Brüssel wird grün

Die Raffinesse von Edelstahl und Kakao

Von Elsemarie Maletzke
15.10.2021
, 20:07
Ist das noch Stadt oder schon Land? In der Brasserie de la Senne verschwimmen die Grenzen zwischen urbanem und bukolischem Leben.
Energetisch, nachhaltig, verschwendungsfrei: Brüssel ist auf dem besten Weg ins Grüne und in die Kreislaufwirtschaft.
ANZEIGE

In Grün will es sich kleiden: Das Atomium in Brüssel, Modell eines Eisenmoleküls in vielhundertmilliardenfacher Vergrößerung, stand 1958 bei der Weltausstellung in der belgischen Hauptstadt für den Optimismus und Fortschrittsglauben der Nachkriegszeit. Vierzig Jahre später war das futuristische Gestell mit den neun Aluminiumgloben schon wieder schrottreif, und auch der frohe Geist des Atomzeitalters hatte sich eingetrübt. In den Neunzigern erwog man, das Atomium – gegen den Willen der Brüsseler – abzureißen. Dann wurde es 2004 generalüberholt und ist nun anstatt von Asphalt von wilden Wiesen umlagert, auf denen im Herbst Cosmeen, Sonnenhut, Goldrute und Rudbeckien im wogenden Gras blühen. „La nature nous fait du bien /Natuur is goed voor ons“ steht auf dem Schild mit dem Pfauenauge, das die Gärtner an den Lattenzaun gesteckt haben.

ANZEIGE

Choux de Bruxelles heißt auf Deutsch Rosenkohl, und wenn die Kugeln des Atomiums auch nicht in Kohlblätter gehüllt sind, sondern in Edelstahl glänzen, gibt sich Brüssel als eine europäische Hauptstadt auf dem Weg ins Grüne und in die Kreislaufwirtschaft zu erkennen. Da touristische Zusammenrottungen auch in Belgien nicht mehr erwünscht sind, konzen­triert man sich dort auf Projekte, die alle auf das Wort Nachhaltigkeit hören.

Palastartiges Speicherhaus im herrlichsten Historismus

Im leicht vernachlässigten Norden der Stadt, zwischen Eisenbahn und Kanal, wo zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Stränge von Transport und Handel einer Kolonialmacht zusammengelaufen waren, wächst auf dem Gelände von Tour & Taxis ein neues Viertel, in dem es beispielhaft energetisch rund gehen wird. Die Ruine des Entrepôt Royal, eines palastartigen Speicherhauses im herrlichsten Historismus, wurde bereits restauriert und 2005 eröffnet. Unter seinem Dach liegen Büros, Geschäfte und Bistros, im Keller auf tausend Quadratmeter die Pilzzucht der Firma Permafungi. Vor dem königlichen Depot sieht es noch eher nach Brache als nach urbanem Mittelpunkt aus.

An der Südseite rundet sich das futuristische Gebäude der Brüsseler Umweltbehörde neben dem aktuell größten Passiv-Bürohaus, in dem die Regierung Flanderns sitzt. Die Hallen des alten Gare Maritime sollen einmal zum Spazieren einladen, die Glasdächer exotische Gärten schützen. Dort, wo früher die Bahntrasse verlief, entsteht ein neun Hektar großer Park, der das Viertel mit der Innenstadt verbinden wird. Eine passende Ökobrauerei, die Brasserie de la Senne, ist schon da und schenkt hopfiges Helles aus.

Grün hat eine lange Tradition in Brüssel: die Königlichen Gewächshäuser von Laeken, erbaut im neunzehnten Jahrhundert.
Grün hat eine lange Tradition in Brüssel: die Königlichen Gewächshäuser von Laeken, erbaut im neunzehnten Jahrhundert. Bild: EPA

Nun wird kein Mensch nach Brüssel reisen, weil eine Brauerei Hopfen und Malz nach Gebrauch an die Kühe verfüttert. Auch der Einkauf von Biokarotten, zertifizierter Schokolade und unverpackten Mandeln wäre kein ausreichendes Motiv, aber in der kulinarischen Summe ist ein Besuch durchaus zu empfehlen. Und auch wenn der Gast von vielen der geförderten Projekte – etwa der Wiederverwendung von eingesammeltem Kaffeesatz en gros für die Zucht von Austernpilzen oder der nachbarschaftlichen Kompostwirtschaft in öffentlichen Parks – nichts sieht oder riecht, so hört man doch gerne, dass in dieser Stadt so leicht nichts umkommt.

ANZEIGE

Auf den Tisch kommt, was im Garten wächst

Etwa bei Humus & Hortense im Quartier Ixelles, früher ein Teesalon mit einem von gemalten Pfauenfedern umfächelten Jugendstilplafond, in dessen Himmelswölbung Putten augenscheinlich in Töpfen rühren und mit Torten werfen. Heute ist es ein Restaurant, das von der Wurzel- bis zur Blattspitze in „botanischer Gastronomie“ exzelliert. Der Michelin-Führer empfiehlt es mit einem grünen Stern. „Der Garten entscheidet, was wir kochen werden“, schreibt Küchenchef Nicolas Decloedt auf seiner Website. „Alle unsere Zutaten stammen aus Belgien. Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, ein Geschäft nachhaltig und ohne naiven Idealismus zu betreiben.“

ANZEIGE

Das zehngängige vegetarische Degustations-Menü wechselt alle zwei Wochen und wird, da sich unter dem Puttenhimmel Kochkunst mit Ästhetik und Bewusstsein verbindet, von alkoholfreien „zero-waste-Cocktails“ begleitet, Essenzen, die von der Sommelière Caroline Baerten, einer ehemaligen Kunsthistorikerin, aus Kräutern und Blüten zusammengezaubert werden. Madame serviert sie persönlich und erwähnt Tomatenschalen, Basilikum, die gerösteten Grannen von Maiskolben, Ringelblumen, Duftnesseln und Geranien. Es versteht sich, dass auch der Gast das Konzept befolgt und jeden Tropfen und jeden Krümel seiner persönlichen Kreislaufwirtschaft zuführt.

Nach dem Essen ist ein Gang durch den Garten angezeigt. Grünanlagen sind Brüsseler Spitzen. Eine der wundervoll­sten sind die Königlichen Gewächshäuser im Stadtteil Laeken, ein kleines botanisches Versailles für Azaleen, Baumfarne, Pomeranzen und Kamelien. Die gusseisernen Säulen und Bögen, die den Jugendstil vorausnehmen, die gewaltigen Spinnennetze der Kuppeln von Orangerie, Wintergarten, Kongo-Gewächshaus und Palmen-Pavillon stellten im neunzehnten Jahrhundert die größte zusammenhängende Glaslandschaft für Zierpflanzen auf dem Kontinent dar.

Heute behausen sie sechzigtausend Pflanzen, die an drei Wochen im Frühling vom Pu­blikum bewundert werden dürfen. In den restlichen neunundvierzig, wenn exklusiv die königliche Familie hindurchspaziert, werden sie automatisch benetzt und nur von der Sonne durch die Scheiben geküsst, ein feudaler, geheimer Garten, der an sich selbst verschwendet ist. Vielleicht wäre es im Sinne der Kreislaufwirtschaft, wenn sich in den Königlichen Gewächshäusern die Verhältnisse etwas schneller drehten.

ANZEIGE

Ein unendlich reicher Philanthrop

Immer und für alle ist der Brüsseler Stadtwald, der Forêt des Soignes, im Südosten geöffnet, fünftausend Hektar Grün, berühmt für würdige Eichen, Jahrhunderte alte Buchen-Kathedralen und seit 2017 UNESCO-Welterbe. Am Stadtrand geht er in den Bois de la Cambre über und wandelt sich zum Park, komplett mit Karussell, Fitnessparcours und großem Ententeich, über den eine Elek­trofähre zur Insel mit dem Ausflugslokal Chalet Robinson gleitet. Der freundliche Mann, der sie per Knopfdruck bedient, trägt eine betresste Kapitänsmütze.

Ökologisches Vorzeigeprojekt: Brüssels größte Solaranlage im Gare Maritime.
Ökologisches Vorzeigeprojekt: Brüssels größte Solaranlage im Gare Maritime. Bild: Action Press

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als die heutige Avenue Franklin Roosevelt am Rand des Bois de la Cambre erschlossen wurde, blieben Lücken zwischen den schmalen Grundstücken, damit die Baumwipfel im Hintergrund weiter zur Geltung kamen. Auch die Villa Empain, 1930 im Art-déco-Stil aus poliertem grauen Granit erbaut, musste sich dünn machen und füllt doch den Raum mit großer, eleganter Geste. Vom Hausherrn, Baron Louis Empain, dessen Vater die Pariser Métro konstruiert hatte, liest man, dass er unendlich reich, ein Philanthrop, aber wohl auch ein bisschen einsam gewesen sei. Wie er wohl so allein in diesem kühlen marmornen Ambiente lebte? Ein Mann von Anfang zwanzig mit Schnurrbart, runder Brille und Geheimratsecken, der sich im Parterre einen Rauchsalon mit Bar, im ersten Stock eine Fechtgalerie und zur Gartenseite hin einen Swimmingpool olympischen Ausmaßes anlegen ließ?

Blaues Wunder in einer mörderischen Bauschuttgrube

Im Jahr 1937 überschrieb er seine Villa dem belgischen Staat mit der Vorgabe, dass darin ein Museum für zeitgenössisches Design einziehe. Aber Krieg und Nachkriegszeit, in der die deutsche Wehrmacht, die sowjetische Botschaft, später eine Radiostation und am Ende Räuber und Vandalen residierten, machten erst Louis Empains Pläne und dann sein Haus zunichte. Die Boghassian-Stiftung, die sich dem west-östlichen Kulturaustausch widmet, kaufte 2006 die schwer mitgenommene Immobilie, ließ die Marmorhalle, die Galerie, das Mosaik-Bade­zimmer, das riesige Oberlicht im Flachdach restaurieren und legte frisches Blattgold auf die Fensterlaibungen. So wurde nach vielen Jahren wieder sicht- und hörbar, was der Architekt Francis Metzger, der die Arbeiten leitete, „eine Melodie“ nannte, die „von den anspruchsvollen Räumen bis zu den Rundungen der schwarzen Eisengeländer und den Einlegearbeiten erklingt, mühelos und in einem Atemzug von Anfang bis Ende.“

Stadt der Blumen und der Visionen: Krokusblüte am Atomium, Brüssels Wahrzeichen.
Stadt der Blumen und der Visionen: Krokusblüte am Atomium, Brüssels Wahrzeichen. Bild: AP

Auch der Pool, der fast den ganzen Garten einnimmt, erstand wieder als ein blaues Wunder aus einer Art mörderischer Bauschuttgrube. Profanes Schwimmen ist darin allerdings verboten, nur „cultural ­bathing“ gilt als angemessen, wie in Art-déco-Schrift in den Steinsockeln auf der Terrasse zu lesen ist. Was immer kulturelles Baden bedeutet, man wäre gern dabei. Die Glyzinie, die schon in den Dreißigerjahren die halbrunde Pergola um den Pool einrankte, hat wieder ausgeschlagen und ist dabei, das Spalier zu erwürgen. In Sachen Nachhaltigkeit braucht eine Glyzinienwurzel keine Anleitung.

ANZEIGE

Was uns zurück in die Stadt und zu milderen Formen ökologischen Wirkens führt. Nachhaltig, auch was die Konsequenzen für Feinschlecker betrifft, wirtschaften Mike und Becky, die eigentlich Julia Mikerova und Björn Becker heißen, in ihrer Schokoladenmanufaktur in der Avenue Brugmann. Es gibt den tröstlichen Stoff als Tafel mit Kakaoanteilen bis zu hundert Prozent und ein paar Stufen hinab im Souterrain als eine Trinkschokolade, die geeignet ist, die Übel dieser Welt kurzfristig vergessen zu lassen. Die großen belgischen Chocolatiers, sagt Björn Becker, ein stabiler Herr mit rotblondem Bart in blauer Handwerkerschürze, seien sämtlich alte weiße Männer, deren Schokoladen und Pralinen ihre Namen trügen. Er, deutscher Politologe, und seine Frau Julia, russische Balletttänzerin, seien jedoch Quereinsteiger, und das sollte sich auch im Firmennamen niederschlagen.

Zur weiteren Unterscheidung nennt er: Kontrolle des Weges „from bean to bar“, den die Kakaobohnen bis zur Schokoladentafel nehmen. Kakao, ein besonderes Stöffchen, das man „nicht vulgär zusammenmischen“ solle, entwickele, ähnlich wie Kaffee unterschiedliche Aromen auf unterschiedlichem Terroir. Deshalb beziehen Mike und Becky den Kakao nur von fünf ausgesuchten Plantagen von Peru bis Südindien. Durch Prozesse, die Zeit, Hingabe, Raffinesse und Rühren erfordern, gewinnen ihre Produkte Noten von Karamell, Zitrone und Blüten. Das persönliche Reinheitsgebot gebietet einen fairen Preis für die Kakaopflanzer und verbietet verabscheuungswürdige Ingredienzien wie Palmöl, Vanille und Soja-Lecithin. Fertig. Schreiten wir nun zur Schokoladenprobe oder, um es mit Björn Becker zu sagen: Wir stoßen mit ihm das Tor zum Universum des feinen Kakaos auf. Der Herbst kann kommen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE