Midnight Dome Viewpoint – von hier aus hat man einen tollen Blick auf die Umgebung um Dawson City.

Das Glück des großen Nichts

Midnight Dome Viewpoint – von hier aus hat man einen tollen Blick auf die Umgebung um Dawson City.

Der Goldrausch lockte einst Tausende nach Yukon, den hohen Norden Kanadas. Heute finden Besucher hier einen ganz anderen wertvollen Schatz: eine unberührte Natur, deren Weite und Schönheit sprachlos macht.

21. Juli 2022
TEXT und FOTOS: Jessica Jungbauer

Vor mir breiten sich die schneebedeckten Berge aus, während man einen Hundeschlitten über einen zugefrorenen See lenkt – mit dem Gefühl, durch einen Bildschirmhintergrund zu fahren, so unwirklich erscheint die Umgebung hier in Yukon, am nördlichsten Zipfel Kanadas an der Grenze zu Alaska, in der Wildnis, im tiefsten Winter.

Für viele gibt es um Whitehorse, die Hauptstadt von Yukon, rund zwei Flugstunden von Vancouver entfernt, „nichts als Natur und Tiere“, wie manche Kanadier sagen. Doch genau dieses „Nichts“ reizt Abenteurer und Urlauber. Whitehorse hat etwa 25.000 Einwohner, Yukon insgesamt etwa 40.000 – auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie Spanien.  

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Bei Schnee sind Hundeschlitten die beste Art der Fortbewegung. Vier Huskys werden eingespannt, nur über einen schmalen Steg, die Bremse, mit dem Fuß zu steuern. „Achtet darauf, dass ihr immer in einer Reihe bleibt!“, erklärt Jocelyne LeBlanc, Guide der Gruppe und Mitbesitzerin der Sky High Wilderness Ranch. „Wenn ihr ‚Let’s go!‘ ruft, rennen die Hunde los, und wenn ihr wollt, dass sie wieder anhalten, ruft ihr ‚Whooo‘. Aber nur einmal und in aller Ruhe. Wenn ihr panisch werdet, merken das die Hunde.“

Emissionsfrei durch spektakuläre Natur: Hundeschlitten sind die Fortbewegungsmittel der Wahl.
Emissionsfrei durch spektakuläre Natur: Hundeschlitten sind die Fortbewegungsmittel der Wahl.
Treue Gefährten: Verschnaufpause für die Hunde neben ihrem Schlitten
Treue Gefährten: Verschnaufpause für die Hunde neben ihrem Schlitten

Lautes Gejaule, und los geht’s! Über schmale Pfade mitten im Wald, der Schlitten droht immer wieder umzukippen. Wer hätte gedacht, dass das so anstrengend ist? Raus aus dem Wald, rauf auf den See. Mit jedem Meter wird es leichter, der Blick kann die Umgebung erfassen, pures Glück breitet sich im Körper aus. Bald biegt die Gruppe wieder zur Ranch ein. Eine scharfe Kurve, zu scharf, die Hunde rennen samt Schlitten davon, ich hinterher.

Zur Stärkung gibt es Bisonwürstchen am Lagerfeuer. LeBlanc hat 108 Hunde und kennt jeden einzelnen beim Namen. „Huskys haben eine lange Tradition in Yukon“, erzählt sie. „Nur so konnte früher die Post oder Medizin auf den weiten Distanzen und in den spärlich besiedelten Gebieten verteilt werden.“ 2010 hat sie am „Yukon Quest“ teilgenommen, einem der härtesten Hundeschlittenrennen der Welt. Ihre Augen strahlen. Über 1609 Kilometer geht es durch die winterliche Wildnis, durch Wälder, Flüsse, bei eisigen Temperaturen und teils extremen Windgeschwindigkeiten. Man fährt Tag und Nacht, schlägt irgendwo sein Zelt auf. 13 Tage hat LeBlanc für das Rennen gebraucht. Der Sieger war nach 9 Tagen am Ziel. Was war das Schwierigste am „Yukon Quest“? „Das Bankett!“ Sie lacht.


„Huskys haben eine lange Tradition in Yukon.“
JOCELYNE LEBLANC

Yukon: Das ist „Ruf der Wildnis“, Jack London, der Klondike-Goldrausch Ende des 19. Jahrhunderts. Und auch heute noch der Grund, warum die meisten Menschen nach Yukon reisen – oder sich sogar hier niederlassen. Wer im Winter nach Yukon reist, muss sich vorbereiten: warme Skiunterwäsche, Wärmepads für die Kameraakkus, Notizbuch und Stift, falls das Handy gefriert. Schneehose, spezielle Thermostiefel und Parka können im Ort ausgeliehen werden. Noch im Januar hatte es -50 Grad, Ende März könnte es nachts noch -20 Grad geben.

Der zugefrorene Lake Bennett entlang des Alaska Highway
Der zugefrorene Lake Bennett entlang des Alaska Highway
Der zugefrorene Lake Bennett entlang des Alaska Highway

Am nächsten Tag machen wir einen Roadtrip zur Grenze Alaskas. „Der Alaska Highway ist die einzige Verbindung zwischen dem Süden und Alaska“, erzählt Rick Bennent, unser Guide von „Epic North“. Wir fahren durch die Southern-Lakes-Region entlang der historischen White-Pass-&-Yukon-Railway-Route, die während des Goldrauschs gebaut wurde, vorbei an Orten wie Carcross und Lake Bennett. „Der Klondike-Goldrausch 1896 war der letzte große Goldrausch“, so Bennent. „Aber die holen immer noch Gold raus. Jedes Jahr ungefähr 30.000 Unzen.“ Hinter jeder Kurve eröffnet sich ein neues Winterpanorama, zugefrorene Seen, eingerahmt von den Ausläufern der Rocky Mountains. „Wir haben dieses Jahr 200-mal so viel Schnee wie sonst“, sagt Bennent. „Das ist erst das zweite Mal, dass wir so viel Schnee haben.“ Wann war das erste? „Letzten Winter.“ Die Luft sei durch die Klimakrise wärmer, es gebe mehr Feuchtigkeit, also mehr Schnee. Bären wurden auch schon gesichtet, es wird milder, sie wachen früher auf. „Aber es gibt dann noch zu wenig Gras.“ Von Whitehorse geht es mit einer Propellermaschine nach Dawson City. Dawson mit seinen 1300 Einwohnerinnen und Einwohnern gleicht einer alten Westernstadt: Kaum Menschen auf der Straße, die Holzfassaden der Häuser wirken wie aus der Zeit gefallen, wie erstarrt. Die Führerscheinstelle ist gleichzeitig der Liquor Store. Kaum vorstellbar, dass hier zu Zeiten des Goldrauschs einmal 40.000 Menschen lebten.

„Dawson City ist auf der ganzen Welt als Goldgräberstadt bekannt. Aber es ist viel mehr als das“, sagt Jesse Cook von „Klondike Experience“. „Wir befinden uns auf dem traditionellen Gebiet der Tr’ondek Hwech’in First Nation. Sie nutzen den Yukon River seit über 10.000 Jahren als Highway, um das Land zu bereisen“, so Cook. Der Yukon River ist der drittgrößte Fluss Nordamerikas. „Gold war nie wichtig für die First Nations, sondern das Land, Wasser und Nahrung. Wichtig war das Gold nur für die Weißen.“

Erinnert an den großen Rausch von einst: die kleine Goldgräberstadt Dawson City
Erinnert an den großen Rausch von einst: die kleine Goldgräberstadt Dawson City

„Nur wer für ein Jahr Verpflegung mitbringen konnte, durfte hier oben nach Gold suchen“, erzählt Cook. „Das meiste wurde über den Yukon River gebracht.“ Auch heute noch hat der Fluss eine große Bedeutung für die Einheimischen. Im Winter könnte man ihn nicht überqueren – gäbe es da nicht die Eisbrücke: Sie wird jedes Jahr mit Wasserschläuchen aufgegossen, muss 40.000 Kilogramm aushalten, damit auch Lastwagen drüberfahren können. An ihrer dünnsten Stelle ist sie etwa 1,5 Meter dick. Nur so können die riesigen Goldminengeräte auf die andere Flussseite gebracht werden. Für die Fähre wären sie zu groß und zu schwer. Und das auch nur in einem kurzen Zeitfenster, wenn die Brücke Ende März am festesten ist. Cook selbst wohnt mit seiner Familie auf der anderen Seite des Flusses. „Im Frühjahr und Herbst kann man zeitweise nicht übersetzen, wenn die Eisbrücke weg ist und die Fähre noch nicht wieder fährt.“ Er lebt dann abgeschnitten von allem, seine Kinder unterrichtet er zu Hause. „Hier lebt jeder mit den Jahreszeiten.“


„Gold war nie wichtig für die First Nations, sondern das Land, Wasser und Nahrung. Wichtig war das Gold nur für die Weißen.“
JESSE COOK

Im Frühling wird deshalb jedes Jahr der „Yukon River spring breakup“ gefeiert, seit 1896: eine Art Lotterie, bei der man ein Los kauft und schätzen muss, wann das Eis des Flusses bricht. Man trägt den Tag und die Uhrzeit ein, wer am nächsten dran ist, gewinnt 20.000 Dollar. Woran man merkt, dass das Eis bricht? Es macht einen lauten Krach wie bei einer Explosion. Das bekommt hier jeder mit. „Alle Häuser hier bewegen sich, weil sie auf Permafrostboden gebaut sind“, erzählt Cook weiter. Deshalb sind so viele so schief, die neueren stehen auf Blöcken. Noch etwas anderes wird vom Frost beeinflusst: „In Yukon stirbt man zweimal“, sagt Cook. Wenn im Winter jemand stirbt, muss man erst auf den Frühling warten, bevor ein Grab ausgehoben werden kann.

Die bunten Fassaden von Dawson City. Der Klimawandel bringt feuchtere Luft und mehr Schnee als jemals zuvor.
Die bunten Fassaden von Dawson City. Der Klimawandel bringt feuchtere Luft und mehr Schnee als jemals zuvor.

Wir sind zum Abendessen im Sourdough Saloon. Aber eigentlich sind wir hier wegen des berühmten „Sourtoe Cocktail“ – ein Whiskey mit einem abgefrorenen menschlichen Zeh im Glas, eine lokale Tradition! Ein menschlicher Zeh? Ja, wirklich, eingelegt in Salzlake.

Ein älterer Mann mit langem Bart namens Terry Lee überwacht die Prozedur und händigt Zertifikate aus an jeden, der sich traut. Der Legende nach schmuggelten zwei Brüder während der Prohibition Ende der 1920er-Jahre Rum von Yukon nach Alaska, immer in einem Schneesturm, um nicht erwischt zu werden. Als einem Bruder dabei ein großer Zeh abfror, hackte der andere den Zeh ab, legte ihn in ein Glas Rum und stellte ihn ins Regal. „Das kann man nur mit einem Hüttenkoller erklären“, sagt Lee. 40 Jahre später fand ein Mann namens Captain Dick den Zeh, besprach sich mit Freunden in einer Bar, was man damit tun könnte, und hatte die Idee mit dem Cocktail.


„Das kann man nur mit einem Hüttenkoller erklären.“
TERRY LEE

Ein langer, brauner Zeh liegt vor Lee auf einem Teller, und er erklärt die Regeln: „You can drink it fast, you can drink it slow, but your lips must touch the toe!“ Der Zeh muss also die Lippen berühren, aber man darf ihn auch nicht verschlucken. Sonst zahlt man 2500 Dollar Strafe. Neue Zehen gibt es allerdings immer wieder. Von Menschen, die sich in Yukon-Winter einen Zeh abfrieren. „Zuletzt hat ein ehemaliger Kommandeur der Royal Marine seinen Zeh gespendet, den er beim ‚Yukon Quest‘ verloren hat.“

Ich bin dran. Augen zu und durch geht nicht. Meine Taktik: Ich stelle mir vor, dass der Zeh aus Marzipan ist. Angefeuert von der Gruppe, schaffe ich es und bekomme mein Zertifikat mit der Zahl 96.703. „Die Sache ist die“, sagt Lee. „Wir haben hier oben schreckliche Winter und heiße Sommer. Unsere Gehirne durchlaufen also einen Frost-Tau-Zyklus, und das ist der Grund, warum wir so verrückt sind.“

Der Traum von vielen: Einmal im Leben Nordlichter sehen! Die beste Jahreszeit dafür ist im Winter, bei einer klaren Nacht ohne Wolken.
Der Traum von vielen: Einmal im Leben Nordlichter sehen! Die beste Jahreszeit dafür ist im Winter, bei einer klaren Nacht ohne Wolken.

Das eigentliche Highlight des Abends sollten die Nordlichter sein. Die Aurora Borealis sieht man am besten im Winter oder Frühling, die beste Uhrzeit sei um Mitternacht. Die Tage zuvor hatte es nicht geklappt, es braucht völlige Dunkelheit ohne Wolken am Himmel. Heute sind bessere Bedingungen. „Da sind sie!“, ruft jemand. Und tatsächlich: In der Ferne sieht man zarte Schleierbewegungen am Himmel. Auf der Kamera erscheinen sie grellgrün. Dann tanzen sie über die Beobachter hinweg, über die Eisbrücke und den Yukon River.

Der Dempster Highway ist eine der verlassensten Straßen der Welt. Und die einzige Straße in Kanada, die zum Arktischen Ozean führt. Auf 737 Kilometern gibt es nur eine Tankstelle. Unberührte Natur heißt hier: Schotterstraßen, die im Winter von Eis bedeckt sind, und sonst nichts als endlose Weite. Stunden ohne jeden Gegenverkehr. Jedes entgegenkommende Auto wirbelt Schotter auf, ein Sprung in der Windschutzscheibe ist nicht selten.

Viel Platz für Gedanken: nichts als endlose Weite – ein Roadtrip auf dem berühmten Dempster Highway, der bis zum Arktischen Ozean führt.
Viel Platz für Gedanken: nichts als endlose Weite – ein Roadtrip auf dem berühmten Dempster Highway, der bis zum Arktischen Ozean führt.

Alle halten jetzt Ausschau nach Wildtieren. Jeder hat seine Seite, auf die er schauen muss. Per Walkie-Talkie können wir mit dem zweiten Auto unserer Gruppe kommunizieren. Jedes Mal, wenn das Auto vor uns langsamer wird, wittern wir etwas. Immerhin soll es in Yukon doppelt so viele Elche wie Menschen geben. Wir halten an mit Blick auf den Tombstone Park und seine beeindruckende Felsformation. Stille pur. Die enorme Weite lässt sich nur durch die kleinen Tannen im Vergleich überhaupt begreifen. Dann schlängeln sich die Wagen immer weiter die eisigen Straßen entlang. „Da ist etwas!“, ruft jemand. Und tatsächlich: Am Straßenrand sitzt – ein Schneehuhn! Ein weißes Huhn. Es bleibt das einzige Wildlife-Spotting während der gesamten Reise. Das und ein Eichhörnchen.

Die Five Finger Rapids – eine gefährliche Felsenstelle im Yukon River, bei der viele Goldsucher nicht weiterkamen.
Die Five Finger Rapids – eine gefährliche Felsenstelle im Yukon River, bei der viele Goldsucher nicht weiterkamen.

Am nächsten Morgen hat es noch einmal geschneit. Der Dempster Highway ist nun gesperrt. Glück gehabt! Die Schneemaschinen rumpeln durch die Straßen, von den Autos sieht man oft nur noch die Außenspiegel, ein Bus ist bis zur Hälfte eingeschneit. Zurück nach Whitehorse geht es mit dem Auto, durch nichts als schneeweiße Birkenwälder. Die Idylle wird nur kurz unterbrochen, als links und rechts neben der Straße Rauchschwaden aufsteigen. Die Einheimischen bereiten sich vor: Um die Waldbrandgefahr später im Jahr einzudämmen, brennen sie lieber selbst ein paar Meter Wald ab, damit das Feuer bei einem echten Brand nicht überspringen kann. Aufgrund der globalen Klimakrise werden die Wälder hier immer spröder und trockener – die Waldbrandgefahr wächst ständig. Die Einheimischen wollen ihr Zuhause schützen. Jeder, der hier in Yukon lebt, kann sich nicht auf eine schnelle medizinische Versorgung verlassen. Zu abgeschieden ist das Leben hier, zu beschränkt die Möglichkeiten. Aber die Menschen nehmen das sehr bewusst in Kauf. Für ein Leben in und mit der Natur, weit weg von allem und allen. Doch Probleme wie der Klimawandel hinterlassen auch hier schon ihre Spuren.

Jocelyne LeBlanc lebt mit ihren 108 Hunden in der Wildnis ihren Traum von Yukon.
Jocelyne LeBlanc lebt mit ihren 108 Hunden in der Wildnis ihren Traum von Yukon.

Menschen, die es geschafft haben, einen Winter in Yukon zu verbringen, werden „Sourdoughs“ genannt. Sauerteigstarter war in Goldrauschzeiten ein wichtiges Lebensmittel. Aber besonders im Winter war es wichtig, ihn am Leben zu erhalten. Bei den eisigen Temperaturen musste man sich um ihn kümmern, ihn zum Beispiel unter dem Arm tragen, sonst wäre es für die Hefe zu kalt geworden.

Auf der Rückreise ist es in Vancouver Frühling. Die Kirschbäume blühen, in der U-Bahn stehen die Menschen dicht an dicht, und die Tatsache, aus der Wildnis und dem tiefsten Winter zu kommen, erscheint jetzt noch unwirklicher. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach dem großen Nichts.

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