Naturschutzgebiet in Utah

Das zweite Sterben der Dinosaurier

Von Kerstin Papon
26.12.2017
, 13:50
Die Staatsstraße 12 führt durch den Nationalpark
Mit seiner Entscheidung, das Naturschutzgebiet Grand Staircase Escalante in Utah drastisch zu verkleinern, bedroht Donald Trump ein einzigartiges Naturerbe im Wilden Westen Amerikas. Besuch in einer märchenhaften Landschaft.
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Man hört nichts. Stille, absolute, fast majestätische Stille, und das am helllichten Tag. Endlose Ruhe, Gelassenheit. Endlich! Plötzlich ist man ganz bei sich. Einen Windhauch später: Bunte Espenblätter flattern leise, die Zweige des Wacholderstrauchs schwanken kaum wahrnehmbar. In dem einsamen, wilden Meer aus Felsen scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Dann durchbricht der Flügelschlag eines Raubvogels die Stille, kurz darauf das laute Keckern eines kleinen Streifenhörnchens, es ist flink und flüchtet. Schließlich doch Zivilisation: Weit oben am Himmel wird das Dröhnen eines Jets immer lauter. Das Flugzeug durchkreuzt das tiefe, klare Blau wie ein Fremdkörper. Das Geräusch ebbt ab, selbst der Kondensstreifen löst sich in dieser Welt schneller auf als anderswo, vielleicht weil die Luft hier so rein ist.

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Dann herrschen wieder Ruhe und Abgeschiedenheit, ringsum nur eine märchenhafte Landschaft aus buntem Fels und Steinen, steile Hänge, flache Stufen, Rillen, Risse und Wellen, kleine Canyons und Labyrinthe, so weit das Auge reicht. Die Schönheit des Grand Staircase Escalante im Westen der Vereinigten Staaten von Amerika ist einzigartig und spektakulär. Dieses Naturwunder ist kaum zu begreifen, wenn man es zum ersten Mal sieht. Die Augen schwelgen in weichen, warmen Farben und Formen, der Stein selbst ist brüchig. Man kann sich nicht sattsehen an dieser phantasievollen Wüstenwelt. Die Farbpalette reicht von Weiß und Grau bis zu Gelb, Orange und Ocker. Ganz hinten leuchtet es Rosa, Rot, Braun und Beige. Immer wieder wird das Felsenmeer von kleinem Nadelgehölz durchbrochen, von widerstandsfähigen Büschen und Gräsern, von genügsamen, robusten Blumen.

Alte Getreidespeicher im „Bears Ears“-Schutzgebiet.
Alte Getreidespeicher im „Bears Ears“-Schutzgebiet. Bild: AP

In Millionen von Jahren ist in den Sedimentgesteinen des Colorado Plateaus eine bizarre Schichtstufenlandschaft entstanden, die ihresgleichen sucht: das große Treppenhaus, The Grand Staircase. Die Stufen reichen vom Grand Canyon in Arizona im Süden bis zum Paunsaugunt-Plateau und den Bryce Canyon im Norden. Einen Teil dieser einmaligen Gegend, das Grand Staircase Escalante im Mormonenstaat Utah, hat Präsident Bill Clinton 1996 zu einem National Monument erklärt. Große Teile dieses Naturjuwels sind trocken, karg und wüstenhaft, doch es gibt immer wieder auch grünere, üppigere Flächen mit Wald oder Farmland.

Es könnte auch um Fracking gehen

Grand Staircase Escalante ist eines von acht National Monuments in Utah und eines von 129 in den Vereinigten Staaten. Sie alle sind wertvolle Naturräume und oder historisch bedeutsame Stätten, die vor bestimmten Arten der Nutzung gesetzlich geschützt sind. Nur die neunundfünfzig amerikanischen Nationalparks genießen einen noch höheren Schutz. Jedes National Monument ist auf seine Weise besonders. Im Fall des Grand Staircase Escalante gilt es, das einzigartige und einmalige erdgeschichtliche Erbe zu bewahren: die Schönheit der Landschaft, aber auch den Reichtum an Fossilien und anderen Schätzen. Die ersten großen Dinosaurierskelette Amerikas wurden nördlich der großen Stufen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entdeckt. Immer wieder tauchen auch heute noch – der permanenten Erosion sei Dank – fossile Knochen der urzeitlichen Riesen auf.

Gelbe Kaninchenbüsche säumen den Weg
Gelbe Kaninchenbüsche säumen den Weg Bild: Kerstin Papon

Doch all dies ist nun in Gefahr. Denn Anfang Dezember verkündete Präsident Donald Trump, zwei National Monuments in Utah – Grand Staircase Escalante und Bears Ears – um insgesamt siebentausendfünfhundert Quadratkilometer zu verkleinern. Es geht um eine Fläche, die dreimal so groß ist wie das Saarland. Nie zuvor hat ein amerikanischer Präsident einen derart drastischen Einschnitt vorgenommen.

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Nach Trumps Plänen soll die Fläche des Grand Staircase Escalante von knapp siebentausend auf viertausend Quadratkilometer fast halbiert und zudem dreigeteilt werden. Vom Bears Ears würden sogar nur fünfzehn Prozent oder achthundert Quadratkilometer übrigbleiben. Einige republikanische Politiker aus Utah hatten sich für diesen Schritt stark gemacht. Das so gewonnene Land soll wirtschaftlich nutzbar gemacht werden. Von Jagen, Fischen, Mountainbiking oder Landwirtschaft ist die Rede. Kritiker vermuten allerdings vielmehr harte wirtschaftliche Interessen der mächtigen Bergbauindustrie und großer Ölkonzerne hinter der Entscheidung. Denn dort, wo es Fossilien gibt, ist der Boden auch reich an Rohstoffen wie Kohle, Öl oder Gas. Unter den malerischen, abgeschiedenen Felsen des Grand Staircase Escalante soll eines der größten Kohlevorkommen des Landes liegen. Auch um Fracking könnte es gehen.

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Darf ein Präsident den Schutz wieder entziehen?

Das Gebiet von Bears Ears ist erst seit einem Jahr geschützt. Barack Obama hatte es zum Ende seiner Amtszeit auf Betreiben von Indianerstämmen wie den Hopi, Navajo, Zuni und Ute – den Namenspatronen des Bundesstaates Utah – zum Naturschutzgebiet erklärt, um die Geschichte und die Traditionen der Ureinwohner Amerikas zu bewahren. Tausende archäologisch wertvoller Schätze wie Felsenbehausungen, Gräber, Wandmalereien und heilige Stätten genossen seither einen Schutz, den sie nun verlieren werden.

Innenminister Ryan Zinke im „Bears Ears“-Schutzgebiet, das für wirtschaftliche Nutzung freigegeben werden soll.
Innenminister Ryan Zinke im „Bears Ears“-Schutzgebiet, das für wirtschaftliche Nutzung freigegeben werden soll. Bild: dpa

Nicht nur Ureinwohner und Naturschützer haben inzwischen Klage gegen Trumps Entscheidung eingereicht. Gegen die Beschneidung von Bears Ears klagt neben den Indianerstämmen, die nun Grabräuber und Vandalismus fürchten, auch ein Hersteller von Outdoor-Bekleidung. Im Fall des Grand Staircase Escalante verweisen Umweltgruppen auf den sofortigen und nachhaltigen Schaden, der den außergewöhnlichen fossilen, geologischen, kulturellen und landschaftlichen Schätzen drohe. In anderen Klageschriften geht es auch um lokal bedrohte Pflanzen und Tierarten. Über die Berechtigung zur Verkleinerung eines National Monuments durch das Dekret eines Präsidenten wird nun heftig gestritten. Der „Antiquities Act“ von 1906 gibt ihm zwar das Recht, Gebiete zu schützen. Bezweifelt wird jedoch, ob es das Gesetz einem Präsidenten auch erlaubt, diesen Schutz wieder zu entziehen.

Es droht mehr Ärger: Trump hatte im Frühjahr seinen Innenminister Ryan Zinke beauftragt, siebenundzwanzig National Monuments zu prüfen. Offenbar rät dieser, weitere Gebiete zu verkleinern. Zudem sorgen Pläne für einen Abbau von Uran in der Nähe des Grand Canyons für Aufruhr. Im Colorado Plateau sollen die größten Uranvorkommen Amerikas liegen, zugleich beziehen Millionen Menschen ihr Trinkwasser aus der Region.

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Die Dinosaurier locken Touristen an

Was der Abbau von Bodenschätzen mit klaffenden Löchern und hohen Schuttbergen oder das schmutzige Fracking, das Fördern von im Gestein gebunden Gas- und Ölvorkommen, anrichten kann, zeigen schon jetzt viele Landstriche in Nordamerika. Landschaft und Natur werden großflächig zerstört, mit gravierenden Folgen für Wasser, Luft und Klima, für Menschen, Tiere und Pflanzen. Wenn erst haushohe, tonnenschwere Kipper, Trucks und Bagger in einer Region umher donnern, Sprengungen die Erde erbeben lassen und laute Maschinen die Nacht taghell erleuchten, dann ist es auch im entlegensten Winkel mit der Schönheit und der Ruhe unwiederbringlich vorbei. Besonders reich an Bodenschätzen sind die Rocky Mountains – nicht nur alte, verlassene Geisterstädte und stillgelegte Minen zeugen davon, sondern auch ein Skiort wie Aspen, der seine Existenz dem Silberbergbau verdankt.

Der Bundesstaat Utah ist seinen Dinosauriern eigentlich tief verbunden, obgleich einige Politiker nun hocherfreut sind. Neben dem Korb fleißiger Bienen als Staatssymbol gibt es seit 1988 auch ein eigenes Staatsfossil: den Allosaurus. Dieser Dinosaurier lebte vor hundertfünfzig Millionen Jahren, soll anderthalb Tonnen gewogen haben und mehr als zehn Meter lang gewesen sein. Wie reich Utahs Boden an solch großen Fossilien ist, zeigt auch das Dinosaur National Monument, das im Norden des Bundesstaats und zu einem guten Teil auch in Colorado liegt. Nach dem Fund Tausender Saurierknochen wurde es vor hundert Jahren von Präsident Woodrow Wilson unter Schutz gestellt.

Auf der Staatsstraße 12 mit ihren zweihundert Kilometern ist die Lebensader des Gebietes.
Auf der Staatsstraße 12 mit ihren zweihundert Kilometern ist die Lebensader des Gebietes. Bild: Kerstin Papon

Die geschützten Räume sind ein hohes Gut und auch wirtschaftlich bedeutsam, denn sie locken Heerscharen von Touristen an. Fast fünfzig Millionen Menschen aus aller Welt haben im vergangenen Jahr allein die zehn beliebtesten, amerikanischen Nationalparks besucht, allen voran die Great Smoky Mountains in den Appalachen und den Grand Canyon. Das in weiten Teilen trockene, karge, felsenreiche Utah ist mit seinen Nationalparks ebenfalls ein wahrer Besuchermagnet, mit seinen „Mighty Five“ – Arches, Bryce Canyon, Canyonlands, Capitol Reef und Zion. Im Grand Staircase Escalante geht es deutlich ruhiger zu, weil die Region so abgeschieden und schwer zugänglich ist wie kaum eine andere in den Vereinigten Staaten, eine stille, ferne Welt und lange Zeit ein weißer Fleck auf der Landkarte.

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Eine der schönsten Landstraßen des Westens

Auch heute ist sie für den Autoverkehr kaum erschlossen. Nur wenige Straßen sind asphaltiert. Steinige und lehmige Pisten wie die Cottonwood Canyon Road, Hell’s Backbone Road oder der Hole in the Rock Trail gelten als wunderschön, sind aber auch heute noch so beschwerlich und bisweilen so gefährlich zu befahren, dass geländegängige Vehikel unentbehrlich sind. Wenn es heftig regnet, geht dort ganz schnell nichts mehr. Denn so trocken der Boden auch ist, die plötzlichen Wassermassen kann er so rasch nicht aufnehmen.

Hoch im Norden des Grand Staircase Escalante liegt die Staatsstraße 12, die wichtigste Lebensader der Region für Touristen und für Anwohner. Im Westen mündet sie in den Highway 89, die zweite bedeutende Straße der Gegend. Die Nummer 12 schlängelt sich auf einer Länge von fast zweihundert Kilometern mal grau, brüchig und in die Jahre gekommen, mal tiefschwarz, glatt und gerade neu asphaltiert durch die Landschaft und schmiegt sich dabei immer wieder geradezu zärtlich an den Fels. Sie gilt als eine der schönsten Landstraßen des Westens und ist deswegen vielbefahren. Am Wegesrand liegen der Bryce Canyon mit seinem Amphitheater voller roter, rosa- und orangefarbener Felsennadeln aus Sandstein und Basalt, den „Hoodoos“, die in Jahrtausenden durch Erosion geformt wurden. Im Osten reicht die Straße bis zum Capitol Reef einer gigantisch gekrümmten Felsfalte.

Wo die Post mit Maultieren kam

Das Örtchen Escalante mit seinen achthundert Einwohnern liegt auf halber Strecke. Bei Ausgrabungen fand man hier Reste der wohl ältesten Wildkartoffel Nordamerikas, die offenbar vor elftausend Jahren von Indianern angebaut wurde. Wie vieles in Utah wirkt auch Escalante etwas verschlafen, eine kleine Ansammlung an Häusern, teils adrett, frisch gestrichen mit schönen Gärten, teils auch in die Jahre gekommen mit schiefen Geländern oder Dächern. Die Straße führt sehr breit mitten durch den Ort. Das Motel links ist belegt, das Neonschild „No vacany“ leuchtet rot. In der Sonne blitzen davor aufgereiht einsame Motorräder. Am Ortsende steht ein Planwagen, mit dem die Siedler sich früher ihren Weg zum Pazifik durch die rauhe Gegend bahnten. Vor allem die Winter waren hart. Sie sind frostig und weiß, denn Escalante liegt auf fast tausendachthundert Metern Höhe.

Eine märchenhafte Landschaft aus buntem Fels und Steinen, steile Hänge, flache Stufen, Rillen, Risse und Wellen
Eine märchenhafte Landschaft aus buntem Fels und Steinen, steile Hänge, flache Stufen, Rillen, Risse und Wellen Bild: Kerstin Papon

In Richtung Capitol Reef wechseln sich nun sattgrüne Grasflächen und steinige, schon verdorrte Passagen ab. Immer wieder ist am Straßenrand Rubber Rabbitbrush zu sehen, der gelb blühende Kaninchenbusch. Die Straße wird kurviger, die Felsen rücken näher. Dann öffnen sich Landschaft und Blick, ein Meer aus Felsen so weit das Auge reicht, eine wahre Pracht an Farben und Formen in einer Welt aus Stein, dazwischen immer wieder Dunkelgrünes, weiter hinten abgestufte, rote Berge und hohe Gipfel. Der dunkle Asphalt durchschneidet den hellen, verwitterten Stein. Das schwarze Band windet sich in die Ebene hinab, verschwindet aus dem Blickfeld, taucht wieder auf, in engen und in weiteren Bögen. Die Steine werden gelb, orange, dann rot, wieder und immer wieder. Schließlich ist Boulder im nördlichen Teil des Grand Staircase Escalante erreicht. Die Straße dorthin wurde erst 1935 gebaut und 1971 asphaltiert. Boulder soll der letzte Ort Amerikas gewesen sein, der seine Post noch mit Maultieren bekam.

In der Abenddämmerung verdunkeln Wolken den Himmel. Meist sind die Nächte hier klar, dann funkeln und glitzern Milliarden von Sternen über der steinernen Welt, ein riesiges Planetarium der Natur mit einem Logenplatz für Sternschnuppen und die Milchstraße. Heute ist es ganz anders, heute ist die Nacht in dieser Einsamkeit nicht nur stiller als anderswo, sondern auch tiefschwarz. Möge es kein Omen sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Papon, Kerstin
Kerstin Papon
Redakteurin in der Wirtschaft.
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