Da bewegt sich was

Von STEFFI HENTSCHKE, Fotos von ROBERT GOMMLICH

28. Oktober 2020 · Leerstand führt nicht zwingend zu einer leeren Stadt: Chemnitz ist viel aufgeweckter, als die graue Ostmoderne es erwarten lässt. Gerade wurde die sächsische Stadt zur Kulturhaupstadt Europas 2025 gekürt.

An einem Samstag Anfang Oktober fliegen in Chemnitz Wut und Zorn durch die Luft. Es ist Tag der Deutschen Einheit. Auf dem Sonnenberg, einem hügeligen Viertel im Zentrum der Stadt, findet zum Auftakt des Nachbarschaftsfests „Hang zur Kultur“ eine Kissenschlacht an einer Straßenkreuzung statt. „Los, teilt euch, streitet euch“, ruft ein Moderator und verteilt die mit Gefühlen bedruckten Kissen auf dem Asphalt. Kinder und Erwachsene greifen danach, fangen an, sich gegenseitig zu bewerfen. Auf der Bühne legt ein DJ Musik auf, an einer Laterne lehnt ein älterer Herr mit Hut und beugt sich vor Lachen. „Ein bisschen Ironie gehört in Chemnitz dazu“, sagt Mandy Knospe, die Frau, die sich das Nachbarschaftsfest ausgedacht hat. Knospe, eine zierliche Frau Anfang 40, die T-Shirt, Jeans und Turnschuhe trägt, steht am Rand des Geschehens und möchte noch etwas ergänzen, da fliegt auch ihr ein Kissen gegen den Kopf.


„Ein bisschen Ironie gehört in Chemnitz dazu.“
MANDY KNOSPE

Spannungsabbau am Tag der Deutschen Einheit: Kissenschlacht in Chemnitz
Spannungsabbau am Tag der Deutschen Einheit: Kissenschlacht in Chemnitz
Spannungsabbau am Tag der Deutschen Einheit: Kissenschlacht in Chemnitz
Die Kulturförderer Mandy Knospe und Lars Faßmann
Die Kulturförderer Mandy Knospe und Lars Faßmann
Chemnitz, was hat die drittgrößte Stadt Sachsens anzubieten? Gegen Dresdens Prunk und Leipzigs Charme kann sich Chemnitz schwer behaupten, verfügt weder über ein Fünf-Sterne-Hotel noch über einen Fernzug-Anschluss. 50.000 von 300.000 Einwohnern hat Chemnitz seit der Wende verloren. Das merkt man der Stadt an jeder Ecke, auch an dieser Kreuzung an. Die grau verputzten Altbauten wehren sich nicht mehr gegen den Verfall. Daneben warten frisch sanierte Häuser auf neue Bewohner. Allein auf dem Sonnenberg liegt der Leerstand bei mehr als 20 Prozent. Chemnitz ist kein Ort zum Konsumieren, aber das schafft Raum für kreative Ideen. „Wir haben hier so viel Platz, in welcher Stadt gibt es das heute noch?“, sagt die Kulturschaffende Knospe und hebt das Kissen vor ihren Füßen auf. Das Wort „Glück“ steht darauf.

Grau ist der Himmel an diesem Tag, aber die Luft ist warm und die Stimmung gelöst. Mandy Knospe will einen kleinen Rundgang über das Fest beginnen, als sie ihren Partner auf der anderen Seite der Kreuzung entdeckt. Der Unternehmer Lars Faßmann ist so etwas wie der Kulturmäzen vom Sonnenberg. Vor einigen Jahren kaufte er zum Abriss freigegebene Häuser entlang der Straße und stellt sie seitdem den Kreativen zur Verfügung. Der kräftige Mann mit blonden Locken lässt sich leicht erkennen, er ist der Einzige, der Anzug trägt. Als parteiloser Kandidat hat sich Faßmann für das Amt des Oberbürgermeisters beworben. Im ersten Wahlgang reichte es nur für einen hinteren Platz. Auch in der zweiten Runde am 11. Oktober wird er nur 6,4 Prozent der Stimmen erhalten, aber immerhin vor der AfD liegen, und das ist in Chemnitz durchaus ein Erfolg.
Der „Wirkbau“ in Chemnitz ist ein ehemaliges Fabrikgelände und nun Zuhause für Start-ups und Kaffekocher.
Der „Wirkbau“ in Chemnitz ist ein ehemaliges Fabrikgelände und nun Zuhause für Start-ups und Kaffekocher.
Haus mit Künstlerateliers
Haus mit Künstlerateliers
Alter Industriebau in Chemnitz
Alter Industriebau in Chemnitz

„Wir haben hier so viel Platz, in welcher Stadt gibt es das heute noch?“
MANDY KNOSPE

Auf dem Weg die Straße hinunter bleiben Knospe und Faßmann immer wieder stehen, grüßen Freunde, beantworten Fragen. Beim ersten „Hang zur Kultur“ vor zwei Jahren hatten zwei Künstler in einem von Faßmanns Häusern einen Spätshop als Kunstprojekt eröffnet. Offiziell ist der Betrieb von Kiosken, die auch nachts geöffnet sind, in Sachsen verboten. Während sich Leipzig und Dresden dafür aber Lösungen im Graubereich überlegt haben, bleibt die Chemnitzer Stadtverwaltung bisher standhaft. Und so überraschte kürzlich eine Meldung in der Lokalzeitung, dass der Spätshop nun doch richtig öffnen solle. „Erst mal machen wir nur heute für das Fest auf, langfristig müssen wir uns erst ein Konzept mit kleiner Gastronomie überlegen, damit es rechtlich in Ordnung ist“, erklärt Knospe einem Mann, der sie auf den Artikel angesprochen hat, und erzählt, dass sich bereits das Ordnungsamt erkundigt und auf das Verbot hingewiesen habe. Die Runde lacht.

Wer Chemnitz mit Humor nimmt, kann hier viel Freude haben. Das hat irgendwann auch die Bloggerin Johanna verstanden. Die 31-Jährige kam für ihr Studium aus dem Umland nach Chemnitz und hatte erst vor, ein Kulturblog zu starten, mit Veranstaltungsempfehlungen und ernsthaften Beiträgen. „Aber es waren eh immer dieselben Leute, die überall waren“, sagt Johanna, die mittlerweile nur noch mit scharfer Zunge das Chemnitzer Geschehen kommentiert und dabei offiziell anonym bleibt, auch wenn die meisten in Chemnitz ihren vollen Namen kennen. Zusammen mit Freunden sitzt Johanna auf einer Bank vor dem Spätshop. Die Fassade des Hauses leuchtet in Blaulila, bildet den idealen Kontrast zu dem prägenden Grau der Stadt. Während drinnen Menschen für ihre Getränke anstehen, sammeln sich draußen kleine Grüppchen, taucht darunter kurz die Chemnitzer Prominenz, die Mitglieder der Band Kraftklub, auf, ehe sie wieder in der Menge verschwinden. 

Sozialistische Bauten aus der DDR-Zeit im Chemnitzer Stadtzentrum

Chemnitz lebt von seiner freien Kulturszene, und Bloggerin Johanna ist so etwas wie die alternative Stadtschreiberin. Re:Marx heißt ihr Blog, in Anlehnung an Karl Marx, nach dem die SED-Führung Chemnitz zu DDR-Zeiten umbenannt hatte. Die Elite von damals hatte sich viel vorgenommen, wollte Karl-Marx-Stadt zur modernen Wirtschaftsmetropole, einem Aushängeschild des Sozialismus machen. Geblieben sind davon wuchtige Bürokomplexe und überbreite Straßen, Erbstücke aus Teer und Beton. „Mittlerweile genieße ich ja das Grau in all seinen Facetten und bin echt Fan der Ostmoderne“, sagt Johanna und verabschiedet sich von ihren Freunden. Sie nimmt sich den Nachmittag Zeit für eine Stadtbesichtigung. Unterwegs erzählt sie, wie Chemnitz ihren Sinn für Ästhetik verändert habe. 


„Was ich früher hässlich fand, finde ich heute schön.“
JOHANNA, Bloggerin

Gerade ist Chemnitz zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 gewählt worden. Schon nach ersten Runde flossen Gelder für neue Projekte, in diesem Sommer in die Ausstellung „Gegenwarten“. An verschiedenen Stellen im Zentrum haben Künstlerinnen und Künstler Installationsarbeiten aufgebaut und damit die schwelenden Konflikte in Chemnitz sichtbar gemacht. „Es gab richtig Hass, vor allem bei Facebook. Von wegen verschwendetes Steuergeld und dass so was doch keine Kunst sei“, erzählt Johanna und führt zu einem Fußgängertunnel an einer Ausfallstraße, der den Stadtteil Sonnenberg mit dem Hauptbahnhof verbindet. Bazillenröhre nennen die Chemnitzer die Unterführung und meinen das wenig liebevoll. Im Rahmen der Ausstellung hat eine Künstlerin aus den Niederlanden die schummrig gelben Neonlampen im Tunnel durch pinke Leuchtkörper ausgetauscht. Eine Arbeit, die sich durchaus als Sinnbild für das kulturelle Leben in Chemnitz verstehen lässt: Lichtblicke in einer Welt, die mitunter finster sein kann. Das bekannteste Werk der Ausstellung nämlich, ein im Teich des Stadtparks versenktes Auto, haben Unbekannte erst vor ein paar Wochen mit Baseballschlägern demoliert. 

Die Eisenbahnunterführung wird zärtlich „Bazillenröhre“ genannt, nun erstrahlt sie violett als Kunstwerk.
Die Eisenbahnunterführung wird zärtlich „Bazillenröhre“ genannt, nun erstrahlt sie violett als Kunstwerk.
Die Eisenbahnunterführung wird zärtlich „Bazillenröhre“ genannt, nun erstrahlt sie violett als Kunstwerk.

Am späten Nachmittag, angekommen im Park, bricht die Sonne durch die Wolken, knallen die Chemnitzer Gegensätze aufeinander. Während auf dem Teich Familien in Paddelbooten treiben und sich die Gäste in dem Imbiss am Ufer Bockwurst und Bier bestellen, ziehen von der anderen Seite Nebelschwaden über das Wasser hinüber. Mitten im Teich liegt eine kleine Insel, auf der findet an diesem Tag ein Technofestival statt. Auf der schmalen Brücke vom Ufer zur Insel stehen junge Frauen, die Trenchcoats und Shorts, und Männer, die bunte Hemden und Gürteltaschen tragen, suchen auf ihren Telefonen die elektronischen Tickets für das Festival heraus. „Ich habe gar kein Internet, du?“, fragt eine Wartende ihren Freund. Die beiden seien aus Berlin angereist, sagen sie und hätten sich bereits über das Auto im Wasser gewundert. „Das ist bestimmt ein Kunstprojekt, oder?“, fragt die Frau. „Schöne Sache“, sagt der Mann.

Versenktes Auto des Künstlers Roman Signer: Das Kunstwerk „Sinking/Versinken“ im Schloßteich in Chemnitz
Versenktes Auto des Künstlers Roman Signer: Das Kunstwerk „Sinking/Versinken“ im Schloßteich in Chemnitz
Das ist Kunst, das bleibt – zumindest im Gedächtnis der Chemnitzbesucher.
Das ist Kunst, das bleibt – zumindest im Gedächtnis der Chemnitzbesucher.

Widerstand verbindet, das haben die Chemnitzer Kulturschaffenden im Sommer 2018 gelernt. Damals, nachdem bei einem Streit ein Chemnitzer von einem Geflüchteten getötet worden war, erlebte die Stadt die heftigsten rechtsextremen Ausschreitungen seit den Wendejahren. In einer Mischung aus Schock und Entsetzen bäumte sich die Zivilgesellschaft gegen die mehr als 10.000 rechten Demonstranten auf, organisierte Gegendemonstrationen und ein Konzert, zu dem mehr als 65.000 Zuschauer aus ganz Deutschland kamen. Da waren auch: Die Toten Hosen, Marteria, KIZ, Trettmann, Kraftklub natürlich, Casper – und Universal und viele andere Musikunternehmen schickten damals ihre Mitarbeiter auch auf Betriebsausflug dorthin. Aus Chemnitz kommen viele Roadies für die meisten deutschen Bands, zum Beispiel für die Toten Hosen, deshalb gibt es eine extrem gut vernetzte Szene. 

Während des Kunstfestivals „Hang zur Kultur“ standen etliche Hinterhöfe im Stadtteil Sonnenberg allen offen.
Während des Kunstfestivals „Hang zur Kultur“ standen etliche Hinterhöfe im Stadtteil Sonnenberg allen offen.
Während des Kunstfestivals „Hang zur Kultur“ standen etliche Hinterhöfe im Stadtteil Sonnenberg allen offen.

„Wir sind mehr“ war das Motto, und diejenigen, die damals dabei waren, schwärmen heute noch davon, wie prägend jene Tage waren. Wie sehr sie das Gefühl, vielleicht nicht mehr, aber eben doch nicht allein zu sein, seitdem trägt. „Wenn wir Kulturhauptstadt werden, dann wegen 2018", sagt die Bloggerin Johanna auf dem Rückweg vom Park, vorbei am Karl-Marx-Monument, dem grimmig schauenden Bronzekopf und Wahrzeichen der Stadt. „Also wegen dem, was wir seitdem geschafft haben.“

Zurück auf dem Sonnenberg, im Dunkel der Nacht. In einem Eckhaus am unteren Ende der Straße, an der am Mittag die Kissenschlacht stattgefunden hat, flackern bunte Lichter hinter den Fenstern. Wie überall leidet auch das Chemnitzer Kulturleben unter den Folgen der Corona-Pandemie. Im einzigen Club im Viertel, dem Nikola Tesla, das ebenfalls zu einem der Häuser des Unternehmers Faßmann gehört, spielten vergangenes Jahr noch Punkbandgrößen wie die Goldenen Zitronen. Nun werden wenigstens einmal pro Woche Filmklassiker vorgeführt.

Bunte Lichter flackern hinter den Fenstern der Häuser am Brühl.
Bunte Lichter flackern hinter den Fenstern der Häuser am Brühl.

Die Gäste hätten sich bei den Eintrittsgeldern sehr großzügig gezeigt, sagt Henry Rettig, als er sich während der Pause draußen eine Zigarette dreht. Rettig ist Ende 30 und sieht mit seiner Schiffermütze aus wie ein Hamburger Indiemusiker, der sich in die Provinz verlaufen hat. „Was ich an Chemnitz mag?“, wiederholt Rettig die Frage, die ihm gestellt wurde, so laut, dass sie alle verstehen können, die wie er zum Rauchen im Eingangsbereich stehen. „Deine Freunde, sag, dass du deine Freunde magst“, ruft ein Mann aus der Gruppe und Rettig reagiert, wie man in Chemnitz stets am besten reagieren kann. „Als ob, du. Als ob.“  

Der Weg nach Chemnitz

Barkeeper Karsten Benkmann in der Bar Balboa am Brühl
Barkeeper Karsten Benkmann in der Bar Balboa am Brühl
Zum vollen Chemnitz-Gefühl gehört die Anreise mit dem alten Reichsbahnzug, der in Richtung Leipzig oft unpünktlich verkehrt. Wer komfortabel reisen will, nimmt besser das Auto.
Übernachtungen im Stil der Ostmoderne bietet das Hotel an der Oper, ideal im Zentrum gelegen: www.hoteloper-chemnitz.de.
Gute Restaurants in Chemnitz sind rar und ein Tisch im Shalom Restaurant entsprechend begehrt, mit seiner koscheren Küche hat es Besitzer Uwe Dziuballa zu einer Empfehlung im Guide Michelin geschafft. Reservierungen, je früher, desto besser, unter 03 71/6 95 77 69. Im Balboa mixen Henry Rettig und Karsten Beckmann die besten Negroni der Stadt, alle Informationen zur Bar bei Facebook.
Die Ausstellung Gegenwarten noch bis zum 25.Oktober, mehr unter www.gegenwarten.info/de.

Mehr als nur Beton 40 Jahre Leben im Plattenbau
Biografien aus der DDR Die Geschichte der Heckert-Kinder
28.10.2020
Quelle: F.A.S.