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Reiseveranstalter

Urlaub futsch! Geld auch?

Aktualisiert am 03.04.2020
 - 19:37
Überstürzter Abbruch: Passagiere eines deutschen Kreuzfahrtschiffes werden aus Australien ausgeflogen. zur Bildergalerie
Eine ganze Branche steht vor dem Kollaps, wenn alle Urlauber den Preis für ihre stornierten Reisen augenblicklich zurückverlangen. Wie kann beiden Seiten geholfen werden? Ein Gespräch mit dem Reiseveranstalter Ralf Wiemann.

Ralf Wiemann ist Geschäftsführer des Reiseveranstalters erlebe-fernreisen und vertritt als Mitglied im Vorstand der AER Kooperation 430 der etwa dreitausend Reiseveranstalter in Deutschland sowie 730 der etwa dreizehntausend Reisebüros. Es ist keine gute Zeit für seine Branche. Grenzen wurden geschlossen, Flugzeuge stehen auf dem Boden, in vielen Ländern gelten Ausgangssperren. Zunächst waren die Veranstalter damit beschäftigt, Urlauber zurück nach Hause zu holen. Zugleich mussten alle gebuchten Reisen für die kommenden Monate abgesagt werden. Mit seinen Mitgliedern hat Wiemann einen Film gedreht, den man auf Youtube anschauen kann. Er lässt keinen Zweifel daran, dass ihnen das Wasser bis zum Halse steht. Aber es gibt auch die Perspektive jener Urlauber, die überhaupt jetzt erst verreisen wollten. (F.A.Z.)

Herr Wiemann, beginnen wir mit einem konkreten Fall: Ich habe für die Osterferien für mich und meine Familie eine Pauschalreise gebucht. Sie wurde abgesagt. Was passiert nun?

Es tut mir leid, dass auch Sie, wie so viele Familien, den Urlaub nicht antreten können. Wegen der Corona-Pandemie mussten alle Reisen abgesagt werden. Sie haben jetzt die Möglichkeit, nach §651 BGB kostenfrei zu stornieren und Ihr Geld innerhalb von vierzehn Tagen zurückzuerhalten, kostenlos auf einen späteren Zeitpunkt umzubuchen oder einen Reisegutschein anzunehmen.

Die Reise wurde vom Veranstalter abgesagt. Welche Rechte hat man dadurch? Sind es andere, als wenn man selbst storniert hätte?

Bei einem behördlichen Einreiseverbot wegen der Corona-Pandemie handelt es sich um einen unvermeidbaren, außergewöhnlichen Umstand im Sinne des Pauschalreiserechts gemäß § 651h BGB und der EU-Fluggastrechteverordnung, wenn die behördliche Maßnahme direkte Folge des Coronavirus ist. Sowohl eine Pauschalreise als auch ein einzelner Flug oder eine einzeln gebuchte Unterkunft lassen sich daher kostenfrei stornieren oder durch den Anbieter absagen. Schadenersatz für Folgeschäden oder vergebliche Kosten sind für den Gast jedoch wegen fehlenden Verschuldens ausgeschlossen.

Das heißt im Klartext: Der Kunde hat Anrecht auf sein Geld?

Laut Pauschalreiserichtlinie und BGB hat der Kunde natürlich Anrecht, sein Geld nach einer Reiseabsage innerhalb von vierzehn Tagen auf seinem Konto zu haben.

Wenn nun jeder Urlauber auf Rückerstattung bestünde, könnten das die Veranstalter überhaupt leisten?

Das wäre unweigerlich das kurzfristige Aus fast aller deutschen Reisebüros und Veranstalter – mit kaum überschaubaren Folgen. Jenseits aller wirtschaftlichen wie persönlichen Konsequenzen in einzelnen Fällen würde das Reisen generell in der Zukunft dadurch schwierig und auch teuer werden.

Es bringt also ein Gesetz, das der Sicherheit der Kunden dienen soll, nun eine ganze Branche in Gefahr?

Der §651h (4) BGB ist für Pandemien wie die jetzige weder gedacht gewesen noch geeignet. Wir Reiseveranstalter, die in der Vergangenheit gut gewirtschaftet haben, sind jetzt mit gleich einer ganzen Reihe von Herausforderungen konfrontiert: Bei jeder Buchung geht der Reiseveranstalter mit etwa achtzig Prozent Vorauszahlung in die Pflicht, um überhaupt Leistungen anbieten zu können. Diese Gelder erhalten wir nur zu einem geringen Teil zurück, die meisten Leistungsträger wie Fluggesellschaften und Hotels gewähren stattdessen kostenlose Umbuchungen auf einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahr – dabei waren es ja die Airlines, die ihre Strecken gestrichen haben. Wir haben dadurch viel Liquidität verloren.

Wir starten jetzt mit Kurzarbeit, obwohl wir noch immer täglich gestrandete Kunden aus dem Ausland zurückholen. Auch das bedeutet Mehrkosten. Das Auswärtige Amt koordiniert zwar die Flüge, aber bezahlen müssen wir. Außerdem muss diesen Gästen der Anteil der Reise rückerstattet werden, den sie nicht nutzen konnten. Auch hier erhalten wir das Geld der Partner nur bedingt zurück und zahlen so doppelt. Und dann müssen wir nach dem geltenden Recht eben für die stornierten Reisen innerhalb von vierzehn Tagen den Reisepreis erstatten. Uns wäre es selbstredend lieber, die Kunden entschieden sich für direkte Umbuchungen oder Gutscheine, doch wollen sich viele aus Angst vor Veranstalterinsolvenzen darauf nicht einlassen, zumal solche Gutscheine aktuell nicht insolvenzgesichert sind. Wäre das der Fall, etwa durch eine Absicherung durch den Staat, und würden sich die Gäste auf solche Gutscheine einlassen, würden vermutlich alle Veranstalter überleben.

Für die Reisebranche kommt erschwerend hinzu, dass sie mit neuen und gar schnellen Geschäften momentan nicht rechnen kann. Es werden in den kommenden Monaten Reisen weder stattfinden noch für die nähere Zukunft gebucht. Die Einnahmen der Veranstalter liegen deshalb bei null. Auch wenn die Corona-Maßnahmen irgendwann gelockert werden und Restaurants, Kaufhäuser oder Boutiquen augenblicklich loslegen können, wird kaum jemand sofort ans Verreisen denken.

Mir wurde, um die Kosten des Unternehmens niedrig zu halten, die Möglichkeit einer Umbuchung angeboten. Was aber geschieht, wenn auch diese Reise nicht stattfindet?

Wenn ein Alternativtermin auch nicht stattfinden kann, sollte eine weitere Umbuchungsmöglichkeit bestehen oder dann wegen Unmöglichkeit der Reise der Preis zurückbezahlt werden. Doch wie es im Augenblick aussieht – und wenn die Politik nicht schnellstmöglich reagiert –, dann ist es eher unwahrscheinlich, dass man sein Geld wiederbekommt. Denn dann wird die Reisebranche vor der nächsten Umbuchung nicht mehr existieren. In solch einem Fall wird sich der Reisegast künftig nur noch an Online-Anbieter wenden können. Die allerdings interessiert das europäische Reiserecht schon gar nicht. Was überhaupt für alle im Internet gebuchten Reisen zutrifft. Alle Rechte werden ausgehebelt.

Sicher wäre es für den Kunden bequemer, wenn der Veranstalter Gutscheine anböte, die auch für andere Termine und womöglich sogar andere Ziele gelten. Aber hilft dem Veranstalter das weiter, wenn er seine Partner längst bezahlt hat?

Das wäre für uns das kleinere Risiko. Dennoch versuchen wir, die Gäste davon zu überzeugen, in das- selbe Zielgebiet mit derselben Fluggesellschaft zu reisen. Falls dies nicht passiert, haben wir das Geld für die ursprünglich gebuchte Reise zwar verloren, können dem Gast jedoch eine Alternative anbieten und dadurch dessen Vertrauen zurückgewinnen. Ich gehe davon aus, dass mindestens siebzig Prozent der Gäste wieder in das gleiche Land reisen wollen. Dieses Risiko ist kalkulierbar.

Aber meine Umbuchung oder mein Gutschein sind nichts mehr wert, wenn das Unternehmen am Ende doch Insolvenz anmeldet. Oder übernimmt dann eine Versicherung die Ansprüche?

Aktuell gibt es keine Versicherung, die Gutscheine insolvenzversichert. Das Geld wäre in diesem Fall also verloren. Wenn nun allerdings viele Veranstalter gleichzeitig Insolvenz anmelden müssen, da sie in so kurzer Zeit nicht all die geforderten Beträge bezahlen können, ist das Geld zum größten Teil ebenfalls weg, da es zurzeit bei einem Wert von maximal hundertzehn Millionen Euro gedeckelt ist. Also nützt es dem Kunden aktuell gar nichts, sein Geld zurückzufordern, weil er es in einer Insolvenz-Pandemie nur zu einem geringen Teil zurück- erhalten würde. Bei einer Umbuchung oder einem Gutschein ist die Chance für den Kunden deutlich höher, dass seine Ansprüche zu hundert Prozent erhalten bleiben.

Bedeutet das, dass der vielgepriesene Sicherungsschein gar keinen Wert hat?

Normalerweise schon, aber nicht in solch extremen Krisenzeiten, in denen alle Veranstalter betroffen sind. Ohne staatliche Hilfe werden Tausende bislang wirtschaftlich gesunde Unternehmen in der Tourismusbranche schon bald nicht mehr zahlungsfähig sein.

Wie konnte es für Sie zu dieser Situation überhaupt kommen? Hatten Sie keine Lobby in Brüssel, als im Juli 2018 durch ein neues EU-Recht alle Verantwortung für eine Reise allein dem Veranstalter übertragen und dabei „höhere Gewalt“ ausgeschlossen wurde?

Eine gute Frage. Wir haben schon damals davor gewarnt, dass es nicht sein kann, dass komplett jede Verantwortung bei einer Reise auf den Reiseveranstalter abgewälzt wird. Allerdings sind wir da nicht gehört worden.

Hat der Veranstalter durch eigene Reisebedingungen im sogenannten Kleingedruckten die Möglichkeit, seine Verantwortung zu umgehen oder wenigstens zu minimieren?

Nein, da gesetzliche Bestimmungen immer über AGBs stehen.

Schutz brauchen momentan also vielmehr Sie?

Ja, unbedingt. Selbst die Möglichkeit der Kurzarbeit ist für uns aktuell schwierig, denn sie gilt nur, wenn keine Arbeit vorliegt – und davon sind die meisten Reiseveranstalter und Reisebüros mit ihren Hilfsmaßnahmen derzeit weit entfernt. Ein auf den Tourismus zugeschnittenes staatliches Hilfspaket wird dringend benötigt, so wie es in anderen EU-Nachbarländern schon existiert. Die Krise hat alle Reiseunternehmen hart und eiskalt erwischt. Ohne staatliche Hilfe wird kaum ein kleines Unternehmen die Krise überleben.

Für große Veranstalter gibt es einen Fonds bei der KfW als Rettungsschirm. Profitieren die in Ihrem Verband zusammengeschlossenen kleinen Veranstalter davon gar nicht?

Den Wirtschaftsstabilisierungsfonds für Großunternehmen gibt es für die kleinen und mittelständischen Veranstalter in dieser Form nicht. Wir können lediglich zinsvergünstigte Darlehen bei der KfW beantragen, um damit unsere Liquidität zu sichern. Der Zugang ist zwar niedrigschwellig, benötigt aber aktuell noch eine persönliche, hundertprozentige Bürgschaft des jeweiligen Unternehmers. Denn die Haftungsfreistellung von neunzig Prozent bedeutet in diesem Zusammenhang keineswegs, dass der Unternehmer nur für die verbleibenden zehn Prozent persönlich haften muss. Letztlich können wieder einmal nur große Veranstalter auf staatliche Sonderlösungen und Kredite zurückgreifen, während die kleinen und mittelständischen Veranstalter das volle Risiko selbst tragen müssen.

Welche Forderungen stellen Sie an die Politik?

Wie immer unterstützt die Politik vor allem Großunternehmen, etwa die TUI oder die Lufthansa. Wann aber wird konkret endlich einmal dem bisher so gesunden Mittelstand geholfen? Der Mittelstand, das kann man nicht oft genug betonen, bildet das Rückgrat einer gesunden Wirtschaft. Dieses Rückgrat wird gerade zerstört. Das ist fatal für Deutschlands Zukunft!

Es soll der Weg für eine Gutscheinlösung auf europäischer Ebene frei gemacht werden. Die Gutscheine, die Verbraucher dann erhalten, müssen, um ihre Werthaltigkeit zu garantieren und das Vertrauen der Kunden damit zu gewährleisten, von den einzelnen Staaten abgesichert sein. Neben der Liquiditätssicherung für Reiseveranstalter, Reisevertrieb und Fluggesellschaften stellt ein solches Vorgehen sicher, dass Kunden nicht geschädigt werden, da die gebuchten Reisen nach Ende der Corona-Krise auch tatsächlich angetreten werden können. Zugleich sollte ein Notfonds eingerichtet werden, um für jede kostenlose Rückzahlung den Veranstaltern zwanzig Prozent des Vertragspreises als Verdienstausfall zu erstatten, den Reisebüros zehn Prozent.

In einigen EU-Staaten, darunter Italien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden, ist das Reiserecht der momentanen Krise angepasst worden. Jetzt müssen die Regelungen EU-weit vereinheitlicht werden und manche Bestimmungen vorübergehend ausgesetzt werden. In puncto Kurzarbeit sollten die Lohnkosten von der Regierung übernommen werden, anstatt Einsparungen nur durch Arbeitsausfälle möglich zu machen, da der Arbeitsaufwand durch Rückholaktionen und Umbuchungen gestiegen ist. Die Niederlande gehen hier mit gutem Beispiel voran.

Sind die Margen im Tourismus zu niedrig, um ausreichend Rücklagen zu bilden? Ist Reisen zu billig?

Margen in der Touristik sind niedriger als in anderen Branchen, und wir kämpfen gegen internationale Mitbewerber, die nicht die gleichen, rechtlich verbürgten Pflichten haben. Urlaub sollte aber auch kein Luxusgut werden, sondern für alle Menschen bezahlbar bleiben.

Was wünschen Sie sich von Ihren Kunden?

Wir wünschen uns genau das Vertrauen, das uns die Kunden auch vor der Krise entgegenbrachten. Dass sie bereit sind, das bereits bezahlte Geld schon jetzt für ihre nächste Reise einzusetzen, und es nicht direkt zurückfordern. In unserem konkreten Fall, so haben wir festgestellt, wären siebzig Prozent der Kunden mit einem Reisegutschein einverstanden, wenn er insolvenzgesichert ist. Ohne das Vertrauen unserer Kunden werden wir alle nicht mehr existieren. Eine gesamte Branche steht kurz vor dem Kollaps.

Sie fordern von Ihren Kunden Verständnis, Rücksicht und Geduld. Es sollte also, ganz ähnlich wie bei den Virusinfektionen, die Kurve flach gehalten werden?

Genau richtig! Wenn wir jetzt und in den kommenden Wochen weniger ausbezahlen müssen und dann allmählich die ersten neuen Buchungen gemacht werden, können wir mit dem Geld für den Gast arbeiten. Die derzeitige Situation ist unglaublich. Etliche Kunden drohen bereits mit ihrem Anwalt, um ihr Stornogeld einzuklagen – und das Reiserecht ist in diesem Fall eben auf Kundenseite. Aber für solch eine Ausnahmesituation war es, wie gesagt, nicht gedacht.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Solidarität und Verständnis unter den Beteiligten: ob Leistungsträger wie Hotels, Mietwagengesellschaften, Fluggesellschaften oder Reiseveranstaltern, Reisebüros und unseren Reisegästen – und letztlich der Politik. Drei Millionen Arbeitsplätze sind allein in Deutschland direkt vom Tourismus abhängig, weitere 1,2 Millionen indirekt. Zehn Prozent der Weltwirtschaftsleistung kommen aus dem Tourismus. Dabei muss allen bewusst werden, dass sie mit der Unterstützung und dem Akzeptieren eines Gutscheins Existenzen nicht nur hier, sondern auch in den besuchten Ländern vor dem möglichen Ruin bewahren. Die Zahl der Betroffenen ist größer, als man es auf den ersten Blick ahnt. Auch die Situation unserer Partner und deren Mitarbeitern ist mehr als schwierig. Überall auf der Welt bestreiten Menschen ihre Existenz nicht zuletzt durch Urlauber aus Deutschland. Wenn wir keine Gäste mehr schicken können, hat dies für sie fatale Folgen. Solidarität und Zusammenhalt sollte der Fokus im ganzen Tourismus sein und ist für einen gemeinsamen Weg aus der Krise unerlässlich.

Die Fragen stellte Freddy Langer.

Quelle: F.A.Z.
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