Unbekanntes Bukarest

Kommt, wir teilen ein Geheimnis!

Von Susanne Romanowski
18.01.2022
, 07:28
Direkt an der Flaniermeile: Das Kloster Stavropoleos in der Bukarester Altstadt.
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Für ihre verwunschenen Gärten und die schummrigen Straßen macht die rumänische Hauptstadt keine Werbung. Zu entdecken gibt es dort trotzdem eine ganze Menge.
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Die Lampen erlöschen, die Handykameras schieben sich Richtung Fenster. Auf Abendflügen das internationale Signal für: Gleich landen wir. Dutzende Displays filmen die Lichtpunkte Bukarests vor dem Tiefschwarz der Provinz. Auch wenn man die Wohnblocks noch nicht erkennt, blinzelt die Stadt ihren Besuchern bereits aus hundert Augen zu. Scheinbar leicht überrascht blinken die Werbetafeln von Coca-Cola und Co.: Schön, dass du da bist. Zumindest könnte man das denken, im Halbschlaf, am Fenster, wenn einem im Billigflieger plötzlich ein fremdes Handy vor dem Gesicht baumelt. Und wenn man weiß, dass jährlich kaum mehr als eine Million Ausländer Bukarest besuchen.

Geht man eine Liste der größten Städte der EU durch, dann kommen wie von selbst Erinnerungen an Studienfahrten, Filmszenen und Postkartenmotive auf: Schloss Schönbrunn, der funkelnde Eiffelturm, ein raues Kreuzberg. Dann kommt, auf Platz 7, Bukarest, und das innere Auge macht Pause. Die rumänische Hauptstadt wirkt wie der Sonderling, und nach nur wenigen Tagen lässt sich sagen: zu Recht. Und: zum Glück.

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Zu Recht, weil die Stadt ihre Besucher ziemlich ratlos ins Vergnügen wirft. Besucht man die offizielle Website des Tourismusministeriums, „romania.travel“, ist sie nicht erreichbar. Telefoniert man Vertretungen in Deutschland ab, klingelt es ins Leere. Und zum Glück, weil man sich in dieser Stadt, für den Bukarester Schriftsteller Mircea Cărtărescu ein „Spinnennetz“ und „Labyrinth“, hervorragend auf eigene Faust verlaufen kann. Wohldosierte Fremde und Abstand von Deutschland also, mit Kartenzahlung als Standard und dem drittschnellsten Internet der EU.

„The future will be confusing“

Den Süden der Stadt kann man sich schenken. Endlose Plattenbauten, gefühlt hundertspurige Straßen – und doch nicht genug, denn aktuellen Studien zufolge verlieren die Bewohner keiner anderen Stadt so viele Stunden im Stau. Also direkt ins Zentrum und in den Norden, wo Gleichförmigkeit kein Thema ist und wo man sich hervorragend zwischen den Autos durchschlängeln kann. Die Calea Victoriei spaziert man am besten komplett entlang: Auf der langen Prachtstraße brühen die Hipster perfekten Kaffee, und es riecht nach frischem Brot, das man sich auf die neue Kleidung der Concept Stores nebenan krümeln kann. In den Seitenstraßen stehen Jugendstilvillen neben modernen Stahlkonstruktionen, Sowjetbauten neben hölzernen Hexenhäuschen. Nichts passt hier zusammen, im Schaufenster eines runtergerockten Wohnhauses steht in Leuchtlettern „the future will be confusing“. Man glaubt es sofort. Schon in der Gegenwart sammeln sich orientalische Einflüsse und Frankophilie, und vor allem Ceaușescus Programm der „Systematisierung“.

Zusammengewürfelt: Das Altstadtviertel Lipscani mit seinen Kirchen, Regierungsgebäuden und dem winzigen Stavropoleos-Kloster
Zusammengewürfelt: Das Altstadtviertel Lipscani mit seinen Kirchen, Regierungsgebäuden und dem winzigen Stavropoleos-Kloster Bild: picture-alliance

Für seine Alleen, pompösen Bauten und den monströsen Parlamentspalast südlich der Altstadt mussten in den Achtzigern ganze Stadtviertel weichen. Es wurden Klöster gesprengt, ein Drittel des historischen Zentrums verschwand. Heute ist Bukarest eine einzige gemischte Tüte, die die Bewohner kreativ weiterdenken. Direkt am Nationalmuseum etwa, wo orthodoxe und moderne rumänische Kunst hängt, steht ein eigenartiges Haus: Aus der Renaissance-Hülle mit rotem Backstein ragen Quader aus Stahl und Glas. Was früher das Hauptquartier der Geheimpolizei Securitate war, ist heute Sitz des Architektenverbands.

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Nicht nur die Autos, Passanten und das träge Rinnsal Dâmbovița: Die ganze Stadt, so scheint es, ist in Bewegung. Bauwerke und Geschichten schieben sich ineinander wie Matrjoschka-Puppen, Steinsäulen aus gesprengten Stadtpalästen tauchen als Parkdekorationen wieder auf. Um die orthodoxe Kirche aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, ließ Ceaușescu sogar sieben Kirchen mitsamt Fundament auf Schienen setzen und verbannte sie in die Innenhöfe von Wohnkomplexen. Dort stehen sie heute noch, übertönen das Geschrei spielender Kinder mit ihrem Glockengeläut.

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Gartencafés und Bulevarduls

Allzu schwermütig wird man in Bukarest allerdings nicht, wenn einem alle drei Schritte diese freundliche Landessprache begegnet: Parcul, Teatrul, bună ziua („guten Tag!“), jedes U ein kleines Schlagloch. Über die stolpert man zwangsläufig, weil es davon schätzungsweise für jeden der 1,8 Millionen Bewohner eins gibt. Und weil der Blick immer wieder an den Fassaden hängen bleibt – und an dem, was dahinterliegt.

Instagramreif: Die Buchhandlung Cărturești Carusel
Instagramreif: Die Buchhandlung Cărturești Carusel Bild: picture-alliance

Das lohnt sich im Altstadtviertel Lipscani, mit seinen Kirchen, Regierungsgebäuden und dem winzigen Stavropoleos-Kloster. Wer es schafft, den mäßig motivierten Promotern, die Besucher in die Irish Pubs und Dracula-Kaschemmen locken, zu entwischen, sollte sich ins Cărturești Carusel begeben, eine säulengeschmückte und Instagramreife Buchhandlung. Schon der Eintritt fühlt sich eher nach Kulturhappening als nach Lektürestudium an. Das liegt daran, dass New Order aus den Boxen schallt, aber auch am grimmigen Security-Mann, der jeden anraunzt, der nicht sofort seinen Impfpass scannen lässt. Egal, ob in Restaurants, Museen oder Buchläden: In Bukarest gilt derzeit 3 G.

Nicht alles hier ist Asphalt und Beton. Überall in der Stadt bahnen sich Gräser und Ranken ihren Weg durch verfallene, zerstörte, oder nie fertig gebaute Villen. In den Patios überwuchert Gestrüpp die Böden und Fensterrahmen. Verwunschen bei Tag, verhext bei Nacht. Dann läuft man über schummrig beleuchtete Straßen, etwas knackt im Unterholz. Eine Amsel, eine Maus, ein Vampir? Ein paar Stunden später schon, wenn die aufgehende Sonne die Kuppeldächer zum Blitzen bringt, wird aus dem Gruseln ein Seufzen. Wäre das Rascheln in den reifbedeckten Farnen eine Fee, würde das wunderbar passen.

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Gefeiert wird trotzdem

In derart märchenhaften Settings wird das Getränk der Stunde serviert. Gartencafés, oft nur ein paar versteckte Schritte von den riesigen Bulevarduls entfernt, bieten Limonaden in allen denkbaren Geschmacksrichtungen, heiß oder kalt. Bei der Größe hingegen gibt es keine Diskussion. Wer nicht nach einem kleinen Glas fragt, dem wird mindestens ein halber Liter vorgesetzt. Umso besser: So kann man die Lichterketten und rauschenden Birken im „Gradina Eden“ oder dem „Gradina Verona“ länger genießen. Innenräume gibt es in solchen Läden selten, dafür Heizstrahler, Decken, Dächer und, mit etwas Glück, den Blick auf eine Handvoll Sterne. Um 21 Uhr aber ist Schluss: Aufgrund der aktuellen Pandemielage ist dann alles geschlossen, das Nachtleben der Stadt ist gerade außer Betrieb.

Schachspieler im Cismigiu-Park in Bukarest
Schachspieler im Cismigiu-Park in Bukarest Bild: picture alliance / Yvan Travert / akg-images

Gefeiert wird trotzdem. Zum Beispiel im Gradina Cișmigiu, der wichtigsten Grünfläche der Stadt. Ab dem späten Nachmittag versammeln sich dort ältere Männer an einem Popcorn-Stand und lauschen schepperndem Balkanpop aus mitgebrachten Lautsprechern. Der Stadtgarten trägt die frühere osmanische Herrschaft Rumäniens im Namen: Ein Cișmigiu ist auf Türkisch jemand, der sich um Springbrunnen kümmert, erklärt Stadtführer Ion. Früher war er Journalist, heute lotst er begeistert eine Handvoll Touristen durch die Straßen und Geschichte der Stadt. Mit seinen Armen macht der Mittdreißiger ausladende Bewegungen. So eine Spaziertour ist in Bukarest ein Erlebnis. Menschen schauen herüber, bleiben stehen, hören zu. Gut, manche insistieren, dass das Denkmal zu Ehren der Revolutionäre, die 1989 das Ende von Ceaușescus Schreckensherrschaft einläuteten, den Illuminaten huldigt. Aber dann gibt es auch Begegnungen wie die mit Bogdan Nicolae.

Details, die Ahnungslose übersehen

Am Haupteingang des Stadtgartens, unweit der schunkelnden Rentner, hält unsere Gruppe an einer blauen Waage. Sie wirkt altmodisch, so wie die Idee, sich selbst zu wiegen, etwas Verstaubtes hat. Man kann sich daraufstellen, eine 50-Bani-Münze – ungefähr zehn Cent – in den Schlitz werfen, und mit etwas Glück erscheint nicht nur eine Zahl auf der Anzeige. Es kommt vielleicht auch ein drahtiger Mittvierziger mit dunklen Locken angeradelt, der sich als Eigentümer der Waagen vorstellt und einen Spontanvortrag hält. Bogdan Nicolae ist Landschaftsarchitekt, leitete den Garten einige Monate selbst und begeistert sich wie sonst niemand für sein touristisches Potential.

Bogdan Nicolae vor einer seiner Waagen im Gradina Cișmigiu.
Bogdan Nicolae vor einer seiner Waagen im Gradina Cișmigiu. Bild: Susanne Romanowski

Am nächsten Morgen lädt er zum Rundgang. Die Dezembersonne scheint durch die immer noch grünen Laubbäume. Wir passieren Schachspieler, Schriftstellerbüsten, Pavillons, Wiesen. Junge und Alte recken ihre Gesichter in die letzten wärmenden Strahlen des Jahres. Bogdan Nicolae kennt jeden Winkel, ist Chronist der Menschen, die hier seit 160 Jahren flanieren. Tausende historische Bilder umfasst seine Sammlung: Darauf tragen Damen tote Füchse um die Schultern, tanzen Paare Tango auf dem zugefrorenen Teich. „Come, look!“, ruft er ständig und zeigt auf Details, die Ahnungslose übersehen.

Bild: F.A.Z.

Da sind die dekorativen Steine, die man aus demolierten Stadtpalästen der Prachtstraße Calea Victoriei herbeigeschafft hat. Oder eben die Waagen, made in Germany. Vor Jahren hat ein rumänischer Geschäftsmann sie Bogdan Nicolae überlassen, seitdem sind sie sein Herzensprojekt. Für ihn, sagt er, sind es kleine Zeitmaschinen. Zwischen den Weltkriegen waren sie in Rumänien weit verbreitet und bescherten ihren Besitzern ein ordentliches Einkommen. Die drei vom Cișmigiu-Park sind die letzten, zusammen bringen sie heute noch höchstens 50 Euro pro Woche ein. „Jeder kann sich zu Hause wiegen, hier sollen Menschen ein Spektakel erleben“, sagt er. Auch den dunkelgrünen Kiosk aus der Zwischenkriegszeit, der am Haupteingang vor allem von Tauben frequentiert wird, will Bogdan Nicolae wiederbeleben. Touristen sollen dort, ganz im Sinne der historischen Fotos, ein Polaroid von sich im Cișmigiu-Garten bekommen.

Bogdan Nicolae will das, was Bukarest kaum bewirbt und was es doch längst tut: Besucher die Stadt und ihre Geschichte im öffentlichen Raum erleben lassen, mitsamt ihrer eklektischen Architektur, den absichtlich und unabsichtlich wuchernden Gärten und den Details, die Touristen nur auf den zweiten Blick erkennen. Dann setzen sie sich wieder an ihren Fensterplatz, hören das Dröhnen der Turbinen und sehen die Werbetafeln der rumänischen Hauptstadt verschwinden. Nur blinzeln sie nicht mehr, sondern zwinkern: Man teilt jetzt ein gemeinsames Geheimnis.

Der Weg nach Bukarest

Anreise Es gibt Direktflüge von Frankfurt nach Bukarest (OTP), betrieben von Lufthansa sowie den rumänischen Airlines Tarom und Blue Air, von Berlin aus fliegt u. a. Ryanair.

Einreise Deutschland ist laut dem rumänischen Ampelsystem als Einreiseland der roten Liste klassifiziert. Nur, wer doppelt geimpft, oder genesen ist oder einen negativen PCR-Test (max. 48 Stunden alt) vorweisen kann, entgeht der Qua­ran­tänepflicht. Das gilt für alle ab 6 Jahren.

Unterkunft Eine gute Wahl ist das Fünf-Sterne-Hotel Epoque am Cișmigiu-Garten, es bietet u. a. geräumige Suiten (hotelepoque.ro), ab 110 Euro. Das Grand Hotel Continental, liegt am zentralsten, Doppelzimmer ab 100 Euro.(grand-hotel-continental-bucuresti.continentalhotels.ro)

Quelle: F.A.S.
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