Ferienarchitektur

Brutalistisch baden

Von Christoph Moeskes
Aktualisiert am 28.07.2020
 - 13:19
Mit Fernblick: Die Häuser „Kopenhagen“, „Berlin“ und „Stockholm“ in Burgtiefe. zur Bildergalerie
Was ist vom Bauboom der sechziger und siebziger Jahre an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste übrig geblieben? Eine Erkundung rund um Fehmarn.

Es war schon später Abend, als wir endlich über die Fehmarnsundbrücke fuhren und nach Burgtiefe abbogen. Ein skandinavischer Mittsommerhimmel wölbte sich über die Insel und hüllte sie in jenes merkwürdig transparente Nachtlicht, wie man es aus den Winnetou-Filmen kennt, wenn Old Shatterhand regungslos am Marterpfahl verharrt, während sein Apachenbruder sich zur Rettung lautlos anschleicht. In der nicht enden wollenden Dämmerung tauchten sie plötzlich auf: drei hohe weiße Gebäude. Sie sahen aus wie Getreidesilos, wie Gespenster. Sie kamen immer näher. Der Kofferraum schnappte zu. Der Fahrstuhl surrte in den 14. Stock. Wir fielen in einen geräuschlosen Schlaf.

„Fernblickhäuser“ nennt die IFA Hotel & Touristik AG jene drei weißen Finger, die seit ihrer Eröffnung im Jahr 1973 Fehmarns Südstrand überragen. Das Wort „Hochhäuser“ verwendet der jetzige Betreiber nicht so gerne. Dabei sind „Haus Kopenhagen“, „Haus Berlin“ und „Haus Stockholm“ eben auch das, wie wir am nächsten Morgen auf dem Balkon unserer „2-Raum-Ferienwohnung Typ A2“ feststellen, einen Becher frisch gebrühten Kaffee in der Hand, der Ostseestrand taumelnde 40 Meter unter uns. Jetzt bloß nicht schwach werden, den Möwen gefällt es doch auch hier! Meisterlich stürzen sie sich in die Winde auf ihrer Inspektionsreise entlang der dreimal siebzehn Geschosse.

„Die Ostseeküste wird betoniert“

Man ist schnell geneigt, diese Raumverdichtung als gesichtslose, anonyme Urlaubsmaschine abzutun – so wie es Der Spiegel tat, als er 1972 über den Bauboom an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste berichtete. Damals wurden überall zwischen Flensburg und Lübeck touristische Großanlagen aus dem Boden gestampft: Damp 2000 (siebentausend Betten), das Ferienzentrum Holm (viertausend Betten), der Ferienpark Heiligenhafen (sechstausend Betten) oder der Ferienpark Sierksdorf (viertausend Betten). „Die Ostseeküste der Bundesrepublik wird betoniert. Der Fremdenverkehr tritt in seine großindustrielle Phase“, hieß es in dem sechsseitigen Artikel. Die Zukunft verhieß noch Schlimmeres: „In zehn Jahren sind das hier Slums“, so die damalige Auffassung des „Studienkreises für Tourismus“.

Dazu ist es nicht gekommen. Unser Domizil in Burgtiefe ist auch fast fünfzig Jahre nach Inbetriebnahme noch immer eine gepflegte, gut gebuchte Anlage. Links und rechts der Fernblickhäuser reihen sich kleinere Apartmentblöcke an die See. Ein Hallenbad mit Schrägdach fällt auf, ebenso die schönen Bungalows. Das ist das Land unserer Mütter und Väter, denken wir auf unserem Spaziergang vom Seglerhafen an den Strand. Hier machten sie Urlaub, als es uns noch gar nicht gab, gelockt vom Wohlstandsversprechen der alten Bundesrepublik. Gesichtslos ist hier nichts, sieht man einmal von den drei fensterlosen Rückfronten der Fernblickhäuser ab, die auch tagsüber an Getreidesilos erinnern.

Mittlerweile sitzen wir auch gerne auf dem Balkon. Der Blick auf die Ostsee ist einfach zu schön. Man kann ihn sogar verstellen, denn die Brüstung besteht aus beweglichen Lamellen. Diese sind leichtgängig genug, um sie mit einer Berührung zu wenden, und gleichzeitig so schwergängig, dass sie vom Ostseewind nicht pausenlos gerüttelt werden. Wir sind begeistert. Meist stellen wir auf totale Öffnung.

Aus den Untiefen der Nullerjahre

Es waren Details wie diese, die das Landesamt für Denkmalpflege dazu bewogen haben, die gesamte Anlage 2015 unter Denkmalschutz zu stellen. Dass sie dereinst vom berühmten dänischen Architekten Arne Jacobsen konzipiert wurde, mag die Entscheidung begünstigt haben. Dabei sah Jacobsens ursprünglicher Entwurf gar keine Hochhäuser vor, wie dem erhellenden Internetessay „Die Krone der Insel“ zu entnehmen ist. Außer den Balkonlamellen und Jacobsens Meerwasserwellenbad ist heute wenig vom Geist der damaligen Zeit zu spüren. Jacobsens legendäre Sitzmöbel sucht man im IFA Fehmarn Hotel & Ferien-Centrum vergebens; die Einrichtung stammt aus den Untiefen der Nullerjahre.

Wie sieht es mit den anderen Großbauten der frühen siebziger Jahre aus? Sind wenigstens die jetzt Slums? Man könnte viele Tage damit zubringen, sie alle abzuklappern: den Wikingturm in Schleswig (29 Geschosse), die Marina Wendtorf (jetzt Ostseepark Marina Wendtorf), das Ferienzentrum Holm (jetzt Ostseeklinik Holm), den Ferienpark Sierksdorf (früher mit Anschluss zum Legoland, jetzt zum Hansa-Park) oder das Hotel Maritim in Travemünde (noch immer das Hotel Maritim in Travemünde). Wir beschränken uns auf einen Ausflug nach Kiel und Heiligenhafen.

Exkursion ins Jahr 1972

Von Burgtiefe geht es zunächst nach Burg. Fast alle Wege auf Fehmarn führen über seinen schönen alten Hauptort. Auf der Bundesstraße 207 fahren wir wieder über die Fehmarnsundbrücke, die Schleswig-Holsteins einzige Ostseeinsel seit 1963 unverrückbar ans Festland tackert. Das nüchterne Bauwerk ist Teil der sogenannten Vogelfluglinie, der bis heute schnellsten und direktesten Verbindung von Hamburg nach Kopenhagen. In Zukunft soll sie noch schneller und direkter werden – mit der „Festen Fehmarnbeltquerung“, einem Unterwassertunnel von Puttgarden nach Rødby. Bisher können Autos und Eisenbahnen nur auf Fähren nach Lolland gelangen.

Unsere Exkursion führt uns ins Jahr 1972, als in Kiel-Schilksee die olympischen Segelwettbewerbe ausgetragen wurden. Heiter und fröhlich sollten sie sein, diese Olympischen Spiele. Gerade auch architektonisch wollte man die finsteren Nazi-Spiele von 1936 hinter sich lassen. In München gelang dies eindrucksvoll – hier oben im Norden eher nicht, finden wir. Ein grauer, 300 Meter langer Betonriegel mit Apartments dominiert das Olympiazentrum, und auch die beiden Wohntürme lasten schwer. Fernseher flimmern, auf einem Balkon werden Geranien gegossen.

Lichtblick in Heiligenhafen

Da scheint uns der Ferienpark Heiligenhafen auf dem Rückweg ein echter Lichtblick. Zwar ist auch er nicht eben eine Schönheit – die 1700 Ferienwohnungen in den Häusern A bis Q könnten ebenso gut an irgendeinem Stadtrand sein. Doch ist das schlimm? Es kann und will schließlich nicht jeder seinen Urlaub in einem Reetdachhaus mit umlaufendem Garten verbringen – ebenso wenig allerdings auch in jenen muffigen „Fremdenverkehrszimmern mit Dusche“, wie sie bis weit in die sechziger Jahre hier an der Küste gang und gebe waren. Touristisch war das Gebiet damals totales Entwicklungsland. Die Investoren, Architekten und Bürgermeister mussten nur noch zugreifen.

Dabei unterstützte sie der Staat gleich doppelt. Zum einen kam die gesamte Küste zwischen Lübeck und Flensburg in den sechziger Jahren in den Genuss der Zonenrandförderung – üblicherweise versiegte dieses Füllhorn vierzig Kilometer vor der Grenze zur DDR. Zum anderen gewährte der Staat üppige Steuerabschreibungen für jene, die Wohneigentum schufen. „Wer als Höchstbesteuerter 100.000 Mark in eine KG investiert“, rechnete „Der Spiegel“ 1972 vor, „kann bis 1974 94.831 Mark Steuern sparen.“

Zurück nach Fehmarn, zurück in den 14. Stock – und raus auf die eigentliche Insel mit ihren hübschen Alleen und Dörfern. Ganz oben in Puttgarden sehen wir ihn dann, einen achtgeschossigen, völlig aus der Zeit gefallenen Kasten. Völlig allein steht er da, die Seitenfarben verblichen, die meisten Fenster geschlossen. Das Krankenhaus am Rande der Stadt? Die lokale Parteizentrale der Koreanischen Arbeiterpartei?

Es ist das Hotel Dania, und es ist noch immer in Betrieb. Autos fahren vor, Gäste steigen auf Fahrräder. Neuerdings säumen schwarze Phantasiefiguren die Einfahrt, einer Art Pirat ist der Degen abgefallen. Ganz oben (in Zimmer 703) übernachtete Jimi Hendrix, bevor er am 6. September 1970 auf dem Love and Peace Festival auf Fehmarn sein letztes reguläres Konzert spielte.

Der Weg an die schleswig-holsteinische Ostsee

Unterkunft Wie fast alle der erwähnten Anlagen besteht auch das IFA Fehmarn Hotel & Ferien-Centrum hauptsächlich aus Ferienwohnungen (ifa-fehmarn-hotel.com). Das FF&E Hotel Dania besticht durch seine Lage am Fährhafen Puttgarden (ffe-hotels.com).

Weitere Informationen zu Fehmarn unter fehmarn.de.

Radtouren Die Ostseeküste Schleswig-Holsteins lässt sich auch per Fahrrad erkunden. Einen Überblick gibt das „bikeline Radtourenbuch Ostseeküsten-Radweg 1“.

Quelle: F.A.S.
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