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Daressalam

Am Haus des Friedens wird hart gearbeitet

Von Katharina Wilhelm
 - 19:28
Mit dem Land geht es aufwärts, mit den Häusern ebenso: Skyline von Daressalam. zur Bildergalerie

Wenn man übers Meer nach Daressalam kommt, bemerkt man als Erstes den Gestank. Viele Touristen wählen diesen Weg, wenn sie von den Stränden Sansibars in die Weiten der Serengeti wollen. Und ihnen dämmert schon beim Anlegen der Fähre, dass die größte Stadt Tansanias mit den beiden touristischen Perlen des Landes nicht mithalten kann.

Auch wir stolpern in der Hoffnung auf frische Luft nach draußen, sobald der Katamaran, der Sansibar mit dem Festland verbindet, das Tempo drosselt und in den Hafen einläuft. Die Fähre hüpft in weniger als zwei Stunden mit Volldampf über die Wellen des Indischen Ozeans, und so gut wie alle afrikanischen Passagiere, ganz gleich ob vom Festland oder von der Insel, hängen im Innern des Bootes über Tüten, die die Besatzung zu Beginn der Fahrt routiniert austeilte. Vielen Ostafrikanern sind offene Gewässer generell nicht geheuer, und den wilden Ritt über das Meer überstehen ihre Mägen nicht. Wir fliehen also vor dem Geruch des Erbrochenen nach draußen, nur damit uns der Duft nach verbranntem Müll und verfaultem Fisch in die Nase ziehen kann.

Wir schauen nach oben und blicken direkt in das moderne Daressalam, das sich seine Träume in Form einer imposanten Skyline an die Hafenpromenade in den Himmel gebaut hat. Als wir schließlich aus dem Hafengebäude treten, folgt auf den Gestank der Lärm. Dreißig Taxi-, zwanzig Tuk-Tuk- und zehn Motorradfahrer bestürmen uns gleichzeitig, dazwischen Mamas, die Körbe voll Bananen auf ihren Köpfen balancieren, indische Geschäftsleute, die kiloweise Gepäck hinter sich herziehen, und fliegende Händler, die Kekse, Wasser und Ladekabel verkaufen.

Zwischen Safari und Strandurlaub

Es ist einer dieser Empfänge in einer fremden Stadt, bei denen man erst durchatmet, wenn man die Zimmertür hinter sich geschlossen hat. Für die meisten Besucher wird Daressalam so zu kaum mehr als einem Nadelöhr zwischen Safari und Strandurlaub, durch das sie gehen müssen, weil Reisen in Afrika sehr lange dauert und man eine Distanz von knapp neunhundert Kilometern unmöglich innerhalb eines Tages zurücklegen kann. Da so gut wie alle namhaften Hotelketten hier einen Ableger haben, ist zum Übernachten genug Platz für alle. Vielleicht schafft es der ein oder andere noch, sich über die beiden Kirchen in der Nähe des Hafens zu wundern, die man eher in Schwaben als in einer afrikanischen Tropenstadt vermuten würde. Aber bevor darüber ernsthafte Gedanken aufkommen, wird früh am nächsten Morgen bereits zur Abfahrt gerufen, denn man will zum Sundowner am Lake Manyara sein. Wir atmen hinter unserer Zimmertür ein paarmal tief durch und bleiben trotz Lärm und Gestank länger in der Stadt.

So lernen wir: Die evangelische Azania-Kirche wurde 1898 und die katholische St.-Josefs-Kathedrale zwischen 1897 und 1902 gebaut, knapp zehn Jahre nachdem der Sultan von Sansibar Daressalam und die gesamte Küste des heutigen Tansanias an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft verpachtet hatte. Im Jahr 1890 verkaufte sein Nachfolger Stadt und Küste an die Deutschen. Ein Vorgänger der beiden, Sultan Sayyid Mâdjid, war es, der 1862 seine Residenz auf das Festland verlegen wollte und dafür das Dorf Mzizima in Dar as-Salâm verwandelte, was arabisch ist und „Haus des Friedens“ bedeutet. 1891 machte die Kolonialverwaltung Deutsch-Ostafrikas die Stadt zu ihrem Hauptsitz. Nachdem die Briten die Deutschen im Ersten Weltkrieg auf afrikanischem Territorium besiegten, wurde Deutsch-Ostafrika zu Tanganyika mit Daressalam als Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Stadt immer weiter, nicht zuletzt aufgrund der Inder, die während der britischen Mandatsregierung ins Land kamen, um Handel zu treiben.

Autobahn mit Blumenkübeln

Abgesehen von den Kirchen im Heimatstil, von denen sich noch weitere entdecken lassen, prägen nur wenige Relikte aus der Kolonialzeit das Stadtbild. So markiert etwa das Askari-Denkmal das geographische Zentrum Daressalams und erinnert gleichzeitig an die afrikanischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg kämpften. Und ein Spaziergang durch das Stadtzentrum führt nicht nur an Straßenständen mit Obstsorten vorbei, die so exotisch schmecken, wie ihre Namen klingen, sondern auch an pastellfarbenen Häusern, die durch Swastika und Sanskrit-Inschriften, gepaart mit eingemeißelten Jahreszahlen aus den dreißiger und vierziger Jahren, viel über sich verraten. Die restliche Vergangenheit steht im Nationalmuseum oder existiert in den Köpfen einiger weniger älterer Tansanier fort. Doch schon die heutige Erwachsenengeneration hat keinen Bezug mehr zur kolonialen Vergangenheit, spricht am liebsten Swahili, leidlich Englisch und schon gar kein Deutsch.

Seit 1961 ist Tansania unabhängig, und wer mit dem Flugzeug statt zu Wasser anreist, wird sogleich mit dem Namen konfrontiert, der mit diesem Ereignis untrennbar verbunden ist. Der Julius-Nyerere-Flughafen ist der wichtigste des Landes und nach dem Mann benannt, den in Tansania alle nur „Mwalimu“, den Lehrer, nennen. Er führte das Land in die Unabhängigkeit und wurde dessen erster Ministerpräsident. Noch heute gilt er allen Tansaniern als Vater der Nation, und sein Porträt hängt neben dem des aktuellen Ministerpräsidenten Magufuli in vielen Gebäuden der Stadt, von der Zentralbank bis zum Friseursalon in der Wellblechhütte. Die Pugu-Sekundarschule am Rand von Daressalam, in der Nyerere als Lehrer tätig war, kennt jedes Kind.

Daressalam ist das beste Beispiel dafür, dass es mit dem gesamten Land wirtschaftlich langsam, aber stetig aufwärtsgeht. Vom Nyerere-Flughafen führt eine vierspurige Autobahn in Richtung Stadt, die Mittelstreifen sind mit Blumenkübeln und Leitplanken in den tansanischen Nationalfarben dekoriert, und zumindest die besseren Viertel haben durchgängig asphaltierte Straßen und Straßenlaternen. Ein modernes Bussystem mit eigens ausgebauten Busspuren ersetzt zunehmend das kaum zu überblickende Netz der Daladalas, der informellen Kleinbusse. Nicht nur am Hafen, der neben Mombasa in Kenia seit jeher das Tor nach Ost- und Zentralafrika ist, recken sich Hochhäuser in die Höhe, und die Städtepartnerschaft mit Hamburg lässt keinen Zweifel daran, wovon Daressalam träumt.

Wir machen hier Business

Doch die Bewohner der Stadt träumen längst nicht nur. „Business“ ist das Wort der Stunde. Jeder hat eines, wenn nicht sogar mehrere, und wenn man junge Menschen fragt, was sie nach der Highschool machen wollen, so lautet die Antwort in den meisten Fällen: „I want to have my own business.“ Was das genau sein soll, ist meist sekundär. Auch Secondhandkleidung, Obst oder chinesische Elektronik am Straßenrand zu verkaufen gilt als Business. Hauptsache, man kann den zweiten magischen Satz sagen, der Daressalam heute prägt: „I am self-employed.“ So ist wenig verwunderlich, dass die Stadt, die schon weit mehr als fünf Millionen Einwohner zählt, landesweit Hoffnungen und Träume schürt und sich unter den zehn am stärksten wachsenden Städten weltweit befindet.

Dass auf den zweiten Blick viele Räume und Etagen hinter den verspiegelten Fenstern der Wolkenkratzer leer stehen, noch immer viele Straßen nicht geteert und voller Schlaglöcher oder ganze Regalreihen in den westlichen Supermärkten der Einkaufszentren verödet sind, wird dabei hingenommen, ebenso wie der Umstand, dass viele chinesische Hände Daressalam beim Ausbau von Autobahnen und Bussystemen unter die Arme gegriffen haben. Auch die Entscheidung, eine kleine Stadt in der dornigen Steppe 1974 aufgrund ihrer zentralen Lage an der Stelle Daressalams zur Hauptstadt zu machen, hat Nyerere niemand übelgenommen. Sollen sie sich dort in Dodoma um die Regierungsgeschäfte kümmern, wir machen hier Business.

Importbier als Statussymbol

Der Glaube daran, auf dem richtigen Weg zu sein, ist felsenfest, ebenso wie die Überzeugung, dass dieser Umstand zu einem nicht unerheblichen Teil Ministerpräsident John Magufuli zu verdanken ist. Er sagte der Korruption bei seinem Amtsantritt 2015 den Kampf an, und seine Landsleute finden, dass er ihn erfolgreich führt, so erfolgreich, dass auch die Nachbarländer ein wenig neidisch nach Tansania schielen. Zugleich gibt es in Tansania weit weniger ethnisch oder religiös motivierte Konflikte als im restlichen Ostafrika. Vor allem in Daressalam leben heute Angehörige so gut wie aller Ethnien und Glaubensrichtungen des Landes weitgehend friedlich nebeneinander. Im Alltag reden sich die Menschen oft mit „Dada“ beziehungsweise „Kaka“ an. Was für westliche Ohren nach den ersten Sprechversuchen eines Kleinkindes klingt, geht in Wahrheit auf Nyereres sozialistische Vision der „Ujamaa“ zurück, der „Großfamilie“ oder „Bruderschaft“: Die Wörter bedeuten „Schwester“ und „Bruder“.

Doch nicht mehr alle sind Brüder und Schwestern im Haus des Friedens. Der Fokus auf das Business führt in der jungen Generation dazu, dass zunehmend die Ellbogen ausgestellt werden, denn die Brötchen, die die tansanische Wirtschaft backt, reichen längst noch nicht für alle. Um zu verstehen, wie groß die Konkurrenz ist, reicht ein Blick an den Straßenrand, an dem zehn Stände nebeneinander ihr Glück mit den gleichen Produkten versuchen. Die, die es geschafft haben, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen, bauen einen Zaun um sich herum. Nicht nur auf der Msasani-Halbinsel, die seit jeher von Diplomaten und europäischen Auswanderern bewohnt wird, verstecken dicke Mauern und hohe Zäune herrschaftliche Häuser vor Blicken von außen. Auch in den mittelständischen Vierteln wie Tegeta Nyuki oder Salasala ist vom „Ujamaa“-Denken wenig übrig. Die Kinder der tansanischen Geschäftsleute kennen die meisten ihrer Nachbarn nicht, denn jeder verschwindet hinter einem schweren Tor, das ein Wachmann öffnet und schließt.

So verbringen die jungen, urbanen Tansanier ihre Zeit nicht mehr draußen vor der Haustür, sondern fahren mit Uber-Taxis in exklusive Hotels wie das riesige Areal des Ledger Plaza am Indischen Ozean oder in die Slipway-Mall in Msasani, in der sich bis vor nicht allzu langer Zeit hauptsächlich Touristen tummelten. Die Einkaufszentren sind sieben Tage pro Woche gut besucht, und es gilt als Statussymbol, bei Kentucky Fried Chicken oder Subway zu essen. Wer es sich danach noch leisten kann, in eine Bar zu gehen und ein Heineken oder ein anderes importiertes Bier zu bestellen, hat es geschafft.

Swahili macchiato am Strand

Wir bestellen hingegen immer einheimisches Bier, ein Kilimanjaro oder ein Serengeti. Und während wir uns an unsere Flaschen klammern, zeigt sich vor uns doch noch die afrikanische Seele der Stadt, die wir schon hinter all dem Geschäftssinn verloren glaubten. Ganz gleich, ob in einer der hölzernen Buden in der Innenstadt, in der gegrillter Fisch mit Pommes serviert und über mehrere Tische hinweg geteilt wird, oder in einer der schickeren Bars am Strand, in denen die Musik ein wenig leiser ist, so dass man die Wellen des Ozeans und den Wind in den Blättern der Palmen rauschen hört – niemand bleibt lange für sich.

Vergessen ist der harte Wettbewerb des Tages, und sobald der Bongo ertönt, der als afrikanischer Hiphop, bei dem beinahe ausschließlich auf Swahili gerappt wird, wie keine andere Musik für Daressalam steht, bleibt niemand mehr sitzen – niemand außer uns, die wir in unserer europäischen Steifheit nur staunen können über den lockeren Umgang fremder Menschen miteinander und die schwindelerregenden Bewegungen verschiedener Gliedmaßen nebeneinander.

Kein Besuch in Daressalam ist vollständig, wenn man nicht am größten und populärsten Strand der Stadt gewesen ist, dem Coco Beach, der südlich der Msasani-Halbinsel liegt. Der Weg führt am Hafen vorbei über die Haile Selassie Road, und plötzlich zeigt uns Daressalam, dass es auch duften und still sein kann. Links und rechts am Straßenrand werden unweigerlich Geschäfte gemacht, doch die Verkäuferinnen unterhalten sich hinter ihren bunten Stoffen und fein säuberlich aufgestapelten Wassermelonen und saftigen Orangen lieber untereinander, als auf die vorbeischlendernden Touristen loszugehen. Hinter leuchtenden Bougainvillea-Büschen und duftenden Frangipani erhaschen wir Blicke auf noch prächtigere Gärten, Schaukelstühle und hölzerne Veranden, auf denen mal weiße, mal schwarze Kinder spielen. Ab und zu säumt ein kleines Café die Straße. Die Karten hat man sich zum Großteil im Westen abgeschaut, aber auch Swahili macchiato, ein mit Zimt versetzter Latte macchiato, oder Dawa, ein „Medizin“ genannter Mix aus frischer, heißer Limone, Ingwer und Honig und Lieblingsgetränk vieler Ostafrikaner, wird serviert. Manchmal surrt ein Kolibri durch die schwülwarme Luft, und der laue Wind vom nahen Meer weht uns in angenehmen Abständen durchs Gesicht.

Liebe, Berühmtheiten, vielleicht Fußball

Auch unser Ziel, der Coco Beach, könnte ein schöner Strand sein, feinkörnig, mit mächtigen Palmen, die das Azurblau des Ozeans einrahmen, wären da nicht die monströsen Containerschiffe, die sich langsam auf den Hafen zuschieben, und wären da nicht der Müll und die Algen, die den weißen Sand wie ölige Schlieren durchziehen. Den jungen Menschen, die hier als Paare oder mit ihrer Clique entlangschlendern, dämmert womöglich schon, dass sie es nicht einfach haben werden in der Welt der Erwachsenen. Sie kommen meist aus den ärmeren Gegenden der Stadt. Nur wenige von ihnen haben es bisher überhaupt an die Universität geschafft, und auch die, die bereits jenseits der fünfundzwanzig sind, warten noch, bis irgendwie genug Geld zusammengekommen ist, um zumindest einen Bachelor-Studiengang anzufangen.

Derweil sitzen sie am Coco Beach auf kaputten Plastikstühlen und teilen sich zu dritt eine Cola. Ihre Gespräche drehen sich um Liebe, Berühmtheiten, vielleicht Fußball – aber auch um Verkaufspreise von Obst und Gemüse, um neue Möglichkeiten, an chinesische Elektronik oder Altkleider aus Europa zu kommen, und um die Orte der Stadt, an denen sich zurzeit am meisten Geld damit machen lässt. Ihr Blick geht nicht in Richtung Meer, sondern zur Straße, die nach Msasani ins Viertel der Reichen führt.

Quelle: F.A.Z.
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