Bildband „Japan 1900“

Fotos, die Sehnsüchte stillen

Von Axel Weidemann
30.08.2021
, 11:16
Eingefärbte Realität:   Diese kolorierte Schwarz-Weiß-Aufnahme  zeigt eine Glühwürmchenfängerin im Kimono und vor künstlichem Hintergrund, fotografiert im Kajima Seibei Studio.
Der Bildband „Japan 1900“ führt ein Jahrhundert zurück und zeigt ein Land, das schon damals längst nicht mehr so war, wie es die kolorierten Bilder präsentieren.
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Von Japan spricht man anders als von, sagen wir, Portugal. Obwohl es uns näher ist und dem Kenner viele exquisite Dinge bietet. Japanbegeisterung ist derzeit nicht nur ein Statussymbol, eine vom Gegenstand losgelöste Chiffre für einen raffinierten, werthaltigen Geschmack. Unter Menschen, die sich als Weltbürger betrachten und gern davon erzählen, ist sie zu einem leicht handhabbaren, intellektuellen Accessoire geworden. Mit dem Faible für Japan schmückt man sich wie einst mit allem, was unter französisches „savoir vivre“ fiel. Wer heute über Japan spricht (Sushi, Manga, Tee, Tokio), hofft häufig insgeheim, dass der Gesprächspartner ihm nicht in diese teure, vermeintlich fremde Nische voller unerhörter Genüsse und Gedanken folgen kann. Man sonnt sich im Glanze Nippons und grüßt den Sushi-Meister nun so enthusiastisch wie einst den Wirt des Nobelitalieners, bei dem man ewig nicht mehr war.

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Die gute Nachricht: Der Taschen-Bildband „Japan 1900“, der zur Eröffnung der Olympischen Spiele Ende Juli erschienen ist, ist zwar stark auf diese Art Japanliebhaber zugeschnitten, bietet aber auch jenen An- und Einsichten, die schon ein wenig hinter die schillernde Fassade der mächtigen Marketing-Ideologie des „Cool Japan“ blicken konnten. Der Band versammelt mehr als 700 „Vintage“-Fotografien auf 536 Seiten. Das abgegriffene Wort „Vintage“ in der Verlagsankündigung meint, dass die Bilder aus der Meiji-Zeit (1869 bis 1912) stammen – vielleicht eine der interessantesten Epochen des Landes, das sich unter dem Meiji-Tenno Mutsohito gen Westen öffnet, um sich – mit all den schrecklichen Folgen – als imperiale Großmacht im internationalen Machtgefüge zu behaupten.

Verweilen und Vergänglichkeit: Teepause und Kirschblütenschau im Nogeyama-Park, Yokohama.
Verweilen und Vergänglichkeit: Teepause und Kirschblütenschau im Nogeyama-Park, Yokohama. Bild: Taschen

Diese Öffnung des wiederhergestellten Kaiserreiches geht mit der Erschließung neuer Schifffahrtsrouten einher und dem, was der Bildband das „goldene Zeitalter des Reisens“ nennt. Das Inselreich ist zu diesem Zeitpunkt binnen weniger Wochen vergleichsweise bequem auf dem Seeweg erreichbar: Die Schiffe der „Pacific Mail Steamship Company“ bringen den Reisenden von San Francisco über Hongkong nach Yokohama, Kobe und Nagasaki. Von Bremerhaven aus braucht ein Schiff des Norddeutschen Lloyds etwa vierzig Tage bis Yokohama. Zuvor war man, wollte man Indien, China oder Japan bereisen, bis zu einem Jahr zu Land und zu Wasser unterwegs.

Ein wenig von diesen weltbewegenden Umbrüchen erfährt man in der Einführung, die sich nicht groß mit den Schwierigkeiten der Transformation aufhält. Sie stammt vom Ko-Autor Sebastian Dobson, der zur Fotografiegeschichte Japans und Ostasiens forscht und zusammen mit der Bildredakteurin und Autorin Sabine Arqué die überwiegend kolorierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen ausgewählt hat. Ergänzt und dekoriert wird die Auswahl durch Details wie Speisekarten, Holzschnitte, Postkarten, Gepäcketiketten oder Kartenmaterial.

Bis heute ein wundervolles Erlebnis: Essen und Trinken im Sommer auf den Holzplattformen über dem Kamogawa-Fluss in Kyoto.
Bis heute ein wundervolles Erlebnis: Essen und Trinken im Sommer auf den Holzplattformen über dem Kamogawa-Fluss in Kyoto. Bild: Taschen

Wirkt der Blick in der Bildauswahl auf den ersten Seiten noch sehr männlich – abgebildet sind prachtvoll kostümierte Frauen, deren eingeöltes Haar schimmert wie Obsidianglas –, öffnet er sich mit Be­ginn der nach Regionen gegliederten Ka­pi­tel in die Natur und das Stadtleben jener Orte, die bereits touristisch erschlossen waren. Männlich bleibt er deshalb, weil die Aufnahmen dieser Zeit (bis auf Ausnahmen wie die Fotografin Ryu Shima) vornehmlich von Männern stammen, die dank des einsetzenden Industrialisierungsschubes und neuer Techniken einträgliche Geschäfte mit dem Medium Fotografie machen. Zu ihnen gehört neben dem ausgewanderten Italiener Felix Beato auch der Japaner Kimbei Kusakabe, der in seinem Fotostudio „K. Kimbei“ auf der Honcho-Dori in Yokohama ein stolzes Angebot an Souvenirfotografien bereithielt. Beato, Kusakabe und auch Kajima Seibei sind Teil jener Schule, die später als Yokohama-Shashin (Yokohama-Fotos) be­zeichnet wird. Kusakabe zeigt in seinen Bildern überwiegend Frauen, die sich vor künstlichem Hintergrund mit Requisiten japanischem Handwerk und landestypischen Bräuchen widmen.

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Wir sehen Glühwürmchenfängerinnen im Kimono und Muschelsucherinnen. Porträts von Frauen sind zu dieser Zeit schlicht ein Renner. Das Problem: „Anständige“ Frauen ließen sich damals selten fotografieren. Einerseits galt es als unschicklich, andererseits war auch in Japan der Aberglaube verbreitet, dass der Akt des Fotografierens der abgelichteten Person einen Teil ihrer Lebenskraft raubt. So muss Kusakabe auf Frauen aus seiner Familie oder solche zurückgreifen, die ohnehin bereits mit ihren körperlichen Reizen ihr Brot verdienten.

So stellte sich der Westen Japan  im späten 19. Jahrhundert vor:  der Godaidō Pavilion auf der  Kieferninsel Matsushima
So stellte sich der Westen Japan im späten 19. Jahrhundert vor: der Godaidō Pavilion auf der Kieferninsel Matsushima Bild: Taschen, aus dem besprochenen Band „Japan 1900“

Das Angebot seines Fotostudios um­fasst Kataloge, aus denen Kunden handkolorierte Fotos auswählen konnten, mit hochwertigen Lackmalereien versehene Fotoalben, Abzüge auf Seidenstoff und Dia-Bilder für die zu dieser Zeit im Westen beliebte Laterna magica. Kusakabe begründete zudem einen Trend, der bis heute sowohl unter einheimischen als auch ausländischen Japanreisenden be­liebt ist: In seinem Studio hielt der Fotograf ganze Schränke voll mit traditioneller Kleidung parat, damit Touristen sich darin von ihm porträtieren lassen konnten.

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Viele Aufnahmen dieser Zeit kaschieren ihre Produktionsumstände kaum. Man sieht ihnen die Inszenierung, ihre Künstlichkeit an. Der Deal ist, dass der Betrachter wohlwollend über diesen Mangel an Authentizität hinwegblickt. Man betrachtet die Bilder ähnlich einer Theateraufführung, die ein aktives Überwinden des Unglaubens an das Dargestellte voraussetzt. Zumindest ließ sich so jenes Idyll herstellen, nach dem sich schon damals so viele Japanreisende verzehrten, das aber ob der Öffnung des Landes und des erstarkenden Faibles seiner Oberschicht für westliche Güter stark zu verwässern drohte. Kusakabes Fotos sollten nicht die Realität abbilden. Sie sollten Erwartungen bestätigen, Sehnsüchte erfüllen. Dafür haben Japaner bis heute ein untrügliches Gespür. Mitunter aber auch ganz einfach deshalb, weil die inländische Tourismusindustrie die gleichen Wünsche in ihnen entfacht.

Formwachstum anstelle von Formschnitt: „Rikushu-no-matsu“, eine Pinie in Form eines Segelbootes im Kinkaku-Tempel.
Formwachstum anstelle von Formschnitt: „Rikushu-no-matsu“, eine Pinie in Form eines Segelbootes im Kinkaku-Tempel. Bild: Taschen, aus dem besprochenen Band „Japan 1900“

Neben dieser Art der Souvenirfotografie findet man prachtvolle Landschaftsfotografien und lebendige Szenen des städtischen Alltags vor. Eine Postkartenaufnahme von der Einkaufsstraße des Motoshikkui-Viertels in Nagasaki um 1915, die von Fahnen, Laternen und Ladenschildern gesäumt ist und von Händlern und Flaneuren beschritten wird. Ein Schwarz-Weiß-Foto von 1880 zeigt eine Mutter mit Kind, die die Bambuswaren eines Küchenutensilienhändlers durchstöbert. Eine weitere Postkarte zeigt Badegäste, die sich das Wasser einer heißen Quelle in Beppu auf den Rücken prasseln lassen. Ein anderes Bild zeigt einen Japaner im Lendenschurz, der einen kleinen schwarzen Beutel mit der Aufschrift „Hi no you jin“ trägt; eine Warnung vor offenem Feuer, die damals, begleitet vom scharfen Schlag zweier Klanghölzer (Hyoushigi), von der Feuerwache auf ihren nächtlichen Kontrollgängen gerufen wurde.

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Neben kurzen Einführungstexten zu den bis heute beliebten Reiseregionen werden immer wieder Exkurse zu Themen wie „Reisanbau“, „Handel und Handwerk“, „Teeanbau“, „Sushi“ und „Geishas“ eingestreut. Statt dieser abgegriffenen und kaum in die Tiefe gehenden Texte hätte man sich als Leser und Betrachter zumindest einen erklärenden Text gewünscht, der veranschaulicht, wie Fotos zu dieser Zeit entstanden und wie sie koloriert worden sind.

Sebastian Dobson, Sabine Arqué: Japan 1900, 536 Seiten, 150 Euro, taschen.com
Sebastian Dobson, Sabine Arqué: Japan 1900, 536 Seiten, 150 Euro, taschen.com Bild: Taschen

Der westliche Blick auf Japan, das liegt in der Natur des Materials, wird hier bestätigt und nicht infrage gestellt. Und das Buch führt vor Augen, was diesen Blick einst geprägt hat. Dafür begeistern kleine, fast anekdotische Details wie das Wort „Entrees“, das auf einer Speisekarte noch mit „L“ geschrieben wird, später hingegen mit korrektem „R“. Oder das Foto des überfüllten Hauswarengeschäfts, dessen Aus­lage bis auf die Straße ragt und von einem kleinen Hocker gestützt werden muss. Freuden ganz anderer Art bereitet die Kolorierung, die vielen Aufnahmen einen überirdischen Glanz, eine zweite Ebene verleiht. So wie bei dem Bild des großen Bronzebuddhas im Nofukuji-Tempel von Kobe. Die Farben – das Blau der Statue, das Gelb der Lotusblätter in dunkelroten Vasen, das helle Rot der Schriftzeichen auf der Steinlaterne – wirken so kräftig und lebendig, als wollten sie in ihrer Unwirklichkeit über die Vergänglichkeit und Täuschungen dieser Welt hinausleuchten. Die Statue wurde 1944 eingeschmolzen, um als Kriegsmaterial zu dienen.

Auf anderen Bildern wirkt es, als blickte dem Betrachter just einer der „acht Milliarden“ (yaoyorozu) Götter entgegen. Die Aufnahme der „Brillenbrücke“ (Entsukyo) in den Gärten von Nishi Otani in Kyoto ist so eines. Das Schönste aber ist – bis auf eine postkartengroße Abbildung „westlicher Ausländer im Badekostüm, um 1900“ – die konstruierte Abwesenheit von Touristen. Die Bilder dieses Japans bieten dem Betrachter vermutlich wesentlich mehr Platz, um sich in den Ort zu versenken, als die jetzige Realität ihrer Entstehungsräume. Es ist, als könne man sich in der Zeit zurückblättern.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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