Wandern auf Mallorca

Wilde Geschichten

Von Andreas Lesti
Aktualisiert am 08.12.2019
 - 14:00
Aussicht zum Genießen: das Cap de Formentor am nordöstlichen Ende Mallorcaszur Bildergalerie
In der Nebensaison beginnt auf Mallorca die Zeit für extreme Abenteuer: Eine Expedition ins Tramuntana-Gebirge und auf den Gipfel der Massanella.

Ist das das Ende? Kurz vor dem Ziel? Aus salzverkrusteten Augen blinzeln wir hinauf in die rotierenden Wolken. Die vergangenen vier Tage haben uns alles abverlangt und an den Rand der Belastbarkeit geführt. Der Zustand der Truppe ist erbärmlich. Was hat uns so zugesetzt? Waren es die irreführenden Beschreibungen des Erzherzogs, auf die wir uns verlassen hatten? War es der dichte Nebel, der labyrinthische Lorbeerwald oder diese Bar, in der wir das Zentrum der Welt gefunden hatten? Halluzinierend taumeln wir weiter hinauf. Immer nur weiter hinauf! Zum Gipfel. Der eisige Wind zerrt an unseren Jacken und Nerven.

Wochenlang hatten wir Kartenmaterial studiert, Literatur durchforstet und geprüft, ob sich jemals eine Expedition so weit ins Hinterland Mallorcas gewagt hatte. In „Mallorca. Die schönste Insel der Balearen“ hat Ludwig Salvator, Erzherzog von Österreich-Toskana, schon vor 150 Jahren das Tramuntana-Gebirge auf der Nordseite der Insel beschrieben; dass es sich auf fast 1500 Meter Höhe erhebt und auf einen der höchsten Gipfel, die Massanella, ein Weg führt. Tatsächlich: Auf einer lange verschollen geglaubten Karte entdeckten wir den Eintrag „GR 221“. In der Sekundärliteratur spekulierten einige Experten, dass es sich hierbei um einen Wanderweg handelt.

Tag eins

Wir beschlossen, es zu wagen, und starteten unsere Expedition in dem kleinen Küstenort Banyalbufar. Schließlich befindet sich dort auch der Torre del Verger. „Jedesmal, wenn ich zu diesem großartigen Landschaftsbilde kam, wurde ich von dessen Schönheit so gefangen genommen, als hätte ich dasselbe noch nie gesehen. Schließlich machte ich den Felsen zu meinem Eigenthum“, schrieb der Erzherzog. Wir dagegen starten im dichten Nebel und sehen: nichts. Aber den Ansatz, schöne Plätze zu unserem „Eigenthum“ zu machen, wollen wir uns aneignen. Wir notierten ins Expeditionstagebuch: „Nebel, Nieselregen, düstere Steineichen und Zitronenbäume im milchigen Grau. Pfad nach Esporles verschwindet unter flechtenüberzogenen Bäumen – befinden uns auf einer Nebelwald-Expedition.“ Und wir fragten uns insgeheim: War es ein Fehler, aus Kostengründen auf Navigatoren, Ärzte, Köche und Träger zu verzichten?

Tag zwei

Schon der Erzherzog wusste, dass sich das Wetter auf dieser Insel schnell ändern kann. Der Nebel des Vortages ist nur noch eine vage Erinnerung. Die Sonne strahlt. Gut so. Denn heute stehen 19,5 Kilometer und 1100 Höhenmeter von Esporles über Valldemossa nach Deià auf dem Plan. Das klingt aber immer noch viel zu harmlos für das, was uns heute erwartet: Zuerst verirren wir uns im Lorbeerwald auf dem Weg zum Basseta-Sattel. Nur der Pioniergeist treibt uns weiter. „Fernblicke auf beide Seiten der Insel“, notieren wir, „auf der einen Seite der Galatzó, das ,Matterhorn Mallorcas‘, auf der anderen Seite die unendlich ferne Welt von Palma.“ Mittags wundern wir uns in Valldemossa über die lokalen Gepflogenheiten: die wuselnden Kinder vor den Eisdielen, die angespannt fotografierenden Männer und ihre Frauen, die Halstuch- und Sonnenbrillenständer belagern, als würde ihre Zukunft davon abhängen. Aber wir können dieses Rätsel nicht ergründen, wir müssen weiter, durch die Einsamkeit des Waldes, auf Karrenwegen über bemooste Felsen und über das Artigues-Plateau. Der Wind bläst den Regen des Vortages von den Bäumen und peitscht die Schafe vor sich her. Der Herzog schrieb: „Vom Thale von Valldemossa bis zu dem von Deià bildet der ganze nördliche Abhang der Serra das mir gehörige Gut Miramar.“ Seine Berghütte, die „Talaia Velle“, überall als „Refugi de s’Arxiduc“ bekannt, steht noch heute hier oben.

Erschöpft und mit schweren Beinen erreichen wir am späten Nachmittag Deià und die „Sa Fonda“-Bar. Das Publikum ist extravagant. Zu einigen Teilnehmern anderer Expeditionen gesellen sich Einheimische und Wahl-Mallorquiner, die in Deià ihr Glück gefunden haben. Ein undurchschaubares Trio sitzt an der Steinmauer auf der Terrasse: ein ausgezehrter Mann, ein Teenager-Mädchen mit Nasenring und Trainingsanzug, das gleichgültig raucht, und ein vom Leben gezeichneter Bergbauer. Später am Abend lernen wir den Eigentümer Dídac Mimó kennen. Er erzählt uns von seinem Vater, der die Bar vor 32 Jahren eröffnet hat, von dessen Freundschaft zu Robert Graves, einem britischen Schriftsteller, der immer mehr Bohemiens und Sternchen nach Deià lockte. Das merkt man dem Ort an: Der Immobilienmakler bietet eine Finca für 10,8 Millionen Euro an, und unser Expeditionsbudget reicht nicht mal für das koreanische Restaurant im Ort. Vielleicht überdenken wir diese Sache mit dem „Eigenthum“ noch mal?

Es ist spät geworden. „Diese Bar ist das Zentrum der Welt“, sagt Dídac überschwänglich und schenkt uns noch ein Glas seines dunkelbraunen Feuerwassers ein. „Prost! Auf die einzig richtige Bar auf dem ganzen GR 221!“ Wir sind froh, dass wir uns so gut vorbereitet haben, heben das Glas und sagen: „Auf den Wanderweg!“ Nachts schreiben wir ins Expeditionstagebuch: „erste Rückschläge, Expedition noch härter als gedacht“.

Tag drei

Wir erwachen aus einem unruhigen Schlaf. Die Sonne scheint, und es ist viel zu warm, auch jetzt noch, in der Nebensaison. Haben wir nur schlecht geträumt? Wir müssen heute über Béns d’Avall an der Küste entlang nach Port de Sóller, immer ein paar Meter über dem Meer, zwölf Kilometer, wenig Höhenmeter, eine Art „Sa Fonda“-Regenerationsweg. Während wir durch Farne und Kiefernwurzeln stolpern, Weidezäune überklettern und Schluchten durchqueren, brandet unter uns das Meer an die Felsen. Auf dem Rücken des Cap Gros treffen wir wieder auf den Hauptweg, irgendwo schreit ein Esel wie ein kaputtgehender Motor, und vor einer Finca verkauft ein Mädchen im Trainingsanzug frisch gepressten Orangensaft. Es ist das Teenager-Mädchen mit Nasenring aus der Bar – die Welt ist klein auf dem GR 221.

Nachmittags sitzen wir am Strand von Port de Sóller mit einer Dose Estrella in der Hand, die Füße im kühlen Meer. Doch die Berge sitzen uns im Nacken: Wir müssen uns nur umdrehen, dann sehen wir direkt auf den Puig Major mit seiner markanten Kuppel und den Penyal des Migdia, dessen dunkles Gipfeldreieck wir als „Eiger-Nordwand des hochalpinen Mallorcas“ im Expeditionstagebuch verewigen. Gleich neben dem Satz: „Wir sind bereit, alles zu riskieren!“

Tag vier

Und wieder 20 unmenschliche Kilometer und fast 1000 selbstmörderische Höhenmeter, an die wir uns nicht ohne einen Experten wagen. Hendrik Uhlemann ist ein vertrauenswürdiger Mann, der sein Geld damit verdient, Fremde durch diese Berge zu führen. Als wir in den Zitronen- und Orangen-Plantagen von Sòller die dichten Wolken über dem Tramuntana-Gebirge sehen, sind wir froh, ihn zu haben. Schon bald verschluckt uns der Nebel, doch Hendrik treibt uns an, über 1962 Stufen durch die Biniaraix-Schlucht, vorbei an Trockenmauern, Felsen und Gumpen, Mispeln, wildem Rosmarin und dem Liliengewächs „Mallorquinischer Schnee“. Und Hendrik drängt weiter, treibt uns über Pfade und Schotter in die Ödnis der Höhe. Der Cúber-Stausee zeigt sich in Milchglasoptik, und der Puig Major steckt irgendwo in den Wolken. Es wird kalt, die Luft allmählich dünn, die Sinne schwinden. Sind das erste Anzeichen der Höhenkrankheit? Nach langen Stunden, an die wir uns nur vage erinnern können, rettet uns die „Tossals Verds“-Hütte vor der gnadenlosen Ausgesetztheit dieser Wildnis. Wirt José stellt uns ein Bier hin, und wir schreiben ins Expeditionstagebuch: „Etwas Magisches liegt über diesem Ende der Welt; erste Anzeichen der Höhenkrankheit“.

Tag fünf

Unsere Truppe ist in einem erbärmlichen Zustand. Wir schleppen uns mit Kopfschmerzen aus den Betten. Hendrik hat uns gestern Abend wieder verlassen – er wird seine Gründe gehabt haben. Ist heute wirklich ein guter Tag für den Gipfel? Die Sonne scheint auf den Puig de s’Alcadena wie auf einen venezolanischen Tafelberg. Aber wir wollen auf die Massanella. Wir halten uns also weiter nach Osten. Ab dem Coll des Prat wird die Tour zu einem erstaunlich alpinen Unternehmen, das Orientierungsvermögen, Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und Kletterkünste an scharfkantigen Karstfelsen erfordert. Ein eisiger Wind pfeift uns um die Ohren, und wir ziehen alles an, was der Rucksack hergibt. Wir befinden uns nun schon eine ganze Weile über 1000 Meter! Nein, unterschätzen sollte man Mallorca nicht. Ein letzter Anstieg. Der Schweiß rinnt in die Augen. Die Luft wird immer noch dünner. Haben wir den „Point of no Return“ noch im Blick? Den Umkehrpunkt, an dem wir es noch halbwegs unversehrt ins Tal schaffen?

Doch dann sind wir tatsächlich da: auf dem Gipfel der Massanella! Der höchste für Wanderer zugängliche Punkt Mallorcas (der Puig Major ist militärisches Sperrgebiet). 1365 Meter! Oder 4478 Fuß, das ist nicht umsonst die Höhe des Matterhorns in Metern. Mit tauben Fingern notieren wir ins Expeditionstagebuch: „Triumph! Fühlen uns wie Edmund Hillary, der damals auf dem Gipfel des Mount Everest sagte: We knocked the bastard off!“

Zum Wandern auf Mallorca

Anreise Auch in der Nebensaison gibt es von verschiedenen deutschen Flughäfen täglich Direktflüge nach Mallorca.

Wanderreisen auf Mallorca hat zum Beispiel der Veranstalter ASI Reisen im Programm. Auf dem Fernwanderweg GR 221, der quer durchs Tramuntana-Gebirge führt, gibt es sieben Varianten – fünf oder acht Tage, mit Hotel-, Kloster- oder Hüttenübernachtung, individuell oder in der Gruppe. Fünf Tage kosten ohne Flug ab 450 Euro. Mehr unter asi-reisen.de

Literatur Ludwig Salvator: „Mallorca: Die schönste Insel der Balearen“, Corso, 29,90 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lesti, Andreas
Andreas Lesti
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot