Cartagena de Indias

Die Liebe in Zeiten der Unersättlichkeit

Von Jakob Strobel y Serra
25.06.2021
, 18:16
Die Farben des Lebens: Eine graue Maus ist Cartagena im Laufe seiner langen Geschichte nie gewesen und hat deswegen Schriftsteller des magischen Realismus wie Gabriel García Márquez immer wieder inspiriert.
Cartagena de Indias an Kolumbiens Karibikküste gehört zu den schönsten Kolonialstädten Südamerikas. Sie hat es geschafft, nicht in Musealität zu erstarren. Der Preis dafür könnte allerdings eines Tages zu hoch sein.

Kann man Schönheit kaufen? Selbstverständlich, findet Doktor Guillermo Montes und preist in Bocagrande, dem Viertel der Schönen und Reichen von Cartagena de Indias, auf überlebensgroßen Plakaten mit dem breitesten, plastischen Chirurgenlächeln seine Körperoptimierungsdienste an. Brustvergrößerung, Fettabsaugung, Nasenkorrektur, Augenlidstraffung, Lippenunterspritzung, Popoaufblähung – keinen Wunsch lässt der Doktor Frankenstein im Dienste der Ästhetik unerfüllt. Die vornehmlich weiblichen Beweise seiner eigenen und seiner zahllosen Kollegen Kunstfertigkeit bevölkern die Strände von Bocagrande, Geschöpfe aus Fleisch und Blut und Botox und Silikon mit Silhouetten wie aus dem Anatomiebaukasten der Männerphantasien, die dem oft so einfallslosen Geiz von Mutter Natur spektakuläre Körperkurvenlandschaften mit Brüsten mächtig wie Melonen und Pobacken prall wie Papayas entgegensetzen. Voller Stolz und Würde tragen die Damen die Resultate ihrer eigenen Perfektionierung zur Schau und müssen sich dafür nicht im Geringsten schämen. Schließlich tun sie es in einer Stadt, die sich über Jahrhunderte so viel Schönheit erkauft hat, bis sie keine andere in Südamerika an Pracht und Glanz mehr überragte.

Cartagena de Indias muss in keinen Spiegel schauen, um zu wissen, wer die Schönste im ganzen Land ist, und sie hat es noch nicht einmal nötig, sich auf Gabriel García Márquez zu berufen, der ihr in seinem Jahrhundertroman „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ seine eigene Liebe gestand und nur ihr diesen Superlativ zusprach. Cartagena spielt die Rolle der Königin unter den südamerikanischen Kolonialstädten mit der größten Selbstverständlichkeit und Nonchalance, seit es 1533 vom Konquistador Pedro de Heredia an der kolumbianischen Karibikküste als Tor zu den unermesslichen Reichtümern des Kontinents gegründet und bald zur Hauptstadt des Vizekönigreichs von Neu-Granada wurde. Hier sammelten sich die Flotten, die schwer mit Gold und Silber aus den Anden-Kordilleren beladen wurden, um dann nach Sevilla zu segeln, genauso schwer bewacht von den Kriegsschiffen der Admiralität. So verwandelte sich Cartagena in eine Schatzkammer, die immer wieder prall gefüllt wurde, und war zugleich schlau genug, ihren Anteil von der Konquistadoren-Beute zurückzuhalten, um sich damit eine unvergleichliche Schönheit zu erkaufen.

Weder Mord noch Totschlag

Schatzkammern brauchen starke Mauern, und so verschanzte sich Cartagena hinter einem zwanzig Kilometer langen Wall voller Wehrtürme, Kasematten, Schießscharten und Reiterrampen, auf dem man bis heute die Altstadt fast vollständig umrunden oder sich zum Knutschen in den Scharten verabreden kann, eine Lieblingsbeschäftigung der örtlichen Jugend. Piraten aller Länder rannten gegen diese Fortifikation an, die – eine Ironie des Schicksals – noch immer die Schatztruhe Cartagena schützt, obwohl das Zeitalter der Korsaren längst vorbei ist: Nichts fällt der Polizei leichter, als sich an den Eingangstoren zu postieren und dafür zu sorgen, dass keine Schurken Einlass finden. Strengstens verboten ist die Einfahrt zum Beispiel für Motorräder mit Sozius, die nicht nur in Kolumbien das gängige Gefährt für Straßenraube und manchmal auch für Morde auf offener Straße sind. Deswegen fühlt man sich im historischen Zentrum so sicher wie in einem Mutterschoß, ein sehr seltenes Privileg in Lateinamerika.

Bloß kein Schwarzweiß: In Cartagena scheint jeder Hausbesitzer eine Menge Farbtöpfe zu besitzen.
Bloß kein Schwarzweiß: In Cartagena scheint jeder Hausbesitzer eine Menge Farbtöpfe zu besitzen. Bild: INTERFOTO

Doch selbst diese Wehrmauer war nicht stark genug, um die wilden Horden eines Francis Drake oder Jean-Baptiste du Casse zu bändigen, und so schufen die Spanier in einem Jahrhundert Schufterei auf einem Hügel hoch über der Stadt das kolossalste Bauwerk, das sie jemals in Amerika errichtet haben: die Festung San Felipe, die wie eine Krake in jeden Winkel des Hügels kriecht, bestückt mit Aberdutzenden von Kanonen jedes Kalibers, durchlöchert von labyrinthischen Geheimgängen, erbaut für die Ewigkeit. Derart monströse Summen verschlang das Castillo San Felipe, dass ein fassungsloser spanischer König eines Tages ausrief, angesichts dieser Maßlosigkeit müsse er die Festung von Madrid aus sehen können. Immerhin sorgte sie dafür, dass man heute in Cartagena Spanisch und nicht Englisch spricht: Im Jahr 1741 belagerten die Briten mit einer gewaltigen Streitmacht aus hundertachtzig Schiffen, dreitausend Kanonen und dreiundzwanzigtausend Mann die Stadt und hatten schon Goldmünzen zur Feier ihres Sieges geprägt. Doch die Spanier, die kaum auf ein Zehntel der Stärke ihrer Feinde kamen, hielten in der Festung so tapfer wie todesmutig stand, bis die Engländer geschlagen abziehen mussten, dezimiert und demoralisiert vom Gelbfieber und den Kanonen ihrer katholischen Majestät.

Abergläubische Abwehrvorrichtungen gegen Hexen

Längst ist der größte Schatz der Stadt kein Gold mehr, sondern ihre Pracht, die ihre dreihundertjährige Rolle als Nadelöhr für alle südamerikanischen Kostbarkeiten hinterlassen hat und sie zu einer karibischen Wiedergängerin Sevillas werden ließ – selbst die Straßenschilder sind wie in ihrer andalusischen Schwester aus bunt bemalten Azulejos an die Hauswände gekachelt. Im Schutz der Wehrmauern hat ein wunderbares Ensemble aus pittoresken Plätzen und monumentalen Gotteshäusern, barocken Stadtpalästen und neoklassizistischen Bürgerhäusern in allen Farben tropischer Früchte überdauert, fast vollständig unangetastet vom Lauf der Zeit, dekoriert mit wandschrankgroßen Gitterfenstern und hölzernen Balkonen, die nicht nur fürs Auge, sondern auch für den Eigennutz vor Bougainvilleas, Magnolien und Flamboyants überquellen: Bis heute findet jedes Jahr ein Wettbewerb um den prachtvollsten Balkon statt, wobei die Erstplatzierten zwölf Monate lang keine Grundsteuer zahlen müssen.

Kolossale Festung: San Felipe de Barajas ist das größte Gebäude, das die Spanier jemals auf dem amerikanischen Kontinent errichtet haben.
Kolossale Festung: San Felipe de Barajas ist das größte Gebäude, das die Spanier jemals auf dem amerikanischen Kontinent errichtet haben. Bild: Laif

Dass Cartagena einst eine hocharistokratische Stadt war, die Residenz eines Vizekönigs, der schönste Brückenkopf des spanischen Weltreiches, zeigt es bis heute, wenn auch nur noch mit stummer Wehmut. Die Tore der Paläste sind so hoch, dass ein Mann auf seinem Pferd aufrecht hindurchreiten kann. Und ihre Beschläge, die früher aus purem Gold waren und heute aus Eisen sind, weil auch in Cartagena die Furcht der Diebe vor dem Beil des Henkers nachgelassen hat, zeigen noch immer den Rang ihrer ehemaligen Bewohner an: Löwenköpfe als Türklopfer durften nur die Mitglieder des spanischen Adels verwenden. Allen Ständen war es hingegen gestattet, seltsam spitze, scheinbar nutzlose Zinnen auf die Dächer zu bauen – abergläubische Abwehrvorrichtungen gegen die Hexen, die nach Sonnenuntergang karibische Walpurgisnacht feiern und so an der Landung auf dem Dach gehindert werden sollten.

Der Eingang ins Höllenreich

Das schien den Menschen wirksamer zu sein, als eine Kerze in der Kathedrale Santa Catalina de Alejandria anzuzünden, die sich in einer seltenen Geste christlicher Demut jedem barocken Prunk verweigert. Sie begnügt sich mit der schönen Schlichtheit eines hölzernen Altares und dreier schlanker Säulenreihen, eiserner Lüster und eines Bodens aus schwarzen und weißen Marmorrauten. Das Kirchenschiff ist ein klarer, offener Raum mit dorischen Kapitellen in der ornamentlosen Strenge des herrerianischen Stils, der inmitten von Cartagenas überbordender Üppigkeit wie ein Ort der Einkehr und der Buße wirkt, ein tropisches Escorial als Ermahnung an alle Gotteskinder, dass das Leben nicht nur aus Lebenslust besteht. Und wie zur Bekräftigung ist an der Außenmauer, gleich hinter dem Bronzedenkmal Papst Johannes Pauls II. zu Ehren seines apostolischen Besuches von 1986, ein vergittertes Fenster mit einem tiefen Schacht eingelassen, das wie der Eingang ins Höllenreich aussieht.

In Cartagena lebt man auf der Straße - und wird von den Straßenmusikern dauerbeschallt, ob man will oder nicht.
In Cartagena lebt man auf der Straße - und wird von den Straßenmusikern dauerbeschallt, ob man will oder nicht. Bild: Laif

Durch die Hölle gingen Tausende armer Teufel, denen der Jesuitenpater San Pedro Claver sein Leben widmete und mit denen sich Cartagena de Indias einen beträchtlichen Teil seiner Schönheit erkaufte: „Sklave der Sklaven“ wurde der Mönch genannt, weil er jedes Mal, wenn ein Schiff aus Afrika einlief, mit Wasser und Brot für die Schwarzen zum Hafen ging. Und wann immer er Geld von der Kirche abzweigen konnte, kaufte er sie frei. Vor seiner Kirche, nur ein paar Blocks von der Kathedrale entfernt, steht er als Bronzefigur gemeinsam mit einem afrikanischen Jungen, blickt auf die Plaza de la Aduana, den ehemaligen Sklavenmarkt, und mag sich über sein eigenes Schicksal und die Heuchelei seiner Mitmenschen wundern: Nach seinem Tod 1654 beanspruchten sowohl das Mutterland als auch die Kolonie die sterblichen, als Reliquien verehrten Überreste des schnell Heiliggesprochenen für sich. Also wurde der Mönch post mortem zweigeteilt, und so ruht er heute zum einen Teil in Kolumbien und zum anderen in Spanien.

Gottes Kinder haben keine Angst - oder doch?

Cartagena de Indias hat ein großes Herz und verehrt seine Heiligen und Helden mit derselben Inbrunst wie seine Sünder. Der Sklavenretter steht besonders hoch in der Gunst, vor seiner Statue bekreuzigen sich fast alle einheimischen Passanten, unter denen die Gottesfürchtigkeit ohnehin omnipräsent ist. Die heiligen Messen müssen in Zeiten der Pandemie wegen Überfüllung geschlossen werden, die Hafeneinfahrt bewacht eine monumentale Muttergottes mit Kind, die Handkarren der ambulanten Verkäufer sind ebenso wie die Heckscheiben der Autos mit frommen Sprüchen übersät. „Ich habe keine Angst, weil ich ein Kind Gottes bin“, liest man hier und dort: „Fürchte niemanden außer den Allmächtigen“ – und wir fragen uns, ob das nicht ein guter Anlass wäre, um über einige grundsätzliche Widersprüche der katholischen Glaubenslehre nachzudenken.

Blühendes Trugbild: Kaum ein Haus im historischen Zentrum von Cartagena wird noch von Einheimischen bewohnt, weil fast alle Gebäude in Touristenunterkünfte umgewandelt worden sind.
Blühendes Trugbild: Kaum ein Haus im historischen Zentrum von Cartagena wird noch von Einheimischen bewohnt, weil fast alle Gebäude in Touristenunterkünfte umgewandelt worden sind. Bild: Laif

Nicht nur San Pedro, auch Christoph Kolumbus wird an prominenter Stelle mit einem Denkmal und diesem schönen Reim für sein Geschenk einer neuen Welt an die kastilische Krone geehrt: „A Castilla y a León, nuevo mundo dió Colón.“ Und selbst der Stadtgründer Pedro de Heredia darf als grimmiger Konquistador in herrischer Pose über den Platz des Uhrturms am Eingang der Altstadt wachen, obwohl ihn sogar die nicht sonderlich zimperlichen spanischen Autoritäten wegen Nepotismus, Veruntreuung und Misshandlung der Eingeborenen wie ihrer Verbrennung bei lebendigem Leib vor Gericht stellten – woraufhin er nach Spanien floh und als göttliche Strafe auf hoher See mit Mann und Maus unterging.

Kullernde Särge auf krummem Pflaster

Dem größten Helden aber ist der schönste der vielen schönen Plätze in der Altstadt gewidmet: die Plaza Bolívar, beschattet von turmhohen Königspalmen voller vorlauter Papageien, bestückt mit schmiedeeisernen Bänken, die von allen Altersklassen immer voll besetzt sind, wenn auch derzeit nur von Einheimischen. Frisch Verliebte treffen sich zum Händchenhalten, Großmütter zum Tratschen, Mütter schauen ihren Kindern dabei zu, wie sie beim Taubenfüttern Mutproben veranstalten und sich die Vögel auf Arme und Schultern setzen lassen. Und auffällig viele Menschen haben ein Buch in der Hand. Cartagena scheint tatsächlich eine Stadt der Literatur und des Lesens zu sein, ein Ort der Poesie, der Miguel de Cervantes ein Denkmal in Gestalt des Dichters am Schreibtisch in bester Lage spendiert und Gabriel García Márquez mit seinen sprechenden Straßennamen inspiriert hat – so wie die „Calle de los tumbamuertos“, der Straße, die selbst die Toten beerdigt. Sie führte einst zum Friedhof und war derart von Schlaglöchern übersät, dass andauernd Särge von den Leichenkarren auf das Pflaster fielen und die Verstorbenen herauskullerten.

Eine Insel des Friedens: Auch die Kinder profitieren davon, dass die vielen gewalttätigen Konflikte Kolumbiens selten in Cartagena ausgetragen werden.
Eine Insel des Friedens: Auch die Kinder profitieren davon, dass die vielen gewalttätigen Konflikte Kolumbiens selten in Cartagena ausgetragen werden. Bild: Laif

Simón Bolívar thront inmitten seines Platzes in Paradeuniform hoch zu Ross mit Degen und zum Gruß gezücktem Hut, lässt sich mit der Inschrift: „Das heldenhafte Cartagena dem Vater des Vaterlandes“ huldigen und gibt den Dank mit diesem Lob zurück: „Wenn mir Caracas das Leben geschenkt hat, hat mir Cartagena den Ruhm geschenkt“ – und wir stutzen, weil wir exakt denselben Spruch nur mit einem anderen Adressaten gerade erst am Bolívar-Denkmal in der Kolonialkleinstadt Mompox im Hinterland von Cartagena gelesen haben. Der Vaterlandsvater ist offensichtlich sehr spendabel mit seinem Ruhmeslob gewesen. Noch mehr Beachtung als der Freiheitsheld finden allerdings die neunundsechzig kolumbianischen Schönheitsköniginnen, deren Konterfeis an der Plaza Bolívar ins Straßenpflaster eingelassen wurden. Seit jeher wird der nationale Schönheitswettbewerb in der schönsten Stadt des Landes ausgetragen, wo auch sonst, und wir stutzen als argloser Besucher schon wieder angesichts der Porträts dieser Damen, die allesamt Schwestern sein könnten. So eng scheint das Schönheitsideal in Kolumbien gefasst zu sein.

Bigamie, Blasphemie, Sodomie

Ein Ort der Schönheit und des Schreckens hingegen ist der Palacio de la Inquisición an der Stirnseite der Plaza Bolívar, ein mächtiger Bau im andalusischen Stil mit einem monumentalen Barockportal und zwei mächtigen Pilastern für das inzwischen verwitterte vatikanische Wappen, mit schattigen Patios, hölzernen Balkonen und offenen Treppenhäusern, mit Marmorböden, Kassettendecken, Arkadengängen und Wandelgalerien. Heute wird die Inquisition in dem Palast nicht mehr exekutiert, sondern ihre Geschichte dokumentiert, beginnend mit einem Porträt des Großinquisitors Tomás de Torquemada, der allein zehntausend Menschen auf den Scheiterhaufen schickte. In Cartagena wurde die Inquisition 1610 eingeführt, als drittem Ort in Amerika nach Mexiko-Stadt und Lima, doch sie wütete nicht gerade im Königreich Neu-Granada: In zweihundertelf Jahren kam sie auf fünf Verbrennungen und sechsundfünfzig Autodafés, also öffentliche Abschwörungen vom Unglauben mit anschließender Rückkehr in den Schoß der Kirche.

Zeitlos schön: Der Uhrturm bewacht einen der Eingänge in die fast vollständig ummauerte Altstadt.
Zeitlos schön: Der Uhrturm bewacht einen der Eingänge in die fast vollständig ummauerte Altstadt. Bild: INTERFOTO

Zu mehr Todestaten konnten sich die lebenslustigen Bewohner von Cartagena nicht aufraffen, obwohl sie am „Fenster des Denunzierens“ an der Fassade des Palastes angebliche Schandtaten anzeigen konnten, obwohl der Katalog der Delikte von Hexerei, Ketzerei und Freimaurerei über Bigamie, Blasphemie und Sodomie bis zu Protestantismus, Schamanismus und Okkultismus reichte und obwohl den Folterknechten das passende Werkzeug zur Geständniserzwingung bereitstand. Ein kleines Gruselkabinett im Inquisitionspalast, in dessen Garten Nachbauten von Galgen und Guillotine für das Selfie stehen, zeigt eine Zange zum Abschneiden der Brüste ehebrecherischer Frauen, eine Halskrause aus Eisendornen, mit denen man Gotteslästerer zu Tode würgte, und „La Horquilla del hereje“, den kleinen Galgen des Ketzers, eine grausliche Apparatur mit vier scharfen Spitzen zum Fixieren des Kopfes – jede Bewegung führte zum sofortigen Tod, doch man konnte zugleich reden und seine Verbrechen wider den Allmächtigen gestehen.

Die Wiederauferstehung einer vergessenen Schönheit

Vor so viel Grausamkeit flüchten wir lieber in den ersten Stock des Palastes, in dem die Geschichte des unabhängigen Kolumbiens mit maximalem Heldenpathos erzählt wird – und wir ganz beiläufig erfahren, welchen horrenden Preis Cartagena für seine Freiheit zahlen musste: Nach der Unabhängigkeit verwelkte die blühende Blume der Karibik zu einem vergessenen Nest, das mehr als hundert Jahre lang in der Misere darbte und erst dank seiner Schönheit, die fast ausschließlich ein Werk der Kolonialherren ist, von seinen zahllosen Liebhabern aus der Lethargie errettet wurde.

Bild: F.A.Z.

Es waren die internationalen Touristen, die gemeinsam mit dem nationalen Geldadel Cartagena de Indias wachküssten und der Stadt eine einzigartige Doppelrolle bescherten. Denn sie besteht nicht nur aus ihrem augapfelgleich gehüteten, 1984 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannten Kolonialzentrum, sondern auch aus Bocagrande, jener schmalen Landzunge voller sahneweißer, bis zu vierzig Etagen hoher Apartmenthochhäuser, in denen es sich die gesamte kolumbianische Oberschicht bequem gemacht hat. Heute sehen die Seefahrer von Cartagena nicht mehr als Erstes die Kuppeln der Kirchen und Konvente oder die Kasematten der Festung San Felipe, sondern die luxuriösen Wohntürme von Bocagrande mit ihren Hunderten von Zweitwohnsitzen. Sie sind Fanal und Garant dafür, dass die schöne Stadt an der Karibikküste nicht nur ein Touristenziel ersten Ranges ist, sondern auch der angenehmste und lebenswer­teste Ort in ganz Kolumbien – eine Art interne Schweiz dieses unruhigen Landes, viel zu kostbar, um in die endlosen kolumbianischen Konflikte hineingezogen zu werden. Weder die Drogenbarone noch die Guerrilleros oder die Regierungstruppen haben ihre Kämpfe jemals in Cartagena ausgefochten, niemand hat es gewagt, die Schönheit und Friedfertigkeit dieses Ortes mit Gewalt zu besudeln, dafür sorgen schon die Reichen und Mächtigen in ihren Turmbauten, ganz gleich, auf welcher Seite des Gesetzes sie stehen.

Keine Trutzburg des Snobismus

Bocagrande ist das Gegengewicht aus der Gegenwart, das Cartagena nicht in der Musealität seiner Vergangenheit erstarren und zur bloßen kolonialen Kulisse mit morschen Knochen erstarren lässt. Und trotz seines ganzes Geldes, trotz der vielen Luxuslimousinen deutscher Premiumproduzenten, der zahllosen plastischen Chirurgen und Schönheitssalons ist Bocagrande keine Trutzburg des Snobismus, sondern ein entspannter Ort, an dem Arm und Reich gemeinsam mit Pelikanen im Meer baden und man für drei Euro im Strandrestaurant einen frisch gefangenen, direkt von den Fischern beim Koch abgelieferten Buntbarsch mit Kokosreis und frittierten Kochbananen bekommt – und wir ganz nebenbei angesichts all der Kunstgeschöpfe im Bikini plötzlich verstehen, warum Fernando Botero, der berühmteste Künstler Kolumbiens, am liebsten dicke Frauen malt: Es muss ein anarchistischer Protest gegen die Diktatur von Neunzig-Sechzig-Neunzig sein.

Ist Schönheit käuflich? Ja, sagen manche und werfen Cartagena de Indias vor, seine Schönheit an den Tourismus verkauft zu haben und sich vollkommen von ihm durchdringen zu lassen. Das ist schwer zu leugnen, denn kaum ein Haus innerhalb der Wehrmauern wird noch von Einheimischen bewohnt, fast jedes ist zu einem Boutique-Hotel oder einer Ferienunterkunft geworden. Kaum Alltagsleben gibt es hier noch, sondern fast nichts anderes mehr als Restaurants, Bars, Cafés, Souvenirgeschäfte, Schmuckläden, Reisebüros, Fahrradverleiher, Straßenprostituierte, Sonnenbrillenfachhändler mit handgefertigter Designer-Ware direkt aus Berlin und Horden ambulanter Händler beinahe in Heuschreckenplagenzahl.

Wonderwoman trifft Superman

Jetzt ist es wunderbar still in der Stadt, jetzt torkeln keine nordamerikanischen Trinktouristen durch die Gassen, doch die Vorstellung, wie es hier in normalen Zeiten unter touristischer Volllast zugeht, lässt uns ein wenig schaudern. Welches Recht aber haben wir, den Menschen in Cartagena das Recht auf ihr Stück vom Tourismuskuchen abzusprechen? Natürlich gehen auch uns all die penetranten Kutscher auf die Nerven, die uns pausenlos fragen, ob wir mitfahren wollen, und all die fliegenden Händler, die uns fast im Sekundentakt ihr immer gleiches Sortiment aufdrängen, Bierdosen, Wasserflaschen, Billigschmuck, Holzspielzeug, Miniaturschachbretter, kubanische Zigarren seltsamerweise ausnahmslos aus dem Hause Cohiba.

Doch auch sie müssen leben, genauso wie die Mulattinnen in ihren papageienbunten Kostümen, die Körbe voller Obst für den Verkauf an Touristen auf dem Kopf balancieren und sich nebenbei gegen Bezahlung als Fotomotiv anbieten; genauso wie die besonders einfallsreichen Einheimischen, die sich als Michael Jackson, Superman, Ironman, Wonderwoman, Captain America oder sonstigen Superhelden verkleiden und für Fotos meist mit begeisterten Amerikanern posieren, wobei am allerbeliebtesten ein apokalyptischer Reiter ohne Kopf und der ägyptische Totengott Anubis sind. Der Spaß und unsere Toleranz hören allerdings bei den nervtötenden „Raperos“ auf, jungen Burschen, die sich als Stegreifrapper versuchen, Passanten an die Fersen heften und ihnen mit spontan gedichteten Versen über ihr Aussehen oder ihre Kleidung auf die Pelle rücken.

Die Zeichen der Exzesse sind unübersehbar, selbst jetzt in Zeiten der Seuche. „Es reicht! Schluss mit dem Lärm! Wir wollen keine Diskotheken in den Vierteln mit Wohnungen und Hotels“, steht auf einem Bettlaken, das von einem Balkon hängt. „Hupt nicht, schreit nicht! Hier wohnen Menschen, die schlafen wollen“, heißt es auf einem anderen Protestbettbezug. Und auf einem Graffito in Getsemaní, dem Viertel der kleinen Leute neben der Altstadt, das gerade im Zeitraffer gentrifiziert und von nordamerikanischen Freizeit-Bohemiens gekapert wird, prangen wie ein vergeblicher Hilfeschrei Jesu an Maria Magdalena gerichtete Worte „Noli me tangere“. Noch aber gibt es Leben jenseits des Tourismus in Getsemaní, noch hocken die Menschen in der kühlen Abenddämmerung auf Plastikschemeln vor ihren Häuschen, noch tollen Kinder durch die Straßen, noch verkaufen schummrige Ladenlokale mit Funzelglühbirnen alles für den täglichen Bedarf. Und noch wollen wir nicht den Glauben daran verlieren, dass Schönheit unverkäuflich ist. Denn Cartagena de Indias ist einfach zu schön dafür.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot