in der Römischen Villa in Burg, einer vollständig rekonstruierten, antiken Prachtresidenz hoch über der Mosel. Dank reicher archäologischer Funde wie Glasscherben von Fenstern, Bruchstücken vom Putz und zahllosen Dachziegeln hat man eine recht genaue Vorstellung davon, wie die Villa einst aussah, nämlich genauso wie bei Asterix & Obelix. Wir stellen unser Fahrrad ab, wandern mit den unbesiegbaren Galliern im Kopf durch die Anlage und wundern uns über den Luxus, den sich die Römer selbst am Rand ihres Reiches gönnten. Der Empfangssaal ist mit kannelierten Pilastern, kassettierten Decken und einem schneeweißen Marmorbrunnen geschmückt und das Bad jedes heutigen Wellness-Palastes würdig. Dank Heizöfen und Hohlziegeln gab es eine Fußboden- und Wandheizung gegen den grimmigen teutonischen Winter, dank Seerosenteichen und eines herrlichen Rosen-Lavendel-Gartens Trost für die Sehnsucht nach dem Süden. Und in einem Küchengarten wächst auch heute noch der ganze Aromenschatz des Imperiums: Ringelblume, Kornblume, Römersalat und Zuckererbse, Berberitze, Schwarze Malve, Emmer und Einkorn, Färberdistel, Färbermaid, Färberkrapp und Färberginster – und zwar nicht nur zur Dekoration.

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Die Taverne der Villa nimmt kühn für sich in Anspruch, nach den modernisierten Rezepten des römischen Erzschlemmers und Feinschmeckerurvaters Apicius zu kochen, Schöpfer des Werks „De re coquinaria“, des ältesten, erhaltenen Kochbuchs der Menschheit. Von Seneca wissen wir, dass sich Apicius selbst ins Jenseits beförderte, als ihm nur noch zehn Millionen Sesterzen zum Verprassen übrig blieben – nachdem er zuvor hundert Millionen Sesterzen verpulvert hatte, nach heutigen Maßstäben zweihundert Millionen Euro, so konnte man nun wirklich kein würdevolles Leben in höchster Dekadenz führen. In der Taverne geht es nicht ganz so exotisch zu wie beim Flamingo-Zungen- und Sauzitzen-Liebhaber Apicius. Es gibt Koriander-Kümmel-Likör und ein untergäriges Exportbier namens „Römersud“, dazu Tiberius-Forellen, Aurelius-Cordon-bleu, Neptun-Scampis und Merkur-Hähnchenbrust. Hinter dem „Legionärsmahl“ verbirgt sich ein Schnitzel Wiener Art mit Bratkartoffeln und buntem Blattsalat, hinter dem „Gladiatorenteller“ ein argentinisches Rumpsteak, wahlweise mit Kräuterbutter oder Pfeffersauce – zum Glück wird auf die Zwiebelsoße verzichtet, und zum Glück ist Apicius schon tot, denn wir wollen uns nicht ausmalen, wozu er angesichts dieser Speisekarte imstande gewesen wäre. Immerhin wird auch der Vorspeisenteller „Imprimis Student Calicibus“ serviert, der uns Oliven, Linsensalat, Datteln im Speckmantel, Ei mit Pinienkern-Mousse, Römerwürste mit Koriander, Nelke und italienischen Gartenkräutern beschert, alles sehr passabel und ideal als versöhnlicher Imbiss zwischendurch.

Schoppenniveau statt Spitzenqualität

Der beglückendste Augenblick einer Schlemmertour ist oft jener, wenn der erste Rebstock auftaucht – nicht nur, weil keine andere Pflanze schönere Kulturlandschaften schafft als der Wein, sondern auch dank der glücklichen Fügung, dass überall dort, wo Reben wachsen, auch der Genuss zu Hause ist. Wir sehen unseren ersten Wingert bei der Abfahrt von der Römervilla hinunter nach Perl an der Mosel, sausen durch endlose Rebenreihen voller Elbling und Grauburgunder, blicken jenseits des Flusses auf die luxemburgischen Weinberge und nehmen ohne Umwege, dafür mit viel Vorfreude Kurs auf das Haus des Saarländischen Weines im Weinerlebnishotel Maimühle – um dort wieder Verzicht zu üben.

Ein Klassiker des Drei-Sterne-Kochs Christian Bau: das Japanische Meer mit Strandkräutern, Meeresfrüchten, Gelbflossenmakrele, Seeigel und geeister roter Shiso.
Ein Klassiker des Drei-Sterne-Kochs Christian Bau: das Japanische Meer mit Strandkräutern, Meeresfrüchten, Gelbflossenmakrele, Seeigel und geeister roter Shiso. Bild: Wonge Bergmann

Die Vinothek, vollmundig angekündigt in den Genussbroschüren der Saarländischen Zentrale für Tourismus, gibt es mangels Nachfrage gar nicht mehr, und ihr ehemaliger Betreiber, ein überaus freundlicher Hotelier und aufrichtiger Weinliebhaber, klärt uns nicht nur über semantische Irrtümer auf, sondern raubt uns auch eine Illusion: Der saarländische Wein wachse gar nicht an der Saar, sondern ausschließlich an der Obermosel zwischen Perl und Nennig, sei zwar tadellos vinifiziert, habe aber nichts mit den Qualitätstropfen der übrigen Mosel zu tun und begnüge sich meist mit Schoppenniveau, während der in jüngster Zeit für viel Furore sorgende Wein von der Saar vollständig auf rheinland-pfälzischem Boden stehe. Im Haus des Saarländischen Weins gibt es jetzt vor allem Tropfen aus dem deutsch-französisch-luxemburgischen Dreiländereck und Degustationen bar jedes lokalpatriotischen Anspruchs. Schlemmen ist manchmal komplizierter, als man denkt.

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Ein Schloss mit Rapunzel-Türmen

Und deswegen ist es jetzt höchste Zeit für ein Geständnis: Als wir das Programm unserer Schlemmerradeltour bekamen, waren wir ein wenig erschüttert. Denn kein einziges Feinschmeckerrestaurant entlang unserer Route wird uns darin anempfohlen, allesamt werden sie links liegen gelassen, als müsste man sich für sie schämen oder als hätten Radfahrer kein Anrecht auf Spitzenküche – weder auf die beiden Zwei-Sterne-Häuser in Saarbrücken noch auf Martin Stopps „Louis“ in Saarlouis, der sich gerade seinen zweiten Stern erkocht hat, oder auf Marc Pinks hochsympathisches Ein-Sterne-Haus „Landwerk“ in Wallerfangen und schon gar nicht auf „Victor’s Fine Dining“ in Nennig. Dort steht seit vierundzwanzig Jahren Christian Bau am Herd, für den Guide Michelin einer der hundertzwanzig besten Chefs der Welt, für den Gault Millau einer der drei besten Köche Deutschlands und für uns eine dreifach besternte Versuchung, der wir unmöglich widerstehen können. Deswegen haben wir uns, auch angesichts des letzten uns bevorstehenden Lokals der Radtour, ein persönliches Upgrade gegönnt und einen Tisch in seinem Restaurant reserviert, das verwunschen in einem Schlösschen mit dornröschenweißer Fassade und putzigen Rapunzel-Türmen residiert – und vor dem lauter Autos mit französischen, belgischen oder luxemburgischen Kennzeichen und Fahrradhalterungen parken.

Für den Gault Millau einer drei drei besten Köche Deutschlands: Christian Bau in seinem Restaurant „Victor´s Fine Dining“ im Residenz-Hotel Schloss Berg in Perl-Nennig an der Mosel.
Für den Gault Millau einer drei drei besten Köche Deutschlands: Christian Bau in seinem Restaurant „Victor´s Fine Dining“ im Residenz-Hotel Schloss Berg in Perl-Nennig an der Mosel. Bild: Wonge Bergmann

Christian Bau ist der Pionier der abendländisch-fernöstlichen Fusionsküche, er hat als Erster die japanische Kochkunst mit der französischen Haute Cuisine verschmolzen und diesen Brückenschlag so virtuos perfektioniert wie wohl kein zweiter Koch auf Erden – mit einem Rigorismus und einer Radikalität, einer Finesse und einer Klugheit, die uns auch dieses Mal jubilieren und den herzhaften Herrenteller vollständig vergessen lässt. Dieser hochkonzentrierte Berserker richtet eine Tartelette mit Räucheraal-Creme, Rindertatar, Radieschen und Meerrettich wie das schönste Ikebana an. Er formt aus dem fetten Bauchstück des roten Thunfischs, für jeden Japaner der Gipfel des Genusses, eine feine Palisade, die er mit Kaviar von Kaviari aus Paris und Sojasauce füllt, serviert das Ganze in einem Seeigel und schafft so eine extreme Geschmacksintensität trotz des minimalistischen Purismus. Den gezupften Taschenkrebs kombiniert er mit einem Eis aus Madras-Curry, Dashi und Yuba, der Haut der erhitzten Sojasauce, errichtet so eine dritte Brücke nach Südasien und beweist damit, dass er keinesfalls in Routine oder Selbstzitaten erstarrt ist. Den Carabinero aus Portugal grillt er glasig, lackiert ihn mit Miso, dekoriert ihn mit Algen-Chips, arrondiert ihn mit Blumenkohl, Yuzu, Kombu und einem Raviolo mit Carabinero-Tatar, um mit scheinbar leichter Hand eine maximale Aromenharmonie herzustellen, so fein austariert wie bei einem Mobile – und seine wunderbare Sommelière Nina Mann, ein Superstar auf ihrem Terrain, schenkt uns dazu Markus Molitors Riesling vom Graacher Himmelreich ein, eine Spätlese von 2014, die mit ihren verblüffenden Safran-Noten für nichts anderes als dieses Gericht bestimmt zu sein scheint.

Sehnsucht nach dem Rolls-Royce-Oldtimer

Der grandiose Abend bei Christian Bau, der manchmal selbst an der deutschen Geringschätzung der deutschen Spitzenküche verzweifelt, lässt uns am nächsten Tag beschwingt durch all die Berge und Täler fliegen, die uns auf der letzten Etappe nach Weiskirchen erwarten. Noch einsamer als schon zuvor sind wir jetzt auf dem Saarland-Radweg unterwegs, fast ganz allein radeln wir durch Felder und Wälder, vorbei an Farnen, Auen, Weihern, sehr schön anzuschauen ist das Hügelland und irgendwann nicht mehr ganz so schön zu fahren. Die Beine werden schwer, die dionysische Weinbegleitung von Sommelière Mann lässt grüßen, und als wir im Innenhof des hochbarocken, bei Brautpaaren beliebten Schlosses Münchweiler einen Rolls-Royce-Oldtimer stehen sehen, haben wir für einen Moment den ketzerischen Wunsch, ein Großfürst statt eines Schlemmerradlers zu sein, das Rad könnte man ja auf dem Schwiegermuttersitz verstauen.

Das würde selbst Buddha schmecken: das Dessert aus Christian Baus Menü „Paris - Tokio“ mit Lotusblüte, Pan Dan, exotischen Früchten und Kokos-Yuzu.
Das würde selbst Buddha schmecken: das Dessert aus Christian Baus Menü „Paris - Tokio“ mit Lotusblüte, Pan Dan, exotischen Früchten und Kokos-Yuzu. Bild: Wonge Bergmann

Wir bleiben tapfer und werden in Losheim am See dafür in einem Geschäft namens „Naturbursche“ belohnt, einer eigenwilligen Mischung aus Outdoor- und Feinkostladen, den ein junges Ehepaar aus der Gegend betreibt. Im Jahr 2013 fingen sie mit Jagdbedarf an, drei Jahre später kamen regionale Delikatessen dazu, und heute stellen Luise und Christoph Biertz ihren Senf in einer eigenen Senfmühle her, pressen Apfelsaft von Früchten aus eigenen Streuobstwiesen, haben Gin aus eigener Produktion und Würste aus eigener Jagd im Angebot. Wir lassen uns eine Picknick-Box zusammenstellen und noch ein Opinel-Messer für die Wildsalami dazulegen, haben viel Freude an der fabelhaften Qualität dieser Regionalkost, sind nun wieder mit Berg und Tal versöhnt, kommen bester Laune im Kurstädtchen Weiskirchen an, dem Ziel unserer Schlemmertour – und haben Glück oder auch nicht, denn heute ist im Restaurant unseres Parkhotels der Abend des beliebten Grillbüffets.

Jeder Genuss beginnt mit Verzicht. Wir stellen uns in die Schlange vor dem Grill, lassen uns Putenschnitzel, Bratwürstchen, Rindersteaks und Saarländische Schwenker geben, holen uns am Büffet Gemüsespieße, Bratkartoffeln und Rohkostsalat, fühlen uns wie beim Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr, hören mindestens eintausend Mal das Schauderwort „lecker“, stochern trotz des Kalorienverbrauchs mit eher schmalem Appetit in unserem Teller und freuen uns schon auf die nächste Schlemmertour, aber dieses Mal ganz nach unserem Geschmack.

Bisher erschienen: Die Bekehrung zum E-Bike im Allgäu (7. Juli); Zeitradreise an der Elbe (14. Juli); Als Hobbyradrennfahrer auf den Großen Feldberg (28. Juli); Liebeserklärung eines Radfahrers an die Deutsche Bahn (4. August).

 

Informationen: Das siebentägige Arrangement „Schlemmerradeln im Saarland“ kostet inklusive Gepäcktransport und sechs Abendmenüs ab 690 Euro pro Person im Doppelzimmer. Weitere Informationen und Buchung über Tourismus Zentrale Saarland, Trierer Straße 10, 66111 Saarbrücken, Telefon: 06 81/92 72 00, www.urlaub.saarland. Die Imbissbude der Brüder Kalinski steht auf dem Großen Markt in Saarlouis (www.kalinskibrueder.de), das Weinerlebnishotel Maimühle liegt direkt am Moselufer in Perl (www.maimuehle.de), das Geschäft Naturbursche findet man an der Saarbrücker Straße 27 in Losheim (www.naturbursche.de). Das Menü in Christian Baus Restaurant „Victor’s Fine Dining“ kostet ab 249 Euro (www.victors-fine-dining.de/restaurant).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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