<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Surfen in Berlin

Diese Welle trägt durch den Winter

Von Andreas Lesti
 - 17:28
Surferin im Berliner Wellenwerk in Lichtenberg

Am vergangenen Mittwoch zeigte sich Berlin mal wieder von einer besonders fiesen Seite: sechs Grad, grau, düster und feucht. An so einem ähnlichen Novembertag vor drei Jahren hatten ein paar Berliner Wellenreiter die sehnsüchtige Vision, der Hauptstadt eine künstliche Welle zu verschaffen. Eine endlose laufende Welle, die sie durch den trostlosen Berliner Winter trägt und ein Stück von jenem Lifestyle vermittelt, dem sonst ein Langstreckenflug nach Bali oder Kalifornien vorangeht. Drei Jahre und viele Unwägbarkeiten später hat nun – auf dem denkmalgeschützten Gelände der Berliner Wasserbetriebe in der Landsberger Allee – das „Wellenwerk“ eröffnet. Und, so viel lässt sich schon sagen, diese eigentümliche Welle ist ein ziemlich großer Spaß.

Eine Million Liter Wasser

Die Anlage in der einstigen DDR-Lagerhalle hinter den über hundert Jahre alten Backsteinhäusern wirkt auf den ersten Blick wie ein normales knietiefes und blau schimmerndes Schwimmbecken, achtzehn Meter lang und zehn Meter breit. Doch darunter sind zehn gewaltige Pumpen versteckt, und sobald die Mitarbeiter deren Startknöpfe drücken, wirbelt eine Million Liter Wasser durch das Becken. Der Holzboden beginnt zu zittern, und das Rauschen einer Endlosbrandung erfüllt den Raum. Von „100 Prozent Ökostrom“ ist in der Pressemitteilung zu lesen – das zu betonen ist vermutlich diesem Sound geschuldet.

Eine andere Welle

Weiße Gischt brodelt und sprudelt, immer mehr Wasser fließt immer schneller ins Becken, die Oberfläche glättet sich, und allmählich schält sich aus dem Chaos eine Form heraus, ein tiefliegendes Wellental und dahinter eine flach ansteigende 1,60 Meter hohe Walze. Das Wasser schießt über eine verstellbare Rampe, wie ein Fluss über einen Felsen. Das heißt, die Welle selbst bewegt sich nicht – im Gegensatz zu einer Welle, die sich im Meer bricht. Und auch ein entscheidender Unterschied für das Surfen im „Wellenwerk“. Bei einem ersten Versuch legt einem ein Berliner Surflehrer das Brett unter die Füße, lächelt beruhigend und gibt Tipps zur Standposition und Körperhaltung. Man hält sich anfangs noch an einer Stange fest und sieht aus dem Augenwinkel, wie das Wasser unter dem Brett hindurchrauscht, während man sich selbst gar nicht bewegt. Irgendwann nehmen sie dann die Stange weg, und dann zieht man zaghaft nach links und nach rechts, verlagert das Gewicht nach vorne, fährt ein Stück die Wellenwand hinunter, verlagert das Gewicht nach hinten, so dass die Welle einen wieder nach oben zieht. Man bekommt erstaunlich schnell ein Gefühl dafür, und wenn man doch stürzt, dann spült einen die Welle nach hinten, wo man das Brett aus dem knöcheltiefen Wasser fischt, rauswatet und sich am Beckenrand für den nächsten Versuch einreiht. Jeder, der sich schon mal in Frankreich, Portugal oder Marokko mit einem Surfbrett in die Wellen gewagt hat, wird feststellen, wie einfach das hier ist. Kein mühsames Paddeln, kein wackeliges Aufstehen, wenn man endlich eine Welle bekommt, keine unregelmäßige Wasserbewegung – und keine anderen Surfer, die einem in die Quere kommen, denn hier darf nur jeweils ein Surfer in die Welle. „Nach zehn Minuten steht hier jeder auf dem Brett“, sagt der Surflehrer. Er heißt Sören Modery-Dieckhans, und im Sommer arbeitet er in Portugal. „Da habe ich schon Teilnehmer erlebt, die in einer ganzen Woche kein einziges Mal auf dem Brett stehen.“ Umgekehrt wird sich jeder, der hier zum ersten Mal surft und sich erst später im Meer versucht, wundern, wie anstrengend und komplex diese Sportart sein kann.

Am Beckenrand stehen Menschen, denen man in Berlin eher selten begegnet: Naturburschen, denen man ansieht, dass ihr Leben im Wasser stattfindet. Einer betreibt ein kleines Unternehmen für Stand-up-Paddle-Reisen, ein anderer ist Vorsitzender der Surfers Connection, eines Berliner Surfvereins, und einer heißt Benni Schumann. Er ist technischer Leiter der Welle und hat sich zuvor vier Jahre lang um die von Jochen Schweizer betriebene Indoorwelle in München gekümmert. „Der Hersteller ist der gleiche. Aber diese Welle hier ist breiter und höher als die in München. Wenn man Tel Aviv nicht zu Europa zählt, dann ist das die höchste Indoor-Welle Europas“, sagt er, und in der Pressemitteilung ist sogar von der „höchsten Indoorwelle der Welt“ die Rede.

Angst vor der Gentrifizierung

Der Stolz und die Spitzen nach München, wo sie im Englischen Garten seit über vier Jahrzehnten auf der Eisbach-Welle surfen, sind nicht zu überhören: Seht her, wir in Berlin haben nun auch eine Welle – und sie ist sogar größer! Wird Berlin nun ein wenig wie München? Und das mitten in Lichtenberg, einem Ost-Bezirk mit Plattenbauten, Einkaufscentern und dem Vietnamesenmarkt Dong Xuan, der in Reiseführern gern als Geheimtipp gehandelt wird. Ein Stadtteil, in dem alles getan wird, damit hier keine Kunstgalerien einziehen, um die gemeine Gentrifizierung möglichst lange hinauszuzögern.

Julius Niehus, einer der sieben Berliner Jungunternehmer, die das „Wellenwerk“ gegründet haben, erklärt, dass dies alles erst der Anfang sei. „Im Sommer sollen die Bar und das Restaurant samt Biergarten dazukommen“, erzählt er und erklärt, dass die beiden Aussparungen über dem Wellenbecken dann durch die Fenster zur Bar ersetzt würden. Betreiben wird sie Robert Havemann, dessen Neuköllner „Velvet“ zur „Bar des Jahres“ 2019 gekürt wurde. Und dass sich im Nachbargebäude der Windtunnel von „Windobona“ befindet, sei natürlich kein Zufall. Dort lässt sich schon seit zwei Jahren das Gefühl des freien Falls simulieren. „Wer weiß“, sagt Niehus, „vielleicht kommt in den nächsten Jahren noch mehr dazu. Beachvolleyball-Felder oder eine Kletterhalle zum Beispiel.“ Muss man sich vielleicht wirklich an den Gedanken gewöhnen, dass Berlins Antwort auf Münchens Lifestyle aus Lichtenberg kommt?

Video starten

Lagerhalle in Berlin
Wellenreiten für zwischendurch

Der Weg zur Berliner Welle

Das „Wellenwerk“ in Berlin-Lichtenberg hat wochentags von 14 bis 22 Uhr, am Wochenende von 10 bis 23 Uhr geöffnet. Eine Anfänger-Surf-Session kostet inklusive Material und Surflehrer 40 Euro plus zwei Euro Ökostromabgabe. Kinder dürfen ab einem Gewicht von 30 Kilo auf die Welle. Reservieren unter wellenwerk-berlin.de.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerlinSurfenMünchenÖkostrom