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Bernstein von der Ostsee

Doppelt so teuer wie Gold

Von Birgit Weidt
 - 12:56
Schaufeln helfen nicht bei der Suche nach Bernstein, was man braucht, ist ein gutes Auge.

Bei Sturm der Windstärke elf, besser noch zwölf, schlägt Henry Engels’ Herz vor Freude höher. Es ist sein Traumwetter: „Orkan, mehr als hundert Stundenkilometer, aus Nordost.“ Besser wäre es jetzt nur noch, wenn er auf Südwest drehte und dabei weitflächige Algenteppiche an den Strand spülte.

Henry Engels ist Bernsteinfischer, und wie seine Kollegen ist er bei heftigen Unwettern, bei denen man keinen Hund vor die Tür jagte, selbst nachts unterwegs, um knietief in der Brandung zu stehen, ausgerüstet mit Stirnlampe, Gummistiefeln, Wathosen und Keschern. Kälte spüren sie nicht, Adrenalin heizt derart auf, dass sie stundenlang umherstaksen, um die Wasseroberfläche abzufischen. Denn wenn der Sturm den Meeresboden aufwühlt, schleudert er dabei Bernsteinstücke an die Wasseroberfläche. Die verfangen sich in herumschwimmendem Algengestrüpp und werden im Intervall der Wellen mit Keschern herausgefischt. Die jeweilige Fuhre aus Seegras, Holz und Muscheln wird im Sand ausgekippt und akribisch durchsucht. Auf Hiddensee ist die ergiebigste und beliebteste Strecke der Weststrand, von der Höhe des Heimatmuseums von Kloster bis zum Ortsausgang von Vitte.

„Bernsteine aus dem Meer zu fischen ist und bleibt Glückssache!“, sagt Henry Engels. „Ein großer Brocken ist wie ein Sechser im Lotto.“ So gering sind die Gewinnchancen? Nun, es hat sie gegeben, die Nacht aller Nächte! Wobei Henry Engels kurz innehält, bevor er ausschweifend zu erzählen beginnt, und einschiebt, es sei auch die Nacht gewesen, in der er seine Frau kennengelernt habe und sofort gewusst habe: Das ist sie. Es war am 20. Januar 2015. Ein Orkan tobte, um ein Uhr nachts lief er zur Mole und sah Möwen kreisen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass „vielerlei Zeug“ angeschwemmt wurde, denn die Vögel lauern auf tote Fische, verfangen im Algenteppich. „Und was soll ich sagen, bis zehn Uhr hatte ich sieben Kilo Bernstein gefunden! Das war unglaublich. Sonst sind es bei richtig schlechtem Wetter zwei oder drei Kilo, worüber ich schon froh bin.“

Bernsteinfischende Kinder

Henry Engels schiebt mit der Hand die Brille die Nase hinauf und fährt sich durch das dichte, graue Haar. „Wenn Vater wüsste, dass ich von seinem Hobby leben kann!“, ruft er stolz. Der Alte, der in den fünfziger Jahren damit begann, auf der Insel regelmäßig Bernstein zu sammeln, um daraus Schmuck herzustellen, hatte es nicht mehr erlebt, wie sein Jüngster in Kloster seine Bernsteinwerkstatt eröffnete. Dort funkeln Ohrringe, Ketten, Broschen, kleine Kunstwerke mit alten Eichenstücken, Sanddorn und Ginster verziert. Was er hinten in seiner Werkstatt herstellt, wird vorn im Laden verkauft, von seiner Frau, die mit viel Charme und fundiertem Wissen die Stücke erklärt.

In Kloster begann im vorigen Jahrhundert ein Bernsteinrevival. Eher zufällig. Der Hafen wurde ausgebaut, und durch das Aufbaggern und Aufwühlen des Meeresbodens tauchten plötzlich mehr Steine als je zuvor auf. Die Alten erinnerten sich nun wieder, dass Hiddensee früher auch Bernsteinland hieß, der vielen Funde wegen. Man erzählte sich immer noch, dass im Jahr 1805 die Bewohner von Neuendorf zum Beispiel, ganz im Süden der Insel, Sammlern per Vertrag die Erlaubnis erteilten, Bernstein am Strand zu suchen, und sie sich das gut bezahlen ließen. In jener Zeit war die Bernsteinfischerei einträglicher als der Fischfang. Im Heimatmuseum präsentiert Kloster seit der Renovierung stolz die Geschichte des Bernsteins von Hiddensee samt spektakulärer Funde. Vater Engels sei Dank, der anfing, neben seinem Job als Hausmeister der seltenen „Fischerei“ nachzugehen.

Kloster ist für Urlauber, jenseits der Bernsteinmeile, ein besonderer Ort, weniger quirlig als Vitte, die heimliche Inselhauptstadt mit Theater und Kino. Wem Kloster zu ruhig ist, wird sich dort, zu Fuß knapp eine halbe Stunde entfernt, wohl fühlen. Und auch auf eine Bernsteinwerkstatt Engels stoßen. Denn Henrys ältester Bruder Ingolf macht das Gleiche wie er, fischt Bernstein aus dem Meer und stellt daraus Schmuck und Skulpturen her. Beiden Brüder, Henry zweiundfünfzig, Ingolf vierzehn Jahre älter, sind zwei von zehn Geschwistern, die von Vater Engels bereits als Kinder zum Bernsteinfischen mitgenommen wurden, doch nur die beiden Jungs haben die Leidenschaft des Alten geerbt. Mitnehmen hieß allerdings auch eher „trietzen“, wie beide es heute beschreiben. Nachts, wenn ein Sturm ergiebige Funde versprach, holte der Alte die Kinder aus den Betten und trieb sie zum Strand. Und kaum weniger häufig holte er die Meute mitten aus dem Unterricht, wenn er Unterstützung brauchte. Die Lehrerin zeigte Verständnis.

Die Fischer nutzten ihn als Kohlenanzünder

Die Jungs haben nach solchen Familieneinsätzen aus den gesammelten Stücken Ketten hergestellt und an Touristen verkauft. Ingolf zog bereits mit sechzehn Jahren seinen größten Fund an Land, einen 502 Gramm schweren Bernstein. „Den hat mein Vater verkauft, für fünfzig Pfennig das Gramm.“ Heute seien bei großen Exemplaren bis zu fünf Euro pro Gramm drin. Seit die Chinesen Bernstein für sich entdeckt haben, stiegen die Preise rasant. „Doch sie müssen weiß oder durchsichtig gelb sein, ohne dunkle Stellen oder kleine Einschlüsse von Kiefernnadeln oder Fliegenflügeln.“ Dafür bezahlten sie mittlerweile sechzig bis siebzig Euro pro Gramm. Das macht Bernstein fast doppelt so teuer wie Gold.

Was Urlauber, kniend mit Stöckchen in der Hand, am Strand durchwühlen und mühsam Krümel für Krümel in eine Streichholzschachtel bröseln, ist pro Stückchen kaum zehn Cent wert. Den meisten ist es einerlei, ihnen geht es um den Spaß. Den aber hat selbst Ingolf noch bis heute, obwohl er schon mehr als zweihundert Kilo fossiles Harz aus der Ostsee geholt hat. Aber das genügt ihm nicht. Und es ist mehr drin – buchstäblich.

In der Ostsee, unter der ein riesiger Wald aus vorgeschichtlicher Zeit begraben liegt, lagern noch unzählige der kostbaren Steine: Baumharz, das vor vierzig bis sechzig Millionen Jahren aus den Wunden von Kiefern und anderen Nadelhölzern ausgetreten ist und an der Luft aushärtete. Gewaltige Mengen sanken durch Wasser, Eis und Brandung in tiefe Sedimentschichten hinab, wo sie von Sand, Staub und neu gebildeten Gesteinsschichten zugeschüttet und durch Luftabschluss und Druck zu Bernstein wurden. Der Name kommt ursprünglich von Brennstein, denn Fischer nutzten ihn früher tatsächlich als Kohlenanzünder.

Resteverwertung mit Bernstein

Ingolf bietet auch Kurse im Bernsteinschleifen an. Aus einem Kästchen sucht man sich ein daumengroßes Stück heraus, schon vorbereitet mit einem winzigen Loch zum Durchziehen eines Lederbands. Mit einer kleinen Schleifmaschine schleift man die dunkle Kruste ab, es staubt und duftet nach Weihrauch. Der Stein ist erstaunlich weich, und wenn die Kruste herunter ist, staunt man, was da zum Vorschein kommt an Ablagerungen, die sich innen versteckt hielten. Dann auch wird erst die eigentliche Farbe sichtbar.

Auch wenn bernsteinfarben als eigener Farbton in die deutsche Sprache eingegangen ist, gibt es von Gelb, Rot bis Braun viele Nuancen, die von der Zahl der eingeschlossenen, mikroskopisch kleinen Luftbläschen abhängen. Bernstein mit großen Bläschenmengen und starker Trübung erscheint milchig weiß bis hellgelb, Stücke mit einigen wenigen Luftbläschen sind fast durchsichtig. Der baltische Bernstein, den man auf Hiddensee findet, ist meist dunkelgelb und orange. Irgendwie passt das auch zur Farbe der Insel, auf der im Frühling der Ginster grellgelb blüht und im Herbst die reifen Sanddornbeeren im satten Orange leuchten.

Es passiert immer wieder, dass Urlauber nicht sicher sind, ob sie wirklich Bernstein gefunden haben oder nicht vielleicht doch nur einen Kiesel oder eine Glasscherbe. Dann kommen sie zu Ingolf Engels und holen sich seine Expertise. „Es kursieren die unterschiedlichsten Verfahren, das herauszufinden“, sagt er. „Von draufbeißen bis zur elektrostatischen Aufladung. Am sichersten ist es, den Stein auf den Boden eines Glases mit Leitungswasser zu legen und drei Teelöffel Salz darin aufzulösen. Ist es ein Bernstein, steigt er auf, getragen vom Salzgehalt des Wassers.“ Und dann fügt er hinzu: „Ach, hätte doch die Ostsee einen Salzgehalt von vierzig Prozent. Alles würde oben schwimmen. Und ich wäre Millionär. Aber leider schafft sie nur 0,7 Prozent.“

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Weißer Phosphor
Gefährliches Strandgut an der Ostsee

Und wenn er Millionär wäre? Niemand würde es bemerken. Unter den Einheimischen wird seit je tiefgestapelt und nicht angegeben mit wertvollem Hab und Gut, das durchaus vorhanden sein kann. Die Insulaner untertreiben, stellen auch ihre Leistungen bewusst geringer da, als sie sind. So würde keiner beim Sammeln von Bernstein oder Fischfang je genau erzählen, was ihm die Arbeit eingebracht hat. Auch wer eine ganze Tasche voller Bernstein oder einen tollen Fang nach Hause bringt, wird behaupten, fast leer ausgegangen zu sein – gefischt habe man bloß für „just een Gericht“. Das ist dem Aberglauben geschuldet: Wer mit seinem Ertrag prahlt, wird beim nächsten Mal nichts aus dem Wasser ziehen. Und es hat damit zu tun, dass Bernsteinfischen und Fischfang Glücksberufe sind. Zwei Männer können sich gleichzeitig auf die Suche machen und kommen doch mit unterschiedlichem Ertrag nach Hause. Die Arbeit ist dieselbe, was ins Netz geht, nicht.

Der Hiddenseer ist auch sparsam und deshalb recht einfallsreich im Verwerten von Resten. Bernsteinstaub zum Beispiel, der vom Schleifen zurückbleibt, verschickt Henry an Abnehmer in ganz Deutschland: Das feine Pulver, auf das Fell von Hunden gestreut, soll verhindern, dass die Tiere von Zecken befallen werden. Zecken würden durch das Ausdünsten der ätherischen Öle ferngehalten. So heißt es wenigstens. Und kleine runde Bernsteinchen werden auf eine Schnur aufgefädelt und als Babyketten verkauft. Sie lindern beim Durchstoßen der Milchzähne angeblich die Schmerzen. Sogar beim Meditieren hilft der Allrounder. Wenn Henry Engels nach Hause kommt, setzt er sich vor eine Wand mit seinen Lieblingsbernsteinstücken, knipst eine Neonlampe an, die das Ensemble aus gelben, orangefarbenen, roten, weißen Stücken zum Leuchten bringt – und entspannt.

Quelle: F.A.Z.
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