Schloss Leopoldskron

Immer fest spielen

Von Simon Strauss
18.08.2019
, 20:37
Mozart war da und später auch Hollywood: „The Sound of Music“ wurde hier zum Teil gedreht, und noch immer geht es vor allem um die schönen Künste: Schloss Leopoldskron.
Vom Marshallplan des Geistes: Ein Besuch auf Schloss Leopoldskron, dem Ort, an dem die Salzburger Festspiele gegründet wurden.

Neulich wurde im Marmorsaal von Schloss Leopoldskron die Premiere von „Idomeneo“, der diesjährigen Eröffnungsoper der Salzburger Festspiele gefeiert. Alles, was Rang und Namen, viel Geld und Geschmack hat, war in den pompös beleuchteten Festsaal gekommen, um zusammen mit Starregisseur Peter Sellars und Stardirigent Teodor Currentzis das Glas zu heben. Es wurde gefeiert, gejubelt und getanzt, und irgendwann weit nach Mitternacht rief Currentzis noch einmal seinen berühmten Chor zusammen und dirigierte ihn ekstatisch von der Empore herab.

Die Besucher waren begeistert und hörten gar nicht mehr auf zu klatschen. Ein bisschen war alles wie damals, als hier in der wunderschönen Sommerresidenz eines romantisch veranlagten Salzburger Fürsterzbischofs der junge Mozart vorspielte. Gefördert wurde das Wunderkind von dem kunstliebenden Graf Laktanz, der nicht nur eine großartige Gemäldesammlung mit Werken von Rembrandt, Rubens und Dürer im Schloss unterbrachte, sondern eben auch ein Liebhaber der Musik war. Und doch ist die Geschichte des Schlosses Leopoldskron vor allem mit einem anderen Namen verbunden: Max Reinhardt. Der einflussreichste Theatermann seiner Zeit kaufte das im 19. Jahrhundert in verschiedene Hände geratene Schloss im April 1918 und baute es zu seinem idealen Ort um. Vor den Toren von Salzburg an einem verwunschenen Weiher gegenüber von einem imposanten Berg gelegen, war das Schloss für Reinhardt von Beginn an mehr Spielstätte als privater Rückzugsort. Hier ließ er Theaterinszenierungen aufführen und trat selbst als Schauspieler auf. Besucher wurden durch den Garten und in die verschiedenen Salons geführt und ließen sich in eine zauberhafte Traumwelt ziehen.

Herzstück des Schlosses war und ist die Bibliothek, die Reinhardt nach dem Vorbild der Stiftsbibliothek in Sankt Gallen entwarf. Hier steht man staunend inmitten eines Bücherparadieses, das sich auf zwei Ebenen verteilt. Durch die offenen Fenster fällt der Blick auf die schwimmenden Schwäne im See, draußen plätschert ein alter Brunnen, drinnen quietscht das alte Parkett bei jedem Schritt. Hinter einem der Regale führt eine versteckte Treppe in Reinhardts ehemalige Schlafgemächer, auf einem Sekretär am Fenster steht noch seine alte Schreibmaschine. Über sein Schloss, das dem jüdischen Regisseur 1938 von den Nationalsozialisten entrissen wurde, schrieb er kurz vor seinem Tod aus dem amerikanischen Exil: „Hier habe ich achtzehn Jahre gelebt, wirklich gelebt. Ich habe jedes Zimmer, jeden Tisch, jeden Sessel, jedes Licht, jedes Bild gelebt. Es waren meine schönsten, reichsten und reifsten Jahre. Ich habe es verloren, ohne zu jammern. Ich habe alles verloren, was ich hineingetragen habe. Es war der Ertrag meiner Lebensarbeit.“

Chattend in der Bibliothek

Hier, in Leopoldskron, entwickelte Reinhardt gemeinsam mit dem Dichter Hugo von Hofmannsthal und dem Komponisten Richard Strauss die Idee der Salzburger Festspiele. Abendelang saßen die drei im roten Salon an einem massiven Holztisch und arbeiteten an ihrem Entwurf eines „Theaters für die Menschen“. Was am 22. April 1920 mit einer Aufführung des „Jedermann“ auf dem Domplatz unter freiem Himmel begann, hat sich inzwischen zu einem international begehrten Programm von Musik, Oper und Sprechtheater erweitert. Bei den Salzburger Festspielen, die nächstes Jahr ihr hundertstes Jubiläum feiern, finden mittlerweile 199 Aufführungen an 43 Tagen in 16 Spielstätten statt. Der Tisch, an dem ihre Gründung beschlossen wurde, steht noch immer so dort, wie ihn die drei Künstler verlassen haben: bedeckt von einem roten Tuch, umsäumt von zwölf gepolsterten Stühlen. Die minutiöse Restaurierung des Stucks an der Decke wurde finanziert von einem amerikanischen Mäzen.

Die Bibliothek im Schloss Leopoldskron.
Die Bibliothek im Schloss Leopoldskron. Bild: Hotel Schloss Leopoldskron

Seit einiger Zeit gehört das Schloss dem „Salzburg Global Seminar“, einer internationalen Non-Profit-Organisation, die hier Seminare und Begegnungen stattfinden lassen und zukünftige Führungspersönlichkeiten herausfordern will, „eine bessere Welt zu gestalten“. Ihren Ursprung hat die Organisation in einer studentischen Initiative. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs traf Reinhardts Witwe, die österreichische Schauspielerin Helene Thimig, in der Washingtoner U-Bahn drei Harvard-Studenten wieder, die sie bei einem ihrer Theaterworkshops kennengelernt hatte. Die drei jungen Männer erzählten ihr von der Idee eines „Marshallplans des Geistes“, mit dem sie die kriegszerstört-demoralisierte deutsche Kultur wiederbeleben und zum Austausch anregen wollten. Daraufhin lud Thimig sie ein, ihre Seminare in dem inzwischen restituierten Schloss Leopoldskron abzuhalten. Was mit der Verteilung von Carepaketen und Übernachtungen in Schlafsälen begann, wurde bald zu einer ernstzunehmenden Akademie, die inzwischen 36 000 Teilnehmer aus aller Welt angezogen hat.

Das alte Schloss wirkt dadurch heute noch benutzt und belebt: junge Studentinnen sitzen chattend in der Bibliothek und lassen die Beine über Reinhardts alte Sessellehnen baumeln. Es finden Gesprächsrunden am Kamin über die Rolle der Medien in Zeiten von „deep fake“ statt, im chinesischen Salon stehen Flipcharts und bieten verschiedene Strategien von „Leadership“ an, gegessen wird im Marmorsaal – da, wo einst Kaiser Franz Joseph und Sissi ihre Verlobung feierten und in den vierziger Jahren Klavierkonzerte für die lokale SS-Elite stattfanden.

55 Zimmer und 12 Suiten

Vor einigen Jahren hat Karl Lagerfeld hier eine opulente Modenschau für Chanel inszeniert und ein paar Vorhänge und andere Requisiten dagelassen. Die Einrichtung des Schlosses insgesamt wirkt auf sympathische Weise zusammengestückelt: Alte Ölbilder hängen schief an der Wand, Kachelöfen aus der Barockzeit stehen neben silberglasierten Tonvasen aus dem örtlichen Designershop. Draußen bröckelt die Fassade, ist die Buchsbaumhecke von Schädlingen zerfressen, aber Leopoldskron ist eben auch kein öffentlicher Ort, der sich angestrengt zur Schau stellen muss. Nur einmal im Jahr gibt es einen Tag der offenen Tür, an dem Touristen und Besucher zugelassen werden, ansonsten verschließt ein großes Eisentor den Zugang zu Reinhardts Traumschloss.

Das Schlafzimmer der Max-Reinhardt-Suite.
Das Schlafzimmer der Max-Reinhardt-Suite. Bild: Hotel Schloss Leopoldskron

Seit knapp fünf Jahren gibt es allerdings auch einen Hotelbetrieb auf dem Areal, sodass man sich den Zugang zu diesem besonderen Ort gewissermaßen „erschlafen“ kann. Im alten Meierhof hat der junge enthusiastische Münchner Hoteldirektor Daniel Szelényi 55 Zimmer renovieren lassen, in denen man für durchschnittlich 200 Euro pro Nacht unterkommen kann. Drüben im Schloss gibt es seit dem vergangenen Jahr 12 Suiten, deren Preis bei circa 440 Euro die Nacht liegt. Dafür kann man dann zum Beispiel in Max Reinhardts ehemaligem Schlafzimmer nächtigen und auf dem Fensterbrett sitzend den Mond hinter dem Untersberg aufgehen sehen. Andere Suiten tragen die Namen großzügiger Mäzene oder berühmter Schauspielerinnen. Ausgestattet sind sie mit nahezu allem, was das moderne Luxusherz erfreut, nur eine Klimaanlage gibt es nicht. Dafür hängt ein Feldstecher am Fenstergriff, lässt sich das Schlafzimmer durch eine Schiebetür mit Gobelin vom Salon abtrennen, und man kann seine Wünsche über ein altes Bakelittelefon an die Rezeption durchgeben. Sein korrektes Klimabewusstsein beweist der Hotelchef durch eine Elektroladestation vor dem Eingang und kostenlosem Fahrradverleih.

Einen Spa-Bereich will er nicht einrichten – wozu auch: Das Freibad ist nur wenige Gehminuten vom Schloss entfernt und gewährt dem Gast von 9 bis 19 Uhr freien Eintritt. Auch einen eigenen Restaurantbetrieb gibt es nicht, dafür aber einige sehr gute Gaststätten in der Umgebung und Frühstück auf dem Balkon mit Blick über den See. Das Hotel „Schloss Leopoldskron“ gehört zu keiner Kette, sondern dem gemeinnützigen Trägerverein, dessen Hauptaugenmerk nach wie vor auf dem Seminarprogramm liegt. Das merkt man mitunter daran, dass der Service nicht über jeden Zweifel erhaben ist, Bestellungen vergessen werden und abends an der Bar kein Gin mehr vorrätig ist. Aber das kann nur den ärgern, der nicht von der besonderen Aura des Ortes ergriffen wird. Anstelle den Zimmerservice anzurufen, kann man hier nämlich nachts jederzeit in die beleuchtete Bibliothek hinuntergehen, sich in einen der Sessel setzen und mit einem alten Buch in der Hand vor sich hin träumen.

Wer das Glück hat, vom geschichtskundigen Hoteldirektor durch das Schloss geführt zu werden, der versteht endgültig, um was für einen bedeutenden Ort es sich hier handelt. Es gebe in den vergangenen 300 Jahren kein Ereignis der europäischen Geschichte, das sich nicht auf irgendeine Weise in dem Geschick dieses Hauses spiegle, schwärmt er. Selbst ein großer Reinhardt-Verehrer hat er im Treppenhaus des Meierhofs eine Ausstellung mit fünfzig Fotografien des großen Theaterimpresarios kuratiert. Im Sommer lässt er zu Ehren von Reinhardts berühmter „Sommernachtstraum“-Inszenierung von 1905 jetzt wieder Shakespeare-Stücke im Park aufführen. Im Klavierzimmer unten, da, wo Mozart gespielt hat, zeigt der Hoteldirektor auf eine Madonna-Figur in einer Wandnische, die Reinhardt angeblich einem Wiener Bordell abgekauft haben soll. Und draußen auf der Terrasse zum See seien Szenen des Films „The Sound of Music“ gedreht worden. Die 1965 gedrehte Familienschmonzette entwickelt noch heute insbesondere außerhalb Europas eine große Anziehungskraft und lockt Besucher aus aller Welt nach Salzburg. Was wohl Max Reinhardt dazu gesagt hätte, dass inzwischen asiatische Kleinfamilien den weiten Weg zu seinem Schloss auf sich nehmen, nur um eine Nacht in der Nähe jenes Ortes zu verbringen, an dem im Film die Kinder der Familie Trapp ins Wasser plumpsen?

Träumerische Atmosphäre

In jedem Fall ist Leopoldskron wirklich ein idealer Ort – nicht nur für Salzburg-Besuche zur Festspielzeit. Während die Stadt fast immer überlaufen ist, sich die Touristen durch die Gassen drängen und vor dem Mozarthaus mit Mozartkugeln bewerfen, herrscht hier, nur dreißig Geh- oder zehn Busminuten vom Zentrum entfernt, friedliche Ruhe. Als Hotelgast kann man im Garten sitzen und seinen Blick über den Weiher schweifen lassen. Oder man kann einen Spaziergang durch den sieben Hektar großen Park machen, vorbei an verwunschenen Teichskulpturen und moosbedeckten Bänken, und sich dabei vorstellen, wie das gewesen sein muss, als Reinhardt seine Gäste hier an einem lauen Sommerabend in der Rolle des „eingebildeten Kranken“ deklamierend über die Wiese führte.

Wie hier die wichtigsten Dichter und Schauspieler der Zeit flanierten, um das Programm mit ihm zu planen. Und wie Reinhardt morgens mit dem Medizinball auf den Schultern seine Leibesübungen im Rosengarten machte. Wenn im nächsten Jahr zum Festspieljubiläum all die wichtigen Politiker, Kulturrepräsentanten und Sponsoren nach Salzburg kommen, um Reinhardts Erbe zu feiern, dann sollten sie sich daran erinnern, was in der träumerischen Atmosphäre dieses einzigartigen Anwesens einst Großes beschlossen wurde: ein Theaterspiel für die Menschen, ein Friedensfest für die Welt.

Der Weg nach Leopoldskron

Anreise Nach Salzburg kommt man am besten mit dem Zug oder Flugzeug. Nach Leopoldskron fährt man mit dem Bus 23 in Richtung Freibad Leopoldskron bis zur letzten Station.

Übernachtung Einzelzimmer kosten ab 200 Euro, Suiten ab 450 Euro. Mehr Informationen unter: schloss-leopoldskron.com

Schloss Leopoldskron ist Mitglied bei „Schlosshotels & Herrenhäuser“. Informationen unter schlosshotels.co.at

Quelle: F.A.S.
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